Iris Hanika: Echos Kammern

Aus dem neu­en Roman von Iris Hanika. Offen­bar hat­ten nicht nur über Ausch­witz alle ihre Kol­le­gen schon ein Buch geschrie­ben, son­dern alle auch schon eins über New York. Als wären das die bei­den Grenz­pfos­ten, zwi­schen denen die deut­sche Befind­lich­keit sich spannt.
Iris Hanika © Villa Massimo / Alberto Novelli

Iris Hanika. Foto: Vil­la Mas­si­mo / Alber­to Novel­li

Aus Gründen der Chro­no­lo­gie fan­gen wir in Man­hat­tan an, und um die Erzäh­lung nicht sinn­los zu zer­fled­dern, son­dern der Bahn der Ereig­nis­se viel­mehr pfeil­ge­ra­de zu fol­gen, geht es erst ein­mal nur um Sopho­nis­be.

Ja, sie trägt einen unge­wöhn­li­chen Namen, aber das ist in die­ser Geschich­te nor­mal; „Rox­a­na“ ist nun auch nicht gera­de geläu­fig. Bis auf den jun­gen Prin­zen tra­gen hier alle unge­wöhn­li­che Namen, und das ist eben­falls nor­mal, denn so ein Prinz hat eine Rei­he fort­zu­set­zen, wäh­rend das gemei­ne Volk sich irgend­et­was aus­den­ken und sich mit jedem Kind neu erfin­den kann. Sopho­nis­be und Rox­a­na indes sind schon älter als die­ses Brauch­tum, in ihrem Alter heißt man nor­ma­ler­wei­se so wie alle. Tat­säch­lich waren es ihre Namen, die sie als ers­tes ver­ban­den, noch bevor sie ent­schie­den hat­ten, ob sie sich überhaupt lei­den kön­nen. (Im übrigen wer­den nicht ihre Namen sie zusammenführen, son­dern allein die Umstän­de: Rox­a­na wird ein Zim­mer zu ver­mie­ten haben und Sopho­nis­be eins mie­ten wol­len.)

Offen­bar hat­ten nicht nur über Ausch­witz alle ihre Kol­le­gen schon ein Buch geschrie­ben, son­dern alle auch schon eins über New York. Als wären das die bei­den Grenz­pfos­ten, zwi­schen denen die deut­sche Befind­lich­keit sich spannt.

In bei­den Fäl­len hat­te es kei­nen beson­de­ren Grund, daß sie so hie­ßen, viel­mehr hat­ten sie halt bei­de Eltern gehabt, die es ihren Kin­dern leicht­ma­chen woll­ten, nicht ver­ges­sen zu wer­den. Sopho­nis­be hieß so nach dem Selbst­por­trät von Sofo­nis­ba Angu­is­so­la aus dem Jahr 1554, das die Künstlerin als Jung­frau im Alter von neun­zehn oder vier­und­zwan­zig Jah­ren anfer­tig­te und das heu­te in Wien im Kunst­his­to­ri­schen Muse­um hängt. Ihren Eltern gefiel die Selbst­ver­ständ­lich­keit, die aus die­sem Bild strahlt, auf dem Sofo­nis­ba Angu­is­so­la sich als eben­so beschei­de­ne wie selbst­be­wuß­te jun­ge Frau prä­sen­tiert. Die durch Grä­zi­sie­rung qua­si ein­ge­deutsch­te Form des Namens ver­dank­te Sopho­nis­be dem Ger­ma­nis­tik­stu­di­um ihres Vaters, der ein­mal ein Semi­nar über Barock­dra­men besuch­te und bei die­ser Gele­gen­heit Kennt­nis von Dani­el Cas­per von Lohen­steins Trau­er­spiel die­ses Titels erlang­te, wäh­rend Rox­a­na ein­fach dar­um so hieß, weil ihre Mut­ter die­sen Namen im Geschichts­un­ter­richt gehört hat­te und er ihr so gut gefiel, daß sie sich vor­nahm, ihre Toch­ter, soll­te sie ein­mal eine haben, so zu nen­nen, und so geschah es. Daß die­ser Name (in leicht abge­wan­del­ter Form, Rox­an­ne) der Titel eines Lie­des der Band „The Poli­ce“ sein würde und just zu jener Zeit popu­lär, als Rox­a­nas Alters­ko­hor­te sich sol­che Musik sehr ger­ne anhör­te, was ihr selbst eini­ge unver­dien­te Popu­la­ri­tät ver­schaff­te, konn­te bei ihrer Geburt natürlich nie­mand ahnen.

Obwohl wir in Man­hat­tan anfan­gen, das an der Ostküste des rie­si­gen Lan­des liegt, an des­sen Westküste Hol­ly­wood sich befin­det, fan­gen wir nicht mit einem Erd­be­ben an und stei­gern dann lang­sam, son­dern nähern uns den Din­gen, die da kom­men sol­len, ganz behag­lich und wer­den den Vul­kan­aus­bruch, soll­te einer statt­fin­den, aus gemes­se­ner Ent­fer­nung betrach­ten. Wir waren näm­lich mit einem Rückflugticket in Ame­ri­ka und sind schon lan­ge wie­der zurück auf unse­rem Kon­ti­nent, dem alten, mit sei­nen Basalt­en. Was wir hier dich­ten, sind kei­ne Ritter‑, Räu­ber- und Gespens­ter­ge­schich­ten, wir wer­den bestimmt kein Sys­tem errich­ten, denn wir wol­len nur die Wör­ter­schich­ten, also so die Zei­len mit zier­li­chen Buch­sta­ben ausfüllen. Et voi­là, that’s it.

Wir gehen gleich in die vol­len, indem wir eine ers­te Pro­be von Sopho­nis­bes Schaf­fen geben. (Wei­te­re wer­den fol­gen.)

AUS SOPHONISBES MANUSKRIPT (REISE)
Bevor ich bin gereist nach New York, ich war in Sor­ge. Weil war das gro­ße Rei­se über Atlan­tik und war das auch lan­ge Rei­se – zehn Wochen ist lang, in die­se Zeit viel kann gesche­hen. Spä­ter ich habe gefun­den in mein Tage­buch ver­schie­de­ne Äuße­run­gen von die­se Sor­ge. Fast jeder Tag ich habe geschrie­ben, daß ich habe Angst vor Rei­se. Eine Woche vor der Ter­min von Abrei­se war gro­ßer Sturm von Schnee in New York. Flug­ha­fen war geschlos­sen und Leu­te sind gefah­ren mit Ski in Stadt, und ich hat­te Hoff­nung, daß Schnee und Sturm wer­den blei­ben bis eine Woche wei­ter, so daß ich wer­de nicht kön­nen fah­ren. So gro­ße Sor­ge ich habe gemacht mir. Aber ist nor­mal viel­leicht in mein Alter.

Eini­ge Tage zuvor von Abrei­se ich habe geschaut in das Fach in mein Schrank, wo es befin­den sich Stadt­plä­ne und Reiseführer, und ich habe gese­hen, daß ich muß nicht kau­fen Stadt­plan, weil habe ich schon fünf und habe ich auch sehr guter Architekturführer, wel­cher ich habe gekauft in Jahr 1988, wenn ich war in Stadt New York drit­te Mal in mein Leben schon. Jetzt die Rei­se ist für – eins zwei drei vier – fünfter Besuch.

Am Mor­gen ich bin gekom­men zu spät zu Flug­ha­fen, weil hat­te gesagt Frau von Hot­line, daß es reicht, wenn man ist dort hal­be Stun­de vor Start. Aber es hat das nicht gereicht. Natürlich ich war dort schon eine Stun­de vor Start, weil bin ich in Sor­ge vor jede Rei­se ganz all­ge­mein und dar­um ich fah­re zu Flug­ha­fen oder Bahn­hof sehr früh immer. In die­ser Fall das war sehr nötig, weil in ande­re Fall sie hät­ten nicht gelas­sen mich in Flug­zeug viel­leicht. Aber sie haben gelas­sen mich. Wenn ich war an Flug­ha­fen, ich hat­te Angst nicht mehr, son­dern ich woll­te machen Rei­se. Dann Flug­zeug ist gestar­tet zwei Stun­den spä­ter, als es war geplant, weil gab es tech­ni­sches Pro­blem. Aber Haupt­sa­che war, daß es ist gestar­tet und daß ich bin geflo­gen an geplan­ter Tag nach New York ohne Zwi­schen­lan­dung, also ohne zu wech­seln Flug­zeug. Sonst das ist not­wen­dig immer, weil in Ber­lin ist es so orga­ni­siert. Ist komi­sche Sache, denn Ber­lin ist Haupt­stadt, aber ist so, von früher noch.

Ankunft in New York war an Flug­ha­fen Newark, wel­cher liegt er in New Jer­sey, auf ande­re Sei­te von Hud­son River. Wir sind gekom­men von Nor­den, von Kana­da, und ich hat­te Sitz­platz an Fens­ter auf lin­ke Sei­te von Flug­zeug, wel­ches ist es geflo­gen in nied­ri­ge Höhe ent­lang an West­sei­te von Insel Man­hat­tan, und wie Insel lag so ruhig in das graue Was­ser und ganz voll mit Häu­ser und in dem Son­nen­schein – das war so fried­li­ches Bild, daß mein Herz sich hat gefüllt mit gro­ßer Freu­de. Man hat gese­hen kei­ne Bewe­gung von Leben unten auf Insel, man hat gese­hen nur die vie­len Häu­ser, wel­che ste­hen sie dicht bei­sam­men. Es war ganz ins­ge­samt von Men­schen gemacht, was man hat gese­hen da unten, doch es lag da, wie wenn es wäre eine Natur­er­schei­nung und unberührt von Men­schen. Auf die­se Wei­se die Insel Man­hat­tan erschien wie gro­ßes Ver­spre­chen mir und wie Ver­lo­ckung, als ob sie würde sagen: komm her zu mir, ich war­te auf dich schon.

Jede Stadt soll­te machen sol­cher Emp­fang! Aber nur sehr weni­ge Städ­te machen das, viel­leicht fast kei­ne Stadt macht das. Es fällt ein mir nur die Stadt Rom, wo es ist auch auf die­se Wei­se; dort auch die gan­ze Stadt liegt unter Flug­zeug, wenn man nähert sich von Nor­den, und man sieht, daß wirk­lich Rom aus­sieht wie auf Stadt­plan. Sonst die Flug­hä­fen lie­gen sehr außer­halb von jewei­li­ge Stadt. Aber hier in New York man bekommt gleich sehr posi­ti­ver Ein­druck, schon bevor das Flug­zeug ist gelan­det (wenn man in Newark ankommt, JFK is ano­ther sto­ry).

WEIL WIR  NOCH EINE GANZE WEILE in New York und bei Sopho­nis­be blei­ben wer­den, müssen wir erläu­tern, wel­che Bewandt­nis es mit ihrer komi­schen Spra­che hat. Auf die war sie total stolz, weil sie dach­te, mehr kön­ne ein Dich­ter nicht schaf­fen, als eine eige­ne Spra­che zu ent­wi­ckeln, also nicht ein­fach nur einen eige­nen Stil, was völ­lig nor­mal ist, das macht ja jeder, son­dern eine eige­ne Spra­che! Der Ham­mer! Ste­fan Geor­ge mag sei­ne eige­ne Schrift­ty­pe ent­wi­ckelt haben, aber was ist das schon gegen eine eige­ne Spra­che!

Die­se Spra­che bezeich­ne­te sie als ihre neue len­ge­vitch – so hört sich das Wort lan­guage an, wenn man es mit star­kem deut­schen Akzent aus­spricht, und so brach­te es der deutsch­ame­ri­ka­ni­sche Publi­zist, Jour­na­list oder was auch immer Kurt M. Stein in Schrift­form, indem er sei­nen im Jahr 1925 ver­öf­fent­lich­ten ers­ten Gedicht­band Die Schöns­te Len­ge­vitch nann­te. (Die dar­in ent­hal­te­nen Gedich­te sind in einem deutsch-eng­li­schen Sprach­ge­misch ver­faßt und waren zuvor wöchent­lich in einer Zei­tung erschie­nen. Die­se Spra­che ist ganz lus­tig, der Inhalt die­ser Gedich­te hin­ge­gen höchst unin­ter­es­sant, denn es geht dar­in nur um die aller­all­täg­lichs­ten All­tags­er­eig­nis­se, und das ohne jeden poe­ti­schen Zuge­winn, denn sie wol­len kein Gran mehr mit­tei­len, als was sie offen­sicht­lich mit­tei­len, und for­mal wird nichts ande­res gebo­ten als sechs­zei­li­ge Gedich­te aus abwech­selnd vier- und drei­he­bi­gen Jam­ben, die dem Reim­sche­ma ababcc fol­gen. Von die­ser Stro­phen­form wird nie abge­wi­chen, das gan­ze Buch haut einem gna­den­los und ohne Unter­laß in die­sem Kawumm auf den Kopf, wes­we­gen es für den halb­wegs sen­si­blen Leser voll­kom­men uner­träg­lich ist. Das nur neben­bei.) Der Titel die­ses Ban­des reg­te Sopho­nis­bes Zeit­ge­nos­sin, die Dich­te­rin Ulja­na Wolf, dazu an, ihrer­seits einem Gedicht­band den Titel Mei­ne schöns­te len­ge­vitch zu geben, und auf die­sem Umweg erfuhr Sopho­nis­be von die­sem Wort. (Dan­ke, Ulja­na!) Wir wer­den gleich noch ihre eige­nen Erläu­te­run­gen dazu hören.

Der Leser wird um Nach­sicht gebe­ten und erfreue sich an den Kost­pro­ben aus ihrem Werk, die ihm nur gebo­ten wer­den, solan­ge unse­re Erzäh­lung von den Ereig­nis­sen in Man­hat­tan han­delt. Spä­ter­hin, wenn wir uns Rox­a­na und Ber­lin zuwen­den, wird die neue len­ge­vitch nicht ein­mal mehr erwähnt wer­den.

Kurz vor der Abrei­se hat­te Sopho­nis­be Feder­i­co Gar­cía Lor­cas Gedicht­band Poe­ta en Nue­va York (Dich­ter in New York) gele­sen, den ihre gro­ße Schwes­ter ihr geschenkt hat­te (mit der Wid­mung: „Dich­te­rin in New York! Eine auf­re­gen­de Zeit und fro­he Weih­nach­ten wünscht Dir Dei­ne Alkes­te“). Zwar befand sich die­ses Buch seit min­des­tens zwan­zig Jah­ren schon in ihrer Biblio­thek, zwar hat­te sie sich durch­aus schon ein­ge­hend mit Lor­ca beschäf­tigt und ein­mal sogar einen sehr schö­nen Essay über Ber­nar­da Albas Haus ver­faßt, aber sie war den­noch froh, daß Alkes­te, die selbst nur Kri­mis und juris­ti­sche Fach­zeit­schrif­ten las, sie an die­se Gedich­te erin­nert hat­te, und ärger­te sich dar­um gar nicht darüber, daß sie ihr, was sonst kei­ner wag­te, ohne Abspra­che ein­fach ein Buch geschenkt hat­te. Denn Sopho­nis­be hat­te sich vor­ge­nom­men, selbst ein Buch über New York zu schrei­ben, worüber sich aller­dings mit nahen­der Abrei­se zuneh­mend Zwei­fel ein­stell­ten. Es wur­de ihr die­ses Vor­ha­ben gera­de­zu unheim­lich, als ihr plötz­lich prak­tisch jeden Tag, so kam es ihr zumin­dest vor, ein deut­sches Buch über New York in die Hän­de fiel. Offen­bar hat­ten nicht nur über Ausch­witz alle ihre Kol­le­gen schon ein Buch geschrie­ben, son­dern alle auch schon eins über New York. Als wären das die bei­den Grenz­pfos­ten, zwi­schen denen die deut­sche Befind­lich­keit sich spannt, als wäre es dies, was ein deut­scher Dich­ter zu leis­ten habe (erst die Arbeit, dann das Vergnügen, erst die Ver­gan­gen­heit, dann die gro­ße Welt).

Aus Iris Hanikas neu­em Roman Echos Kam­mern.
© Dro­schl 2020

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Iris Hanika, gebo­ren 1962 in Würz­burg, lebt als Schrift­stel­le­rin in Ber­lin. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Tan­zen auf Beton (Dro­schl, 2012) und Wie der Müll geord­net wird (Dro­schl, 2015).

Iris Hanika: Echos Kam­mern
Roman. Dro­schl, 2020
240 Sei­ten, € 20

Quel­le: Volltext.net

Online seit: 12. Juni 2020

Zuletzt geän­dert: 13. Juni 2020