„Das Vergessen ist eine Illusion“

Nino Hara­ti­schwi­li im Gespräch mit Insa Wil­ke über ihren Jahr­hun­dert-Roman Das ach­te Leben (Für Bril­ka).

Ein Café im Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel. Nino Hara­ti­schwi­li zün­det sich eine Ziga­ret­te an und lacht laut, als sie erzählt, dass sie neu­lich ihre Geburts­ur­kun­de brauch­te: UdSSR steht da noch drauf, und Lenin wacht über ihren Namen. Das war 1983. Jetzt, ein­und­drei­ßig Jah­re spä­ter, lässt sie unter ande­rem auch die­se Zeit in ihrem Roman wie­der auf­er­ste­hen.

INSA WILKE Sie begin­nen Ihren Roman mit einem Por­trät Geor­gi­ens aus der Per­spek­ti­ve der Erzäh­le­rin Niza, die 1973 in Tbi­lis­si gebo­ren wur­de und in Ber­lin lebt. Wie erin­nern Sie sich an das Geor­gi­en Ihrer eige­nen Kind­heit?

NINO HARATISCHWILI Mein Ver­hält­nis zu die­sem Land hat immer mit Extre­men zu tun. Die Kind­heit in der Sowjet­uni­on war von Ord­nung und kla­ren Struk­tu­ren bestimmt und als Kind­heit per se schön. Im Buch zäh­le ich an einer Stel­le auf, wel­che Din­ge das Geor­gi­en mei­ner Kind­heit für mich ver­kör­pern: von der blau­wei­ßen, drei­ecki­gen Kefir­pa­ckung bis zu den ekli­gen Fisch­kon­ser­ven. Der Bruch geschah dann 1989. Mit Beginn der Pere­stroi­ka ver­bin­de ich mit Geor­gi­en nur noch das Schei­tern von Uto­pien, Cha­os, Infla­ti­on, Macht­kämp­fe. Und eine zutiefst gespal­te­ne Gesell­schaft, die sich bis heu­te, obwohl das Land sich gewan­delt hat, nicht einig wer­den kann, wie sie leben will.

WILKE Sie haben als Teen­ager mit Ihrer Mut­ter zwei Jah­re in Deutsch­land gelebt, bevor Sie mit zwan­zig für Ihr Stu­di­um nach Ham­burg gezo­gen sind. Die­se Abwe­sen­heit wog weni­ger schwer als die his­to­ri­sche Zäsur?

HARATISCHWILI Ich habe das natür­lich erst sehr spät rea­li­siert. 1989 war ich sechs Jah­re alt und erin­ne­re mich, wie ich am Sil­ves­ter­abend das Feu­er­werk sehen will, aber nicht ans Fens­ter darf, weil drau­ßen geschos­sen wird. Ich erin­ne­re mich an die Brot-Schlan­gen, an Essens­ra­tio­nen und die Dun­kel­heit, die Strom­aus­fäl­le. Trotz­dem hat­te ich kein Bewusst­sein für den poli­ti­schen Kon­text und habe mich in der Fami­lie behü­tet gefühlt. Das änder­te sich in der Puber­tät, als ich dar­über nach­dach­te, wo ich eigent­lich lebe.

Die Kind­heit in der Sowjet­uni­on war von Ord­nung und kla­ren Struk­tu­ren bestimmt und als Kind­heit per se schön.

WILKE Sie beschrei­ben die Wen­de-Zeit voll­kom­men anders, als man es vom Wes­ten aus tun wür­de, näm­lich nicht als Befrei­ung. Wann sind Sie damit kon­fron­tiert wor­den, dass zwei völ­lig unter­schied­li­che Geschichts­bil­der exis­tie­ren?

HARATISCHWILI Eigent­lich erst in Ham­burg. Da habe ich rea­li­siert, dass ich die Geschich­te fast nur aus der west­li­chen Per­spek­ti­ve ken­ne. Ich wuss­te über den Natio­nal­so­zia­lis­mus und die DDR viel mehr als über Sta­li­nis­mus, Gro­ßen Ter­ror, Revo­lu­ti­on und Pere­stroi­ka. Ich merk­te: da stimmt was nicht. Mein Wis­sen war auf Wiki­pe­dia-Niveau. Die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven erschie­nen mir natür­lich, aber mei­ne eige­nen Defi­zi­te haben mich scho­ckiert, und dass ich damit nicht allein war: Nicht nur im Wes­ten, auch im Osten ist die Geschich­te der Sowjet­uni­on in der Bevöl­ke­rung über­haupt nicht auf­ge­ar­bei­tet. Vie­le Vor­gän­ge, die jetzt in Geor­gi­en und Russ­land statt­fin­den, habe ich nicht ver­stan­den. Dar­um habe ich ange­fan­gen, mich mit der Geschich­te zu befas­sen, ich woll­te den Ursprung fin­den.

WILKE „Ich will ver­ste­hen“ ist ein roter Faden Ihres Romans. Was haben Sie denn ver­stan­den durch die Arbeit am Roman?

HARATISCHWILI Ich bin nach­sich­ti­ger gewor­den. Die Din­ge brau­chen Zeit. Und gleich­zei­tig bin ich noch unge­dul­di­ger und den­ke: Das kann man alles wis­sen. Der Wil­le zum Wis­sen ist nicht da, und den muss die Gesell­schaft ent­wi­ckeln. Den kann weder ein Poli­ti­ker noch ein His­to­ri­ker vor­ge­ben. Des­we­gen war mir wich­tig, das Buch mit einer lee­ren Sei­te zu been­den. Ich weiß ja auch nicht, wie sich Geschich­te und Leben fort­schrei­ben. Aber mein Bedürf­nis zu ver­ste­hen, habe ich gestillt.

WILKE In Deutsch­land gibt es den Topos vom Schwei­gen in den Fami­li­en. Wur­de in Ihrer Fami­lie erzählt?

HARATISCHWILI Das ist ein sehr geor­gi­sches Phä­no­men: Bei uns wird sehr viel erzählt. Es gehört zur Kul­tur. Wenn man an lan­gen Tafeln zusam­men isst, gibt es einen Tisch­an­füh­rer, der die Toasts aus­spricht und, wenn er gut ist, alle vier­zig Men­schen am Tisch ins Gespräch mit­ein­an­der bringt. Ich habe in sol­chen Situa­tio­nen schon sehr berüh­ren­de und auch scho­ckie­ren­de Geschich­ten gehört. Man ver­schweigt also nichts, aber es wird sehr viel inter­pre­tiert. Jeder erzählt aus sei­ner eige­nen Betrof­fen­heit, dadurch hat­te ich oft das Gefühl, dass ich die Fak­ten schon gefärbt vor­ge­setzt bekom­me. Heu­te gibt es in Tbi­lis­si zum Bei­spiel ein Muse­um der Okku­pa­ti­on. Das stimmt his­to­risch nicht, es ist nur ein Teil der Wahr­heit. An der Ein­glie­de­rung in die Sowjet­uni­on waren geor­gi­sche Bol­sche­wis­ten maß­geb­lich betei­ligt.

WILKE Mit wel­cher Fra­ge hat Ihre Arbeit am Roman ange­fan­gen?

HARATISCHWILI Zuerst habe ich mir ein Buch über die Pere­stroi­ka besorgt. An die­se Zeit kann ich mich noch selbst erin­nern. Aber je wei­ter ich las, des­to weni­ger ver­stand ich. Und so bin ich immer etwas wei­ter in die Zeit zurück­ge­gan­gen, bis ich bei der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on lan­de­te. Da frag­te ich mich: Tu ich’s mir an? Ich hab’s mir ange­tan. Das Fata­le an der west­li­chen Inter­pre­ta­ti­on der Geschich­te ist, anzu­neh­men, dass es eine Zäsur gab 1989. Das stimmt nicht, die Gegen­wart ist die Fort­set­zung der Geschich­te seit der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on.

Nicht nur in der Poli­tik und der Geschich­te wie­der­ho­len sich die Din­ge, son­dern auch im Pri­va­ten, in den Fami­li­en.

WILKE Der Fami­li­en­ro­man eig­net sich beson­ders gut, die­se Kon­ti­nui­tät zu erzäh­len.

HARATISCHWILI Wenn ich ent­lang des Jahr­hun­derts erzäh­le, brau­che ich eine Kon­ti­nui­tät, die gleich­zei­tig Wie­der­ho­lun­gen sicht­bar macht. Auch wenn es ener­vie­rend und anstren­gend ist.

WILKE Die Wie­der­ho­lun­gen fin­den vor allem auf der Figu­ren­e­be­ne statt: Kit­ty und Andro wie­der­ho­len sich in Ele­ne und Miqa, Sta­sia und Chris­ti­ne in Niza und Daria. Ist das nicht etwas sche­ma­tisch?

HARATISCHWILI Ich weiß, dass das nervt. Das ist