Marlene Gölz: Himmelfahrt

Aus dem neu­en Roman

(…) which was truth and which was illu­si­on?
Vir­gi­nia Woolf, A Room of One’s Own

So ein Luft­bal­lon, der im Him­mel ver­schwin­den konn­te, vor sei­nen und mei­nen Augen, wo ich schon das Flie­gen als ein Wun­der, als eine Art Him­mel­fahrt emp­fand, als Beweis dafür, dass oben mehr als unten war und nichts weni­ger als etwas und ja mehr als nein, eine ers­te Meta­phy­sik. Das war das Kind in mir, das nichts ver­stand und über alles staun­te, und wei­ter kam ich eigent­lich nie.
Arnold Stad­ler, Rausch­zeit

1

Rück­bli­ckend ist es, als hät­te alles so kom­men müs­sen. Als wäre zumin­dest die­ses eine Leben vor­ge­zeich­net gewe­sen. Man nennt das Kar­ma, oder?

Hat­te es nicht immer schon einen Knall gehabt, die­ses dicke Mäd­chen, dem jede Strumpf­ho­se zu eng war? Das mit fünf Jah­ren „Über den Wol­ken“ träl­ler­te und sich in dem einen Som­mer Ende der Acht­zi­ger die immer­glei­chen Sze­nen aus Dir­ty Dancing auf Video ansah? Wäh­rend die ande­ren Mäd­chen ins Frei­bad gin­gen und sich von ech­ten Buben ins Was­ser wer­fen lie­ßen, hock­te Mela­nie daheim, mit Limo­na­de und Chips, sang „Hun­gry Eyes“ und war Hals über Kopf ver­liebt in Patrick Sway­ze, über den sie auch spä­ter nichts kom­men ließ. Dass er doch kei­ne so gute Par­tie gewe­sen wäre, däm­mer­te Mela­nie erst vor ein paar Jah­ren, als Sway­ze an Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs starb. Da hat­te sie aber selbst nicht mehr lan­ge zu leben.

Am Tag von Mela­nies Beer­di­gung war es sehr heiß. Die Buben woll­ten ins Frei­bad gehen und Caro ver­such­te erst gar nicht, sie zum Mit­kom­men auf den Fried­hof zu über­re­den. Als alles gepackt war und sie mit ihrer Mut­ter end­lich los­fuh­ren, ver­sperr­te Caro die Haus­tür, ging in die Küche und goss sich den Rest Fil­ter­kaf­fe vom Früh­stück in die Kera­mik­tas­se. Wie jeden Mor­gen trank Caro ihren Kaf­fee im Ste­hen. Sie über­flog die Fern­seh­zeit­schrift, die auf der Arbeits­flä­che lag, nahm den letz­ten lau­war­men Schluck und ging hin­auf in den ers­ten Stock, wo sich ihr Jugend­zim­mer befand.

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Es war nur noch an weni­gen Tagen im Jahr bewohnt und hat­te nach und nach den Cha­rak­ter eines Abstell­raums ange­nom­men. Mit ver­schränk­ten Armen blick­te sich Caro um. In einer Ecke sta­pel­ten sich Bana­nen­schach­teln, oben­auf ein ver­gilb­ter Lam­pen­schirm, den nie­mand mehr je benut­zen wür­de. Tote Flie­gen auf der Fens­ter­bank. Und obwohl sie erst am Vor­abend ange­kom­men waren, hat­ten ihre bei­den Kin­der schon alle Kis­ten umge­kippt und das alte Spiel­zeug im Zim­mer ver­streut. Caro wuss­te nicht, was sie tun soll­te, jeder Hand­griff wäre banal gewe­sen. Sie hät­te auf­räu­men kön­nen oder ihre E‑Mails che­cken. Aber sie tat nichts der­glei­chen. Jeder Gegen­stand, ihr Kör­per, ihre Bewe­gun­gen – es war ihr, als hät­te sie nichts damit zu tun. Von drau­ßen hör­te sie den Hahn der Nach­barn krä­hen. Umzie­hen, sie muss­te sich umzie­hen.

Caro nahm ihr lan­ges schwar­zes Som­mer­kleid aus dem Schrank und las den mit rotem Lack quer über die Türen auf­ge­pin­sel­ten Schrift­zug Man zieht sich an, um irgend­wann ganz nackt zu sein. Sie senk­te den Kopf und griff sich an die Stirn, die Erin­ne­run­gen an ihre Jugend beschäm­ten sie immer noch. Weil Caros Vater damals unge­fragt einen Schrank in Bir­ken­fur­nier um 890 Schil­ling für sie gekauft und ihre Freun­din Mela­nie beim Betre­ten von Caros Zim­mer „Gott, ist der häss­lich!“ geru­fen hat­te, hat­ten die Mäd­chen beschlos­sen, den Schrank zu bema­len. Mela­nie – gera­de am Beginn ihrer unglück­li­chen Lehr­lings­lauf­bahn als Fri­seu­rin im ört­li­chen „Salon Ulli“ – war schon immer die Mode­be­wuss­te­re von bei­den und hat­te sofort die­ses Vivi­en­ne-West­wood-Zitat parat. Das sie, wie alles von West­wood, extrem cool fand und doch per­fekt auf einen Klei­der­schrank pas­sen wür­de: Man zieht sich an, um irgend­wann ganz nackt zu sein. Dar­un­ter hat­ten sie Hun­gry Eyes und Sum­mer of Love. 1994. geschrie­ben. Sum­mer of Love, mei­ne Güte. Was hat Vivi­en­ne West­wood denn mit die­ser Schnul­ze und dem Sum­mer of Love zu tun? Wie bescheu­ert, mur­mel­te Caro, die sich ihrer häu­fi­ger wer­den­den Selbst­ge­sprä­che nicht bewusst war.

Im Nach­hin­ein könn­te man sagen: post­mo­dern, voll am Puls der Zeit. Aber was wuss­ten sie damals schon, 1994? In dem Jahr hat­te Caro zum ers­ten Mal Sex, ihre Kat­ze war gestor­ben und Kurt Cobain hat sich erschos­sen, genau an Caros Geburts­tag. Zu ihrer Gara­gen-Par­ty kamen ein paar von der Schu­le mit schwar­zer Trau­er­bin­de um den Arm und Mela­nie lach­te sie aus. Trotz­dem schwor sie an dem Abend, ihren Sohn, soll­te sie je einen haben, Kurt zu nen­nen. Aber Mela­nie hat nie Kin­der bekom­men.

Nach dem Tod von Kurt Cobain saßen noch mehr Jugend­li­che mit fet­ti­gen, halb­lan­gen Haa­ren, Karo-Hem­den und Chucks auf den Gra­nit­blö­cken, schau­ten den match­box­gro­ßen Autos im Tal hin­ter­her, tran­ken Bier und rauch­ten Thu­jen. Dabei spiel­ten sie, auch wenn das nie jemand aus­ge­spro­chen hät­te, sie wären in einer Vor­stadt von Lon­don, New York oder Seat­tle. Der Cobain-Style war der Dorf­ju­gend sehr ent­ge­gen­ge­kom­men. Den Buben, weil sie nichts falsch machen konn­ten, und den Mäd­chen, weil sie ihren weib­li­chen For­men noch miss­trau­ten. Finan­zi­ell gese- hen waren sogar die Eltern glück­lich mit dem Out­fit. Nur Mela­nie, die auch optisch ihren Acht­zi­ger-Jah­re-Fim­mel nie wirk­lich abge­legt hat­te, fiel aus der Rei­he. Sie tat nicht nur so, als wäre sie woan­ders, sie war woan­ders. Sie hat­te Ahnung vom rich­ti­gen Leben, und das rich­ti­ge Leben, es spiel­te im Film.

Caro zog sich ihr Kleid an und frag­te sich, wie irgend­wann dann alles so anders, so uncool kom­men konn­te. Sie ging ins Bade­zim­mer, dreh­te ihre Haa­re zu einem Kno­ten und trug getön­te Tages­creme und Lip­pen­stift auf, die Son­nen­bril­le soll­te den Rest erle­di­gen. Um das klei­ne Loch am Aus­schnitt des Klei­des zu ver­de­cken, woll­te sie eine Bro­sche ihrer Mut­ter tra­gen. Dar­über hat­te sich Caro letz­te Nacht Gedan­ken gemacht: über das Loch in ihrem Kleid und wie man es kaschie­ren konn­te. Sie ging ins ver­dun­kel­te Eltern­schlaf­zim­mer, hol­te die Schmuck­scha­tul­le aus dem Nacht­käst­chen und steck­te die sil­ber­ne Bro­sche mit dem kel­ti­schen Orna­ment an. Der Radio­we­cker zeig­te 9:38. Gleich wür­de Sara kom­men, um sie abzu­ho­len.

Mela­nies Ver­wand­te stan­den vor der Kir­che, dane­ben der Lei­chen­wa­gen. Ein hel­ler Holz­sarg – Bir­ken­fur­nier? – wur­de soeben in die Kir­che gebracht. Natür­lich einen der bil­ligs­ten, dach­te Caro, und dass man ihn hät­te voll­schmie­ren müs­sen, mit irgend­wann … ganz nackt … Doch Mela­nies Mut­ter hat­te dafür gesorgt, das Begräb­nis allein, ohne Betei­li­gung der Freun­de zu orga­ni­sie­ren. Caro kon­do­lier­te ihr und den Geschwis­tern, Nef­fen und Nich­ten. Wie auf­ge­fä­delt stan­den sie da mit ihren blas­sen Gesich­tern, den röt­li­chen Haa­ren und dunk­len Augen, Augen wie Knöp­fe. Bet­ty, Mela­nies jüngs­te Schwes­ter, wein­te und fiel Caro als ein­zi­ge um den Hals. Die ande­ren waren nicht gut auf Caro zu spre­chen. Aber es wäre zu umständ­lich, zu schil­dern, war­um das so war.

Sara und Caro setz­ten sich in eine der hin­te­ren Rei­hen. Vor ihnen ein paar älte­re Leu­te aus dem Dorf, ehe­ma­li­ge Schul­kol­le­gen und die weni­gen Freun­de, die hier­ge­blie­ben waren. Im Sei­ten­schiff zwei die­ser Bart­trä­ger mit Dutt, die Caro noch nie gese­hen hat­te. Bestimmt Mela­nies Kun­den. Ver­stoh­len dreh­te sich Caro um, Rudi saß hin­ter ihr. Sie kann­te ihn nur von Fotos, die Mela­nie ihr gezeigt hat­te, wuss­te aber eini­ges über ihn. Dass er auf der Bezirks­haupt­mann­schaft arbei­te­te und neben­be­ruf­lich als Energe­ti­ker. Er trug einen grau­en Anzug und war über­haupt ganz grau, auch im Gesicht. Viel­leicht wegen dem Drei­ta­ge­bart. Ver­we­gen, hät­te Mela­nie gesagt. Und Caro hät­te sich geär­gert über Mela­nies Dumm­heit. Rudi war einer ihrer Fehl­grif­fe gewe­sen.

Aus den Boxen erklang „Ave Maria“.

„Das kann schon was, das ‚Ave Maria‘ “, flüs­ter­te sie Sara zu, und dann dach­te Caro dar­an, dass sie zum Glück kei­ne Wim­pern­tu­sche auf­ge­tra­gen hat­te, und begann zu wei­nen. Um sich wie­der ein­zu­krie­gen, kram­te sie in ihrer Hand­ta­sche nach dem stumm­ge­schal­te­ten Han­dy. Ihre Kin­der, mit ihrer Mut­ter im Frei­bad, hof­fent­lich war alles in Ord­nung. Auf dem rech­ten Sei­ten­al­tar, nicht weit weg, eine Sta­tue des ein­zi­gen Hei­li­gen, den Caro kann­te, der Hl. Flo­ri­an mit dem Was­ser­kü­bel in der Hand. Nur kraft sei­ner Gebe­te konn­te er Feu­er löschen, hieß es. Mela­nie hat­te doch auch geglaubt. Nicht an Gott, aber an alles Mög­li­che. An die Lie­be etwa. Sie hat­te immer irgend­je­man­den innig geliebt. Oft jah­re­lang, ohne dass etwas pas­siert wäre. Sogar ein Hexen­koch­buch für Lie­bes­zau­ber hat­te sie sich gekauft, Feu­er sprü­he – Kes­sel glü­he, wobei die Rezep­te für Sup­pen und Tink­tu­ren nicht ein­fach her­zu­stel­len waren. Man brauch­te dafür Fle­der­maus­flü­gel, Flie­gen­pil­ze, Ein­horn­haa­re, Hüh­ner­kral­len … und vie­le Voll­mond­näch­te. Ein­mal hat­te Mela­nie Caro gefragt: „Meinst du, der Zau­ber funk­tio­niert statt mit einer Hüh­ner­kral­le auch mit einer Vogel­kral­le? Im Gar­ten liegt ein toter Vogel.“ Caro hat­te frü­her immer gedacht, das wäre alles ein Schmäh, ein Rie­sen­spaß. Dass Mela­nie wirk­lich dar­an geglaubt hat­te, däm­mer­te ihr erst nach und nach. Und auch, dass sie längst nicht mehr wuss­te, was Mela­nie eigent­lich so alles getrie­ben hat­te.

Es wur­den kei­ne Wit­ze erzählt bei die­sem Begräb­nis. Kei­ner sag­te etwas, als sie hin­ter dem Sarg her zum Fried­hof gin­gen, nie­mand tuschel­te. Tom hat­te sich dem Trau­er­zug ange­schlos­sen. Die Ärmel sei­nes Sak­kos waren zu kurz. „Ich konn­te nicht frü­her“, flüs­ter­te er Caro zu, ein Alpa­ka sei ihm aus­ge­kom­men, jemand habe den Wei­de­zaun offen ste­hen las­sen. Schwei­gend gin­gen sie neben­ein­an­der her. Caro trat als eine der Letz­ten ans Grab, warf eine Rose und das rote Päck­chen Pari­si­en­ne, das sie am Haupt­bahn­hof gekauft hat­te, hin­ter­her und dach­te: Wie schnell und lieb­los es da run­ter­fällt. Alles stand still und die Son­ne brann­te her­un­ter. Auf dem Weg zum Gast­haus, in dem die Zeh­rung statt­fand, spür­te Caro ihr Han­dy vibrie­ren. Ihre Mut­ter. Sie war auf­ge­regt und sag­te, dass Karo­lin, wie sie sie nann­te und wie sie laut Tauf­schein eigent­lich hieß, schnell kom­men müs­se. Pau­sen­los ent­schul­dig­te sie sich.

„Was ist denn pas­siert? Sag doch ein­fach, was pas­siert ist!“, rief Caro, die ste­hen blieb und Blick­kon­takt zu Sara such­te. Vin­cent sei im Baby­be­cken aus­ge­rutscht, sag­te ihre Mut­ter, und dass er zum Arzt müs­se, er habe sich das Kinn auf­ge­schla­gen – „nicht schlimm, aber schon viel Blut“.

Caro lieh sich Saras Auto und fuhr zum Frei­bad. Ihre Mut­ter saß mit Vin­cent auf der Bank neben dem Ein­gang, er hat­te ein blut­ver­schmier­tes, nas­ses Hand­tuch auf dem Kinn, rief „Mama!“, als er Caro sah, streck­te sei­ne Arme, die noch in den Schwimm­flü­geln steck­ten, nach ihr aus und wein­te. Caro hob ihn zu sich hoch, küss­te vor­sich­tig sei­ne Wan­ge und strei­chel­te ihm über die hel­len Haa­re. Wäh­rend Vin­cents Wun­de am Kinn geklebt wur­de, roll­ten Trä­nen über Caros Wan­gen.

„Aber es ist doch gar nicht schlimm“, trös­te­te sie der Arzt und deu­te­te auf eine Packung Kleenex.

Zu Hau­se leg­te Caro Vin­cent auf das Sofa, brach­te ihm sein Kuschel­schaf und deck­te ihn zu. Noch wäh­rend sie ihm eines ihrer alten Kin­der­bü­cher vor­las, schlief er ein.

Caros Mut­ter, die mit dem Älte­ren im Bad geblie­ben war, hat­te schon mehr­mals ver­sucht anzu­ru­fen. Nach­dem Caro ihr mit­teil­te, dass alles in Ord­nung war, such­te sie unter ihren Tele­fon­kon­tak­ten nach Mela­nie. Mela­nie Blum, ihr Name und ihre Num­mer exis­tier­ten noch, Mela­nie selbst war ein­fach weg. Ihr Pro­fil­bild: eine Was­ser­me­lo­ne, das letz­te Gemäl­de von Fri­da Kahlo. Und unter Info: Viva la Vida! Wie­der ein­mal scroll­te Caro durch ihre letz­ten Nach­rich­ten, an einer blieb sie hän­gen.

„Bei­der­seits Anti­pa­thie auf den ers­ten Blick. Und: Ganz dicht ist der nicht ;)“

Das war noch gar nicht so lan­ge her, nach­dem sich Mela­nie mit Patrick, einem Bekann­ten von Caro, getrof­fen hat­te. Caro hat­te das Date arran­giert. Danach waren bei­de völ­lig ent­setzt gewe­sen, wie Caro auf die Idee hat­te kom­men kön­nen, sie wür­den even­tu­ell zusam­men­pas­sen.

„Was hältst du eigent­lich von mir?“, hat­te Mela­nie sie gefragt. „So ein Affe. Mit sei­nem getrimm­ten Bärt­chen, und sein T‑Shirt – die Ärmel so kurz, nur damit man sein Tat­too sehen kann. Außer­dem hat er mich nicht mal ein­ge­la­den, der hat mich alles sel­ber zah­len las­sen. Er mag sich ja mit Fil­men aus­ken­nen, aber mit Frau­en kennt der sich nicht aus. Kein Wun­der, dass er kei­ne abkriegt. Film­aus­stat­ter, irgend­wie schwul.“

„Du woll­test doch mal zum Film. Die brau­chen immer wie­der eine Visa­gis­tin, der wär ein guter Kon­takt. Also ich find ihn nett.“

„Nett! Ich brauch einen Mann, ver­stehst du? Wir reden da nicht über irgend­ei­nen Job. Außer­dem: Bist du sicher, dass der nicht schwul ist? Weißt du, was er mir vol­ler Stolz erzählt hat? Dass er gera­de den klei­nen Waf­fen­schein gemacht hat. Den klei­nen Waf­fen­schein!“

Dann hat­te sie hys­te­risch gelacht, und als Caro sag­te, dass Mela­nie doch schon immer einen Patrick haben woll­te und man ab einem gewis­sen Alter eben Abstri­che machen müs­se, Patrick Sway­ze sei nun mal tot, hat­te Mela­nie ver­ächt­lich gesagt: „Abstri­che? Meinst du das ernst? Nein, oder?“

Im Eltern­haus war es unge­wöhn­lich still. Caro bewach­te den Schlaf ihres Soh­nes, dann und wann folg­te ihr Blick den tan­zen­den Farb­fle­cken an der Wand, die ein am Fens­ter bau­meln­der geschlif­fe­ner Glas­trop­fen warf. Das Früh­stücks­ge­schirr stand noch auf dem Tisch, sie wür­de es spä­ter weg­räu­men. Als ein Wagen vor dem Haus hielt, lief Caro zur Tür, um zu ver­mei­den, dass jemand klin­gel­te. Nie­mand soll­te Vin­cent wecken. Bevor Caro öff­ne­te, betrach­te­te sie sich im Gar­de­ro­ben­spie­gel und erschrak. An ihrem Hals kleb­te noch ein­ge­trock­ne­tes Blut. Sie warf sich das creme­far­be­ne Sei­den­tuch um, das in der Kir­che ihre Schul­tern bedeckt hat­te.

Sara war gekom­men, um ihr Auto abzu­ho­len, Tom hat­te sie her­ge­fah­ren. „Alles okay?“, frag­te er durch das offe­ne Fens­ter, den Ell­bo­gen etwas zu läs­sig abge­win­kelt, und war es die Fra­ge oder sein Blick, die­ses „Alles okay?“ trieb Caro die Trä­nen in die Augen. Sie nick­te.

„Wir sehen uns. Ihr seid eh län­ger hier, oder?“, sag­te er, hob die Hand und setz­te zurück, ohne eine Ant­wort abzu­war­ten. Er hat­te noch nie Zeit gehabt, das war so sei­ne Art. Auch Sara schien es eilig zu haben, nur gekom­men, um ihr Auto zu holen. Hek­tisch erkun­dig­te sie sich, wie es Vin­cent gehe, und erzähl­te, dass das Rind­fleisch und der Sem­mel­kren im Gast­haus gut geschmeckt hät­ten, wer an ihrem Tisch geses­sen war und dass sich Mela­nies Mut­ter „unmög­lich“ ver­hal­ten habe. Und mit der auf­ge­reg­ten Wich­tig­keit einer rot­wan­gi­gen Per­son, die ger­ne alles im Griff hat, füg­te Sara hin­zu, dass sie sich unbe­dingt bald tref­fen müss­ten. „Wenn es etwas ruhi­ger ist. Ich mei­ne, das kann ja nicht alles gewe­sen sein, die Blum hat das total aus­ge­bremst. Noch nicht mal eine Für­bit­te durf­te ich lesen. Was man alles hät­te machen kön­nen! Luft­bal­lons stei- gen las­sen und, bit­te, um Him­mels wil­len, ande­re Musik. ‚Ima­gi­ne‘ mei­net­we­gen oder ‚Hal­le­lu­jah‘. Aber nein. Nicht erwünscht.“

Wie­der begann Sara zu wei­nen und man wuss­te nicht, ob aus Wut, gekränk­ter Eitel­keit oder Trau­rig­keit. Alles hät­te sie gemacht, um ein in ihren Augen wür­di­ges Begräb­nis abzu­wi­ckeln. Sie konn­te das, immer­hin war sie die Toch­ter eines Bestat­ters. Zudem wäre ein wenig Tam­tam abso­lut in Mela­nies Sinn gewe­sen, wie sie mein­te. Aber Caro woll­te nicht an Luft­bal­lons, Leo­nard Cohen und ange­hef­te­te Wün­sche ans Uni­ver­sum den­ken, übrig geblie­ben wäre ohne­hin nur run­ze­li­ger Kunst­stoff auf irgend­ei­ner Wie­se. Und sie woll­te nicht ein­stim­men in die Begräb­nis-Lita­nei, die sie in ihren Augen bereits durch­hat­ten. Sie woll­te ein­fach nur wis­sen, was pas­siert war.

„War von euch schon jemand in Mela­nies Woh­nung?“, frag­te Caro. „Tom bestimmt, oder?“

„Ich weiß nicht, wir haben uns nur ganz kurz unter­hal­ten. Wie lan­ge seid ihr eigent­lich hier?“

Etwas abwe­send beob­ach­te­te Caro den alten Opel, der lang­sam in die Ein­fahrt bog. Ihre Mut­ter.

„Ich weiß noch nicht.“ So genau hat­te sich Caro das noch nicht über­legt, die Din­ge waren schwer zu pla­nen in jenen Tagen. „Aber bis Him­mel­fahrt bestimmt.“

„Hal­lo, Mama. Es war so cool!“ Jakob hüpf­te aus dem Auto, sei­ne Augen vom Chlor­was­ser gerö­tet, die noch feuch­ten Haa­re stan­den in alle Rich­tun­gen. Vom Ein-Meter-Brett sei er gesprun­gen und bis zum Boden getaucht. Und obwohl sich Caro über ihr unge­stü­mes Kind freu­te und es kurz anlä­chel­te, muss­te sie sich weg­dre­hen, damit es nicht bemerk­te, was sie eigent­lich dach­te. Dass der Bub mit sei­nen fünf Jah­ren in ihren Augen noch viel zu jung war für das Ein-Meter-Brett und dass ihm hof­fent­lich nie im Leben etwas pas­sie­ren wür­de.

Mit je einer Bade­ta­sche links und rechts und einem Schwimm­rei­fen um die Schul­ter kam Caros Mut­ter aus der Gara­ge, sie sah geschafft aus.

„Wie geht’s ihm denn?“, frag­te sie. „Das war ein Schreck.“

„Komm, gib her“, sag­te Caro for­scher als beab­sich­tigt und nahm ihr die Taschen ab. „Alles okay, er schläft jetzt unten, auf dem Sofa“, und zu Jakob: „Sei lei­se, wenn du rein­gehst, ja?“

Noch ein­mal schil­der­te ihre Mut­ter den Unfall, der an Jakob fast unbe­merkt vor­über­ge­gan­gen war.

„Du kannst doch nichts dafür“, sag­te Caro, die selbst ein schlech­tes Gewis­sen hat­te. Viel­leicht mute­te sie ihrer Mut­ter schon jetzt zu viel zu.

Saras Han­dy klin­gel­te. „Ja, ich komm schon, zehn Minu­ten. Bin gleich da, mein Schatz.“ … „Ich stör euch auch nicht län­ger, Ele­na war­tet auf mich. Ich ruf dich an!“

„Dan­ke noch mal für alles. Komm die Tage mal vor­bei, ja? Und nimm Ele­na mit.“ Dann hät­ten ihre Buben jeman­den zum Spie­len.

Als Sara weg war, räum­te sie die Taschen aus und warf die nas­sen Bade­sa­chen über die aus­geb­li­che­ne Wäsche­lei­ne, die zwi­schen ros­ti­gen Stan­gen gespannt war. Seit Caro den­ken konn­te, war der Lack abge­blät­tert, im Herbst füg­ten sich die Stan­gen in die Land­schaft, als schäm­ten sie sich und woll­ten sich tar­nen. Aber noch war nicht Herbst, es war Ende Juni. Ein paar Wochen hat­ten sie noch. Und ein paar Wochen, ohne Auf­trag, waren eine ver­dammt lan­ge Zeit. […]

© 2025, Sep­ti­me Ver­lag, Wien

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Mar­le­ne Gölz: Him­mel­fahrt
Roman. Sep­ti­me, Wien 2025.

Online seit: 23. Sep­tem­ber 2025

Zuletzt geän­dert: 25. Sep. 2025