Denken, auf den Nullpunkt gekühlt

Heinz Hel­le ist mit sei­nen bis­lang zwei Roma­nen zu einem der inter­es­san­tes­ten deutsch­spra­chi­gen Autoren avan­ciert. In sei­nem neu­en Roman ent­wirft er ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio mit­ten in Euro­pa. Von Chris­toph Schrö­der

Die Tür zum Hei­zungs­raum der ver­las­se­nen Berg­sta­ti­on ist ver­ram­melt, aber was wäre frus­trie­ren­der: Eine Tür nicht auf- oder die kom­pli­zier­te tech­ni­sche Anla­ge dahin­ter nicht in Gang zu bekom­men? Es bleibt also kalt dort oben, es ist Win­ter, es wird Nacht. „Der lee­re Spei­se­saal. Die wei­ßen Hän­ge im Mond­licht vor den Pan­ora­ma­fens­tern. Ihre Schön­heit. Unser Hass auf sie und ihre Schön­heit, weil wir plötz­lich nichts ande­res emp­fin­den konn­ten als eine phy­si­sche Angst vor dem Tod. Also tanz­ten wir. Fünf Män­ner tanz­ten.“

Heinz Hel­le ist einer der inter­es­san­tes­ten Autoren, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Büh­ne der deutsch­spra­chi­gen Gegen­warts­li­te­ra­tur betre­ten haben: In sei­nem Debüt­ro­man mit dem for­mi­da­blen Titel Der beru­hi­gen­de Klang von explo­die­ren­dem Kero­sin reist ein Phi­lo­so­phie-Stu­dent nach New York, um einen Vor­trag über das Bewusst­sein aus­zu­ar­bei­ten. Sei­ne Freun­din kommt zwi­schen­durch ein­mal zu Besuch; am Anfang, in der Mit­te und am Ende geht es um Fuß­ball. Das ist alles. Und selbst­ver­ständ­lich auch nicht.

Der beru­hi­gen­de Klang von explo­die­ren­dem Kero­sin ist ein auf Eis geleg­ter Mon­sieur Tes­te des 21. Jahr­hun­derts; ein Stück Roman gewor­de­ner Kon­struk­ti­vis­mus. Das Ich, das hier spricht, ist kein empa­thie­fä­hi­ges Indi­vi­du­um und kein anschluss- und kom­mu­ni­ka­ti­ons­wil­li­ges Sub­jekt im Sin­ne eines klas­si­schen psy­cho­lo­gi­schen Ver­ständ­nis­ses, son­dern viel­mehr, im Luhmann’schen Sinn, ein psy­chi­sches Sys­tem, bei dem es hin und wie­der zu Kop­pe­lun­gen mit ande­ren Sys­te­men kommt.

Da ist also ein Ich, das sich selbst beim Den­ken zuschaut. Und sich dabei wie­der­um zuschaut. Und sich dabei … und­so­wei­ter. Das ist ein radi­ka­ler lite­ra­ri­scher Ansatz – ein Roman, dem etwas Ent­schei­den­des abhan­den gekom­men ist: „Mein Pro­blem ist, ich lie­be eine Frau, aber ich glau­be, ich wer­de irgend­wann auf­hö­ren, sie zu lie­ben, und ich leh­ne eine Welt ab, in der das mög­lich ist. Mein Pro­blem ist, ich bin Phi­lo­soph, und ich beschäf­ti­ge mich mit Bewusst­sein, also mit dem, was man frü­her See­le genannt hat.“

Nach dem Aus­flug die Apo­ka­lyp­se

Hel­les neu­er — sein zwei­ter — Roman ist ein Buch in 69 Ein­zel­bil­dern, in star­ken, ein­drück­li­chen kur­zen Sze­nen, von denen eini­ge sich nach der Lek­tü­re ein­ge­brannt haben wer­den, weil sie so ver­stö­rend sind, so grau­sam und kalt. Oder eben auch: so schön. Der Roman, dem man eine Nomi­nie­rung nicht nur für die Long‑, son­dern auch für die Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses unbe­dingt gewünscht hät­te, ist im Stoff zupa­cken­der, kon­kre­ter, aber in sei­nen Denk­bil­dern nicht weni­ger pro­gres­siv.

Fünf Män­ner, ver­mut­lich alle­samt Mit­te 30, bre­chen auf zu einem Wochen­end­aus­flug in die baye­ri­schen Alpen, irgend­wo an der Gren­ze zu Tirol. Sie sind alte Freun­de, immer wie­der schie­ßen Erin­ne­run­gen an gemein­sa­me Jugend­er­leb­nis­se an die Ober­flä­che. Beruf­lich sind sie gefes­tigt, Pilo­ten, Archi­tek­ten, Ver­si­che­rungs­mak­ler oder Bio­lo­gen.

Da oben ver­brin­gen sie die Tage in einer Hüt­te, trin­ken Bier, spie­len alber­ne Spie­le. Als Gol­de, Fürst, Dry­gal­ski, Gru­ber (so hei­ßen sie) und der Ich-Erzäh­ler am Mor­gen vor die Hüt­te tre­ten, sehen sie dich­ten Rauch über dem Tal. Unten ange­kom­men, tref­fen sie auf ein ver­heer­tes Sze­na­rio: Etwas ist gesche­hen. Die Welt hat sich ver­än­dert, die Dör­fer und Men­schen sind ver­brannt; über­all sto­ßen die fünf Män­ner auf Lei­chen­an­samm­lun­gen; jeg­li­ches Leben ist aus­ge­löscht.

Ein Sys­tem, aus­ge­rich­tet auf das Über­le­ben

Der­ar­ti­ge apo­ka­lyp­ti­sche Ent­wür­fe, das ist auf­fäl­lig, haben in der deutsch­spra­chi­gen Gegen­warts­li­te­ra­tur zur Zeit Kon­junk­tur, man den­ke bei­spiels­wei­se an Vale­rie Frit­schs Win­ters Gar­ten, doch erfreu­li­cher­wei­se gewinnt auch Heinz Hel­le sei­ner Dys­to­pie einen ganz eige­nen Reiz und Erkennt­nis­ge­winn ab.

Die chro­no­lo­gisch nicht geord­ne­ten Ein­zel­sze­nen ent­wi­ckeln einen buch­stäb­lich bru­ta­len Sog, denn was Hel­le dem Leser hier zumu­tet, ist eine Ver­ro­hung im Zeit­raf­fer, ein Abtau­en der dün­nen Zivi­li­sa­ti­ons­fir­nis im blo­ßen Über­le­bens­kampf. Ande­rer­seits bedient sich Hel­les Ich-Erzäh­ler einer dezi­diert distan­zier­ten, gera­de­zu natur­wis­sen­schaft­lich-ana­ly­ti­schen Spra­che. Eigent­lich müss­ten wir tan­zen ist eine Ver­suchs­an­ord­nung, in der der Erzäh­ler Pro­band und Beob­ach­ter zugleich ist.

Erklärt wird nichts. Wie es zu der Kata­stro­phe kam, wel­che Ursa­chen sie hat, ist unwich­tig. Wich­tig ist — das ver­bin­det Hel­les Roman mit einem Werk wie Cor­mac McCar­thys Roman Die Stra­ße — wie Men­schen damit umge­hen. Und was tun sie? Sie funk­tio­nie­ren wei­ter, irgend­wie, weil es, wie es ein­mal heißt, bes­ser ist, am Leben als tot zu sein. Nach und nach redu­ziert die Grup­pe sich. Wer zu schwach ist, bleibt zurück. Unge­rührt wird das hin­ge­nom­men.

Fürst bricht sich einen Fuß. Wei­ter­ge­hen kommt nicht in Fra­ge. Die Grup­pe lehnt ihn an eine Eiche am Weg­rand, „und wenn sich nach­her sei­ne vom Schmerz ver­krampf­ten Züge wie­der ent­span­nen, wird er genau die Ber­ge sehen, die er gese­hen hat, als er noch im Besitz zwei­er gesun­der Füße war und sein ein­zi­ges Pro­blem eine aus den Fugen gera­te­ne Welt. Dann gehen wir. Wir las­sen ihn sit­zen im nas­sen Gras, und wir hof­fen, dass es heu­te Nacht nicht so kalt wird, dass er im Dun­keln ster­ben muss.“

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, hat das schreck­li­che und komi­sche Sei­ten. Es gibt eine Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung und einen ange­deu­te­ten Fall von Kan­ni­ba­lis­mus. Es gibt aber auch einen rie­si­gen Con­tai­ner, den die Über­le­ben­den im Wald fin­den. Mit Hil­fe eines alten Kühl­schran­kes gelingt es ihnen, den Con­tai­ner zu öff­nen, dar­in: fabrik­neue Kühl­schrän­ke en mas­se. Heinz Hel­le, gebür­ti­ger Bay­er, stu­dier­ter Phi­lo­soph, ist kein lust­vol­ler Unter­gangs­be­schwö­rer. Er nähert sich dem an, was der Mensch ist – ein Sys­tem, aus­ge­rich­tet auf das Über­le­ben. Und das mit­ten im alten Euro­pa, auf einem heil­los ver­sehr­ten Kon­ti­nent.

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Chris­toph Schrö­der, Jahr­gang 1973, lebt als frei­er Autor und Kri­ti­ker in Frank­furt am Main. Er arbei­tet u. a. für die Süd­deut­sche Zei­tung, die Zeit, den Tages­spie­gel und den Deutsch­land­funk. Zuletzt erschien Ich pfei­fe. Aus dem Leben eines Ama­teur­schieds­rich­ters (Tro­pen, 2015).

Heinz Hel­le: Der beru­hi­gen­de Klang von explo­die­ren­dem Kero­sin
Roman. Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2014.
160 Sei­ten, € 18,95 (D) / € 19,50 (A).

Heinz Hel­le: Eigent­lich müss­ten wir tan­zen.
Roman. Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2015.
174 Sei­ten, € 19,95 (D) / € 20,60 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2015

Online seit: 14. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 14. Jan. 2016