Ansichten vom Endspiel

Tho­mas Kunsts Roman Freie Fol­ge beschreibt die Welt als Jagd­re­vier. Von Hans Höl­ler

Als ich zum ers­ten Mal Gedich­te von Tho­mas Kunst las, dach­te ich mir: So kann man heu­te kei­ne Gedich­te schrei­ben. Und als ich sie vom Dich­ter vor­ge­le­sen hör­te, dach­te ich mir: So kann man sei­ne Gedich­te nicht vor­le­sen. Und dann, nach die­sen Schreck­se­kun­den, die län­ger dau­ern als nor­ma­le Sekun­den, dach­te ich mir: Was für eigen­tüm­li­che, schrä­ge, ver­rück­te, tod­trau­ri­ge Gedich­te, was für ein phan­tas­ti­scher Humor, was für eine unge­läu­fi­ge, ver­schro­ben-anmu­ti­ge Schön­heit.

Tho­mas Kunst ist ein gelehr­ter Dich­ter, ein lei­den­schaft­li­cher Leser, ein hoch­ge­bil­de­ter Biblio­the­kar und ein bun­ter Vogel, kind­lich, ein Roman­ti­ker, den der Welt­zu­stand beun­ru­higt, und der es ver­steht, die­se Beun­ru­hi­gung durch die künst­le­ri­sche Form in Ein­sicht zu ver­wan­deln und den Mut der Fan­ta­sie ins Spiel zu brin­gen.

Mora­li­sche oder poli­ti­sche Bewer­tun­gen lie­gen außer­halb des Hori­zonts oder des Inter­es­ses der durch­wegs über­durch­schnitt­lich intel­li­gen­ten Roman­fi­gu­ren.

In sei­nem Roman Freie Fol­ge fand ich sofort zu viel ‚freie Fol­ge, zu viel erzäh­le­ri­sches Ein­ver­stan­den­sein mit der beschrie­be­nen Jagd­ge­sell­schaft in Hohen­dree­sen irgend­wo in Nord­deutsch­land, um dann zu ver­ste­hen zu begin­nen, dass die­ser Roman auf zwei­hun­dert­fünf­zig Sei­ten das Ein­ver­stan­den­sein mit der Welt als Jagd­re­vier aus der Per­spek­ti­ve sei­ner Figu­ren erzählt. Nir­gends mischt sich eine Erzähl­in­stanz ein, die das Nein in die­se Welt hin­ein­schreit oder Fra­gen stellt, und wenn viel­leicht doch, dann sehr ver­hal­ten, nicht leicht bemerk­bar beim Lesen. Das Leben ist Über­le­ben, und mora­li­sche oder poli­ti­sche Bewer­tun­gen lie­gen außer­halb des Hori­zonts oder des Inter­es­ses der durch­wegs über­durch­schnitt­lich intel­li­gen­ten Roman­fi­gu­ren. Die Roman­spra­che gibt uns oft, auch durch die Fak­ti­zi­tät der Jagd­spra­che, zu ver­ste­hen: Alles ist selbst­ver­ständ­lich und läuft wie geplant ab, wird hin­ge­nom­men wie „die tro­phä­en­ori­en­tier­te Abschuss­er­fül­lung“ in den Wäl­dern.

Die Fami­lie gehört zur öko­no­mi­schen Eli­te, aber deren Lebens­mo­dell dürf­te das bestim­men­de der ein­ver­stan­de­nen herr­schen­den Klas­se welt­weit sein. Der Fami­li­en­sitz liegt in einem weit aus­ge­dehn­ten Wald­stück. Der Mann ist nur am Wochen­en­de daheim, wäh­rend der Woche ist er in einem welt­um­span­nen­den Finanz­un­ter­neh­men tätig. Die Frau ist die Vor­sit­zen­de eines Wald­be­sit­zer­ver­ban­des, die Kin­der funk­tio­nie­ren per­fekt, in der Schu­le wie zuhau­se, das rumä­ni­sche Dienst­mäd­chen küm­mert sich um die bei­den Hun­de, auch sie, die Unru­higs­te, Frei­es­te von allen, fügt sich in die­se Ord­nung ein und steht doch an deren Rand. Alles ist ganz nor­mal in die­sem Roman, auch die bei­den Kin­der sind wie ande­re Kin­der, ihre Kin­der­zim­mer sind ein­ge­rich­tet wie die ande­rer Kin­der, die Eltern ver­hal­ten sich zu ihnen reser­viert lie­be­voll, und jeder in der beschrie­be­nen Fami­lie kommt „allei­ne klar“.

Per­fek­ter Waf­fen­ge­brauch

Nur legt die Mut­ter geheim in ihrem Zim­mer immer wie­der ein­mal das Foto des männ­li­chen Kin­des über das der Toch­ter. Und den Vater beschäf­tigt, wenn er am Wochen­en­de von sei­nen glo­ba­len stra­te­gi­schen Finanz­trans­ak­tio­nen aus der Stadt auf den Fami­li­en­sitz heim­kommt, die Abrich­tung der bei­den gro­ßen Müns­ter­län­der Hun­de, die Jagd und die Vor­be­rei­tung der Kin­der für die Treib­jagd. Am Wochen­en­de nimmt er sie manch­mal in ein Schieß­ki­no mit, eine Art High­tech-Schieß­bu­de „mit elek­tro­ni­scher Tref­fer­ver­bu­chung“ und mit über die Lein­wand jagen­den Abschuss­zie­len.

Die Kin­der ver­schwin­den, wenn sie ihre Schul­auf­ga­ben erle­digt haben, mit den Hun­den im Wald, blei­ben dort lan­ge, keh­ren aber immer pünkt­lich zurück. Alles ist auf die Jagd ein­ge­stellt, sie wird mit Akku­ra­tes­se betrie­ben, bis hin zu den Simu­la­tio­nen des per­fek­ten Waf­fen­ge­brauchs, in den die Kin­der ein­ge­übt wer­den. So neben­bei führt das Buch auch den Leser in die Tech­ni­ken der Jagd ein. Das fach­sprach­li­che Idi­om trägt mit zur Spra­chen- und Gen­re­viel­falt des Romans bei, nur dass die Jagd, wie sie hier betrie­ben, stu­diert und per­fek­tio­niert wird, kei­ne Roman­tik kennt, son­dern eher an Ver­hal­tens­steue­rung, stra­te­gi­sches Kal­kül und Natur­be­herr­schung den­ken lässt, auch das Aben­teu­er­lichs­te, eine Hun­de­schlit­ten­fahrt bei der Jagd auf die kost­ba­ren Polar­fal­ken in Grön­land, wird zum Bild instru­men­tel­ler Effi­zi­enz. Es gel­te dabei, „alle Tie­re gleich­mä­ßig anzu­stren­gen“: „Du klopfst mit dem Peit­schen­stiel von links nach rechts auf der Kla­via­tur des Gespanns sämt­li­che Lei­nen durch und erkennst sofort, wel­ches Tier die Absicht hat, die Kraft sei­ner Beglei­ter am effek­tivs­ten zu nut­zen. Durch den Peit­schen­hieb spürt der Anfüh­rer sofort, wel­cher Hund von ihm durch einen Biß am Hals zur Ord­nung geru­fen wer­den muss.“ Fügt sich eines der Tie­re nicht in die Ord­nung der Rie­men, wird es her­aus­ge­schnit­ten und sei­nem Schick­sal über­las­sen.

Das ein­präg­sams­te erzäh­le­ri­sche Bild für die Natur­be­herr­schung ist der Fang und die Abrich­tung der wei­ßen Polar­fal­ken. Sie wer­den auf einer hart an die Gren­zen des Über­le­bens gehen­den Expe­di­ti­on gefan­gen – „aus­ge­hors­tet“ –, nach Deutsch­land gebracht und in einer rie­si­gen, eis­be­deck­ten Kühl­haus­hal­le einem gera­de­zu wis­sen­schaft­lich betrie­be­nen Abrich­tungs­ver­fah­ren unter­zo­gen. Der freie Flug des Raub­vo­gels ver­spricht in der Welt der Geschäf­te­ma­cher eine gewinn­brin­gen­de Attrak­ti­on – und ist doch wie­der mehr und weist über das Geschäft hin­aus mit sei­ner Anmut beim Krei­sen über den alten Reh­spu­ren und sei­ner unver­gleich­li­chen wei­ßen Gefie­der­far­be.

Ver­que­re Gestal­ten

Es weht einen kalt an, wenn man das Buch liest, obwohl alle zen­tra­len Roman­fi­gu­ren, die Fami­li­en­mit­glie­der und das rumä­ni­sche Dienst­mäd­chen, ein­an­der freund­lich und tole­rant gegen­über­tre­ten. Auch die zwei schar­fen, gut abge­rich­te­ten Hun­de gehö­ren, unter dem Gesichts­punkt per­fek­ten Funk­tio­nie­rens, zum fami­liä­ren Ensem­ble. Das Gespens­ti­sche, das in der beschrie­be­nen Nor­ma­li­tät her­vor­tritt, dürf­te dar­in lie­gen, dass hin­ter allem und in allem das ego­is­ti­sche Über­le­ben steht und unbe­wusst die moder­nen Ver­hal­tens- und Denk­for­men bestimmt. War­um den­noch nicht der Ein­druck ent­steht, hier wür­de das sozi­al­kri­ti­sche Nar­ra­tiv einer glo­ba­len Jagd­ge­sell­schaft abge­spult, liegt an der sich im Roman behaup­ten­den Sehn­sucht, von der jede der ein­zel­nen Roman­fi­gu­ren affi­ziert ist. Wenn die moder­ne Jagd ein durch­ge­hen­des Motiv ist, so ist es genau­so das nicht still­ba­re Ver­lan­gen nach Lie­be, das jeden sich sel­ber fremd wer­den lässt und stän­dig neue, fast immer ver­que­re Gestal­ten und Ver­wand­lun­gen des Eros her­vor­bringt.

Man möch­te das Buch oft weg­schleu­dern, aber man wür­de es wie­der holen und wie­der auf­schla­gen und wür­de stau­nend wie­der neu zu lesen begin­nen.

Am Schluss des Romans ist in den zer­fal­len­den Städ­ten an der West­küs­te der USA die Jagd­ge­sell­schaft umge­schla­gen in