Flaschenzeit

Von David Brö­der­bau­er. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXVIII
David Bröderbauer © Matthias Guido Braudisch

David Brö­der­bau­er. Foto: Mat­thi­as Gui­do Brau­disch

Ich arbei­te an einem Roman, der in der Zukunft spielt und von der Ver­gan­gen­heit han­delt. Die Zukunft zu kon­stru­ie­ren ist ein­fach. Naht­los fügt sich alles anein­an­der. Mit der Ver­gan­gen­heit ist es schwie­ri­ger, die ver­gan­ge­ne Wirk­lich­keit hat Ris­se und Löcher bekom­men, die Sach­ver­hal­te pas­sen nicht mehr zusam­men, in den Fugen liegt Staub.
Das Pro­blem der inkon­sis­ten­ten (oder inkon­ti­nen­ten) Zeit stellt sich mir nicht nur hier. Par­al­lel zu mei­nem Roman arbei­te ich an einer Art von Chro­nik: Bevor ich mich am Abend (nach Brot­er­werb und Abend­essen­ko­chen und Auf­räu­men und Schla­fen­le­gen) an den Schreib­tisch set­ze und an mei­nem Roman schrei­be – wenn ich denn schrei­be und nicht statt­des­sen Whis­ky trin­ke – schrei­be ich auf, was mei­ne Toch­ter wie­der Neu­es gelernt, getan, erlebt hat. Ich schrei­be zum Bei­spiel auf, dass sie beim Win­del­wech­seln das Unka­putt­bar-Heft mit bei­den Hän­den wie eine Zei­tung vor das Gesicht gehal­ten hat, dass die Spit­ze des ers­ten Zahns her­vor­lugt (es ist bei fast allen Babys fast immer einer der mitt­le­ren Schnei­de­zäh­ne im Unter­kie­fer), oder dass sie ihr ers­tes Stück Piz­za geges­sen hat (ohne Zäh­ne hin­un­ter­ge­würgt).
Ich schrei­be das auf, damit ich die­se Erin­ne­run­gen mög­lichst genau behal­te. Denn das ist nicht ein­fach. Vie­le Eltern haben mir davon erzählt, aber ich habe es nicht für mög­lich gehal­ten: Die Gegen­wart eines Kin­des, die Gegen­wart, die man mit einem Kind teilt, ist so mäch­tig, dass sie wie die Front einer Flut­wel­le, die auf Land trifft, alles mit­reißt, was man gera­de erlebt hat. Schon nach kur­zer Zeit kann man sich nicht mehr „rich­tig“ erin­nern, wie das Kind war, als es noch nicht rob­ben konn­te, wie es in den ers­ten Wochen aus­sah, wie wir (mit ihm noch im Bauch) die Zeit der Schwan­ger­schaft ver­bracht haben. Dank mei­ner Auf­zeich­nun­gen, so dach­te ich mir, kann ich alles nach­le­sen und mei­ner Erin­ne­rung auf die Sprün­ge hel­fen.
Nach­dem ich nach mehr als drei­ßig Wochen der Auf­zeich­nun­gen damit begon­nen habe, die älte­ren Ein­trä­ge zu lesen, muss­te ich aller­dings fest­stel­len, dass sie die Wirk­lich­keit nicht annä­hernd wie­der­ge­ben. Mit dem Nie­der­schrei­ben der Ereig­nis­se ist nichts getan, und nicht, weil die Zusam­men­hän­ge zwi­schen den Ein­trä­gen feh­len, son­dern weil das Ein­ma­li­ge immer unbe­deu­ten­der ist als das sich stän­dig Wie­der­ho­len­de. Ich müss­te jeden Tag die Bus­si-Atta­cke ver­mer­ken, die von der Mama noch im Bett gestar­tet wird, das Abwi­schen des Hoch­stuhls nach jeder Mahl­zeit, zuerst die Ess­ab­la­ge­flä­che, dann die Sitz­flä­che, dann die Fuß­stüt­ze, dann den Boden dar­un­ter, ich müss­te auf­schrei­ben, wie ich sie wie­der und wie­der auf die Wickel­ab­la­ge lege, wie sie sich wie­der und wie­der vom Rücken auf den Bauch dreht, aber nur sel­ten vom Bauch auf den Rücken. Aber vie­les davon neh­me ich selbst nicht rich­tig wahr, ich tue die Din­ge auto­ma­tisch, oder sie gesche­hen vor mei­nen Augen, ohne dass ich sie noch sehe, geschwei­ge denn auf­schrei­be. Mei­ne Wahr­neh­mung kapi­tu­liert vor der Fül­le der sich wie­der­ho­len­den Ein­drü­cke, regis­triert sie bloß noch als schon bekannt und gibt nicht wei­ter dar­auf acht. Ich muss mich anstren­gen, mein Kind bewusst anzu­se­hen, ihre Züge bewusst wahr­zu­neh­men, ihr Ver­hal­ten. Manch­mal gelingt es, aber die­se Momen­te las­sen sich nur mit einem Kraft­auf­wand her­stel­len, es sind Momen­te gro­ßer Anspan­nung (Ihr Gesichts­aus­druck bei der Geburt, als sie zwi­schen den Bei­nen her­vor­ge­presst wur­de), oder Momen­te des Erlah­mens aller Kräf­te, wenn die Wahr­neh­mung ganz aus­lässt. Dann sehe ich das Kind unver­stellt, ich sehe, wie sie an mei­ner Brust ein­schläft und spü­re wie ihre Glie­der sich lösen, ich spü­re ihre Fin­ger, die mein Gesicht betas­ten, um sich noch im Schlaf mei­ner Gegen­wart zu ver­si­chern. Es sind Momen­te der Inten­si­tät, kurz bleibt alles ste­hen und es ist Gegen­wart.
Woll­te man das alles auf­schrei­ben, müss­te man eine kolos­sa­le Erzäh­lung ver­fas­sen, die alle Ereig­nis­se bis ins kleins­te Detail schil­dert und mit Refle­xio­nen aus­klei­det. Aber dazu fehlt mir die Zeit, schließ­lich will ich an mei­nem Roman arbei­ten.
Im schlimms­ten Fall haben mei­ne Auf­zeich­nun­gen sogar einen nach­tei­li­gen Effekt und ver­fäl­schen das Bild, das mei­ne Toch­ter von ihrem Auf­wach­sen hat, las­sen sie spä­ter, wenn sie die Auf­zeich­nun­gen viel­leicht ein­mal liest, Erin­ne­run­gen von etwas kon­stru­ie­ren, das so nicht pas­siert ist. Des­halb habe ich am Anfang des Hefts, in dem ich das Auf­wach­sen mei­ner Toch­ter fest­hal­te, ein Vor­wort ergänzt. Dort steht nun, dass die Auf­zeich­nun­gen ers­tens mei­ne sub­jek­ti­ve Sicht wie­der­ge­ben und zwei­tens unvoll­stän­dig sind – eine Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung, wenn man so will.

Nach­dem ich die neu­en Ers­te­ma­le mei­ner Toch­ter in Stich­wor­ten notiert habe (nach Brot­er­werb und Abend­essen­ko­chen und Auf­räu­men und Schla­fen­le­gen), set­ze ich mich an den Com­pu­ter, um an mei­nem Zukunfts-Ver­gan­gen­heits-Roman wei­ter­zu­schrei­ben. Das Ritu­al ist meis­tens das­sel­be: Ich lese mei­ne Mails, dann lese ich Nach­rich­ten, dann schaue ich mir Vide­os an, lese inter­na­tio­na­le Nach­rich­ten auf einem eng­li­schen Por­tal, sehe mir die aktu­el­len Fuß­ball­ergeb­nis­se an, öff­ne zwi­schen­durch den Ord­ner mit dem Manu­skript und sehe noch ein Video an oder suche neue Nach­rich­ten. Ich tue das, weil ich zu müde bin, um gleich mit dem Schrei­ben zu begin­nen, zu müde, um mich zu kon­zen­trie­ren. Des­halb sur­fe ich, ich schal­te mein Hirn aus und rufe frem­de Erin­ne­run­gen und Bil­der ab, bor­ge mir frem­de Zeit, die in irgend­wel­chen Daten­cen­tern irgend­wo auf der Erde auf Fest­plat­ten gespei­chert ist, die jeder­zeit abruf­bar ist und viel­leicht für alle Zeit abruf­bar blei­ben wird. Ich rufe sie ab in der Hoff­nung, dass ich mich dabei etwas erho­le und von der Erho­lung ins Schrei­ben fin­de. Meis­tens geschieht das nicht. Ich kapi­tu­lie­re vor der Müdig­keit, die es mir ver­un­mög­licht, auch nur zwei zusam­men­hän­gen­de Sät­ze zu schrei­ben. Meis­tens fin­de ich statt­des­sen in noch eine Nach­rich­ten­sei­te und noch ein Video, und in den Whis­ky.

Mit Whis­ky kann man viel Zeit ver­brin­gen – nicht nur trin­kend (so viel Whis­ky kann man bei 46% Alko­hol­ge­halt gar nicht trin­ken). Als Ent­las­tung für mei­ne Leber schaue ich oft Vide­os von Whis­ky-Ver­kos­tun­gen, anstatt zu trin­ken. Es müs­sen schon hun­der­te Whis­ky-Abfül­lun­gen gewe­sen sein, bei deren Ver­kos­tung ich zuge­se­hen habe. In jedem Fall mehr, als ich je wer­de trin­ken kön­nen.
Whis­ky ist fas­zi­nie­rend. Ein aus Bier destil­lier­ter Schnaps, der Jah­re und Jahr­zehn­te in Fäs­sern reift. Am Ende schmeckt man nicht mehr (nur) den Schnaps, son­dern das Fass und das, was vor dem Whis­ky im Fass gela­gert wur­de. Man befüllt Whis­ky-Fäs­ser zuerst mit Sher­ry, Bour­bon, Süß­wein, um dem Whis­ky einen beson­de­ren Geschmack zu ver­lei­hen. Ein Whis­ky, wie ich ihn vor kur­zem getrun­ken habe (er ließ eine aus­ge­präg­te Sher­ry-Note erken­nen), hat zwan­zig Jah­re in einem sol­cher­art prä­pa­rier­ten Fass gele­gen. Auf dem Weg von der Zun­gen­spit­ze in den Rachen erschließt sich, wie die Zeit auf den Whis­ky ein­ge­wirkt hat. Was ich schme­cke, ist die Sum­me eines zwan­zig­jäh­ri­gen Pro­zes­ses. Whis­ky ist in Fla­schen abge­füll­te Zeit, wenn man so will.
Nicht nur das, schmeckt der­sel­be Whis­ky jedes Mal, wenn man sich einen Schluck ein­gießt (es sind nur klei­ne Schlu­cke … höchs­tens ein Dop­pel­ter … aller­höchs­tens nach dem Dop­pel­ten noch ein klei­ner Schluck zum Nach­spü­ren), anders. Je nach­dem, was man davor geges­sen hat, in wel­cher Stim­mungs­la­ge und in wel­chem Grad von Wach­heit man sich gera­de befin­det, nimmt man unter­schied­li­che Geschmacks­no­ten wahr. Dar­über hin­aus schmeckt der­sel­be Whis­ky für jede Per­son unter­schied­lich, denn das eige­ne Geschmacks­emp­fin­den hängt davon ab, wel­chen Geschmacks­ein­drü­cken man im Lau­fe sei­nes Lebens aus­ge­setzt war. In gewis­ser Wei­se schmeckt man einen Whis­ky nicht in der Gegen­wart, son­dern man erin­nert ver­gan­ge­ne Geschmä­cker. Das ist nicht nur beim Whis­ky so. Das Beson­de­re am Whis­ky ist, dass er auf­grund der Viel­falt der Mög­lich­kei­ten beim Destil­lie­ren und Nach­rei­fen so vie­le Geschmacks­no­ten her­vor­brin­gen kann, dass sich einem beim Trin­ken ein Kos­mos aus Sin­nes­ein­drü­cken (und Erin­ne­run­gen) eröff­net. Um die­sen Kos­mos zu erschlie­ßen, bedarf es aber der stän­di­gen Wie­der­ho­lung. Man muss einen Whis­ky wie­der und wie­der trin­ken, um die ver­schie­de­nen Nuan­cen wahr­zu­neh­men. Dem Whis­ky, den ich gera­de trin­ke, wird etwa auf dem Eti­kett eine Hasel­nuss­no­te nach­ge­sagt, die mir zu fin­den bei jedem neu­en Glas (auch bei einem Dop­pel­ten) miss­lang, bis die­se Hasel­nuss­no­te eines Abends, an dem ich wie­der nicht schrieb, plötz­lich da war. Der Whis­ky schmeck­te nur nach Hasel­nuss und nichts ande­rem. Als ich ein paar Aben­de spä­ter wie­der davon gekos­tet hat­te, war das Hasel­nuss­aro­ma wie­der ver­schwun­den.

Wäh­rend ich trin­ke, schla­fen mei­ne Lebens­ge­fähr­tin und mei­ne Toch­ter. Tref­fen mit Freun­den ver­schie­be ich auf­grund der Umstän­de stän­dig auf spä­ter. Statt­des­sen quar­tie­re ich mich in den Ser­ver­far­men der Welt ein, trans­fe­rie­re mein Dasein in den vir­tu­el­len Raum, las­se die Zeit leer­lau­fen.
Whis­ky trin­kend und Whis­ky-Ver­kos­tun­gen schau­end ver­ab­schie­de ich mich aus der Gegen­wart. Im Hier und Jetzt hal­te ich mich nur mehr spo­ra­disch auf, ich bin alt genug, dass mir die Ver­gan­gen­heit und eine wenig ereig­nis­rei­che Zukunft rei­chen.
Das ist das Trau­ri­ge (Ernüch­tern­de) am Abfül­len der Zeit (in Fäs­sern, auf Ser­vern … wo auch immer). Die abge­füll­te Zeit ist kei­ne leben­di­ge. Je mehr Abfül­lun­gen ich samm­le, umso belie­bi­ger wer­den sie – irgend­wann ste­hen hun­dert ver­schie­de­ne Whis­kys mit Sher­ry-Note in mei­nem Regal, hun­dert, die nach Torf­rauch schme­cken. Am Ende machen nur mehr die bun­ten Eti­ket­ten den Unter­schied aus, und die von Mar­ke­ting­fach­leu­ten pro­du­zier­ten Sprü­che dar­auf – Klap­pen­tex­te, die die ver­meint­li­che Ein­zig­ar­tig­keit jeder Abfül­lung beschwö­ren.
Am Ende eines Gla­ses bin ich manch­mal ein wenig depri­miert. Dann gehe ich schla­fen, anstatt an mei­nem Roman wei­ter­zu­ar­bei­ten, denn in einem sol­chen Zustand (depri­miert, müde), fin­de ich nicht mehr ins Schrei­ben.

Das Schrei­ben ist natür­lich auch eine Ver­ab­schie­dung aus der Gegen­wart, die Schrift war der Anfang vom Ende der Gegen­wart. Nichts­des­to­trotz erfor­dert Schrei­ben Wach­heit – man muss wach und fokus­siert sein, um schrei­ben zu kön­nen (auch im Rausch soll es angeb­lich gut gehen, das kann ich aber nicht bestä­ti­gen). Ich bin zu müde, um wach und fokus­siert zu sein. Des­halb ver­fol­ge ich eine ande­re Stra­te­gie – die Stra­te­gie der Wie­der­ho­lung. Ich mache es wie beim Whis­ky-Trin­ken – ich keh­re zum Text zurück, Tag für Tag, tue immer das­sel­be, bis etwas Neu­es auf­taucht. Ich behand­le mei­nen Text wie mei­ne Toch­ter ihre Bil­der­bü­cher – ich sprin­ge vor und zurück, sehe mir die­sel­ben Sei­ten wie­der und wie­der an, als wären sie jedes Mal neu. Jeden Abend set­ze ich mich wie­der hin, spie­le mein Ritu­al durch und zwin­ge mich – lang­sam nur, aber nach und nach – Zei­le um Zei­le anein­an­der­zu­rei­hen. So ent­steht kei­ne zusam­men­hän­gen­de Erzäh­lung, aber eine brü­chi­ge, die Zei­ten fügen sich nicht naht­los anein­an­der, es blei­ben Ris­se. Das kommt mir nicht falsch vor. Frü­her oder spä­ter wer­de ich so den Roman über die Ver­gan­gen­heit in der Zukunft zu Ende brin­gen. Das Ende – so viel weiß ich schon – ist offen.

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David Brö­der­bau­er, gebo­ren 1981 in Zwettl (NÖ), lebt in Wien. Stu­di­um der Bio­lo­gie, For­schungs­rei­sen unter ande­rem nach Cos­ta Rica und Chi­na. Absol­vent der Leon­din­ger Aka­de­mie für Lite­ra­tur. Der Autor wur­de 2019 mit dem Hein­rich-Gleiß­ner-För­der­preis aus­ge­zeich­net. Sein Debüt­ro­man Wolfs­steig erschien im Früh­jahr 2019 im Mile­na Ver­lag. Im Herbst 2020 folg­te der Roman Waltau­chen.

Online seit: 27. August 2021

Zuletzt geän­dert: 27. Aug. 2021