Wenn die Tochter mit dem Vater

Die fami­li­är ver­strick­te Autor­schaft von Marie-Jo und Geor­ges Sime­non. Von Felix Phil­ipp Ingold

Im Herbst 1972 ent­schloss sich Geor­ges Sime­non, damals 69 Jah­re alt, die Schrift­stel­le­rei defi­ni­tiv auf­zu­ge­ben. Der Ent­scheid erfolg­te ziem­lich unver­mit­telt und wur­de bekräf­tigt dadurch, dass der welt­weit berühm­te Groß­schrift­stel­ler all sei­ne Per­so­nal­pa­pie­re kor­ri­gie­ren ließ – statt sei­ner Bezeich­nung als „Roman­cier“ woll­te er nun den Ver­merk „ohne Beruf“ ein­ge­tra­gen haben.

Dem plötz­li­chen Rück­zug aus dem Lite­ra­tur­be­trieb gin­gen lang­wie­ri­ge Vor­ar­bei­ten zu einem monu­men­ta­len Roman­werk vor­aus, mit dem Sime­non unter dem viel­sa­gen­den Titel Vic­tor (der Sie­ger) sei­ne Lebens- und Schreib­erfah­run­gen in lite­ra­risch anspruchs­vol­ler Form auf den Punkt brin­gen, vor allem jedoch sich selbst als Autor von Rang aus­wei­sen woll­te. Denn die­ser Aus­weis war ihm, dem viel­ge­le­se­nen Unter­hal­tungs­li­te­ra­ten, von­sei­ten der pro­fes­sio­nel­len Kri­tik ver­sagt geblie­ben.

„Ich will jeden Anschein von Lite­ra­tur ver­mei­den. Ich habe einen Hor­ror vor Lite­ra­tur!“

Ob nun aber der hohe künst­le­ri­sche Anspruch oder die ulti­ma­ti­ve auto­bio­gra­fi­sche Her­aus­for­de­rung den Viel­schrei­ber an sei­nem Pro­jekt schei­tern ließ, ist nicht ganz klar, dies umso weni­ger, als er zuvor wäh­rend Jahr­zehn­ten mit schein­bar leich­ter Hand das wohl umfangs­reichs­te Œuvre der neu­zeit­li­chen Erzähl­li­te­ra­tur geschaf­fen hat­te. Zu Hun­der­ten sind unter sei­ner Hand in rascher Fol­ge Abenteuer‑, Kriminal‑, Lie­bes- und unbe­darf­te Gro­schen­ro­ma­ne ent­stan­den, außer­dem (weit zahl­rei­cher noch) Kurz­ge­schich­ten, Kolum­nen, Rei­se- und Erin­ne­rungs­be­rich­te – ins­ge­samt soll Geor­ges Sime­nons Gesamt­werk mehr als eine Mil­li­on Druck­sei­ten umfas­sen; in deut­scher Spra­che lie­gen 218 Bän­de unter sei­nem Namen vor.*

George Simenon, 1963. Foto: © Erling Mandelmann

Geor­ge Sime­non, 1963.
Foto: © Erling Man­del­mann

Dass er frü­her oder spä­ter den Nobel­preis für Lite­ra­tur erhal­ten wür­de, war für ihn eine kla­re Sache; er selbst brach­te sich öffent­lich als Kan­di­da­ten dafür ins Spiel – er, der jeg­li­che „Lite­ra­tur mit gro­ßem L als Unsinn“ zurück­wies und pro­vo­kant fest­hielt: „Ich will jeden Anschein von Lite­ra­tur ver­mei­den. Ich habe einen Hor­ror vor Lite­ra­tur!“ Gleich­zei­tig nann­te er als sei­ne wir­kungs­stärks­ten Vor­bil­der die rus­si­schen Meis­ter­er­zäh­ler Gogol, Dos­to­jew­skij und Tschechow, von deren Ein­fluss bei ihm frei­lich kaum etwas aus­zu­ma­chen ist. Dass ihn zumin­dest das Feuil­le­ton mit Bal­zac, Poe und selbst mit Goe­the ver­glei­chen konn­te und ihn als einen „Sti­lis­ten von Rang“, ja von „Welt­rang“ (NZZ) bezeich­ne­te, hat ihm weder zum Nobel­preis noch zur Auf­nah­me in den Kanon der Welt­li­te­ra­tur ver­hol­fen.

Vor allem andern hat­te es Sime­non dar­auf ange­legt, die Quan­ti­tät des Out­puts als Qua­li­täts­mar­ke durch­zu­set­zen, und tat­säch­lich kann man von sei­nem gra­pho­ma­ni­schen Furor eben­so beein­druckt sein wie von der im eigent­li­chen Wort­sinn „buch­hal­te­ri­schen“ Stren­ge, mit der er sei­ne Schreib­ar­beit über Jahr­zehn­te hin unter Kon­trol­le hielt und sich dadurch selbst – er war ein lei­den­schaft­li­cher Lebe­mann, zugleich ein besorg­ter Fami­li­en­mensch – erfolg­reich dis­zi­pli­nier­te. Das Schrei­ben war für ihn eine gleich­sam orga­ni­sche Funk­ti­on, sei­ne Autor­schaft ein per­ma­nen­ter sper­ma­ti­scher Kraft­akt.

Hun­der­te Roma­ne, tau­sen­de Frau­en

Sime­non will nach eige­nem Bekun­den nicht nur Hun­der­te von Roma­nen abge­fasst, son­dern auch Tau­sen­de von Frau­en beses­sen haben – sei­ne Vor­lie­be galt Pro­sti­tu­ier­ten und Zufalls­be­kannt­schaf­ten, die er so rasch ver­ges­sen konn­te, wie er sie kon­su­mier­te, ein Ver­hal­ten, das in sei­ner Gra­pho­ma­nie eine Par­al­le­le fin­det: Keins sei­ner kurz­fris­tig nie­der­ge­schrie­be­nen Wer­ke hat er vor oder nach der Druck­le­gung noch ein­mal durch­ge­le­sen, keins durf­te lek­to­riert und kor­ri­giert wer­den; wich­tig war bloß, dass die Tex­te in mög­lichst hoher Auf­la­ge jeweils rasch her­aus­ge­bracht und ver­brei­tet wur­den. Dass sie ihm über­dies sehr viel Geld und welt­wei­ten Ruhm ein­brach­ten, ließ ihn eher gleich­gül­tig, er hielt es aber für einen ange­neh­men Neben­ef­fekt, und ent­spre­chend sorg­los ver­fuhr er damit – vor­zugs­wei­se resi­dier­te er mit sei­ner Fami­lie und sei­nem zahl­rei­chen Dienst­per­so­nal in Schlös­sern, geräu­mi­gen Vil­len und Luxus­ho­tels; er lieb­te teu­re Limou­si­nen und Sport­wa­gen und ließ­sich gern von fest ange­stell­ten Fah­rern chauf­fie­ren.

All sei­ne Ehe­frau­en und sons­ti­gen Lebens­part­ne­rin­nen, zum Teil auch die Haus­an­ge­stell­ten, hat Sime­non will­kür­lich umge­tauft, indem er ihnen neue Namen gab, die in sei­nem Haus­halt obli­ga­to­risch ver­wen­det wer­den muss­ten.

Doch groß­zü­gig betei­lig­te er auch ande­re an sei­nem Reich­tum, Bekann­te wie Ver­wand­te unter­stütz­te und beschenk­te er so exor­bi­tant, dass sie sich bis­wei­len über­for­dert fühl­ten von all den Zuwen­dun­gen, die sie durch nichts abzu­gel­ten ver­moch­ten. In Inter­views oder auto­bio­gra­fi­schen Schrif­ten hat Sime­non wie­der­holt von rausch­haf­ten