Ein kosmopolitischer Patriot

Noch ein Lek­tü­re­ver­such mit Jür­gen von der Wen­se. Von Felix Phil­ipp Ingold
Jürgen von der Wense © Heddy Esche

Von Mei­nun­gen frei, gesel­lig mit den Ster­nen: Jür­gen von der Wen­se. Foto: Hed­dy Esche / Blau­wer­ke Ver­lag

Als Leser habe ich mir mit Jür­gen von der Wen­se (1894–1966) lan­ge Zeit schwer­ge­tan, und leicht fällt mir die Lek­tü­re sei­ner dis­pa­ra­ten Tex­te auch heu­te nicht. Was mir wider­strebt, mich skep­tisch stimmt, ist vor­ab sei­ne mytho­poe­ti­sche Nei­gung zu deut­schen Land­schaf­ten, zur deut­schen Erde und zum deut­schen Wald, zu Gewäs­sern, Wol­ken und Gestein, ver­bun­den mit pathe­tisch über­höh­ter Rhe­to­rik, aber auch mit klein­lau­tem See­len- und Welt­schmerz.

Erhöht wird die Irri­ta­ti­on dadurch, dass sich Wen­se – als beken­nen­der Pro­vinz­ler und Ein­zel­gän­ger – immer auch als Kos­mo­po­lit geriert, als ein Uni­ver­sa­list, der alles bes­ser weiß und tie­fer fühlt als ande­re. „Mein Geist stammt aus einer kom­men­den Zeit, in der das Herz rein gewor­den ist“, notiert er 1938 in sei­nem Tage­buch; aber auch (als beken­nen­der Natio­na­list): „Mein Glau­be an Deutsch­lands Sen­dung ist so gross wie mein Glau­be an Gott.“ Und noch 1966 hält er an sei­nem „Glau­ben“ fest, wonach „Kräu­ter aus deut­scher Erde mehr ver­mö­gen als die gan­ze gift­che­mi­sche Gewalt­me­di­zin“. Mit Aus­ru­fe­zei­chen macht er hoch­ge­mut den Punkt: „… zum Sie­ge sind wir gebo­ren!“ Gebo­ren aber auch zum Unter­gang.

Wen­se gibt sich glei­cher­ma­ßen als Zukunfts­op­ti­mist und als Apo­ka­lyp­ti­ker, wenn er einer­seits „die ster­nen­lo­se Nacht des Über-Unmen­schen“ her­ab­sin­ken sieht, and­rer­seits aber sein Werk für kata­stro­phen­re­sis­tent, wenn nicht für unver­gäng­lich hält. „Mir war, als wäre ich 1000 Jah­re wei­ter auf Erden der letz­te Mensch“, kon­sta­tiert er in einem Brief (oder in sei­nem Notiz­heft?) vom Juni 1949: „Mein Tag! Wel­che Selig­keit – mit einer neu­en Son­ne ein neu­er Mensch! … Wenn Gott kommt, dann kommt er nach einem gene­ra­len Unter­gang!“

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So wie Jür­gen von der Wen­se zu Fuß angeb­lich Tau­sen­de von Kilo­me­tern abge­wan­dert hat, ist er auch weit­läu­fig in unter­schied­lichs­ten Wis­sen­schafts- und Kunst­be­rei­chen zugan­ge gewe­sen; er war Schrift­stel­ler, Kom­po­nist und Foto­graf, hat sich auto­di­dak­tisch ein hal­bes Hun­dert Spra­chen ange­eig­net, dazu auch seriö­se Kennt­nis­se in Phi­lo­so­phie, Bio­lo­gie, Eth­no­lo­gie, Medi­zin, Geo­gra­fie, Geo­lo­gie, Mine­ra­lo­gie, Archäo­lo­gie, Ägyp­to­lo­gie, Mathe­ma­tik, Phy­sik, Meteo­ro­lo­gie, Musi­ko­lo­gie usf. – sein mul­ti­dis­zi­pli­nä­res Werk liegt in diver­sen Aus­wahl­bän­den vor, doch ist der Groß­teil davon (der Nach­lass umfasst zir­ka 60.000 Schrift­sei­ten) noch immer unpu­bli­ziert. Mit ste­ti­ger „Ehr­furcht“ und „from­mem Schau­der“ hat er nach eige­nem Bekun­den archi­tek­to­ni­sche, land­schaft­li­che wie auch schrift­li­che „Hei­lig­tü­mer“ betre­ten, von ältes­ten Epen und Lie­dern bis hin zu Nova­lis. „Mir sind alle Din­ge hei­lig weil ich sie erle­be“, unter­streicht er in einem sei­ner letz­ten Brie­fe: „Mein Werk – nur Opfer. Aber die Nach­welt, wenn es noch eine gibt, wird mich erken­nen …“

Jür­gen von der Wen­ses mul­ti­dis­zi­pli­nä­res Werk liegt in diver­sen Aus­wahl­bän­den vor, doch ist der Groß­teil davon noch immer unpu­bli­ziert. Der Nach­lass umfasst zir­ka 60.000 Schrift­sei­ten.

Die Schrift­stel­le­rei, prak­ti­ziert als unab­läs­si­ge, oft red­un­dan­te Schreib­be­we­gung, wird hier als per­sön­li­cher Opfer­gang beglau­bigt, des­sen