Das schwierige Wort Vaterland

Danie­la Danz im Gespräch mit Jens-Fiet­je Dwars über ihren Gedicht­band V.

JENS-FIETJE DWARS Ihr neu­er Gedicht­band, der zur Buch­mes­se beim Wall­stein Ver­lag erscheint, trägt einen ein­zi­gen Buch­sta­ben als Titel: V. In der Ver­lags­an­kün­di­gung heißt es, „V“ sei eine Chif­fre für den schwie­ri­gen Begriff Vater­land. War­um gera­de jetzt die­ses The­ma?

DANIELA DANZ Vater­land ist eigent­lich noch mehr als schwie­rig, das ist ein Begriff, den vie­le mit guten Grün­den über­haupt nicht mehr ver­wen­den wol­len, gera­de weil er von links und rechts glei­cher­ma­ßen ver­ein­nahmt wur­de und ver­ein­nahmt wird. Ich glau­be aber, dass sich die­ses Wort vor sei­ner Ver­ein­nah­mung nur schüt­zen lässt, indem man sei­ne Kom­ple­xi­tät prä­sent hält. Der Begriff Hei­mat hat vor fünf­zehn Jah­ren nur mar­gi­na­les Inter­es­se gefun­den, jetzt ist er allent­hal­ben gefragt. Man­che Din­ge wer­den uns von rechts über­ho­len, das mei­ne ich jetzt nicht poli­tisch, wenn wir sie links lie­gen las­sen. Vater­land scheint uns im Moment ent­behr­lich, aber unter der Ober­flä­che kol­li­diert es mit dem Begriff Hei­mat wie Pack­eis­schol­len, und wech­sel­wei­se wird eines von bei­den nach oben getrie­ben, unter Ver­lust aller Manö­vrier­fä­hig­keit. Dar­um auch habe ich das Buch geschrie­ben, um die­se Begrif­fe beweg­lich zu hal­ten.

DWARS Was bringt uns denn das Vater­land mehr als der Begriff Hei­mat?

Mich inter­es­siert, wie die Erfah­rung von Hei­mat zugleich in die Pflicht nimmt, das Erwor­be­ne auf etwas wei­ter Gefass­tes, Abs­trak­te­res anzu­wen­den. Das leis­tet der Begriff Vater­land.

DANZ Es sind ganz ver­schie­de­ne Din­ge. Sprach­ge­schicht­lich gese­hen war Vater­land, also des Vaters Acker, das klei­ne Geschwis­ter der Hei­mat, als wel­che man einen gan­zen Land­strich bezeich­ne­te. Nun ist es umge­kehrt, die Hei­mat das Nahe, das Vater­land fern. Dazwi­schen lag die schwe­re Geburt Deutsch­lands aus dem Geis­te der napo­leo­ni­schen Fremd­herr­schaft; wir haben uns eine Idee für den moder­nen Vater­lands­be­griff vom latei­ni­schen patria gelie­hen.

DWARS … wie ja auch eines der Kapi­tel in Ihrem Gedicht­band heißt.

DANZ Genau, das Kapi­tel, das mehr­heit­lich poli­ti­sche Gedich­te, zumal zur aktu­el­len Lage beinhal­tet. Dar­über hin­aus bin ich aber durch das Buch, an dem ich fünf Jah­re gear­bei­tet habe, zu dem Schluss gekom­men, Vater­land als tran­szen­dier­te Hei­mat anzu­se­hen. Ich mei­ne: Hei­mat ist uns geschenkt, damit wir an ihr das Ver­mö­gen ent­wi­ckeln kön­nen, etwas Geschicht­li­ches und damit Form­ba­res zu erfah­ren. Geschicht­lich, weil wir dar­in leben, und form­bar durch die Ver­än­de­rung, die das ande­re und wir selbst neh­men. Form­bar und des­halb zugäng­lich. Vater­land ist abs­trakt, es hat kei­ne Gren­ze, es hat kei­ne Spra­che, es lässt unser Herz nicht schnel­ler schla­gen. Aber wir kön­nen es uns zu eigen machen, so wie Hei­mat uns eigen ist. Vater­land ist das, woge­gen wir eine Pflicht haben, Hei­mat, wor­auf wir ein Recht haben.

DWARS Das klingt in Zei­ten all­ge­mei­ner Selbst­be­die­nungs­men­ta­li­tät fast welt­fremd oder uto­pisch?

DANZ Das mag sein, aber wir ent­kom­men die­sem Moment von Pflicht ja doch nie. Es ist eine Illu­si­on, wenn wir die Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen, vor allem uns nahe­ste­hen­den Men­schen, und zu allen Din­gen und Ver­hält­nis­sen in unse­rem Leben nur unter dem Aspekt wahr­neh­men, wie sie uns for­men, was sie uns brin­gen. Natür­lich tun sie das. Aber es gibt eben auch die ande­re Sei­te, sie neh­men uns in die Pflicht. Die­ser Moment inter­es­siert mich in V, es geht nicht um Iden­ti­tät, auch nicht um die Ver­su­che, sie zu gewin­nen – manch einer hat­te über­haupt nicht die Gele­gen­heit, eine prä­gen­de Erfah­rung mit Hei­mat zu machen, son­dern eher mit Hei­mat­lo­sig­keit. Mich inter­es­siert, wie die Erfah­rung von Hei­mat zugleich in die Pflicht nimmt, das Erwor­be­ne auf etwas wei­ter Gefass­tes, Abs­trak­te­res anzu­wen­den. Das leis­tet der Begriff Vater­land. Es geht um Iden­ti­fi­zie­rung mit einer mensch­li­chen Gemein­schaft. Vater­land ist dem­nach nie etwas, was ist, son­dern ein Anspruch, den wir an uns tun. Es geht um Ver­bind­lich­keit, Ver­läss­lich­keit, Ver­ant­wor­tung. Und wie­der­um nicht für eine selbst gewähl­te Gemein­schaft, son­dern für die, der wir durch Zufall ange­hö­ren.

Der Titel ist ja qua­si der Griff eines Buches, irgend­wo muss man es anpa­cken.

DWARS Hät­te man den Band dann nicht auch „Vater­land“ nen­nen kön­nen, statt V?

DANZ Das woll­te ich nicht, ich woll­te die­sem Wort kei­ne neue Grif­fig­keit geben. Und sei es nur für mich selbst, die ich durch Gewöh­nung ja sehr selbst­ver­ständ­lich mit den Titeln mei­ner Bücher umge­he. Der Titel ist ja qua­si der Griff eines Buches, irgend­wo muss man es anpa­cken. Der Sinn des Titels V ist aber gera­de, dass man immer wie­der über­le­gen muss, wie packe ich es an. Das ist letz­ten Endes nichts ande­res als der dich­te­ri­sche Umgang mit etwas, im Gegen­satz etwa zum poli­ti­schen. V hat außer­dem auch noch einen Anklang an den Brecht­schen „V‑Effekt“: die Illu­si­on soll uns ver­wehrt blei­ben.

DWARS Ich muss geste­hen, dass ich an Tho­mas Pyn­chon gedacht habe, an sei­nen irr­wit­zi­gen V.- Roman, der eigent­lich ein anar­chi­scher Abge­sang ans Vater­län­di­sche ist.

DANZ Die Asso­zia­ti­on liegt wegen des Titels natür­lich nahe. Tat­säch­lich haben die bei­den Bücher nicht viel mit­ein­an­der gemein­sam. Die Ten­denz, fest­zu­zur­ren und zu ver­en­gen, wohnt dem Begriff Vater­land inne, und wenn man so will, kann man die beschrie­be­nen Aus­wüch­se als Aspek­te die­ser Ten­denz sehen. Wobei das ame­ri­ka­ni­sche „home­land“ und das deut­sche „Vater­land“ wegen der geschicht­li­chen Dimen­si­on, die einem sol­chen Wort immer ein­ge­schrie­ben ist, zwei völ­lig ver­schie­de­ne Din­ge sind.

DWARS Für Volk und Vater­land zog man hier­zu­lan­de auf die Schlacht­fel­der.

DANZ Ja, „Vater­land“ gehört ganz sicher zu den Wor­ten, die Klem­pe­rer ver­gra­ben und nicht wie­der aus­ge­gra­ben wis­sen woll­te. Aber wie es mit ver­gra­be­nen Din­gen ist, weiß jeder, der einen Hund hat: Sie tau­chen manch­mal unge­wollt wie­der auf und dann kön­nen sie gera­de­zu zu Wie­der­gän­gern wer­den. Bes­ser man schaut immer mal nach ihnen.

Was die schmis­si­ge For­mel „Volk und Vater­land“ betrifft, dar­auf spie­le ich ja mit den „Fuchs und Vaterland“-Gedichten an: Auch hier ist wie­der poe­ti­scher Wider­stand gefragt, und zwar der, den schon Höl­der­lin mit der soge­nann­ten har­ten Fügung erprobt hat. Man muss die Wor­te neu machen. Für Wort­neu­schöp­fun­gen habe ich nicht viel übrig, aber jedes ein­zel­ne Wort muss im Gedicht unbe­dingt neu wer­den, das ist die Elle, an der ich es mes­se.

DWARS Nun ist V kein rei­ner Gedicht­band, es sind dar­in Pro­sa­tex­te ent­hal­ten, gar so etwas wie spiel­theo­re­ti­sche Ver­suchs­an­ord­nun­gen. Womit haben wir es also zu tun?

DANZ In ers­ter Linie han­delt es sich um einen Kon­zept­band, wie es auch Pon­tus und bereits mein ers­ter Band Seri­munt waren. Mich inter­es­siert nicht das ein­zel­ne gelun­ge­ne Gedicht, es nützt mir nichts, wenn es nicht in einen refle­xi­ven Bogen ein­ge­spannt ist, in ein Text­kol­lek­tiv sozu­sa­gen, wo jeder ein­zel­ne Text das Gan­ze auf sei­ne Wei­se beför­dert. Und auf sei­ne Wei­se heißt eben auch, dass das zu Sagen­de sich sei­ne Form suchen darf. Es geht in mei­nen Gedicht­bän­den auch um die Gren­zen lite­ra­ri­scher For­men. Die Dys­to­pien zum Bei­spiel, die den Band eröff­nen, sind kein The­ma für ein Gedicht. Die Gesell­schaft, von der dar­in die Rede ist, hat das Dich­te­ri­sche ver­lo­ren, weil im Tota­li­ta­ris­mus eben kein Platz sein darf für Dich­tung. Und doch gibt es sie, auch die­se Dys­to­pien haben ihre uto­pi­schen Momen­te. Das ist das The­ma die­ser Tex­te: wie aus dem fes­ten schwan­ken­der Boden und aus dem schwan­ken­den fes­ter Boden wird. In mei­nen Augen zumin­dest, was natür­lich auch nur eine Les­art ist.

„Vater­land“ gehört ganz sicher zu den Wor­ten, die Klem­pe­rer ver­gra­ben und nicht wie­der aus­ge­gra­ben wis­sen woll­te.

DWARS Das erklärt viel­leicht auch mei­nen Lese­ein­druck: Sie heben Ver­gan­ge­nes und Heu­ti­ges zugleich ins poe­tisch Zeit­lo­se auf und damit ins jeder­zeit Gegen­wär­ti­ge. Ver­ge­gen­wär­ti­gen ist ja etwas ande­res als Erin­nern im Sin­ne von Zurück­bli­cken auf etwas Ver­gan­ge­nes, es heißt: das Ver­gan­ge­ne als etwas Gegen­wär­ti­ges wach­zu­ru­fen, das nicht abge­schlos­sen ist. Wie die Beschwö­run­gen von Scha­ma­nen. Es gibt die Distanz zwi­schen einst und heu­te nicht mehr, auch nicht den Schnör­kel­rah­men des His­to­ris­mus, der Guck­büh­ne. Viel­leicht ist das das „Betriebs­ge­heim­nis“, der Prüf­stein wirk­li­cher Ver­dich­tung: Das Nahe­rü­cken durch Aus­blen­dung der per­spek­ti­vi­schen Distanz.

DANZ Es wäre tat­säch­lich schön, wenn mir das gelun­gen wäre. Es ent­spricht mei­nem Welt­bild, Ver­gan­ge­nes habe ich als Kind immer in mei­ne Gegen­wart ein­ge­baut, ich ken­ne noch heu­te die­ses Gefühl, auf einem frisch gepflüg­ten Acker zu ste­hen wie auf Schich­ten von Leben, und ich weiß noch den Moment, als ich begriff, nicht ver­stan­des­mä­ßig, son­dern mit der See­le, wie wir wie­der zu Erde wer­den und als sol­che irgend­wann umge­pflügt. Erin­nern habe ich als Wort immer nicht ver­stan­den, etwas in sich hin­ein­neh­men. Mir war mehr, als ob ich selbst im Inne­ren bin, der kleins­te Teil von etwas sehr viel Grö­ße­rem. Na ja, nun wird es etwas meta­phy­sisch. Viel­leicht lie­ber noch eine Fra­ge?

DWARS Ja, ein paar Fra­gen zur Tra­di­ti­on habe ich noch. Wie in Seri­munt und in Pon­tus gibt es auch in wie­der ein Höl­der­lin­zi­tat – ein Zei­chen poe­ti­scher Ver­bun­den­heit?

DANZ Ja, das scheint ein Bund fürs Leben. Wobei Höl­der­lin auf den Begriff der Treue natür­lich das grö­ße­re Anrecht hat, weil er ihre bewah­ren­de Not­wen­dig­keit ange­sichts unse­rer Sehn­sucht zum Unge­bun­de­nen, Chao­ti­schen erkannt hat. Er hat vie­les so klar fest­ge­hal­ten auf der Schwel­le zwi­schen zwei Epo­chen, auf der er stand. Sein Vater­land war die Idee eines neu­en Gemein­we­sens von Brü­der­li­chen, eines eini­gen­den vater­län­di­schen Geis­tes. Es kam dann anders. Und wie in Pon­tus habe ich Frag­men­te zitiert, die The­men anrei­ßen und dar­an schei­tern, sie aus­zu­füh­ren. „Und nie­mand weiß“ war der Anfang des­sen, was er über Hei­mat sagen woll­te.

DWARS Sind Ihre Gedich­te also „Vater­län­di­sche Gesän­ge“, die tas­tend nach Neu­land suchen, wo es Höl­der­lin die Spra­che ver­schla­gen hat? Wo er im Hier und Heu­te kei­ne Chan­ce mehr sah für das Gemein­we­sen der Brü­der­lich­keit?

DANZ „Vater­län­di­sche Gesän­ge“ kön­nen sie nim­mer­mehr sein, aber sie suchen ein ähn­li­ches Land. Eines, in dem sich Men­schen immer wie­der neu die Mühe machen, die Ver­hält­nis­se aus­zu­ta­rie­ren und auf den Prüf­stein zu stel­len, eines, das vor den par­ti­ku­la­ren Gewinn die Treue zum Gemein­sa­men stellt. Ich bin nicht ganz hoff­nungs­los. Aber die Fall­hö­he ist heu­te auch bei wei­tem gerin­ger als nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on.

* * *

Danie­la Danz, gebo­ren 1976 in Eisen­ach, arbei­tet als Autorin und Lei­te­rin des Schil­ler­hau­ses in Rudol­stadt. Zuletzt erschie­nen im Wall­stein Ver­lag der Roman Tür­mer (2006) und der Gedicht­band Pon­tus (2009).

Jens-Fiet­je Dwars, gebo­ren 1960 in Wei­ßen­fels, lebt als Autor, Aus­stel­lungs- und Fil­me­ma­cher in Jena.

Danie­la Danz: V. Gedich­te. Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2014. 80 Sei­ten, € 16,90 (D) / € 17,40 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2014

Online seit: 21. August 2020

Online seit: 21. August 2020

Zuletzt geän­dert: 21. Aug. 2020