Die Literatur in Zeiten der Internetplattform-Gesellschaften

Ein Essay von Ernst-Wil­helm Händ­ler
Ernst-Wilhelm Händler

Ernst-Wil­helm Händ­ler: „Der Leser, der meh­re­re Stun­den ohne Unter­bre­chung einen Roman liest, ist für die Inter­net­fir­men unin­ter­es­sant.“ Foto: Tho­mas Dashu­ber / Agen­tur Focus

Bei den Vor­gän­gern der heu­ti­gen indus­tri­el­len Gesell­schaf­ten hat­te die Lite­ra­tur drei wesent­li­che Funk­tio­nen: die Erbau­ung – im aller­wei­tes­ten Sinn – der jeweils Gegen­wär­ti­gen, die Spei­che­rung von Erleb­tem und Gedach­tem, von Gesche­he­nem und von Mythen für die Nach­ge­bo­re­nen und die Gene­rie­rung spe­zi­el­ler Erkennt­nis. Mit der moder­nen IT, mit dem Com­pu­ter­den­ken und mit den Inter­net­platt­for­men haben sich die Rah­men­be­din­gun­gen für Lite­ra­tur und ihre Funk­tio­nen radi­kal ver­än­dert.

Auf­merk­sam­keit. Nach einer rezen­ten Erhe­bung des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels haben 6,4 Mil­lio­nen Deut­sche, die zuvor regel­mä­ßi­ge Buch­käu­fer waren, in den Jah­ren 2013 und 2017 kein ein­zi­ges Buch mehr erwor­ben, weder im sta­tio­nä­ren Buch­han­del noch im Inter­net. Das bedeu­tet einen Rück­gang der Buch­käu­fer um fast acht­zehn Pro­zent. Bis zum Jahr 2014 waren die Buch­käu­fer in Deutsch­land in der Mehr­heit, jetzt sind sie gegen­über den Nicht-Käu­fern in der Min­der­heit. Die Stu­die ver­sucht auch, die Ursa­chen für die­se Ent­wick­lung zu ermit­teln. Als zen­tra­ler Grund wird das Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit infol­ge von Reiz­über­flu­tung ange­ge­ben. Gemäß einer Unter­su­chung der Uni­ver­si­tät Bonn unter­bre­chen die Smart­phone-Besit­zer in Deutsch­land 88 Mal am Tag ihre jewei­li­ge Tätig­keit, um das in sei­ner Funk­tio­na­li­tät stark erwei­ter­te Tele­fon zu benut­zen.

Durch die neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ist die indi­vi­du­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on wesent­lich beque­mer gewor­den. Die öffent­li­chen Ange­bo­te von Inter­net­platt­for­men sind Legi­on. Sowohl die indi­vi­du­el­le als auch die öffent­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on haben sich in vor­her nicht für mög­lich gehal­te­nem Aus­maß beschleu­nigt und aus­ge­wei­tet. Das Volu­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on beschnei­det das Zeit­bud­get für das Lesen von Lite­ra­tur, die Por­tio­nie­rung und die Beschleu­ni­gung der Kom­mu­ni­ka­ti­on redu­zie­ren die Auf­merk­sam­keits­span­ne poten­zi­ell unter die Schwel­le, die für das Lesen von Lite­ra­tur erfor­der­lich ist.

Die Schnell­le­big­keit des elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­all­tags ist jedoch mit­nich­ten eine not­wen­dig in Kauf zu neh­men­de Fol­ge der Tech­no­lo­gie. Die Beschleu­ni­gung aller Inter­ak­ti­ons­vor­gän­ge der Nut­zer mit den genutz­ten Ange­bo­ten ist ein zen­tra­les Ziel der Inter­net-Fir­men. Sozia­le Medi­en und Such­ma­schi­nen ver­kau­fen Wer­be­plät­ze, die nach den über die Nut­zer gesam­mel­ten Daten die für die ange­bo­te­nen Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen die opti­ma­len sind. Das Geschäft der kos­ten­lo­sen Inter­net-Platt­for­men wird umso inter­es­san­ter, je mehr und je schnel­ler sich die Daten ändern. Sta­bi­le Daten sind schlecht für das Geschäft. Blei­ben die Kon­sum­ge­wohn­hei­ten kon­stant, kön­nen sozia­le Medi­en und Such­ma­schi­nen nach deren Erfas­sung kein Neu­ge­schäft täti­gen. Es liegt im Inter­es­se der kos­ten­lo­sen Inter­net-Platt­for­men, dass sich die Neben­be­din­gun­gen für die Kon­su­men­ten stän­dig ändern, damit sie den Anbie­tern lau­fend neue Infor­ma­tio­nen lie­fern kön­nen, die für die Kon­sum­ge­wohn­hei­ten rele­vant sind. Die Nut­zer sol­len glau­ben, sie müss­ten per­ma­nent auf ihr Gerät schau­en, um nichts zu ver­pas­sen. Je kür­zer die Auf­merk­sam­keits­span­ne der Nut­zer, des­to bes­ser. Die Men­schen sol­len es immer weni­ger schaf­fen, über län­ge­re Zeit die Kon­zen­tra­ti­on auf eine Akti­vi­tät auf­recht­zu­er­hal­ten. Der Leser, der meh­re­re Stun­den ohne Unter­bre­chung einen Roman liest, ist für die Inter­net­fir­men unin­ter­es­sant.

Inhalt­lich ist der gro­ße Kon­kur­rent der Lite­ra­tur die Fern­seh­se­rie. Fern­seh­se­ri­en sind eine Form des Erzäh­lens und somit der Lite­ra­tur grund­sätz­lich nahe. Der Haupt­un­ter­schied zur Lite­ra­tur besteht dar­in, dass die Fern­seh­se­rie dem Rezi­pi­en­ten kogni­ti­ve Arbeit abnimmt: Wer einen Roman liest, muss sich alles vor­stel­len, was in dem Roman beschrie­ben oder erwähnt wird. Sonst macht die Roman­lek­tü­re kei­nen Sinn. Die Bil­der der Fern­seh­se­rie neh­men dem Rezi­pi­en­ten einen gro­ßen Teil der Ima­gi­na­ti­ons­ar­beit ab – was wie­der­um eine Kunst für sich ist. In der Stu­die des Bör­sen­ver­eins spre­chen die Befrag­ten vor allem von Ent­span­nung. Für den Kon­sum von Fern­seh­se­ri­en sei kei­ne gro­ße Eigen­ener­gie nötig. Beim Seri­en­se­hen kann man sogar noch einer ande­ren Tätig­keit nach­ge­hen. Außer­dem kann man Seri­en zusam­men anse­hen und spon­tan dar­über kom­mu­ni­zie­ren, wäh­rend man Bücher höchs­tens par­al­lel lesen und sich ledig­lich nach der Lek­tü­re dar­über aus­tau­schen kann.

Für die Erbau­ungs­funk­ti­on gilt: Die Lite­ra­tur in der stoff­li­chen Form des her­kömm­li­chen Buches oder des E‑Books wird in der Zukunft nicht die her­aus­ra­gen­de Rol­le der Ver­gan­gen­heit spie­len. Nach der Stu­die des Bör­sen­ver­eins ver­zeich­ne­te das E‑Book im letz­ten Jahr den ers­ten Rück­gang. Die Kon­kur­renz um das Zeit­bud­get durch ande­re For­ma­te wird wei­ter zuneh­men. Eine span­nen­de Fern­seh­se­rie wie Stran­ger Things mit der phan­tas­ti­schen Schau­spie­le­rin Mil­lie Bob­by Brown oder die die Gegen­warts­äs­the­tik stark beein­flus­sen­de Platt­form Insta­gram sind kei­ne Zeit­ver­schwen­dun­gen. Was man nicht über man­che deut­sche Gegen­warts­ro­ma­ne sagen kann, in denen etwa der Prot­ago­nist sein iBook auf dem Bett lie­gen lässt (sic). Man ist hier ver­sucht, Chris Der­con zu zitie­ren: „Die deut­sche Kul­tur ist sehr beschränkt, nicht nur im Thea­ter, auch in der Lite­ra­tur. Die Neu­gier auf das, was drau­ßen pas­siert, die Neu­gier auf ande­re Dis­zi­pli­nen, das fällt den Deut­schen sehr schwer.“ Die Welt wird bes­ser: Die Haupt­fi­gur von Stran­ger Things, El, ist eine See­len­ver­wand­te von Mignon aus Goe­thes Wil­helm Meis­ter, jedoch deut­lich intel­li­gen­ter. Sie ist auch smar­ter als Buffy.

Über­haupt Net­flix. Wäh­rend die klas­si­schen Fern­seh­sen­der, egal ob öffent­lich-recht­lich oder pri­vat, immer die Mas­se ange­spro­chen und die Nische gemie­den haben, kom­bi­niert Net­flix Nischen: House of Cards rich­tet sich an die Poli­tik- und Macht-Inter­es­sier­ten, die sich auch über die der Macht­aus­übung zugrun­de­lie­gen­den Mecha­nis­men infor­mie­ren wol­len. Oran­ge Is the New Black ist eigent­lich die maxi­mal geläu­ter­te Haus­frau­ense­rie, Making a Mur­de­rer bedient die fort­ge­schrit­te­nen True-Crime-Fans etc. Man muss kein Pro­phet sein, um die tas­te com­mu­ni­ties des Markt­füh­rers beim Strea­ming von Seri­en als Zukunft auch der ernst­haf­ten Lite­ra­tur zu sehen. Die Zeit der Groß­schrift­stel­ler und Groß­dich­ter ist vor­bei, deren akzep­tier­ter oder nicht akzep­tier­ter Anspruch es war, mehr­heits­fä­hig zu sein.

Die Fern­seh­se­rie hat sehr viel von der Lite­ra­tur gelernt. Zahl­rei­che Erzähl­tech­ni­ken und Dia­log­stra­te­gien sind schlicht­weg von der Lite­ra­tur über­nom­men. Auch das Prin­zip des Erzäh­lens in Fort­set­zun­gen stammt aus der Lite­ra­tur, das Stan­dard­bei­spiel ist Charles Dickens. Weder kann noch soll­te die Lite­ra­tur viel von der Fern­seh­se­rie ler­nen. Rei­ne Best­sel­ler­au­toren haben schon immer ver­sucht, die kogni­ti­ve Bean­spru­chung des Lesers zu mini­mie­ren, lite­ra­ri­sche Best­sel­ler­au­toren üben sich in der Opti­mie­rung der­sel­ben.

Lite­ra­tur und Ima­gi­na­ti­on gehö­ren zusam­men. Indi­vi­du­el­le Ima­gi­na­ti­ons­ar­beit ist von den Inter­net­fir­men nicht erwünscht. Die Leu­te sol­len genau das ima­gi­nie­ren, was den Ange­bo­ten der Inter­net­fir­men ent­spricht. Aus die­ser Eng­füh­rung sind zwei Aus­we­ge denk­bar: eine geziel­te intel­lek­tu­el­le Auf­klä­rung, die der indi­vi­du­el­len Ima­gi­na­ti­on den ihr zukom­men­den Stel­len­wert zurück­gibt, und geän­der­te Geschäfts­mo­del­le der Inter­net­fir­men. Viel­leicht kann man ein­mal mit der För­de­rung der indi­vi­du­el­len Ima­gi­na­ti­on Geschäf­te machen?

Öffent­li­che und pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Seit der Exis­tenz des Inter­nets gibt es kaum mehr wirk­lich pri­va­te schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ein­zel­ne, die noch Brie­fe mit der Hand oder auf einer mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne schrei­ben, sind Aus­nah­me­fäl­le, die – bis jetzt – noch kei­nen Trend dar­stel­len.

Die Öffent­lich­keit der schrift­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on ist frei­wil­lig und unfrei­wil­lig. Die unfrei­wil­li­ge Öffent­lich­keit besteht dar­in, dass Geheim­diens­te und ‚ganz nor­ma­le‘ Fir­men auf alles Zugriff haben, was ins Inter­net ein­ge­speist wird. Wer etwas ande­res glaubt, macht sich Illu­sio­nen. Eric Schmidt, der ehe­ma­li­ge CEO von Goog­le, mein­te: „If you have some­thing that you don’t want anyo­ne to know, may­be you shouldn’t be doing it in the first place.“

Aber auch in Nicht-Schur­ken-Staa­ten kommt es vor, dass Schur­ken an Schalt­he­beln sit­zen, die Infor­ma­tio­nen sam­meln, um ihren Geg­nern zu scha­den. Auch in Nicht-Schur­ken-Staa­ten exis­tie­ren mora­li­sche Dilem­ma­ta, die mög­li­cher­wei­se durch Macht­aus­übung infol­ge einer asym­me­tri­schen Infor­ma­ti­ons­la­ge auf­ge­löst wer­den.
Durch das Inter­net haben die Men­schen die Mög­lich­keit, sym­bo­li­sches Kapi­tal im Bour­dieu­schen Sinn anzu­sam­meln, wobei Her­kunft, finan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten oder Leis­tungs­aus­wei­se auf klas­si­schen Fel­dern wie Kunst oder Wis­sen­schaft kei­ne not­wen­di­ge Bedin­gung sind. Die Insta­gram-Göt­tin­nen Bey­on­cé und Rihan­na sind groß­ar­ti­ge Sän­ge­rin­nen, Bey­on­cé ist auch eine her­vor­ra­gen­de Song­wri­te­rin, aber das allein führt noch nicht zu 115 Mil­lio­nen (Bey­on­cé) bezie­hungs­wei­se 63 Mil­lio­nen (Rihan­na) Fol­lo­wern. Rihan­na ist die Sti­li­ko­ne der Gegen­wart, sie­he auch den kürz­li­chen Auf­tritt bei der Met-Gala, Bey­on­cé lässt ihre Fol­lower nicht nur an ihrem Distink­ti­ons­ver­mö­gen, son­dern auch an ihrem Pri­vat­le­ben teil­neh­men, sie­he die kürz­li­che Schwan­ger­schaft. Die Ver­bin­dung von Schrift und Bild im Inter­net ermög­licht es nun jedem Insta­gram- oder You­Tube-Nut­zer, sich einen ande­ren, öffent­li­chen Kör­per zu kon­stru­ie­ren. Nach­dem das For­mat für alle Nut­zer das­sel­be ist, kön­nen sich auch Tho­mas und Lies­chen Mül­ler (das Mot­to des Dio­ge­nes-Ver­lags war frü­her: Wir sind der Ver­lag für Dr. Lies­chen Mül­ler) neben die neu­en Göt­tin­nen und Göt­ter stel­len.

Brief­wech­sel, Tage- und Notiz­bü­cher von Roman­ciers und Dich­tern sind nicht mehr die ein­zi­gen öffent­lich zugäng­li­chen Bei­spie­le der ent­spre­chen­den For­ma­te. Der Brief­ro­man ist kei­nes­wegs am Ende, ihn gibt es als E‑Mail- oder Tweet-Roman wei­ter. Hier wird sicht­bar, dass sich die Sub­stanz der Lite­ra­tur nicht ver­än­dert hat. Auch frü­her haben neben berühm­ten Schrift­stel­lern und Dich­tern Unbe­rühm­te Tage­bü­cher geführt und Auf­zeich­nun­gen gemacht, und sie sind ohne Inter­net durch ihre Nota­te berühmt gewor­den, sie­he Mon­tai­gne, Pepys und Lich­ten­berg. Auch heu­te machen Schrift­stel­ler und Nicht-Schrift­stel­ler Auf­zeich­nun­gen, die sie nicht sofort ver­öf­fent­li­chen.

Trotz allem: Es gibt noch das Bedürf­nis nach Pri­vat­sphä­re. Die Nach­fra­ge nach Guard­ed Com­mu­ni­ties und die Pro­tes­te gegen Gesichts­er­ken­nung sowie Body Scan­ning bezeu­gen das. Eric Schmidt wohnt in einem Con­do­mi­ni­um ohne Door­man, nie­mand sieht ihn kom­men und gehen. Mark Zucker­berg von Face­book hat fast alle Nach­bar­häu­ser gekauft, damit kei­ner sein Haus beob­ach­tet. Als unmit­tel­ba­rer Spei­cher für Erfah­run­gen, die dem Innen­le­ben der Indi­vi­du­en zuge­ord­net wer­den, wird Lite­ra­tur wei­ter wich­tig blei­ben. Denn die Schil­de­rung des Innen­le­bens ist die gro­ße Stär­ke der Lite­ra­tur über­haupt. Ver­ein­zelt gelin­gen Film und Fern­seh­se­ri­en anspruchs­vol­le Innen­bil­der. Oft sind die­se aller­dings das Ergeb­nis der Über­nah­me von lite­ra­risch erprob­ten Erzähl­tech­ni­ken.

Künst­li­che Intel­li­genz. Das zen­tra­le Para­dig­ma der KI sind im Augen­blick die neu­ro­na­len Netz­wer­ke. Die Ver­spre­chung lau­tet, dass es bald gigan­ti­sche rekur­ren­te neu­ro­na­le Netz­wer­ke geben wird, die gleich­zei­tig geschrie­be­ne Tex­te, gespro­che­ne Spra­che, Bil­der und Vide­os aus zahl­rei­chen Quel­len wahr­neh­men und ver­ar­bei­ten kön­nen. Die Netz­wer­ke sol­len buch­stäb­lich alles mit allem in Ver­bin­dung brin­gen. Das Gan­ze ist jedoch auch ein Fall von Opak­heit: Es gibt kei­ne mathe­ma­ti­schen Model­le, die zei­gen, wie das Ler­nen von neu­ro­na­len Netz­wer­ken funk­tio­niert. Sicher ist nur, dass die Netz­wer­ke ler­nen, und dass man die Lern­ergeb­nis­se ver­wen­den kann.

Die Gefahr, dass künst­li­che Intel­li­gen­zen Roma­ne und Gedich­te von Belang schrei­ben, erscheint nach den vor­lie­gen­den Talent­pro­ben gering. Kom­plex agie­ren­de Robo­ter gibt es schon län­ger, sie sind aus Fleisch und Blut und kön­nen immer­hin sin­gen. Der berüch­tig­te Schla­ger­sän­ger Tony Mar­shall: „Wenn ich auf die Büh­ne gehe, dann rufen die Leu­te ‚Schö­ne Maid‘ oder ‚Bora Bora‘. Aber das ist nicht das Belas­ten­de, son­dern dass man abfäl­lig als Tral­alasän­ger bezeich­net wird. Wenn ich durch die Stadt ging, auch in Baden-Baden, wo ich jetzt Ehren­bür­ger wer­de, habe ich manch­mal das Trot­toir gewech­selt, denn ich woll­te mich nicht durch dum­me Sprü­che pro­vo­zie­ren las­sen. Dabei gab es einen Euro­vi­si­ons­bei­trag einer spa­ni­schen Grup­pe, die haben tat­säch­lich nur lala­la gesun­gen – und nicht schlecht abge­schnit­ten. Das hat mich schon gewurmt, dass das offen­bar völ­lig okay war. Aber mit dem Alter kam dann die Ein­sicht: Hät­te es die ‚Schö­ne Maid‘ nicht gege­ben, hät­te es auch den Tony Mar­shall nicht gege­ben.“

Wahr­heit und kein Kon­sens. Am Anfang der Luh­mann-Sozio­lo­gie steht der Ver­zicht auf gesell­schaft­li­che Ord­nung durch Kon­sens. Die Haber­mas­sche Dis­kurs­ethik, nach der die Dis­kurs­teil­neh­mer in jeder denk­ba­ren Situa­ti­on von sich aus einen Kon­sens über einen Gegen­stand suchen, erscheint heu­te wie ein Relikt aus dem Paläo­li­thi­kum. Die Grund­vor­stel­lung, dass sozia­le Ord­nung in irgend­ei­ner Wei­se auf Kon­sens und Wahr­heit als Kon­sens beruht, fin­det sich jedoch in zahl­rei­chen Gesell­schafts­theo­rien bis hin zu Tal­cott Par­sons und John Rawls. Luh­mann defi­nier­te bekannt­lich Gesell­schaft als die Sum­me der in ihr statt­fin­den­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Kon­sens bedeu­tet Ende der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ende der Gesell­schaft. Dis­sens bedeu­tet, dass wei­ter kom­mu­ni­ziert wird, dass die Gesell­schaft per­se­ve­riert. Die Ver­fas­ser von Roma­nen und Gedich­ten, die pro­fes­sio­nel­len Lite­ra­tur­kri­ti­ker und die Leser aus Pas­si­on wuss­ten das schon immer. Eigent­lich weiß das auch jedes Kin­der­gar­ten­kind nach ein paar Tagen.

Die gegen­wär­ti­gen Gesell­schaf­ten leben nicht sel­ten sehr gut mit sich maxi­mal wider­spre­chen­den Wahr­heits­be­grif­fen, in denen kein Platz für irgend­ei­ne Ver­si­on des Kon­sens­ge­dan­kens ist. Es macht kei­nen Sinn, etwa Putin und Trump ein­fach Lüg­ner zu nen­nen. Für Trump ist Wahr­heit ein Ensem­ble aus Fern­seh­be­rich­ten, eige­nen Gefüh­len, Wün­schen und Abnei­gun­gen. Das ist in gewis­ser Hin­sicht – hor­ri­bi­le dic­tu – ein ziem­lich lite­ra­ri­scher Wahr­heits­be­griff. Für Putin ist es völ­lig egal, ob etwas eine Wahr­heit ist oder nicht, ob man ihm glaubt oder nicht. Wich­tig ist, dass nie­mand, der wich­tig ist, wider­spricht. Die bei­den Werk­zeu­ge, mit denen das erreicht wird, sind Geld und Gewalt bezie­hungs­wei­se Gewalt­an­dro­hung. Trump und Putin haben für ihren jeweils spe­zi­fi­schen Umgang mit der Wahr­heit Mehr­hei­ten gefun­den.

Die sich wider­spre­chen­den Wahr­heits­be­grif­fe lie­gen im Inter­es­se der Inter­net­fir­men. Sta­bi­le Wahr­hei­ten sind schlecht für das Geschäft. Des­in­for­ma­ti­on und Fake News nüt­zen den Inter­net­fir­men, weil sie den Effekt haben, dass sich die Neben­be­din­gun­gen für die Kon­su­men­ten stän­dig ändern. Wer nicht bei dem Online-Spiel Fake News oder nicht? mit­macht, ist für die Inter­net­fir­men unin­ter­es­sant.

Dif­fe­ren­zie­rung und Habi­tus. Wenn sich die Gesell­schafts­theo­re­ti­ker bis zum Ende des letz­ten Jahr­hun­derts über etwas einig waren, dann über den uni­ver­sa­len Trend zur zuneh­men­den funk­tio­na­len Dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaf­ten: Es exis­tie­ren immer mehr gesell­schaft­li­che Sub­sys­te­me, sie unter­schei­den sich immer stär­ker von­ein­an­der, es gibt immer weni­ger ‚gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­nunft‘ und Com­mon Sen­se. Dabei sind die meis­ten Sozio­lo­gen nicht so strikt wie Luh­mann, der sei­ne sozia­len Sub­sys­te­me über die Unter­schie­de zwi­schen ihnen defi­nier­te.

Der Bour­dieu­sche Habi­tus ist einer der wirk­mäch­tigs­ten gesell­schafts­theo­re­ti­schen Begrif­fe aller Zei­ten. Die Posi­tio­nen im sozia­len Raum Bour­dieus sind mit bestimm­ten Ver­hal­tens­dis­po­si­tio­nen für ihre Inha­ber ver­bun­den. Für die­se posi­ti­ons­spe­zi­fi­schen Dis­po­si­tio­nen ver­wen­det Bour­dieu den anschau­li­chen Aus­druck Habi­tus. Der Habi­tus ist das Ergeb­nis der Kon­di­tio­nie­rung des Posi­ti­ons­in­ha­bers für alle wie­der­keh­ren­den Hand­lun­gen und für den Umgang mit allen Gütern. Der Habi­tus ist immer auch eine Geschmacks­klas­se, deren Ele­men­te star­ke sti­lis­ti­sche Ähn­lich­kei­ten auf­wei­sen. Bour­dieu erläu­tert das Prin­zip des Habi­tus ger­ne durch Ver­weis auf für ihre jewei­li­gen sozia­len Schich­ten typi­sche Figu­ren bei Bal­zac und Flau­bert.

Bedingt durch die Mög­lich­kei­ten der IT hat die sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung so stark zuge­nom­men, dass die Exis­tenz der Ein­hei­ten, die da Gegen­stand der Dif­fe­ren­zie­rung gewor­den sind, frag­lich gewor­den ist. Das Gan­ze bie­tet natür­lich eine Par­al­le­le zur Pro­ble­ma­tik des Ich, des Selbst, des Bewusst­seins etc. Jona­than Fran­zen übt Kri­tik am Inter­net, indem er Karl Kraus zitiert: „Wir trei­ben einen Welt­ver­kehr auf schmal­spu­ri­gen Gehirn­bah­nen.“ Der Satz ist im Kon­text des­sen, was er kri­ti­sie­ren soll, irre­füh­rend. Die Gehirn­bah­nen des gegen­wär­ti­gen Welt­ver­kehrs mögen schmal sein, aber sie ver­zwei­gen sich per­ma­nent.

Dirk Bae­cker ver­tritt in sei­nen Stu­di­en zur nächs­ten Gesell­schaft die Auf­fas­sung, dass die nächs­te Gesell­schaft eine sein wer­de, wel­che die funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung hin­ter sich gelas­sen haben wird. In jedem Fall taugt der Gedan­ke der funk­tio­na­len Dif­fe­ren­zie­rung nicht mehr als uni­ver­sa­les Gelän­der für das Theo­rie­de­sign. Ana­lo­ges gilt für den Habi­tus. Man kann kei­ne Roma­ne mehr schrei­ben wie Bal­zac, Zola und Proust, in denen das Per­so­nal fest in einer jewei­li­gen sozia­len Posi­ti­on ver­an­kert ist und in denen es einen wich­ti­gen Teil der Sto­ry­line aus­macht, die Gren­zen der sozia­len Posi­ti­on ledig­lich zu tes­ten.

Opak­heit der Gesell­schaft. Luh­mann heg­te die Befürch­tung, dass die Com­pu­ter einen zuneh­men­den Teil der Gesell­schaft unsicht­bar machen. Wenn immer mehr Leis­tun­gen der Com­pu­ter für die Kom­mu­ni­ka­ti­on und das Bewusst­sein unzu­gäng­lich blei­ben, wird eine Beschrei­bung der Gesell­schaft schwie­rig bis unmög­lich.
Das Luh­mann­sche Miss­trau­en ist durch­aus berech­tigt. Die Inter­net­platt­for­men gewäh­ren Inter­es­sen­ten kei­nen direk­ten Zugriff auf inter­ne Daten, Algo­rith­men und Pro­zes­se. Sie stel­len den Nut­zern APIs, Appli­ca­ti­on Pro­gramming Inter­faces, Schnitt­stel­len für Pro­gram­mie­rer, zur Ver­fü­gung. Damit kön­nen die Inter­es­sen­ten aus­ge­wähl­te Daten her­un­ter­la­den und bestimm­te, von den Inter­net­fir­men vor­ge­se­he­ne Ana­ly­sen der Daten vor­neh­men. Die genaue Struk­tur der APIs bleibt dem Nut­zer jedoch ver­bor­gen, und die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist für den Nut­zer nicht durch­sich­tig. Natür­lich ver­wen­den die Inter­net­fir­men die APIs dazu, Daten über deren Nut­zer zu gewin­nen. Je mehr die Nut­zer der APIs wis­sen wol­len, des­to mehr erfährt die Platt­form, die hin­ter den APIs steht, über die Nut­zer. Auf die­se Wei­se üben die Inter­net­platt­for­men eine Kon­trol­le über Teil­be­rei­che der gesell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on aus, deren Art und Umfang gänz­lich im Dun­keln bleibt.

Die zen­tra­len Gedan­ken Luh­manns sind die stän­dig zuneh­men­de Bedeu­tung der Beob­ach­tung zwei­ter Ord­nung und sein radi­ka­ler Funk­tio­na­lis­mus. Eine ein­heit­li­che Beschrei­bung von Gesell­schaf­ten ist nicht mög­lich, weil es kei­nen Stand­punkt außer­halb der Gesell­schaf­ten und kei­ne pri­vi­le­gier­te Beob­ach­ter­po­si­ti­on gibt. Wenn man ein gesell­schaft­li­ches Phä­no­men vor sich hat, muss man unter­su­chen, inwie­fern es dazu bei­trägt, das Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaft in ihrer vor­lie­gen­den Struk­tur zu för­dern. Der Begriff der Funk­ti­on impli­ziert, dass eine Stel­le in einer Gesell­schaft immer auch anders, aber nicht belie­big anders besetzt wer­den kann. In der Gegen­wart machen öko­no­mi­sche Erklä­run­gen einen immer grö­ße­ren Anteil der funk­tio­na­lis­ti­schen Erklä­rungs­an­ge­bo­te aus: Es gibt etwas, weil es ein Geschäft für den­je­ni­gen ist, der dafür sorgt, dass es das Etwas wei­ter gibt. Die sich wider­spre­chen­den Wahr­hei­ten sind gut für das Geschäft.

Mit den Inter­net­platt­for­men hat sich der Cha­rak­ter der Autor­schaft von Nar­ra­ti­ven ver­än­dert, die für die Gesell­schaft wich­tig sind. Damit sind nicht lite­ra­ri­sche Erzeug­nis­se gemeint. Im letz­ten Jahr­hun­dert hat­te man ein Bild von der Autor­schaft wich­ti­ger Nar­ra­ti­ve: Es gab Figu­ren und Per­so­nen­grup­pen, reli­giö­se und ethi­sche Über­zeu­gun­gen sowie spe­zi­fi­sche Inter­es­sen­la­gen, denen man die Nar­ra­ti­ve zuord­nen konn­te. In die­sem Jahr­hun­dert hat die Autor­schaft hin­ter den kur­sie­ren­den Nar­ra­ti­ven viel weni­ger Kon­tur. Das ist eine Sor­te von Opak­heit, die Luh­mann nicht vor­aus­sah, die ihn jedoch wohl noch mehr beun­ru­higt hät­te als die von ihm vor­weg­ge­nom­me­ne Opak­heit der Com­pu­ter. Wenn es eine zen­tra­le inhalt­li­che Fra­ge in den Zei­ten des Com­pu­ter­den­kens und der Inter­net­platt­for­men gibt, dann ist das die Fra­ge nach der nicht­li­te­ra­ri­schen Autor­schaft. Wel­ches For­mat könn­te bes­ser geeig­net sein, die­se Fra­ge zu behan­deln, als die Lite­ra­tur?

Spei­che­rung. Auch wenn man nicht der Auf­fas­sung ist, dass Gesell­schaft aus­schließ­lich Kom­mu­ni­ka­ti­on ist: Gesell­schaf­ten sta­bi­li­sie­ren und per­p­etu­ie­ren sich in hohem Aus­maß durch Kom­mu­ni­ka­ti­on. Lite­ra­tur ist dabei kein Leit­me­di­um mehr. In der zwei­ten Hälf­te des vori­gen Jahr­hun­derts gab es im deut­schen Sprach­raum aktu­el­le Bücher, ‚die man gele­sen haben soll­te‘. Eine ana­lo­ge Aus­sa­ge lässt sich über Bücher, die heu­te erschei­nen, nicht machen. Zwar kur­sie­ren jede Men­ge von Bücher­emp­feh­lun­gen im Inter­net, doch wei­sen die ent­spre­chen­den Lis­ten kaum Über­schnei­dun­gen auf.

Die gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on setzt Gedächt­nis vor­aus. Bis jetzt fin­den sich die auf­schluss­reichs­ten gesell­schaft­li­chen Selbst­dar­stel­lun­gen in der Geschichts­wis­sen­schaft, in der erzäh­len­den Lite­ra­tur und im Film. Die Dar­stel­lun­gen der Geschichts­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich bevor­zugt mit Ereig­nis­sen und Per­so­nen, die für die jewei­li­gen Gesell­schaf­ten kon­sti­tu­tiv und reprä­sen­ta­tiv sind. Die Autoren ver­su­chen dabei in der Regel, sich an soge­nann­te his­to­ri­sche Fak­ten zu hal­ten. Die Lite­ra­tur macht bei­de Ein­schrän­kun­gen nicht. Die Spei­che­rung durch die Lite­ra­tur ist unsys­te­ma­tisch und schlicht sub­jek­tiv. Gespei­chert wird nur das, was die jeweils Gegen­wär­ti­gen in irgend­ei­ner Form erbaut und was ihnen eine mög­li­cher­wei­se pas­sen­de Posi­ti­on in ihrer Welt anbie­tet. Die Spei­che­rung durch Geschichts­wis­sen­schaft und Lite­ra­tur muss­te unvoll­stän­dig sein, weil den Gesell­schaf­ten gene­rell nur eine gerin­ge Kapa­zi­tät der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung eig­ne­te. Mit der heu­ti­gen IT sind die Gesell­schaf­ten dazu in der Lage, ihre Kom­po­nen­ten und Selbst­dar­stel­lun­gen mit einem hohen Grad von Voll­stän­dig­keit zu spei­chern.

Das Gedächt­nis des Inter­nets ist die Way­back Machi­ne des Inter­net Archi­ve in San Fran­cis­co. Sie spei­chert ca. 310 Mil­li­ar­den Web­sites, wöchent­lich kommt ca. eine Mil­li­ar­de hin­zu. Das Ziel ist, einen mög­lichst gro­ßen Teil der zu jedem Zeit­punkt ver­füg­ba­ren Inter­net­sei­ten für die Ewig­keit zu bewah­ren. Dar­über hin­aus bie­tet das Archiv Zugang zu Samm­lun­gen von Maga­zi­nen und Büchern, Bil­dern, Audio­da­tei­en, Vide­os und Soft­ware. Die gespei­cher­te Daten­men­ge beträgt der­zeit 35 Mil­lio­nen Giga­bytes. Etwa eine Mil­li­on Men­schen nutzt den Ser­vice pro Tag.

Horaz sag­te über sei­ne Gedich­te: „Exegi monu­men­tum aere per­en­ni­us.“ Ich habe ein Denk­mal errich­tet, dau­er­haf­ter als Bron­ze. Das schrift­li­che Fest­hal­ten von Horaz’ Gedich­ten auf den damals ver­füg­ba­ren Mate­ria­li­en, das Kopie­ren und die Wei­ter­ga­be bean­spruch­ten einen ver­nach­läs­sig­ba­ren Teil der Res­sour­cen der Gesell­schaft. Das­sel­be gilt für das Inter­net Archi­ve. Im Inter­net tau­chen die Tex­te und Bil­der auf und ver­schwin­den. Das gro­ße Fla­ckern wird ohne über­gro­ße Bean­spru­chung der ver­füg­ba­ren Res­sour­cen gespei­chert. Das Gebäu­de, in dem das Inter­net Archi­ve resi­diert, wur­de 1923 erbaut und dien­te bis vor zehn Jah­ren als Kir­che. Wo frü­her Got­tes­diens­te abge­hal­ten wur­den, ste­hen jetzt Ser­ver. Im Altar­raum erschei­nen auf meh­re­ren Bild­schir­men in rascher Abfol­ge Web­sites aus der Früh­pha­se des Inter­nets. Horaz hat aus sei­ner Gegen­wart eine Quint­essenz her­aus­de­stil­liert, des­we­gen bean­spruch­te er eine Bron­ze­sta­tue für sich. Das Inter­net Archi­ve ist eine Hoar­der- oder bes­ser: eine Mes­sie-Akti­vi­tät. Von ver­dien­ten Mit­ar­bei­tern wer­den Holz­sta­tu­en ange­fer­tigt, an denen die Besu­cher vor­bei­pro­me­nie­ren.

Im Inter­net Archi­ve ist alles gleich­be­rech­tigt. Die Way­back Machi­ne macht kei­nen Unter­schied zwi­schen pri­va­ten Fotos, Abbil­dun­gen von Kunst­wer­ken und por­no­gra­phi­schen Sei­ten, zwi­schen aner­kann­ten Wis­sen­schaft­lern und Mit­glie­dern der Flat Earth Socie­ty, zwi­schen his­to­ri­schen Dar­stel­lun­gen und Ver­schwö­rungs­theo­rien. Das Inter­net Archi­ve spei­chert ledig­lich rohe Kul­tur­da­ten. Unab­hän­gig davon ist die Men­gen­pro­ble­ma­tik: Das Inter­net Archi­ve ent­hält nie dage­we­se­ne Men­gen von Kul­tur­da­ten. Hier ergibt sich die übli­che Pro­ble­ma­tik von gro­ßen Gedächt­nis­spei­chern: Wenn auf die Daten nicht zuge­grif­fen wird, dann ist das so, als ob es die Spei­cher, die Daten nicht gäbe.

Neben der wei­ter­hin aktu­el­len direk­ten Spei­cher­funk­ti­on wird Lite­ra­tur eine Meta-Spei­cher­funk­ti­on bekom­men: Lite­ra­tur wird eine Metho­de unter meh­re­ren sein, die Roh­da­ten aus dem Inter­net Archi­ve zu orga­ni­sie­ren. Will sagen: Nar­ra­ti­ve wer­den mit dar­über ent­schei­den, was auf­ge­ru­fen wird und was nicht, und Nar­ra­ti­ve wer­den das Auf­ge­ru­fe­ne bewer­ten.

Lite­ra­tur, die ver­sucht, „Das Mensch­li­che“ mög­lichst unver­än­dert durch die Zei­ten zu brin­gen, muss schei­tern. „Der Mensch“ ist zu jeder Zeit in hohem Maß von der Gesell­schaft und von der jeweils ver­füg­ba­ren Tech­no­lo­gie gebil­det. Luh­mann sah, fast angst­voll, die Anders­heit des Com­pu­ters. Roma­ne und Gedich­te sind oft Ver­stär­kungs­ana­ly­sen von Abwei­chun­gen, das gilt sowohl für die Beschrei­bun­gen von Innen- als auch von Außen­wel­ten. In der Gegen­wart bedeu­ten das Com­pu­ter­den­ken und die Inter­net­platt­for­men die größ­ten Abwei­chun­gen von der Ver­gan­gen­heit. Lite­ra­tur muss auch erfas­sen, wie das Com­pu­ter­den­ken, wie die Inter­net­platt­for­men die Gesell­schaf­ten und die Ein­zel­nen ver­än­dern. Heid­eg­ger wür­de goo­geln. Witt­gen­stein wür­de goo­geln und Insta­gram abon­nie­ren. Musil wür­de goo­geln, Insta­gram abon­nie­ren und viel­leicht sogar pro­gram­mie­ren.

Erkennt­nis. Auf die Erkennt­nis­funk­ti­on soll hier nur am Rand ein­ge­gan­gen wer­den. Klas­si­scher­wei­se umfasst die Erkennt­nis­funk­ti­on der Lite­ra­tur das Pro­des­se aus dem ‚Pro­des­se et delec­ta­re‘ des Horaz in sei­ner Ars poe­ti­ca: „Aut pro­des­se volunt aut delec­ta­re poe­tae.“ Die Erkennt­nis­funk­ti­on in einem sehr wei­ten Sinn meint alles, was erzie­he­risch ist, was bil­det, was dem Leser die Augen öff­net, was der Leser erst­mals für sich ver­steht.

Lite­ra­tur ver­än­dert die Bezie­hun­gen sprach­li­cher Arte­fak­te zuein­an­der und deren Ver­hält­nis zu dem, was nicht Spra­che ist. Dies ist natur­ge­mäß genau des­halb mög­lich, weil Lite­ra­tur Ima­gi­na­ti­ons­ar­beit sowohl auf der Sei­te des Autors als auf der­je­ni­gen des Lesers ist. Ich ver­wei­se auf mei­nen Essay Ver­such über den Roman als Erkennt­nis­in­stru­ment, der die Erkennt­nis­funk­ti­on der Lite­ra­tur for­mal kon­kre­ti­siert.

Das Ende der Geschich­te. Nach Hegel und Fran­cis Fuku­ya­ma beschäf­tigt auch den Inter­net-Kri­ti­ker Evge­ny Morozov das mög­li­che Ende der Geschich­te. Die füh­ren­den Akteu­re der ame­ri­ka­ni­schen Tech­no­lo­gie­fir­men sei­en sich mit den euro­päi­schen Tech­no­kra­ten einig, dass die Geschich­te bereits zu Ende ist. Der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus herr­sche, weil er über­all Wohl­stand brin­ge und dafür sor­ge, dass Leis­tung sich lohnt. Es gebe nur noch mehr oder weni­ger regu­lier­te Märk­te, auf denen die Tech­no­lo­gie-Fir­men den Nut­zern alle denk­ba­ren Güter und Dienst­leis­tun­gen anbie­ten. Poli­tik nach dem Ende der Geschich­te bestehe aus genau drei Ele­men­ten: Initia­ti­ven zur Stär­kung der Ver­brau­cher­rech­te, zur För­de­rung des Wett­be­werbs und aus Steu­er­po­li­tik.

Dabei neh­men die Tech­no­lo­gie­fir­men gro­ßen Anteil am Wohl­erge­hen der Kon­su­men­ten. Die Moti­va­ti­on dazu ist nicht unbe­dingt eine ethi­sche. Wenn die Kon­su­men­ten nicht über die ent­spre­chen­den finan­zi­el­len Mit­tel ver­fü­gen, sind sie kei­ne. Des­we­gen soli­da­ri­sie­ren sich die Tech­no­lo­gie­fir­men mit den For­de­run­gen nach einem bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men, und sie unter­neh­men selbst Anstren­gun­gen, Pro­ble­me der Bil­dungs- und Gesund­heits­sys­te­me zu bewäl­ti­gen.

Ist das Ende der Geschich­te auch das Ende der Lite­ra­tur?

Alle bis­he­ri­gen mensch­li­chen Gesell­schaf­ten benö­ti­gen für ihr Funk­tio­nie­ren das Ele­ment der Nar­ra­ti­on. Die jezei­ti­ge Iden­ti­tät der Ein­zel­nen wie der rele­van­ten Grup­pie­run­gen kon­sti­tu­iert sich ganz wesent­lich durch nar­ra­ti­ve Tech­ni­ken. Natür­lich müs­sen die­se nicht unbe­dingt ver­schrift­licht sein. In den Vor­gän­ger­ge­sell­schaf­ten unse­res Kul­tur­krei­ses bil­de­te die Lite­ra­tur die Indi­vi­du­en bestimm­ter sozia­ler Schich­ten und per­p­etu­ier­te durch ihre Rol­le als kul­tu­rel­les Gedächt­nis die Gesell­schaft und bestimm­te Sub­ge­sell­schaf­ten als Gan­ze.

Was übli­cher­wei­se als das Fik­tio­na­le bezeich­net wird, ist kei­nes­wegs ein Pro­dukt spe­zi­fi­scher Kul­tu­ren, son­dern gehört zur Con­di­tio huma­na. Nicht nur Roman­au­to­ren ersin­nen Figu­ren, die nie gelebt haben. Es ist völ­lig nor­mal, dass sich Kin­der im Vor­schul- und Ele­men­tar­schul­al­ter Geschwis­ter und Freun­de erfin­den, die es nicht gibt. Die Gefähr­ten und Gefähr­tin­nen sind kei­ne Ablen­kun­gen von der Welt, son­dern sie hel­fen den Kin­dern, in der Welt zurecht­zu­kom­men, etwa, indem sie mit ihnen Pro­ble­me unter unter­schied­li­chen Gesichts­punk­ten dis­ku­tie­ren. Solan­ge die nächs­ten Gesell­schaf­ten nar­ra­ti­ve Ele­men­te auf­wei­sen, wird es Lite­ra­tur geben, die die­sen Namen ver­dient.

Com­pu­ter­den­ken ist der mensch­li­che Gedan­ken­pro­zess, in des­sen Ver­lauf sowohl das Pro­blem als auch die Lösung des Pro­blems so for­mu­liert wird, dass die tat­säch­li­che Pro­blem­lö­sung unter­schieds­los von Men­schen oder von Maschi­nen aus­ge­führt wer­den kann. Natür­lich kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass künst­li­che Intel­li­gen­zen der Zukunft ein­mal annehm­ba­re Roma­ne und Gedich­te schrei­ben wer­den. Aber die­se Gleich­set­zung von Pro­blem und Lösung zeigt anschau­lich, wie weit lite­ra­ri­sche Autor­schaft und lite­ra­ri­sches Lesen vom gegen­wär­tig gras­sie­ren­den Com­pu­ter­den­ken ent­fernt sind. Lite­ra­tur ist gera­de nicht, dass der Autor oder der Leser sein Pro­blem so löst, dass es keins mehr ist, oder sogar: dass es nie eins war. Dann han­delt es sich nicht um Lite­ra­tur. In der Regel ist Lite­ra­tur das unge­lös­te Pro­blem oder die Lösung für ein ande­res Pro­blem.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Ändert sich das Den­ken der Schrift­stel­ler und Dich­ter in den Zei­ten der Inter­net­platt­for­men? Die kla­re Ant­wort lau­tet: nicht wesent­lich. Lite­ra­ri­sches und gegen­wär­ti­ges Com­pu­ter­den­ken sind so weit von­ein­an­der ent­fernt, dass es da nicht ein­mal eine Drift geben kann. Das ist auch gut so: Damit die Lite­ra­tur ihre Spei­cher­funk­ti­on bezie­hungs­wei­se ihre Meta-Spei­cher­funk­ti­on wir­kungs­voll wahr­neh­men kann, muss sie anders den­ken als das Inter­net Archi­ve. Am Ende geht es immer um das Sor­tie­ren, Deu­ten, Ver­ar­bei­ten, Zum-Nar­ra­tiv-Machen des Auf­ge­nom­me­nen.

Post­skrip­tum. Reid Hoff­man, Mit­grün­der von Lin­ke­dIn, ist über­zeugt, dass etwa die Hälf­te der Inter­net-Mil­li­ar­dä­re auch Prep­pers sind, die Vor­keh­run­gen für den Fall des Welt­un­ter­gangs tref­fen. Fin­den sich zwi­schen Not­strom­ag­gre­ga­ten, Solar­zel­len, Kon­ser­ven, Schuss­waf­fen und Muni­ti­on auch gebun­de­ne Bücher? Die ja im Gegen­satz zu E‑Books den Not­strom nicht stra­pa­zie­ren wür­den. Wenn ja, wel­che? The Sin­gu­la­ri­ty Is Near von Ray Kurz­weil oder Aus­ga­ben des Horaz.

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Ernst-Wil­helm Händ­ler, gebo­ren 1953, lebt in Mün­chen und Regens­burg. 1995 erschien sein Debüt Stadt mit Häu­sern bei der Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt. Zuletzt publi­zier­te er die Roma­ne Der Über­le­ben­de (S. Fischer, 2013) und Mün­chen. Gesell­schafts­ro­man (S. Fischer, 2016) sowie den Ver­such über den Roman als Erkennt­nis­in­stru­ment (S. Fischer, 2014).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2018

Online seit: 8. Okto­ber 2018

Zuletzt geän­dert: 17. Dez. 2019