Der Mensch findet nicht innen statt

Zur deutsch­spra­chi­gen erzäh­len­den Lite­ra­tur der Gegen­wart. Von Ernst-Wil­helm Händ­ler.

Dies ist ein Expe­ri­ment: Die Erzeu­gung von Lite­ra­tur wird als regel­ba­siert auf­ge­fasst, und es wer­den drei grund­le­gen­de Regeln for­mu­liert, die für die deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur kon­sti­tu­tiv sind.

Regel­ba­siert bedeu­tet natür­lich nicht, dass alle Autoren den­sel­ben Regeln fol­gen. Dann wür­den ja alle die glei­chen Bücher schrei­ben. Jeder Autor hat prin­zi­pi­ell die Aus­wahl aus einem rie­si­gen Pool von lite­ra­ri­schen Ver­fah­rens­wei­sen. Übli­cher­wei­se wen­det ein Autor nur weni­ge Ver­fah­rens­wei­sen an, jeweils unter bestimm­ten, im Lauf der Zeit weit­ge­hend gleich­blei­ben­den Bedin­gun­gen. Das heißt aber nichts ande­res, als dass er Regeln folgt, die er sich selbst gibt. Die­se Regeln machen die Pro­duk­ti­ons­stra­te­gie des Autors aus. Die ange­wen­de­ten Ver­fah­rens­wei­sen und die Anwen­dungs­be­din­gun­gen kön­nen sich im Zeit­ab­lauf ändern, der Autor ändert sei­ne Regeln, sei­ne Pro­duk­ti­ons­stra­te­gie. Der Pro­zess darf Ele­men­te des Zufalls ent­hal­ten, aber er soll­te nicht zur Gän­ze zufäl­lig sein. Die Regeln, die der Autor anwen­det, bil­den eine Hier­ar­chie. Die grund­le­gen­den Regeln sind sehr all­ge­mein, sie las­sen die Frei­heits­gra­de für die beson­de­ren Regeln, die den Autor unver­wech­sel­bar machen.

„Am ruhen­den Pflug unterm über­wei­ßen Schleh­dorn das ein­fa­che Mahl in mit­täg­li­cher Früh­jahrs­son­ne.“ Die­ser Satz ist nicht von Hand­ke, son­dern von Heid­eg­ger.

Ist der Ver­such sinn­voll oder zumin­dest ver­tret­bar, das wei­te Feld einer Lite­ra­tur mit der Defi­ni­ti­on weni­ger Grund­re­geln zu erfas­sen? Das Gegen­ar­gu­ment lau­tet natür­lich: Dabei fällt so viel weg. Das stimmt. Aber: Geht mit der Ver­fah­rens­wei­se der klas­si­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te ent­lang den Lebens­läu­fen von Schrift­stel­lern und Büchern oder bei der Erstel­lung einer Typo­lo­gie nach Inhal­ten oder For­men nicht eben­falls viel ver­lo­ren? Egal, wie man sich der Lite­ra­tur nähert: Man kann Lite­ra­tur nie­mals zusam­men­fas­sen oder auf etwas ande­res redu­zie­ren.

Die deutsch­spra­chi­ge erzäh­len­de Lite­ra­tur der Gegen­wart folgt drei Grund­re­geln:

1. Die Erzäh­ler und bezie­hungs­wei­se oder die Figu­ren agie­ren mit einem hohen Maß von Bewusst­heit in Bezug auf ihre jewei­li­ge Erzäh­lungs- bezie­hungs­wei­se Hand­lungs­si­tua­ti­on. In über­spitz­ter For­mu­lie­rung soll des­halb vom Prin­zip des Bewusst­heits­er­leb­nis­ses gespro­chen wer­den.

Sowohl auf der Ebe­ne der Hand­lung wie auf der Ebe­ne der Schil­de­rung der Hand­lung bedeu­tet Lite­ra­tur immer Erleb­nis. In der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur gibt es nur sel­ten ein Erleb­nis ohne ein gleich­zei­ti­ges oder nach­ge­scho­be­nes Bewusst­heits­er­leb­nis: Jedes Füh­len ist auch ein Füh­len des Füh­lens, jedes Den­ken ist auch ein Den­ken des Den­kens. Die­ses Bewusst­sein hat natür­lich viel mit der direk­ten Beob­ach­ter­po­si­ti­on zu tun, die Figu­ren und die Erzäh­ler beob­ach­ten sich gern und aus­führ­lich unmit­tel­bar selbst. Aber dar­in erschöpft sich Bewusst­sein nicht. Bewusst­sein ent­steht nicht nur durch direk­te, son­dern auch durch indi­rek­te Selbst­be­zü­ge, über inhalt­li­che und for­ma­le Pro­duk­ti­ons­um­we­ge.

2. Der Schwer­punkt der Figu­ren­schil­de­rung oder Betrach­tung liegt dezi­diert nicht auf dem Psy­chi­schen. Es sei des­halb die Rede vom Exter­na­li­täts­prin­zip.

Das Exter­na­li­täts­prin­zip ist radi­kal: Emo­tio­na­le Stim­mun­gen und kogni­ti­ve Gestimmt­hei­ten haben ihren Ursprung nicht in den Erzäh­lern und in den Figu­ren. Viel­mehr sind die Figu­ren und die Erzäh­ler in die ent­spre­chen­den Stim­mun­gen ver­setzt. Das Wort „ver­setzt“ ist hier nicht im über­tra­ge­nen, son­dern im buch­stäb­li­chen Sinn auf­zu­fas­sen: Din­ge und Ideen bil­den meist eine sta­ti­sche Struk­tur, eine Büh­ne, manch­mal auch eine dyna­mi­sche Abfol­ge von Gescheh­nis­sen, wel­che die ent­spre­chen­de Stim­mung nicht nur dar­stellt, son­dern tat­säch­lich ist. Die Erzäh­ler und ihre Figu­ren fin­den Sinn­ge­bungs­mus­ter nicht in sich, son­dern nur außer­halb ihrer selbst. Ent­we­der gibt es über­haupt kein Innen der Figu­ren oder der Erzäh­ler, oder das Innen der Erzäh­ler und der Figu­ren ist deren Außen.

Zur Bewusst­heit gehört, dass man sich des Exter­na­li­täts­prin­zips bewusst ist. Die Prot­ago­nis­ten wis­sen: Was sie aus­macht, ist nicht innen in ihnen auf­ge­stie­gen. Wenn die Prot­ago­nis­ten etwas über sich selbst erfah­ren wol­len, bleibt ihnen nichts ande­res übrig, als sich in mög­lichst allem, was außen ist, zu füh­len.

Wer oder was ver­setzt Erzäh­ler und Figu­ren in ent­spre­chen­de Stim­mun­gen? Die See­le ent­steht nicht im Men­schen. Aber es ver­hält sich auch nicht so, dass das Außen des Men­schen beseelt wäre und auf den Men­schen über­grei­fen wür­de. Was übli­cher­wei­se als See­le bezeich­net wird, ist in den deutsch­spra­chi­gen Roma­nen und Erzäh­lun­gen eine bestimm­te Posi­ti­on des Men­schen. Die Roma­ne und Erzäh­lun­gen beschrei­ben und umschrei­ben die­se Posi­ti­on. Zugleich wei­gern sie sich kon­se­quent, zu beschrei­ben, wie die­se Posi­ti­on jeweils zustan­de kommt. Die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur der Gegen­wart, das ist ganz wesent­lich: kei­ne zwin­gen­de inne­re Geschich­te, aber auch kei­ne wie immer gear­te­te sys­te­ma­ti­sche Ein­wir­kung äuße­rer, etwa gesell­schafts­be­ding­ter Fak­to­ren.

3. Erzäh­ler und Figu­ren neh­men eine durch­ge­hend gesell­schafts­fer­ne Hal­tung ein. Das ist das Prin­zip der Gesell­schafts­fer­ne.

Damit ist nicht