„God Jr.“

Aus dem neu­en Roman von Den­nis Coo­per
Dennis Cooper

Den­nis Coo­per

Ich arbei­te für eine Fir­ma, die Klei­ne Adjus­tie­rung heißt. Wir machen Kin­der­klei­dung für spe­zi­el­le Anläs­se. Unser Gründer war ein ein­bei­ni­ger Viet­nam­ve­te­ran. Er ver­starb ’93. Dank ihm sind alle unse­re Ange­stell­ten Behin­der­te. Ich sit­ze im Roll­stuhl, aber mein Ober­kör­per funk­tio­niert. Ich kann auch den­ken und reden. Wenn ich in einem rich­ti­gen Ses­sel säße, würde nie­mand ver­mu­ten, dass ich ein Pro­blem habe.

Heu­te muss ich im Schau­raum arbei­ten. Nor­ma­ler­wei­se hän­ge ich am Com­pu­ter, um Bestel­lun­gen auf­zu­neh­men. Ohne Inter­net wären wir erle­digt. Aber manch­mal spa­zie­ren Leu­te bei der Tür her­ein.

„Wie kann ich Ihnen hel­fen?“

„Mein Sohn braucht etwas Schi­ckes für eine Hoch­zeit“, sagt eine gut­aus­se­hen­de Frau mit einem klei­nen blon­den Jun­gen. Sie zeigt zur Wand, wo wir die Model­le aus­stel­len. „Was ist denn das?“

„Eine Bie­ne. Wir machen Schulaufführungen.“

„Ich ver­ste­he. Und das?“, fragt sie. Sie meint das rote Molekül. So nen­nen wir es. Manch­mal bezah­len uns Leu­te, damit wir die Zeich­nun­gen ihrer Kin­der in Klei­der ver­wan­deln. Die­ses Kind war zwei.

Ich erklä­re, wie es heißt und aus wel­chem Grund es ent­stan­den ist.

„Willst du statt­des­sen das anzie­hen?“, fragt sie den Jun­gen und lächelt mich an. „Nein, das geht nicht. Viel­leicht das nächs­te Mal.“

„Nein“, sagt er lei­se.

Ich wer­fe kei­nen Blick auf die Kin­der. Es ist zu schmerz­haft. Nicht ein­mal auf klei­ne Kin­der wie ihn.

„Habe ich Sie nicht in der Zei­tung gese­hen?“, fragt sie mich nach einer nach­denk­li­chen Pau­se. „Schon, oder?“

„Sie mei­nen die Times vom letz­ten Don­ners­tag.“

„Es war eine fas­zi­nie­ren­de Geschich­te“, sagt sie. „Sehr kom­plex. Wir haben in mei­ner Klas­se darüber dis­ku­tiert. Ich unter­rich­te Ethik.“

„Was haben Ihre Schüler gemeint?“

„Sie waren sich einig, dass Sie ein sehr coo­ler Vater sind“, sagt sie. „Aber sie sind sich nicht sicher, ob Sie rich­tig­lie­gen.“

„Ich bin, in Anführungszeichen, beses­sen.“

„Das soll­ten Sie auch sein“, sagt sie ernst. „Egal, ob Sie in die­sem spe­zi­el­len Fall nun rich­tig­lie­gen oder nicht.“

*

Sie stu­diert die Schau­wand und beschließt, sie will den klei­nen schwar­zen Smo­king. Mari­an­ne, die lern­be­hin­dert und adi­pös ist, macht die Abän­de­run­gen. Also sind wir fer­tig. Ich hän­di­ge der Frau mei­ne Kar­te aus.

„Ich würde mir ger­ne anse­hen, was Sie bau­en“, sagt sie. Mari­an­ne führt sie und ihren unwil­li­gen Sohn fort. „Ist es mög­lich vor­bei­zu­kom­men? Die Zei­tung hat ihre Adres­se abge­druckt, also neh­me ich an, es geht.“

„Es ist in Ord­nung.“

„Ich möch­te ger­ne mei­ne Schüler mit­brin­gen“, sagt sie. „Machen Sie auch mal Führungen?“

„Wenn Sie mir vor­her Bescheid geben.“

Sie winkt mir mit mei­ner Kar­te zu. „Ich rufe Sie an“, sagt sie.

*

„Ist sie auf dei­nen Fall zu spre­chen gekom­men?“, fragt Al. Ich neh­me an, er hat aus dem Büro mit­ge­hört. Er ver­lor sein rech­tes Bein bei einem Boots­un­fall. Sein Sohn starb jung, wie mei­ner, aber in sei­nem Fall war es nicht sei­ne Schuld.

„Nein, sie will das Denk­mal sehen. Sie will mit ihren Schülern kom­men.“

„Sie wer­den es lie­ben“, sagt er. „Sie wer­den ganz begeis­tert
sein.“

„Es ist eine Ethik­klas­se. Also viel­leicht auch nicht.“

„Kin­der lie­ben es“, sagt er. „Mei­ne Kin­der wol­len eine Peti­ti­on ins Leben rufen.“

„Wie geht es ihnen denn?“

„Mei­ne Älte­re wur­de gera­de in die UCLA auf­ge­nom­men“, sagt er. „Da fällt mir ein. Sie sagt, sie hat dei­nen Tom­my ein­mal getrof­fen. Sie sagt, sie hat sein Bild in der Zei­tung wie­der­erkannt.“

„Hat sie gesagt wo?“

„Nein“, sagt er. „Ich hät­te fra­gen sol­len. Ich wer­de sie fra­gen.“

„Würde mich inter­es­sie­ren.“

„Sie mag Extrem­sport­ar­ten“, sagt er. „Ich glau­be, das könn­te es sein. Sie geht zu die­sen X‑Was-weiß-ich-Shows. Ich glau­be, sie geht sogar mit einem von denen.“

„Das wird es wahr­schein­lich sein.“

„Das sind kei­ne schlech­ten Jungs“, sagt er unsi­cher. „Es ist nur was Neu­es. So wie früher Fuß­ball.“

„Früher dach­te ich, das ist ein Hau­fen fau­ler Ärsche, die immer stoned oder betrun­ken sind. Ich hab nicht kapiert, dass ein Jun­ge, wenn er in die­sem Alter glücklich ist, wie ein Rüpel rüberkommt.“

Als Augen wir­ken jetzt trau­rig. Er muss den­ken, ich mei­ne Tom­my. Viel­leicht tue ich das auch. „Ich wer­de sie fra­gen“, sagt er sanft.

„Kei­ne Angst. Das sind harm­lo­se Idio­ten. Mach dir um sie kei­ne Sor­gen.“

„Sor­ry, dass ich es erwähnt habe“, sagt er und fängt an zu tip­pen.

*

Wir erhal­ten cir­ca zehn Online­be­stel­lun­gen pro Tag. Leu­te  ver­lin­ken unse­re Sei­te auf Ser­vice­sei­ten für Behin­der­te. Es gibt immer irgend­ei­ne bevor­ste­hen­de Hoch­zeit oder Schulaufführung oder ein Begräb­nis, und wir sind für sie ein Geschenk Got­tes. Es macht ihnen nichts aus, dass die Klei­dung nicht per­fekt sitzt. Sie brau­chen uns nur, damit wir ihnen hel­fen. Sie schi­cken uns lan­ge, bewe­gen­de E‑Mails mit ihren Bestel­lun­gen. Ich glau­be, die meis­ten von ihnen haben nicht ein­mal Kin­der.

„Ent­schul­di­gen Sie?“, fragt die Frau von vor­hin. Sie war ins Büro geschlen­dert. Ich neh­me an, der Jun­ge ist immer noch bei der Ände­rung.

„Oh, hi. Das ist Al.“

„Sie sind Leh­re­rin“, sagt Al zu ihr. „Mei­ne Frau ist Leh­re­rin.“

„Klei­ne Welt“, sagt sie lächelnd. Dann schaut sie mich an. „Wie wäre es mor­gen? Ich mei­ne, für die Führung.“

„Ich arbei­te bis sechs.“

„Natürlich“, sagt sie und zuckt zusam­men. „Das habe ich nicht bedacht.“

„Nimm dir den Vor­mit­tag frei“, sagt Al.

„Ich könn­te es am Vor­mit­tag machen.“

„Das ist per­fekt“, sagt sie.

„Aber ich soll­te Sie vor­war­nen, dass ich nicht so gut mit Kin­dern kann.“

„Das ist per­fekt“, sagt sie wie­der. „Es ist eine klei­ne Klas­se. Zwölf Schüler, wenn alle auf­kreu­zen.“

„Ist neun Uhr okay?“

Sie nickt glücklich. „Ich bin auf­ge­regt“, sagt sie und schnappt mei­ne Hand. „Das ist eine gro­ße, gro­ße Hil­fe.“

*

Nach­dem sie gegan­gen sind, bekom­men die zwei Mexi­ka­ner, die die Klei­der machen, ihre Anwei­sun­gen. Sie arbei­ten in einem klei­nen Lager hin­ter dem Büro. Wir las­sen die Fens­ter geschlos­sen, weil sie immer ihre Musik spie­len. Sie mun­tert sie auf, aber uns machen die­se Trom­pe­ten wahn­sin­nig. Unser Radio ist auf einen loka­len Oldie­sen­der ein­ge­stellt. Al, Mari­an­ne und ich sind etwa im glei­chen Alter, das heißt irgend­wo in den Vier­zi­gern. Die Mexi­ka­ner sind jun­ge, ille­ga­le Typen. Manu­el wur­de in den Rücken geschos­sen, als sei­ne Fami­lie über die Gren­ze schlich. Er sitzt in einem Roll­stuhl, wie ich. Sein Freund Jose behaup­te­te, er würde an Krebs ster­ben, damit er den Job bekommt. Eines Nachts hin­ter­ließ uns sei­ne Frau eine Tele­fon­nach­richt, die besag­te, dass er, was den Krebs anging, gelo­gen hat­te. Sie klang betrun­ken. Al und ich woll­ten ihn feu­ern, bis Mari­an­ne zu wei­nen anfing. Also erwähn­ten wir den Anruf Jose gegenüber nie­mals. Aber ich ärge­re Mari­an­ne ger­ne damit, dass wir ihn jeder­zeit feu­ern könn­ten.

*

Al ver­sucht, Mari­an­ne das Tele­fon weg­zu­schnap­pen. Sie zieht sich wäh­lend quer durchs Büro zurück. Sie will die Eagles hören. Er ist ein Coun­try­mu­sik-Purist. Mir ist es im Grun­de gleichgültig. Wir mögen zwar wie rührende Dril­lin­ge wir­ken, aber unse­re Ver­gan­gen­hei­ten haben ande­re Sound­tracks. Den­noch haben, oder in mei­nem Fall hat­ten, wir alle Kin­der. Den Kids liegt nicht so viel an ihren Songs wie uns an den alten. Musik ist nichts Beson­de­res mehr. Sie ist selbst­ver­ständ­lich. Sie hält sich und alle Kids für selbst­ver­ständ­lich, und wir kom­men für den Kol­la­te­ral­scha­den auf. Je neu­er die Oldies, des­to weni­ger ach­ten wir dar­auf und des­to mehr stim­men wir überein.

„Wünsch dir den Song, über den wir vor fünf Minu­ten gespro­chen haben.“

„Wie heißt er?“, fragt mich Al. „Schnell.“

„Es ist uns nicht ein­ge­fal­len.“

„Ali­ce in Chains?“, sagt Al.

„So heißt die Band. Wir brau­chen den Song.“

„Hör auf, Mari­an­ne“, sagt Al. „Wir haben eine bes­se­re Idee.“

„Ich feue­re Jose.“

„Nein, wirst du nicht“, sagt sie lächelnd.

Ich drücke den Knopf der Gegen­sprech­an­la­ge, die mei­ne ver­stärk­te Stim­me in das Lager schickt. „Jose, ins Büro.“

Mari­an­ne umschließt mit ihrer Hand das Mundstück.

Despe­ra­do von den Eagles?“, fragt sie. Man könn­te ihre Stim­me leicht für die eines Kin­des hal­ten, also las­sen wir immer sie unse­re Wünsche vor­brin­gen. Das garan­tiert bei­na­he, dass sie gespielt wer­den.

[…]

Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Rai­mund Var­ga.
© Luft­schacht Ver­lag – Wien 2017

* * *

Den­nis Coo­per ist Autor von elf Roma­nen sowie zahl­rei­chen Lyrik­bän­den und Sachbüchern. Sei­ne Bücher wur­den in 19 Spra­chen übersetzt. Sein Roman The Sluts (2005) gewann den Prix Sade und den Lamb­da Lite­ra­ry Award für den bes­ten Roman des Jah­res. Zuletzt erschie­nen der Roman The Marb­led Swarm (2012) und zwei ein­zig­ar­ti­ge Arbei­ten, die zur Gän­ze aus ani­mier­ten GIFs bestehen: Zac’s Haun­ted House (2015) und Zac’s Freight Ele­va­tor (2016). Coo­per ist zudem Chef­re­dak­teur des ame­ri­ka­ni­schen Ver­lag­im­prints Litt­le House on the Bowery und Kunst­kri­ti­ker. Er lebt in Paris und Los Ange­les.

Den­nis Coo­per: God Jr.
Roman. Aus dem Eng­li­schen von Rai­mund Var­ga. Luft­schacht, Wien 2017.
144 Sei­ten, € 18 (D) / € 18,50 (A).

Online seit: 17. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 16. Jan. 2018