Meine Schwester

Der Gewin­ner­text des FM4-Lite­ra­tur­wett­be­werbs Wort­laut. Von Chris­toph Strolz

Natür­lich geht so etwas nicht von heu­te auf mor­gen. Sol­che Ver­än­de­run­gen voll­zie­hen sich nie­mals schlag­ar­tig, und auch wenn ich weiß, dass man mit sol­chen Behaup­tun­gen sehr sehr vor­sich­tig sein muss: So ist die Welt wohl ein­fach nicht gestrickt. Viel­mehr neigt sie zu fast unmerk­lich schlei­chen­den Pro­zes­sen, zu ganz sanft­pfo­ti­gen Bewe­gun­gen auf frisch gefal­le­nem Schnee oder auf wei­chem, mit Was­ser voll­ge­so­ge­nem Moos. Ich mei­ne mich zu erin­nern, dass ich es zuerst an mei­ner Kaf­fee­tas­se bemerkt hat­te. Als ich sie eines Tages aus dem Geschirr­spü­ler nahm und im Hän­ge­schrank über der Spü­le ver­stau­en woll­te, fühl­te sie sich ein biss­chen eigen­ar­tig an. Frei­lich nicht eigen­ar­tig genug, um der Sache augen­blick­lich auf den Grund gehen zu müs­sen. Nur eigen­ar­tig genug, dass ich mich ein ganz klein wenig bemü­hen muss­te. Sie ken­nen das ver­mut­lich, wenn man schein­bar einen mini­ma­len Wider­stand über­win­den muss, um einen flüch­ti­gen, unstim­mi­gen Ein­druck zu igno­rie­ren. Die­ser Wider­stand begann all­mäh­lich grö­ßer zu wer­den. Bis er sich schließ­lich zu einer sol­chen Hür­de auf­ge­baut hat­te, dass ich, als ich wie­der ein­mal mei­ne Tas­se aus dem Geschirr­spü­ler neh­men und im Hän­ge­schrank über der Spü­le ver­stau­en woll­te, nicht mehr umhin kam fest­zu­stel­len: Ja, es ist so, selbst mei­ne Schwes­ter hält mich für ein Arsch­loch. Und ja, mei­ne Kaf­fee­tas­se fühlt sich tat­säch­lich pel­zig an.

Ich leck­te wider­wil­lig über den ver­chrom­ten Was­ser­hahn und war dann pein­lich berührt dar­über, dass ich das pel­zi­ge Gefühl auf mei­ner Zun­ge als ange­nehm emp­fand.

Ich weiß, dass man erst recht mit sol­chen Behaup­tun­gen sehr sehr vor­sich­tig sein muss, aber den­noch: Men­schen nei­gen dazu, Ein­drü­cke, die ein­fach nicht pas­sen wol­len, für eine Art von Täu­schung zu hal­ten. Sie gehen zunächst davon aus, dass etwas mit ihrer Wahr­neh­mung nicht stimmt. Und auf den ers­ten Blick schien es auch so, dass es wirk­lich an mir lag und nicht an den Din­gen. Auf den zwei­ten Blick waren es dann doch die Din­ge. Auf den drit­ten dann wie­der ich.

Ich ging zum Fens­ter, hielt die Tas­se ins grel­le Son­nen­licht, doch ich sah nichts, nur spie­gelnd blan­ke Kera­mik. Ich über­leg­te kurz, mei­ne Tas­se ein­fach weg­zu­wer­fen, öff­ne­te dann aber doch den Hän­ge­schrank und stell­te sie an ihren Platz. Am liebs­ten wäre mir gewe­sen, wenn ich sie ver­se­hent­lich fal­len­ge­las­sen hät­te. So wäre ich sie ein für alle Mal los­ge­wor­den und hät­te mir den­noch nicht vor­wer­fen kön­nen, ver­schwen­de­risch zu sein. Doch es wäre ohne­hin sinn­los gewe­sen, die Tas­se weg­zu­wer­fen. Denn dass sich bald auch mein Was­ser­glas, bald die Tee­kan­ne, irgend­wann selbst die Fur­nier­holz­plat­te mei­nes Schreib­ti­sches haa­rig anfühl­te, sprach dafür, dass sich ent­we­der etwas ganz Grund­le­gen­des an der Beschaf­fen­heit der Welt änder­te, oder etwas ganz Grund­sätz­li­ches mit mei­nem Tast­sinn geschah. Es war zwar abwe­gig und beun­ru­hi­gend, mei­nem Tast­sinn nicht mehr trau­en zu kön­nen, doch weni­ger abwe­gig und beun­ru­hi­gend als der Gedan­ke, dass dem Kugel­schrei­ber, der Fern­be­die­nung, sämt­li­chen Tür­klin­ken und Alt­glas­fla­schen, ja selbst der Zel­lo­phan­haut noch unge­öff­ne­ter Ver­sand­ka­ta­lo­ge fei­ne Här­chen gewach­sen sind. Ich ging ins Arbeits­zim­mer, setz­te mich zum schar­fen Licht­ke­gel mei­ner Schreib­tisch­lam­pe. Ohne viel Hoff­nung betrach­te­te ich mei­ne Fin­ger­kup­pen, sah wie erwar­tet nichts, nur Papil­la­ren, nur die ver­schlun­ge­nen Irr­we­ge eines Laby­rinths. Doch selbst wenn ich etwas ent­deckt hät­te, selbst wenn ich bei genau­em Hin­se­hen tat­säch­lich fest­ge­stellt hät­te, dass mir fei­ne Här­chen auf den Fin­ger­kup­pen gewach­sen sind. Was unter­schied mei­nen Seh­sinn von mei­nem viel­leicht defek­ten Tast­sinn? Was, wenn ich zwar auf mei­nen Fin­ger­kup­pen, nicht aber auf den Gegen­stän­den fei­ne Här­chen ent­deckt hät­te, wäh­rend in Wirk­lich­keit … nein, ist ein dif­fu­ses Grund­ver­trau­en erst ein­mal erschüt­tert, ver­liert von Wirk­lich­keit zu spre­chen sei­nen Sinn. Es schien mir also recht schnell sinn­los zu fra­gen, wor­an es lag, wer objek­tiv eher Schuld hat oder hat­te. Das hieß frei­lich nicht, dass es auch sinn­los war, nach einer guten Erklä­rung zu suchen, denn es gibt gute Erklä­run­gen. Es gibt sie zumin­dest inso­fern, als dass sie bes­ser als die schlech­ten sind. Ich ver­trat fürs Ers­te den Stand­punkt, dass es bes­ser wäre, wenn nur etwas mit mei­nen Fin­ger­kup­pen nicht stimm­te. Selbst heu­te wür­de ich wohl sagen, dass die bes­te Erklä­rung für die Pel­zig­keit der Din­ge eben jene ist, dass etwas mit mei­nen Emp­fin­dun­gen nicht stimmt. Nur bin ich längst so weit, mit allen denk­ba­ren Erklä­run­gen umge­hen zu kön­nen. Dass ich heu­te nur noch ungern eine bes­te Erklä­rung nen­nen wür­de, liegt also ein­zig dar­an, dass es kei­ne wirk­lich schlech­te mehr gibt.

Wenn ich mir den Fuß an einem behaar­ten Tisch­bein sto­ße, so tut es nur einen Tick weni­ger weh. Sich zu rasie­ren ist nur einen Hauch absur­der gewor­den.

Das ist jetzt so. Das war anfangs anders. Als ich baden woll­te, muss­te ich ein­se­hen, dass mei­ne Fin­ger­kup­pen­theo­rie zu kurz griff. Denn nicht nur der Wan­nen­rand, auf den ich mei­ne Hän­de leg­te, son­dern auch das Was­ser in der Wan­ne, das mich auf­nahm und umspül­te, fühl­te sich pel­zig an. Ich lag im Was­ser, wie betäubt von die­ser war­men Weich­heit. Ich ließ mei­ne Wan­ge die Wan­nen­wand ent­lang­glei­ten. Ich leck­te wider­wil­lig über den ver­chrom­ten Was­ser­hahn und war dann pein­lich berührt dar­über, dass ich das pel­zi­ge Gefühl auf mei­ner Zun­ge als ange­nehm emp­fand. Ich leg­te mich rück­lings auf den Bade­zim­mer­bo­den. Ich leg­te mich bäuch­lings aufs Par­kett des Wohn­zim­mers und wäh­rend sich die Flie­sen­bö­den in Küche und Bad merk­bar bors­tig, ja fast schon stach­lig anfühl­ten, war das Par­kett nahe­zu flau­schig weich. Die Wän­de aller Räu­me hat­ten die Hap­tik eines Nerz­pel­zes, egal mit wel­chem Kör­per­teil ich sie berühr­te. Das Cer­an­feld in der Küche fühl­te sich