Jeder hinkt für sich allein

Kurz und gut – Robert See­tha­lers fata­lis­ti­scher schma­ler Roman Ein gan­zes Leben. Von Chris­toph Schrö­der

Für eine kur­ze Zeit schien es, als wür­de ein klei­ner Eklat den Erfolg von Robert See­tha­lers neu­em Roman über­schat­ten: Im Spie­gel erschien ein Text, in dem der Rezen­sent Wolf­gang Höbel zu Recht anmerk­te, dass Par­al­le­len zwi­schen See­tha­lers Roman Ein gan­zes Leben und der vor zehn Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten Novel­le Train Dreams von Denis John­son nicht von der Hand zu wei­sen sei­en. Höbel mach­te etwas sehr Ver­nünf­ti­ges – er rief Robert See­tha­ler an, der offen­bar erschro­cken reagier­te und sofort zugab, John­sons schma­le Novel­le sei­ner­zeit gele­sen zu haben. Dass Lite­ra­tur wie­der­um ande­re Lite­ra­tur her­vor­bringt, dass es das schöp­fe­ri­sche Genie nicht mehr gibt, dass jeder Autor auf den Schul­tern eines ande­ren steht – all das dürf­ten mitt­ler­wei­le längst Bin­sen­weis­hei­ten sein.

Und so darf man Robert See­tha­ler von jedem Vor­wurf frei­spre­chen, und zwar mit Erleich­te­rung. Denn Ein gan­zes Leben, sein noch nicht ein­mal 160 Sei­ten star­ker Roman, hat eine Kraft und eine Sog­wir­kung, wie sie ihres­glei­chen suchen. See­tha­ler, gebo­ren 1966 in Wien, Schrift­stel­ler, Schau­spie­ler und Dreh­buch­au­tor, erzählt vor­der­grün­dig von einem heu­te ganz und gar unvor­stell­ba­ren Dasein. Aber in Wahr­heit erzählt er, wie immer in einem sol­chen Fall, von den tie­fe­ren Dimen­sio­nen des Mensch­li­chen, also auch von uns. Sein Held, Egger heißt er, ist einer, der nicht fragt, son­dern tut.

Ein Schlag von vie­len

Ver­letzt ist er noch und geschwächt, und trotz­dem schleppt er sich noch ein­mal an die Stel­le, an der vor Kur­zem noch sein Haus stand. „Er woll­te begrei­fen, was gesche­hen war, aber als er nach Stun­den an sein Stück Land kam und die ver­streu­ten Bal­ken und Bret­ter sah, wuss­te er, dass es nichts zu begrei­fen gab.“ Ein Schlag, einer von vie­len, und Egger nimmt ihn hin, geht damit um und macht wei­ter, immer wei­ter.

Robert See­tha­ler hat sich in sei­nen mitt­ler­wei­le drei Roma­nen offen­sicht­lich auf Außen­sei­ter­fi­gu­ren spe­zia­li­siert. Nun ist ihm ein Buch gelun­gen, das, man kann die Begrif­fe nicht ver­mei­den, so ergrei­fend und erschüt­ternd ist, wie man es lan­ge nicht mehr lesen durf­te. Ein gan­zes Leben erzählt genau das, ein Leben vom Anfang bis zum Ende, erzählt in aller Ruhe und in aller Kür­ze eine Bio­gra­fie, mit all ihren Wen­dun­gen und nicht weni­gen Kata­stro­phen, aber ohne nach Poin­ten zu haschen. Das Bestechen­de an die­sem Roman ist, dass er die gän­gi­gen Mus­ter umkehrt: Er erzählt unge­heu­er viel Spek­ta­ku­lä­res, aber er ver­birgt das hin­ter einem kom­plett unauf­ge­reg­ten Stil, der die Schick­sals­er­ge­ben­heit des Prot­ago­nis­ten auf­nimmt: Ein gan­zes Leben ist Spra­che gewor­de­ner Fata­lis­mus.

Es gibt kei­ne Glo­ri­fi­zie­rung der Ver­gan­gen­heit, aber auch nicht den Hauch eines uto­pi­schen Poten­zi­als.

Man muss sich ein­mal selbst auf­zäh­len, was hier auf 156 Sei­ten geschieht: Andre­as Egger ist vier Jah­re alt und Wai­se, als man ihn zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts aus der Stadt in ein Berg­dorf bringt und beim Groß­bau­ern Kranz­sto­cker absetzt, einem ent­fern­ten Ver­wand­ten sei­ner ver­stor­be­nen Mut­ter. Dort wird er durch­ge­füt­tert und kör­per­lich miss­han­delt, ein Hin­ken bleibt zurück. Als die ers­te Berg­bahn gebaut wird, wird Egger zu einem der wich­tigs­ten Arbei­ter; er kennt die Land­schaft und kann klet­tern, vor allem aber, das ist sein prä­gen­der Zug, hat er kei­ne Angst. So geht das Leben wei­ter: Er fin­det eine Frau, baut ein Haus, ver­liert alles, zieht in den Krieg, gerät in rus­si­sche Gefan­gen­schaft, bleibt dort acht Jah­re, kehrt zurück und arbei­tet, im Dorf zwar als Heim­keh­rer akzep­tiert, aber als Son­der­ling iso­liert, bis zu sei­nem Tod als Hilfs­kraft und Berg­füh­rer. Das war alles, das ist auch genug. Ein­mal ver­letzt sich eine Tou­ris­tin auf einer Tour; nun kön­ne man, sagt sie, gemein­sam zu Tal hin­ken. Nein, ant­wor­tet Egger, „ein jeder hinkt für sich allein.“

Reak­tio­nä­re Hei­mat­li­te­ra­tur?

Selbst­ver­ständ­lich darf man die Fra­ge stel­len, ob die­ser Form von Hei­mat­li­te­ra­tur, und dar­um han­delt es sich frag­los, nicht etwas Reak­tio­nä­res anhaf­tet. Ganz ent­schie­den nein, und das aus meh­re­ren Grün­den: Ein gan­zes Leben ist kei­ne Lau­da­tio tem­po­ris acti, kei­ne Fei­er ver­gan­ge­ner Zei­ten, auch wenn die Tech­ni­sie­rung und die damit ver­bun­de­nen Ver­än­de­run­gen in den Men­schen (Fern­se­her, Mond­lan­dung) und in der Natur (Ski­pis­ten, Tou­ris­mus, Ver­kehr) sehr genau wahr­ge­nom­men und pro­to­kol­liert wer­den. Was aller­dings nicht beschrie­ben wird, ist eine damit ver­bun­de­ne Ent­i­dyl­li­sie­rung. Man spürt kei­nen Bruch, kein Vor­her, kein Nach­her. Die Welt geht ihren Gang, und Egger geht mit.

Der Blick des Erzäh­lers, der stets nahe an Eggers Sei­te bleibt, ohne ihm jemals zu nahe zu tre­ten, ist stets auf die Gegen­wart, auf das Jetzt gerich­tet; es gibt kei­ne Glo­ri­fi­zie­rung der Ver­gan­gen­heit, aber auch, und das macht den Roman auf so bril­lan­te Wei­se erschre­ckend, nicht den Hauch eines uto­pi­schen Poten­zi­als. Der gro­ße Abwe­sen­de, das fällt aller­dings erst auf, als das Wort zum ers­ten Mal fällt, ist der Herr im Him­mel: „Er war nie“, so heißt es gegen Ende des Romans, „in die Ver­le­gen­heit gekom­men, an Gott zu glau­ben. Der Tod mach­te ihm kei­ne Angst. Er konn­te sich nicht erin­nern, wo er her­ge­kom­men war, und letzt­end­lich wuss­te er nicht, wohin er gehen wür­de.“ In die katho­li­sche Milieu­fal­le geht See­tha­ler nicht. Wo auch immer Schmer­zen, Krank­hei­ten und Unglü­cke her­kom­men mögen – von oben kom­men sie nicht. Aller­dings kommt von dort auch kei­ne Erlö­sung.

Alpi­ne Fan­ta­sie­or­te

Nur schein­bar ist das Gesche­hen in einer ganz kon­kre­ten Geo­gra­fie ver­or­tet; wenn man aller­dings den im Roman aus­ge­leg­ten Spu­ren folgt und im Inter­net nach den Schau­plät­zen des Romans sucht, die ganz und gar authen­tisch klin­gen („Kar­leit­ner“, „Zwan­zi­ger­ko­fel“, „Fern­eis-Glet­scher“, „Kluft­er­spit­ze“), stellt man fest, dass all das Fan­ta­sie­or­te sind, die mit Sicher­heit ein rea­les Vor­bild haben, aber letzt­end­lich von See­tha­ler als Ver­satz­stü­cke einer Alpen-Kulis­se in ein kunst­vol­les lite­ra­ri­sches Fan­ta­sie­ge­bil­de umge­wan­delt wor­den sind. Das ist eine wei­te­re Para­do­xie: So distan­ziert und ruhig See­tha­lers Spra­che auch daher­kommt, so plas­tisch, anschau­lich und sinn­lich erfasst sie die Welt. Egger zieht Bilanz: „Er hat­te län­ger durch­ge­hal­ten, als er selbst je für mög­lich gehal­ten hät­te, und konn­te im Gro­ßen und Gan­zen zufrie­den sein.“ Am Anfang war Win­ter. Am Ende ist wie­der Win­ter. Egger war da und ist wie­der gegan­gen. Die Men­schen machen wei­ter. Immer wei­ter.

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Chris­toph Schrö­der, Jahr­gang 1973, lebt als frei­er Jour­na­list und Publi­zist in Frankfurt/Main. Er arbei­tet u.a. für die Süd­deut­sche Zei­tungDie Zeit und den Deutsch­land­funk.

Robert See­tha­ler: Ein gan­zes Leben.
Han­ser Ber­lin, Ber­lin 2014.
156 Sei­ten, € 17,90 (D) / € 18,40 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2014

Online seit: 31. Dezem­ber 2014

Online seit: 31. Dezem­ber 2014

Zuletzt geän­dert: 5. Mai 2022