Schwäbisches Capriccio

Von Anšlavs Eglī­tis
Anšlavs Eglītis

Anšlavs Eglī­tis. Foto: Aca­de­mic Libra­ry of the Uni­ver­si­ty of Lat­via

Der let­ti­sche Schrift­stel­ler Anšlavs Eglī­tis (1906–1993) floh 1944 vor der her­an­rü­cken­den Roten Armee nach Deutsch­land, wo es ihn zuerst nach Ber­lin und von dort in die süd­deut­sche Pro­vinz ver­schlug – eine Erfah­rung, die sich auch in sei­nem Schwä­bi­schen Capric­cio nie­der­schlägt.

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Pēte­ris Drusts dös­te vorn­über­ge­beugt im Zug. Alles Erleb­te erschien ihm wie ein sinn­lo­ser Alb­traum: das bren­nen­de Ber­lin, die Flucht durch die Flam­men, das Umher­ir­ren in den Trüm­mern, der Ansturm auf die Züge, die lan­gen Näch­te in den über­füll­ten Wag­gons, das end­lo­se War­ten, mal auf offe­nem Feld, mal in zer­stör­ten Bahn­hö­fen, wo in allen Ecken der Wind pfiff und Schnee umher­wir­bel­te. Drusts war bereits die vier­te Nacht unter­wegs. Von jeder End­sta­ti­on war er mit dem ers­ten Zug wei­ter nach Süd­wes­ten gefah­ren, in Rich­tung Rhein und Schwei­zer Gren­ze.

Der Zug hat­te die gro­ßen Städ­te hin­ter sich gelas­sen, und nun ging es, soweit es sich anhand der lang­sa­men Fahrt und des schwe­ren Keu­chens der Loko­mo­ti­ve beur­tei­len ließ, durch eine ber­gi­ge Gegend. Im Wag­gon herrsch­te Dun­kel­heit, nur das Glim­men von Ziga­ret­ten war zu sehen. Ganz Deutsch­land lag in dich­ter undurch­dring­li­cher Fins­ter­nis. Die Bür­ger waren folg­sam und gewis­sen­haft: Man konn­te hun­der­te Kilo­me­ter fah­ren, und nir­gends drang ein ein­zi­ger Licht­schein durch den Spalt einer nach­läs­sig vor­ge­zo­ge­nen Ver­dunk­lung her­vor. Nur in den Bahn­hö­fen war­fen fah­le Bir­nen gespens­ti­sches Licht auf schma­le Bahn­stei­ge, auf denen sich die Men­schen dräng­ten wie graue Schat­ten.

Der Name Pfif­fer­lin­gen gefiel ihm, war­um soll­te er also nicht dort­hin fah­ren?

Irgend­wo hier soll­te er aus­stei­gen, dach­te der zu Tode erschöpf­te Drusts. Aus­stei­gen, einen Gast­hof suchen und end­lich eine Nacht in einem Bett ver­brin­gen. Aber an wel­cher Sta­ti­on? Dies war eine wich­ti­ge Haupt­stre­cke, und die Bahn­hö­fe konn­ten jeder­zeit zum Ziel von Luft­an­grif­fen wer­den. Statt wie erhofft in einem Bett aus­zu­schla­fen, wür­de er dann nur wie­der in einem Schutz­raum her­um­lun­gern. Wo ließ sich jetzt in ganz Deutsch­land bloß ein siche­res und unge­stör­tes Nacht­quar­tier auf­trei­ben?

Drusts press­te die Hän­de gegen sei­ne Schlä­fen und drück­te die Stirn gegen die Fens­ter­schei­be. Auf dem Neben­gleis stan­den, im Dun­kel kaum zu erken­nen, eine klei­ne alter­tüm­li­che Loko­mo­ti­ve und ein paar eben­so eigent­tüm­li­che Rei­se­zug­wa­gen, offen­bar der Zug einer klei­nen Neben­stre­cke zu einer voll­kom­men unbe­deu­ten­den Ort­schaft.

Einer plötz­li­chen Ein­ge­bung fol­gend sprang Drusts auf, stol­per­te aus dem Wag­gon hin­aus ins Dun­kel und tas­te­te sich zu dem klei­nen Zug hin­über.

Der gro­ße Schnell­zug fuhr wei­ter, wäh­rend der klei­ne Zug noch war­te­te und sich lang­sam mit dick ein­ge­mum­mel­ten Gestal­ten füll­te, die gegen­ein­an­der­stie­ßen, dann und wann ein Streich­holz ent­zün­de­ten oder eine Taschen­lam­pe auf­leuch­ten lie­ßen. Dabei unter­hiel­ten sie sich lei­se in einem so merk­wür­di­gen Dia­lekt, dass Drusts, obwohl des Deut­schen durch­aus mäch­tig, nur mit Mühe ein­zel­ne Wort­fet­zen auf­schnap­pen konn­te.

Drusts trug einen guten, noch in Riga geschnei­der­ten Man­tel, bei dem nur der Per­sia­ner­kra­gen durch die Brän­de in Ber­lin leicht ange­sengt war.

Als sich der klei­ne Zug end­lich unter Pfei­fen und Bim­meln in Bewe­gung setz­te, sprang noch ein ver­spä­te­ter Rei­sen­der auf. Vor­sich­tig knips­te er eine Taschen­lam­pe an und lenk­te ihren bläu­li­chen Schein auf den frei­en Sitz neben Drusts. Dort ließ er sich schwer­fäl­lig nie­der und