Eddy Saller: Schamlos

Von Ann Cot­ten. „Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma“ – Teil 3
Eddy Saller - "Schamlos"

Eddy Sal­ler: Scham­los

Udo Kier, blut­jung und tot mit dem Baby­face am Asphalt und halb­of­fe­nem Mund, die logi­sche Kon­se­quenz von allem.

Alles wird vor­sätz­lich ins Schlim­me gekehrt, damit dar­auf einen Augen­blick lang eine Schön­heit liegt (auf­prallt), die man nicht haben kann. (Rex Jos­wig, The Same.) War­um nichts Sinn­vol­le­res? Wahr­schein­lich geht es um Flucht – was mauf­rn für Frei­heit hält. Oder ums sehen wie es ist. All­er­gien kul­ti­vie­ren sich gegen das Rich­ti­ge, weil es bedeu­ten wür­de, zur Ruhe zu kom­men: wo doch die Welt so schlimm ist. In die­sem Behar­ren aufs Böse liegt eine obses­si­ve Kor­rekt­heit. Wenn Schwul­sein sich ins Kon­struk­ti­ve wen­det, wenn homo­se­xu­el­le Paa­re glei­che Rech­te auf das Bau­en von Bezie­hungs­mau­so­leen for­dern, dann zuckt mir etwas Ver­bo­te­nes, Uto­pi­sches bit­ter im Mund­win­kel, ich weiß: Nur die Unmög­lich­keit bewahrt die Unend­lich­keit der Schön­heit. Nur bis zum Coming-out ist das alles noch nicht ent­täu­schend gewor­den.

Trash ist eine Mög­lich­keit, feh­len­de inne­re Inves­ti­ti­on in die Insti­tu­tio­nen der guten Gesell­schaft zu über­pin­seln – so nach­läs­sig, dass Gleich­ge­sinn­te es mer­ken. Das ist viel­leicht der intel­lek­tu­el­le Punkt des Film­ti­tels. Das skan­da­lös Gezeig­te – und famo­ser­wei­se: skan­da­lös gegen­über der Gangs­ter­hal­tung eben­so wie gegen­über der bür­ger­li­chen – ist, dass man nur so tut, als wür­de man ver­ber­gen, dass die Lie­be zu den Erschei­nungs­for­men der Welt stär­ker ist als der Wunsch, irgend­et­was angeb­lich Wert­vol­les zu bewah­ren. In Bezug auf Frau­en­le­ben ist das beson­ders melan­cho­lisch, weil wir nach wie vor ange­hal­ten wer­den, den eige­nen Wert durch Skills des Bewah­rens nicht zer­rin­nen zu las­sen. Wenn in einer Anfangs­sze­ne der Ban­den­lea­der Alex­an­der in einem Par­fum­la­den den Inha­ber zur Zah­lung bewegt, indem er die teu­ers­ten Fla­kons spie­lend auf den Boden fegt, ist in die­sem Bild die gan­ze Hebel­kraft der Ver­schwen­dung auf­ge­ho­ben. Doch ein Mäd­chen ist kein Gangs­ter: Wohin mit die­ser Hebel­kraft?

Manch­mal stand ich in der Käl­te unten und ging noch nicht hin­auf, weil ich wuss­te, dass ich das Schlimms­te bin und es auch sein muss. Ich sah in die­sem Wis­sen wie ein bit­te­rer Wind auf die ver­fros­te­ten Fens­ter.

„Ich bin der Geis­ter­fah­rer auf der West­au­to­bahn“, begann eine der übels­ten Num­mern der Band Den­tal Prin­ces, 2018. War­um die West­au­to­bahn? Vor Pur­kers­dorf wohn­te zu Schul­zei­ten mein ers­ter Freund, ein Fei­ner, Lie­ber. Manch­mal stand ich in der Käl­te unten und ging noch nicht hin­auf, weil ich wuss­te, dass ich das Schlimms­te bin und es auch sein muss. Ich sah in die­sem Wis­sen wie ein bit­te­rer Wind auf die ver­fros­te­ten Fens­ter.

Als Mäd­chen wie als girl size man kämpft man gegen die Ver­nied­li­chung der eige­nen Dras­tik. Ero­tik, als Waf­fe der Frau ange­prie­sen, will mauf­rn da eigent­lich nicht rein­zie­hen, schließ­lich ist das das eine Tor, über das lie­be Leu­te einen noch ret­ten könn­ten. Wenn man die Ero­tik zur Waf­fe mach­te, was hät­te man dann noch an süßer Mys­tik? Anna­bel­le (Mari­na Paal), die eigent­li­che Haupt­fi­gur in Scham­los, unter­lässt es jeden­falls, die Ero­tik zu Zwe­cken zu benut­zen, sie zu kon­trol­lie­ren, nur um die Ein­künf­te davon den Dienst­her­ren abzu­lie­fern. So pro­vo­ziert die Kunst­stu­den­tin mit ihrer anar­chi­schen Neu­gier und Spiel­freu­de die pro­fes­sio­nel­le Sze­ne eben­so wie die Hoch­kul­tur, die Zuhäl­ter und die Kli­en­ten. Sie lacht wirk­lich, wenn sie lacht; tanzt, um zu tan­zen, und wenn sie ein­mal selbst etwas will, stellt sie sich unge­schickt an. Die Frau hat Klas­se. Und Alex­an­der Pohl­mann (Udo Kier), das Baby­face aus der „klei­nen, mie­sen Zir­kus­fa­mi­lie“, hat Mühe, Gleich­gül­tig­keit zu bewah­ren gegen­über der ver­wand­ten Spie­ler­see­le.

Im wirk­li­chen Leben muss man im Faden wei­ter­ma­chen, nach dem Hap­py End wie nach der Tra­gö­die. In einem Film die­se Pha­se zu sehen ist eine Köst­lich­keit. Sie ver­dankt sich dem Umstand, dass hier Leu­te am Werk sind, die zu klug und kom­plex sind, um sich besin­nungs­los der Wich­tig­keit einer däm­li­chen Plotidee hin­zu­ge­ben. Trotz der höl­zer­nen Dia­lo­ge – ja, eben mit ihnen – ist Scham­los unaus­weich­lich sub­til. Ab dem Moment, wo Anna­bel­le weg ist, brei­tet sich eine schreck­li­che Ein­sam­keit aus. Auf ein­mal ist man mit Alex­an­der, den man bis dahin nur von außen sah. Mer­ken tut man das erst beim Ver­hör, wo man ihn beim Schau­en sieht. Der Film selbst bewahrt Distanz – umso radi­ka­ler die emo­tio­na­len Ent­la­dun­gen über die Ästhe­tik.

Udo Kier durf­te ich vor ein paar Jah­ren in Kali­for­ni­en tref­fen; der Maquis und ich waren mit den Schal­kos unter­wegs, die für ihren nächs­ten Film scou­te­ten, und Udo zeig­te ihnen sei­ne Grund­stü­cke als mög­li­che Dreh­or­te. Einen Tag lang fuh­ren wir im Miet­wa­gen- Kon­voi zwi­schen Joshua Trees durch die Wüs­te, stan­den wind­ver­weht her­um. Kier sam­melt: Grund­stü­cke, Anti­qui­tä­ten, unrea­li­sier­te Lie­bes­hüt­ten und ein­ge­fro­re­ne Pro­jek­te, die irgend­wann … In Udos Augen brann­te ein fana­ti­sches Licht. Zugleich eine beknack­te Lie­be zum Leben und eine Ver­ach­tung dafür. Ein Men­schen­typ, der sich selbst völ­lig zurück­nimmt und dabei tyran­nisch wirkt: gebo­ren mit dem Blick auf der Hals­schlag­ader der Welt. Für wen ist dies alles?

Quo vadis, Scham­los? Nach der Orgie von Otto Mühl, in der immer wie­der auf drei lachen­de Eier­kopf­mu­mi­en gegen­ge­schnit­ten wird, und mit­ten in der Orgie des Rich­tens, bei der die Zahl der Ver­däch­ti­gen mit jedem Neu­zu­gang zum Kel­ler ansteigt, kippt vor dem rat­tern­den, im lee­ren Kel­ler­raum hal­len­den Pro­jek­tor plötz­lich die Stim­mung. Anna­bel­le film­te ihre Sex­ar­beit: das Por­no-Milieu für die Bil­den­de miss­braucht. Und für Psycho- Expe­ri­men­te. In einer Nacht hat Anna­bel­le ihren eige­nen Vater bedient. Sie reißt sich die Mas­ke vom Gesicht und fällt lachend in die Kis­sen zurück, gegen­über dem ent­setz­ten Gesicht des Patri­ar­chen.

Damit ist das Motiv erhellt, und um es klar­zu­stel­len, gesteht der Vater den Toch­ter­mord. Plötz­lich hau­en alle ab. Der Vater fin­det ein Flucht­au­to und fährt in die Pro­jek­ti­on einer lan­gen Gas­se hin­ein, die Gangs­ter mit einem Bea­mer aus dem ande­ren Auto auf eine Haus­wand wer­fen. Das Auto brennt.

„Tol­ler Ein­fall mit dem Pro­jek­tor“, lobt ein Gangs­ter den ande­ren.

Dass Alex­an­der danach von einer Maschi­nen­ge­wehr­sal­ve zer­siebt mit dem Gesicht auf den Boden zu lie­gen kommt, die Wan­ge eine Koral­le von Blut­strö­men, ist nur noch die Häkel­de­cke auf der Kre­denz.

© Spec­tor Books, Leip­zig 2022

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Ann Cot­ten (*1982 in Iowa) lebt in Wien als Autorin und Über­set­ze­rin. Zuletzt erschie­nen: Fast Dumm (2017), Was geht (2018), Lyo­phi­lia (2019). Zur­zeit schreibt sie an ihrer PhD zu einer Ästhe­tik der Wie­der­ver­wer­tung am Peter Szon­di Insti­tut für All­ge­mei­ne und Ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Ber­lin.

Aus: Katha­ri­na Mül­ler, Claus Phil­ipp (Hg.)
Pic­tu­ring Aus­tri­an Cine­ma
99 Fil­me / 100 Kom­men­ta­re
Spec­tor Books, Leip­zig 2022.
212 Sei­ten, 100 Abbil­dun­gen, € 32

Zu bestel­len bei Spec­tor Books

Online seit: 21. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 21. Dez. 2022