Neulich – Bergpredigt und Propaganda

Von Andre­as Mai­er

Neu­lich dach­te ich mal wie­der an die Berg­pre­digt. Ver­mut­lich, weil ich ein vor­mals berühm­tes Buch von Franz Alt aus dem Bücher­schrank am Holz­hau­sen­park her­aus­ge­holt hat­te. Ich muss­te nur eine Sei­te auf­schla­gen und den erst­bes­ten Absatz lesen, um mir mal wie­der klar­zu­ma­chen, war­um Jesus damals so unbe­liebt war. Beim Volk immer­hin war er nicht so unbe­liebt. Zumin­dest bei den Nicht-Durch­pro­pa­gan­di­sier­ten. Die moch­ten ihn, die konn­ten sei­nen Reden fol­gen und begrif­fen, war­um er sag­te, was er sag­te. Ver­mut­lich waren sie allein schon dadurch ein wenig erlöst, zumin­dest getrös­tet über ihr Dasein im dama­li­gen Gesell­schafts­ap­pa­rat. Die Offi­zi­el­len frei­lich konn­ten Jesus nur in schlech­tes­tes Licht stel­len, denn er unter­mi­nier­te ihre Macht und Pro­pa­gan­da, was in ihren Augen bedeu­te­te, die offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen „ver­ächt­lich zu machen“, wie das neu­er­dings bei uns heißt. In der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik hieß es ähn­lich.

Man kann immer davon aus­ge­hen, dass sieb­zig, acht­zig Pro­zent der Men­schen einer Bevöl­ke­rung von der offi­zi­el­len Pro­pa­gan­da durch­pro­pa­gan­di­siert sind.

Den Men­schen kommt es frei­lich nie so vor, als sei­en sie durch­pro­pa­gan­di­siert. Durch­pro­pa­gan­di­siert sind immer die ande­ren – je durch­pro­pa­gan­di­sier­ter man selbst ist, umso mehr glaubt man natür­lich von den ande­ren, sie sei­en auf jeden Fall durch­pro­pa­gan­di­siert. Das ist ja das Wesen von Pro­pa­gan­da. Und das geschieht immer und über­all, wie unter einem Natur­ge­setz. Dadurch wer­den die „ande­ren“ übri­gens erst geschaf­fen.

Das ist wie mit dem berühm­ten Bei­spiel – nein, kei­nes jetzt aus der Berg­pre­digt – mit dem Omni­bus. Da steht eine Gesell­schaft von, sagen wir, zehn Leu­ten an der Bus­hal­te­stel­le, dann kommt der Bus, und sie­ben Leu­te aus die­ser Gesell­schaft stei­gen ein. Der Bus ent­fernt sich, wird immer schnel­ler, die Distanz grö­ßer, und die, die in den Bus ein­ge­stie­gen sind, schau­en rück­wärts aus dem Fens­ter, sehen die an der Hal­te­stel­le Ver­blie­be­nen und sagen sich: Scha­de, der X, die Y, der Z … scha­de, dass die sich immer mehr von uns ent­fer­nen, und sie ent­fer­nen sich sogar immer schnel­ler, was ist nur mit ihnen pas­siert? Wie konn­te es nur so weit kom­men, wir ver­ste­hen das ein­fach nicht, sie waren doch sonst immer ganz nor­mal.

Sofort jubelt das Erschie­ßungs­kom­man­do wie­der, ruft begeis­tert den Namen des neu­en alten Macht­ha­bers, und Tim wird neu­er­lich – immer­hin unter vie­len höf­li­chen Ent­schul­di­gun­gen – an die Wand gestellt.

Wer ein­mal Gus­tav Le Bon gele­sen hat, weiß, dass die Pro­pa­gan­da-Haupt­mas­se, also die sieb­zig, acht­zig Pro­zent, jeder­zeit