Der Untergrund des Abendlandes

Über den eng­li­schen Magi­er, Okkul­tis­ten und Roman­cier Aleis­ter Crow­ley, samt der Spu­ren, die er in der Lite­ra­tur­ge­schich­te hin­ter­las­sen hat. Von Uwe Schüt­te
Aleister Crowley

Aleis­ter Crow­ley um 1936.

 

Schwer, unmög­lich gar, erscheint mir, die wah­re Gestalt des Aleis­ter Crow­ley aus­zu­ma­chen hin­ter den Mys­ti­fi­zie­run­gen sei­ner Anhän­ger und den Ver­leum­dun­gen sei­ner Geg­ner. Die knapp zwan­zig Bio­gra­fien, zumeist im Umfang von 500 Sei­ten oder mehr, die im Ver­lauf der ver­gan­ge­nen fünf Deka­den über ihn erschie­nen sind, haben die Legen­den­bil­dung um den Okkul­tis­ten ten­den­zi­ell noch ver­stärkt.

Crow­ley war in man­cher­lei Hin­sicht eine Aus­nah­me­erschei­nung: In Anleh­nung an die Apo­ka­lyp­se des Johan­nes ver­lieh er sich das Epi­the­ton „The Gre­at Beast 666“ und stif­te­te die neue Reli­gi­on des The­le­ma, wel­che die Herr­schaft des Chris­ten­tums ablö­sen soll­te, um allen Men­schen eine freie Selbst­ent­fal­tung ihrer inne­ren Anla­gen zu ermög­li­chen.

In einer weg­wei­sen­den Erneue­rung der okkul­ten Bewe­gun­gen des Wes­tens, ver­band die Leh­re des The­le­ma diver­se magi­sche, mys­ti­sche, spi­ri­tu­el­le und phi­lo­so­phi­sche Ideen und Prak­ti­ken aus Ori­ent wie Okzi­dent zu einer Syn­the­se. Sei­ne uner­müd­li­che Arbeit als Pro­phet des The­le­ma mach­te Crow­ley zu einer der füh­ren­den Figu­ren im Okkul­tis­mus des 20. Jahr­hun­derts; dar­über hin­aus beein­fluss­te er durch sei­ne Schrif­ten die Mehr­zahl der gegen­wär­ti­gen magisch-eso­te­ri­schen und neu­heid­ni­schen Bewe­gun­gen.

Crow­ley war nicht nur Extrem­berg­stei­ger und Schach­meis­ter, Groß­wild­jä­ger und Geheim­dienst­zu­trä­ger, er schuf auch
bemer­kens­wer­te Gemäl­de und ver­fass­te eine beacht­li­che Zahl an Büchern.

Für Crow­ley war klar: Die Zukunft hängt ganz davon ab, ob es der Gesell­schaft gelingt, einen fun­da­men­ta­len Gesin­nungs­wan­del zu durch­lau­fen. Für die­se nicht zuletzt spi­ri­tu­el­le Erneue­rung kämpf­te er. Natür­lich ver­ge­bens: The Gre­at Beast starb im Dezem­ber 1947, in Alter von 73 Jah­ren, als Hero­in­ab­hän­gi­ger, weit­ge­hend ver­las­sen und ver­armt, in einer bil­li­gen Pen­si­on bei Has­tings in Süd­eng­land. Bis zum Ende hielt er