Shortlist für den Deutschen Buchpreis bekannt gegeben

Kom­men­ta­re der Jury zur Aus­wahl / Preis­ver­lei­hung am 12. Okto­ber in Frank­furt

Auf der Short­list für den Deut­schen Buch­preis ste­hen in die­sem Jahr fol­gen­de Roma­ne:

Bov Bjerg: Ser­pen­ti­nen (Cla­as­sen)

Kom­men­tar der Jury: „Ein Vater macht sich mit sei­nem Sohn auf die Rei­se, nicht nur in die hüge­li­ge Land­schaft sei­ner Kind­heit, son­dern auch in die eige­ne bedrü­cken­de Fami­li­en­ge­schich­te und in die deut­sche Ver­gan­gen­heit. Ser­pen­ti­nen erzählt tief sozio­lo­gisch und gleich­zei­tig sehr lite­ra­risch von beklem­men­der Düs­ter­nis – und tut es oft mit über­ra­schen­dem Witz. In die­sem Roman sitzt abso­lut jedes Wort an der rich­ti­gen Stel­le und schafft es so, vom eigent­lich Unaus­sprech­li­chen zu erzäh­len.“

 

Doro­thee Elmi­ger: Aus der Zucker­fa­brik (Han­ser)

Kom­men­tar der Jury: „Der Aus­gangs­punkt des Romans von Doro­thee Elmi­ger ist eine ein­fa­che Fra­ge: Wo kommt eigent­lich der Zucker her? In stark essay­is­ti­scher Form, eher als Col­la­ge, fügt die Erzäh­le­rin ihre Nach­for­schun­gen zusam­men. Die füh­ren sie nicht nur in die Welt­ge­schich­te, son­dern auch in die Lite­ra­tur­ge­schich­te, wes­halb es vor­kom­men kann, dass der Text in Hai­ti lan­det, einem der gro­ßen Zucker­ex­por­teu­re, um dort auf Hein­rich von Kleists Novel­le Die Ver­lo­bung in St. Dom­in­go zu sto­ßen. Mit die­ser Metho­de zeigt sich, dass der Kolo­nia­lis­mus untrenn­bar mit der euro­päi­schen Geschich­te ver­wo­ben ist und dass die Europäer*innen, wenn sie sich etwas ande­res erzäh­len, nur die hal­be Wahr­heit ken­nen.“

 

Tho­mas Hett­che: Herz­fa­den (Kie­pen­heu­er & Witsch)

Kom­men­tar der Jury: „Leicht­hän­dig und ele­gant ver­webt die­ser Roman gro­ße The­men der Gegen­wart und der deut­schen Ver­gan­gen­heit. Von einem ver­zau­ber­ten Dach­bo­den aus führt er uns in die Welt der Holz­ma­rio­net­ten, in den Zwei­ten Welt­krieg, in die west­deut­sche Nach­kriegs­zeit, zum Ver­lust von Unschuld und dem Ende der Kind­heit. Er han­delt von der Fan­ta­sie und ihrer Rück­erobe­rung – und Tho­mas Hett­che gelingt dabei ein Stück Illu­si­ons­kunst, die so spie­le­risch und melan­cho­lisch ist, wie jene, von der die­ser Roman selbst so beein­dru­ckend erzählt.“

 

Deniz Ohde: Streu­licht (Suhr­kamp)

Kom­men­tar der Jury: „Deniz Ohde schreibt mit bestechen­der Klar­heit über einen Teil der Gesell­schaft, der sonst viel zu sel­ten zu Wort kommt. Es ist ein Text über ein (post-)migrantisches Arbeiter*innen-Milieu, ein Text über eine klei­ne Fami­lie und ihren hoff­nungs­vol­len Wunsch dazu zu gehö­ren in einem Bil­dungs- und Leis­tungs­sys­tem, das sein Ver­spre­chen von Chan­cen­gleich­heit nicht ein­hal­ten kann. Dabei lässt Ohde nicht nur eine Welt und ihre Akteur*innen plas­tisch wer­den, die sonst hin­ter den Türen zuge­rüm­pel­ter Miet­woh­nun­gen ver­bor­gen bleibt, sie schafft es auch, ganz ohne Kli­schees und didak­ti­schen Zei­ge­fin­ger aus­zu­kom­men.“

 

Anne Weber: Annet­te, ein Hel­din­nen­epos (Matthes & Seitz)

Kom­men­tar der Jury: „Anne Weber ist es gelun­gen, in der Form des Epos das rea­le Leben der 96-jäh­ri­gen Anne Beau­ma­noir in ein gran­dio­ses Stück Lite­ra­tur zu ver­wan­deln. Mit fei­nem Humor erzählt sie von einer Frau, die mit aller Kon­se­quenz bereit war, für ihr Ide­al der Gerech­tig­keit zu kämp­fen. In meist unge­reim­ten Ver­sen, die einen flie­ßen­den Rhyth­mus ent­wi­ckeln, ver­spielt und mit gro­ßem Fein­ge­fühl berei­tet Anne Weber ihrer Hel­din die Büh­ne. Gespannt fol­gen wir Annet­te von der Résis­tance bis in den alge­ri­schen Unab­hän­gig­keits­krieg. Phi­lo­so­phisch, poli­tisch und reflek­tiert stellt der Roman unauf­dring­lich den Bezug zur Gegen­wart her. Eine wun­der­ba­re und über­zeu­gen­de Hom­mage an eine außer­ge­wöhn­li­che Frau.“

 

Chris­ti­ne Wun­ni­cke: Die Dame mit der bemal­ten Hand (Beren­berg)

Kom­men­tar der Jury:Die Dame mit der bemal­ten Hand erzählt Migra­ti­on ein­mal anders­her­um. 1764 stran­det der deut­sche For­schungs­rei­sen­de Cars­ten Nie­buhr auf der indi­schen Insel Ele­phan­ta. Er lei­det an Sumpf­fie­ber, wird aber von Ein­hei­mi­schen ent­deckt und gesund gepflegt. Die Dame mit der bemal­ten Hand ist ein luf­ti­ger Roman über die Neu­gier, das Rei­sen und über die früh­wis­sen­schaft­li­che Erkun­dung der Welt. Und ein Roman über die freund­li­che Auf­nah­me, die man mit etwas Glück in der Frem­de erfah­ren kann. Das alles erzählt mit viel Schalk und schrä­gem Witz. Sou­ve­rän und abso­lut ver­füh­re­risch.“

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Die Jury besteht in die­sem Jahr aus Katha­ri­na Bor­chardt, Han­na Engel­mei­er, David Hugen­dick, Chris Möl­ler, Maria-Chris­ti­na Piwo­war­ski, Felix Ste­phan und Deni­se Zum­brun­nen.

Dotiert ist der Deut­sche Buch­preis mit ins­ge­samt 37.500 Euro: Der oder die Preisträger*in erhält 25.000 Euro, die übri­gen fünf Autor*innen der Short­list erhal­ten jeweils 2.500 Euro. Die Preis­ver­lei­hung fin­det am 12. Okto­ber 2020 in Frank­furt statt.

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Online seit: 15. Sep­tem­ber 2020

Zuletzt geän­dert: 15. Sep. 2020