Fünf Anmerkungen des PEN Berlin zur Ausladung von Susanne Dagen

Dro­hun­gen gegen das „Denk­fest“ in Mann­heim

Die Buch­händ­le­rin und Ver­le­ge­rin Susan­ne Dagen wur­de ges­tern von den Ver­an­stal­tern des „Denk­fests“ in Mann­heim aus­ge­la­den. Begrün­det wur­de das mit Hin­wei­sen auf kon­kre­te Aktio­nen gegen Dagen, die auch kul­tur­po­li­ti­sche Spre­che­rin der AfD im Dresd­ner Stadt­rat ist.

Auf die­se Aus­la­dung reagiert der PEN-Ber­lin mit „fünf Anmer­kun­gen zur Aus­la­dung von Susan­ne Dagen“: 

1) In den USA lässt sich der­zeit beob­ach­ten, was die laut­star­ke For­de­rung von Rechts­po­pu­lis­ten nach Mei­nungs­frei­heit wert ist: kei­nen Cent. Das­sel­be gilt für die AfD. Sie pla­ka­tiert zwar „Zeit für freie Mei­nung“. Doch vie­le Ein­las­sun­gen ihres füh­ren­den Per­so­nals bis hin zu zahl­lo­sen Anträ­gen ihrer kom­mu­na­len Frak­tio­nen las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass Frau Dagens Par­tei, wenn sie die Gele­gen­heit dazu bekä­me, alles und jeden can­celn wür­de, der nicht in ihre Streich­holz­schach­tel­welt passt.

2) Es gibt nach­voll­zieh­ba­re Argu­men­te, eine direk­te Aus­ein­an­der­set­zung mit vor­geb­lich frei­heit­lich gesinn­ten Geis­tern, die in Wahr­heit Fein­de der Frei­heit sind, abzu­leh­nen. (Nicht: „Ihnen kei­ne Büh­ne zu bie­ten“ – sie haben längst ihre eige­nen.) Es gibt eben­so nach­voll­zieh­ba­re Argu­men­te dafür, die­se Stra­te­gie für geschei­tert zu hal­ten und nach ande­ren Wegen zu suchen. Das muss jeder Kul­tur­ver­an­stal­ter für sich ent­schei­den.

3) Eine Stim­me ein­zu­la­den, die eini­ger­ma­ßen zurecht behaup­ten kann, 30 Pro­zent der Wähler:innen zu reprä­sen­tie­ren, ist legi­tim; erst recht zu einem Event, das mit öffent­li­chen Mit­teln geför­dert wird. Eben­so legi­tim ist es, im eige­nen Namen oder im Namen der übri­gen 70 Pro­zent dage­gen zu pro­tes­tie­ren. Mei­nungs­kampf in der offe­nen plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft ist kein wohl­tem­pe­rier­ter Dis­put zwi­schen C4-Professor:innen. Er kann – im bild­li­chen, nicht im wört­li­chen Sinn – zuwei­len die Gestalt eines Hand­ge­men­ges anneh­men. Indis­ku­ta­bel aber sind Gewalt­dro­hun­gen – egal von wem, egal gegen wen. Kein noch so nobles Anlie­gen recht­fer­tigt Gewalt oder ihre Andro­hung gegen eine Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung.

4) Nie­mand muss Susan­ne Dagen ein­la­den. Aber wenn ein Ver­an­stal­ter sich dazu ent­schließt – im Fall des Mann­hei­mer „Denk­fest“ zusam­men mit Hamed Abdel-Samad, Meron Men­del, Sus­an Nei­man und vie­len ande­ren – dann darf man erwar­ten, dass er zu die­ser Ein­la­dung steht. Ver­gan­ge­ne Woche hieß es in der Pres­se­er­klä­rung des PEN Ber­lin zur Aus­la­dung von Michel Fried­man in Klütz: „Ver­an­stal­ter tra­gen die Ver­ant­wor­tung für die Sicher­heit ihrer Gäs­te und Zuschau­er. Wenn es begrün­de­te Sicher­heits­be­den­ken wegen eines Gasts oder The­mas gibt, muss man die­se ernst neh­men. Dann ist es aller­dings Auf­ga­be des Staats, die Sicher­heit aller zu gewähr­leis­ten. Die Sor­ge vor (mög­li­chen) Stö­run­gen gleich von wel­cher Sei­te kann nie­mals ein Argu­ment sein, eine Ver­an­stal­tung abzu­sa­gen.“ All das gilt immer, auch in die­sem Fall.

5) Wie viel das oft bemüh­te Wort vom „Aus­hal­ten“ wert ist, zeigt sich, wenn es wirk­lich etwas aus­zu­hal­ten gilt. Wer – um es bei den jüngs­ten Fäl­len zu belas­sen – die Aus­la­dung von Michel Fried­man in Klütz, von Chef­ket aus dem Ber­li­ner Haus der Kul­tu­ren der Welt, oder eben von Susan­ne Dagen in Mann­heim mit unter­schied­li­chen Maß­stä­ben misst, wird unglaub­wür­dig. Meinungs‑, Kunst- und Pres­se­frei­heit gel­ten nicht nur, wenn es einem in den Kram passt, son­dern auch dann, wenn es einem nicht in den Kram passt. Gera­de dann.

 

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Online seit: 2. Okto­ber 2025

Zuletzt geän­dert: 2. Okt. 2025