Der Nerd und die Nazis

Der 1894 gebo­re­ne Her­mann Oberth zählt zu den wich­tigs­ten Vor­den­kern der Raum­fahrt. In Pee­ne­mün­de arbei­te­te er an der V2, in den 50er-Jah­ren gemein­sam mit sei­nem Schü­ler Wern­her von Braun an Rake­ten für die US-Armee. In sei­nen spä­ten Jah­ren neig­te er dem Okkul­tis­mus und der Ufo­lo­gie zu. Der Phy­si­ker Dani­el Mel­lem hat dem schil­lern­den Oberth nun einen Roman gewid­met: Die Erfin­dung des Count­downs. Pas­cal Mathé­us sprach mit ihm über Wis­sen­schaft, Ethik und das Erzäh­len his­to­ri­scher Stof­fe.
Hermann Oberth, Wernher von Braun © U.S. Army

Her­mann Oberth (vor­ne) in Hunt­sville, Ala­ba­ma, 1956: Ein Uto­pist, der die Erfül­lung sei­ner eige­nen Uto­pie erlebt hat. Foto: U.S. Army

PASCAL MATHEUS Der Poli­tik­stil von Ange­la Mer­kel wird oft damit erklärt, dass sie Phy­si­ke­rin sei. Was bedeu­tet es für einen Schrift­stel­ler, Phy­si­ker zu sein?

DANIEL MELLEM Als Phy­si­ker habe ich beim Schrei­ben die Ten­denz, Din­ge zu struk­tu­rie­ren und Theo­rien zu ent­wi­ckeln. Das hilft, gera­de im Schaf­fens­pro­zess. Aber der ana­ly­ti­sche Blick kann auch hin­der­lich sein. Denn in der Phy­sik geht es oft dar­um, Wider­sprü­che auf­zu­lö­sen. Davon aus­ge­hend ist es manch­mal ver­füh­re­risch, zu ein­fach zu den­ken. Das ist mir auch beim Schrei­ben am Roman pas­siert. Ich habe rela­tiv schnell – wenn wir bei dem Begriff blei­ben wol­len – eine Theo­rie von Her­mann Oberth ent­wi­ckelt. Ich habe ihn als nai­ven For­scher gese­hen, sym­pa­thisch, aber eben fern von der Welt, in der er lebt. Im Lau­fe der Arbeit am Roman muss­te ich fest­stel­len, dass das zu ein­fach gedacht war. Oberth träum­te von einer uto­pi­schen Zukunft, war aber gleich­zei­tig ver­haf­tet in sei­ner natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gegen­wart. Ein Wider­spruch, den man nicht so ein­fach mit einer Theo­rie auf­lö­sen kann.

MATHEUS War­um woll­ten Sie lie­ber schrei­ben, als Wis­sen­schaft zu betrei­ben?

MELLEM Ich habe sehr ger­ne Phy­sik gemacht, sie fas­zi­niert mich auch nach wie vor. Nach dem Abitur woll­te ich das unbe­dingt stu­die­ren, woll­te ver­ste­hen, was die Welt im Inners­ten zusam­men­hält, die Erkennt­nis erwei­tern. Es ist aber so, dass das natur­wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten auch eine Ver­en­gung bedeu­tet. Denk­pro­zes­se sind deter­mi­nis­tisch und logisch geprägt, inhalt­lich kon­zen­triert man sich schon bald auf ein sehr spe­zi­el­les For­schungs­the­ma. Die Lite­ra­tur gibt mir die Mög­lich­keit, mich asso­zia­tiv mit ganz ver­schie­de­nen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, mich der Welt aus unter­schied­li­chen Rich­tun­gen zu nähern. Auch in Wider­sprü­che rein­zu­ge­hen, in Unschär­fen, die Welt emo­tio­nal zu begrei­fen. Die­se Frei­heit genie­ße ich sehr.

Eine Welt­raum­ra­ke­te erschien  Anfang der 20er-Jah­re undenk­bar. In den 50er-Jah­ren aber war sie Lebens­rea­li­tät gewor­den.

MATHEUS Wie kamen Sie dar­auf, über das Leben des Rake­ten­wis­sen­schaft­lers Her­mann Oberth zu schrei­ben?

MELLEM Bis vor fünf Jah­ren kann­te ich Oberth gar nicht. Ich las damals über Fritz Langs Frau im Mond und bin dabei auf ihn gesto­ßen. Er hat mich sofort fas­zi­niert. Er hat ein Leben vol­ler