Für eine Modernität der Literatur im Zeitalter der Informationstechnologie

Von Phil­ipp Schön­tha­ler

Der Roman ist zu einem bestimm­ten his­to­ri­schen Zeit­punkt ent­stan­den, sämt­li­che media­len Umbrü­che haben sich in sei­ner Form nach­hal­tig nie­der­ge­schla­gen; inso­fern kann man nur hof­fen, dass auch der gegen­wär­ti­ge media­le Wan­del Spu­ren hin­ter­lässt, alles ande­re hie­ße, dass sich die Lite­ra­tur von jeg­li­chen sozia­len Ent­wick­lun­gen abge­kop­pelt hat.

Das ästhe­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis und den dar­in ver­wo­be­nen Anspruch, sich sei­ner Zeit zu stel­len, hat wohl nie­mand so prä­gnant for­mu­liert wie Arthur Rim­baud mit sei­ner Maxi­me, abso­lut modern zu sein. Die­ser Appell impli­ziert min­des­tens zwei­er­lei: eine Posi­ti­on gegen­über der eige­nen lite­ra­ri­schen Tra­di­ti­on zu bezie­hen (dies betrifft das poe­to­lo­gi­sche Selbst­ver­ständ­nis) sowie gegen­über sozia­len Ent­wick­lun­gen (dies läuft letzt­lich auf ein poli­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis hin­aus). In die­sem Sinn bean­sprucht die Maxi­me nach wie vor Gül­tig­keit und erin­nert nicht zuletzt dar­an, dass der weit ver­brei­te­te Reflex, das „Ich“, die „Spra­che“ oder „Lite­ra­tur“ abso­lut zu set­zen, selbst his­to­risch ist. Zwar wird die Lite­ra­tur immer auch von Schrei­ben­den pro­fi­tie­ren, die sich mit ihren Text­wel­ten bewusst gegen die Anfor­de­run­gen beschleu­nig­ter Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se abzu­schot­ten suchen, um gera­de auf die­sem Weg eine Dring­lich­keit und Gegen­wär­tig­keit zu gewin­nen. All­zu oft ist eine sol­che Hal­tung aber in einem schlech­ten Sinn naiv, und ver­kennt, dass die Ver­stän­di­gung über Lite­ra­tur, den Wert und die Rol­le, die wir ihr zuspre­chen, auf Kon­ven­tio­nen und Abspra­chen beruht, die sozi­al gewach­sen sind; nichts spricht dage­gen, dass die Lite­ra­tur folk­lo­ris­tisch wer­den könn­te. Die Refle­xi­on über die Lite­ra­tur gehört des­halb genau­so zum Schrei­ben wie die­ses selbst. Dass Poe­to­lo­gie und Pra­xis sich dabei nicht decken, liegt in der Natur der Sache, beschreibt aber vor allem eine Bedin­gung guter Lite­ra­tur.

Die The­men des Romans wer­den dabei wei­ter­hin viel­fäl­tig blei­ben. Das größ­te Dilem­ma wird mei­nes Erach­tens dar­in lie­gen, kon­kret zu zei­gen, inwie­fern glo­ba­le (kapi­ta­lis­ti­sche, öko­lo­gi­sche, trans­kul­tu­rel­le) Struk­tu­ren sich im All­tag des Ein­zel­nen als Mög­lich­kei­ten und Ver­wer­fun­gen nie­der­schla­gen. Am span­nungs­reichs­ten ist in die­ser Hin­sicht der Zwei­fel, der den Roman seit min­des­tens hun­dert Jah­ren beglei­tet: Kön­nen Ein­zel­ne über­haupt noch als lite­ra­ri­sche Trä­ger gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen die­nen, indem sie als Sub­jek­te und Han­deln­de auf­tre­ten, nicht bloß als Stell­ver­tre­ter nar­ra­ti­ver Kon­ven­tio­nen, vor­ne­weg den Anfor­de­run­gen eines Plots? (Bril­lant wid­met sich aktu­ell Tan­guy Viel in Das Ver­schwin­den des Jim Sul­li­van. Ein ame­ri­ka­ni­scher Roman die­sem Kom­plex, wenn er den „ame­ri­ka­ni­schen“ Roman eben­so lust­voll wie ernst­haft als Phä­no­men des enor­men Erfolgs soge­nann­ter inter­na­tio­na­ler Lite­ra­tur dekon­stru­iert. Auf 120 Sei­ten weckt Viel den Ver­dacht, dass sich die geprie­se­nen Gesell­schafts­pan­ora­men aus Über­see, wie sie Autoren wie Phil­ip Roth oder Don DeL­il­lo ger­ne ent­wer­fen, nur einer Hand­voll wie­der­keh­ren­der Stan­dard­si­tua­tio­nen und nar­ra­ti­ver Stra­te­gien ver­dan­ken; die Roma­ne rüh­ren weni­ger seis­mo­gra­fisch an eine abgrün­di­ge See­le Ame­ri­kas, son­dern sind viel­mehr der Effekt eines nar­ra­to­lo­gi­schen For­mu­lars und leis­ten so in ers­ter Linie eins: sich selbst zu repro­du­zie­ren. Viel legt kein „Klein­od“ vor, wie der Buch­rü­cken zu beschwich­ti­gen sucht, son­dern einen Spreng­satz, näh­me man den Roman denn ernst.) Ein­mal mehr wird hier klar, dass inhalt­li­che Fra­gen nicht von for­ma­len zu tren­nen sind: die Zukunft des Romans liegt in sei­ner Form, die er in der Kon­fron­ta­ti­on mit sei­ner Zeit immer wie­der neu fin­den muss.

Das größ­te Dilem­ma wird mei­nes Erach­tens dar­in lie­gen, kon­kret zu zei­gen, inwie­fern glo­ba­le Struk­tu­ren sich im All­tag des Ein­zel­nen als Mög­lich­kei­ten und Ver­wer­fun­gen nie­der­schla­gen.

Dies gilt ins­be­son­de­re auch für die Aus­ein­an­der­set­zung mit den neu­en Medi­en und Tech­no­lo­gien, die sicher ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit rücken wer­den. Inner­halb eines wei­ten Felds