Thesenartiges zur Agenda 2020

Von Tho­mas Mel­le

Die Lite­ra­tur der Zukunft wird wohl genau wie zuvor ver­su­chen, der jewei­li­gen Gegen­wart einen Kunst­ent­wurf ent­ge­gen­zu­stel­len, der die­se Gegen­wart in sich auf­hebt, näm­lich auf irgend­ei­ne Wei­se dar­stellt, ob nun episch, exzes­siv oder in nuce, und etwas Cha­rak­te­ris­ti­sches die­ser Gegen­wart auf­schei­nen lässt, um gleich­zei­tig, im idea­lis­ti­schen Fall, einen Gegen­ent­wurf zu die­ser Gegen­wart mit­zu­for­mu­lie­ren, der viel­leicht nur ex nega­tivo ables­bar ist. Wem das zu gegen­warts­be­zo­gen ist, kann statt Gegen­wart ger­ne den „Men­schen“ ein­set­zen, damit wären auch his­to­risch inter­es­sier­te oder Sci­Fi-Tex­te mit­ein­be­zo­gen.

Die Inhal­te in zehn oder hun­dert Jah­ren wer­den sich also im Wesent­li­chen nicht von den heu­ti­gen unter­schei­den, nur inso­fern natür­lich, wie sich die Welt und der Mensch im Lau­fe der Zeit ver­än­dern und auf­lö­sen wer­den. Im „Auf­lö­sen“ steckt end­lich eine Art The­se. Die Leu­te haben heut­zu­ta­ge immer unter­schied­li­che­re Infor­ma­tio­nen und Erfah­run­gen; das Wis­sen wird dis­pa­ra­ter, die Iden­ti­tä­ten auch. Sol­che Ent­wick­lun­gen sind nicht neu und hören sich sehr nach zwan­zigs­tem Jahr­hun­dert an, jedoch fin­det der­zeit ein beson­de­rer, kate­go­ria­ler Schub in die­se Rich­tung statt und wird sich wei­ter ver­stär­ken. Zudem wird die Arbeit im her­kömm­li­chen Sin­ne mehr und mehr weg­fal­len. Was kommt danach? Und was ist eigent­lich mit dem lang­sam wie­der zum All­tag gewor­de­nen Krieg da drau­ßen? Die Lite­ra­tur muss der­ar­ti­ge Umbrü­che, so lang­sam sie auch von­stat­ten gehen, vor­weg­neh­men und nach­zeich­nen.

Die Inhal­te in zehn oder hun­dert Jah­ren wer­den sich also im Wesent­li­chen nicht von den heu­ti­gen unter­schei­den, nur inso­fern natür­lich, wie sich die Welt und der Mensch im Lau­fe der Zeit ver­än­dern und auf­lö­sen wer­den.

Kei­ne bahn­bre­chen­de Erkennt­nis ist auch, dass die Tech­nik inso­fern in die Lite­ra­tur ein­wan­dern muss, wie sie das Leben neu (ver)formt. Wer sich davon abwen­det, ist Eska­pist, Eso­te­ri­ker (von daher auch die Absa­ge an die Kon­zen­tra­ti­on auf „jene Berei­che, die in ande­ren Orten der Öffent­lich­keit nicht mehr oder zu wenig vor­kom­men“ – was für Berei­che wären das eigent­lich?) oder Reak­tio­när. Ich ver­ste­he Leu­te nicht, die stän­dig auf Face­book pos­ten, aber ihre Tex­te pikiert von sol­chen Neue­run­gen frei­hal­ten wol­len.

Lite­ra­tur wird immer mehr zur Vor­la­ge für ande­re Medi­en wie Fil­me oder Games wer­den. Den­noch wird ihre Stär­ke, die lang­sa­me, nicht zeit­ba­sier­te Erkun­dung von Indi­vi­dua­li­tät, ihre Exis­tenz in jeg­li­cher Zukunft, so geht die Hoff­nung, sichern. Und letzt­end­lich ist jede erzähl­te Geschich­te Lite­ra­tur, egal, in wel­chem Medi­um.

Zu sagen, es gibt kei­ne Hier­ar­chie der Wirk­lich­kei­ten, kommt unse­rer aktu­el­len Wirk­lich­keit näher als die Annah­me einer außer­me­dia­len Wahr­heit.

Nach­lass 1: Wer an sei­nen Nach­lass denkt und dabei kei­ne Panik