30. April 1945

Der Tag, an dem Hit­ler sich erschoß und die West­bin­dung der Deut­schen begann. Von Alex­an­der Klu­ge

Ich habe die­sen Tag in einer Stadt nörd­lich des Harz­ge­bir­ges erlebt. Mit 13 Jah­ren. Unse­re Stadt ist seit dem 11. April von den Ame­ri­ka­nern besetzt. Vom Rest der Welt weiß ich zu die­sem Zeit­punkt aus unmit­tel­ba­rer Erfah­rung nichts (was ich höre, was ich lese, wäre mit­tel­bar). Nie­mand hat einen Über­blick über das Gan­ze, sagt der Archi­tekt Uri Bir­cher in Zürich. Er liest in der NZZ.

Im See­len­sack eines jeden dor­ti­gen Men­schen lie­gen Stü­cke unter­schied­li­cher Rea­li­tä­ten durch­ein­an­der.

Es gibt ja die­ses Gan­ze auch gar nicht, ent­geg­net ihm ein Arzt. Sie sit­zen in einem Café. Der Zusam­men­bruch einer Groß­or­ga­ni­sa­ti­on wie Deutsch­land schafft Trüm­mer­stü­cke. Und das sind nicht nur, fügt der Archi­tekt hin­zu, die Gebäu­de, Bah­nen und Stra­ßen, die zer­stört sind, son­dern im See­len­sack eines jeden dor­ti­gen Men­schen lie­gen Stü­cke unter­schied­li­cher Rea­li­tä­ten durch­ein­an­der. Ich stel­le mir vor, sagt der Arzt, daß in den Enkla­ven, in denen die Orga­ni­sa­ti­on der Vor­jah­re exis­tiert, also in Oslo, auf Rho­dos, in Bres­lau, in den Fes­tun­gen an der Atlan­tik­küs­te oder in Prag, noch Flag­gen­his­sun­gen statt­fin­den.

Man kann sich eigent­lich als Leser des Jah­res 2014, sagt der Päd­ago­ge Böhm­ler aus Bie­le­feld, in das, was man von den Zeit­ge­nos­sen des 30. April 1945 weiß (oder zu wis­sen glaubt), schwer hin­ein­ver­set­zen. In den Kel­lern des umkämpf­ten Ber­lin ist alles, was die Sin­ne aus­füllt, so rabi­at anders als das, was im bereits neu­en Wirk­lich­keits­zu­stand, unter der Herr­schaft der Alli­ier­ten im Wes­ten, statt­fin­det.

Träg­heit: Im Kopf eines Men­schen noch die Schla­ger von 1939. Das Auge sieht das bru­ta­le Grau von Explo­sio­nen. Die See­le zieht sich zurück: Erwin Brink­mei­er sah eine Grup­pe von Rot­ar­mis­ten am Wer­ke, die Frau­en vor sich her in einen Kel­ler trie­ben. Obwohl er im Gar­ten eine Pan­zer­faust ver­gra­ben hat­te, rühr­ten er und sein Gefähr­te, der Block­wart Fred Schül­ler, sich nicht aus ihrem Ver­steck.

„Galop­pie­ren­de Mor­gen­rö­te“

Die Mor­gen­rö­te über­sprang die Reichs­haupt­stadt, die unter einer tief­lie­gen­den Wol­ken­de­cke lag, dar­un­ter grau­er Gefechts­staub und Brän­de. In den Trüm­mern und Stra­ßen fand das Licht wenig Halt. Weit aus­grei­fend