In den Rettungsbooten

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“

In der Welt konn­te man vor weni­gen Mona­ten den Essay „Der Roman ist tot (jetzt aber wirk­lich)“ von Will Self lesen. Ein sol­cher Abge­sang wird natür­lich nicht das ers­te Mal ange­stimmt, im Gegen­teil, die Beschwö­rung sei­nes Endes beglei­tet den Roman fast seit sei­nen Anfän­gen, was aller­dings auch nicht heißt, dass das „jetzt aber wirk­lich“ nicht jetzt aber wirk­lich zutref­fen könn­te. Will Self fei­ert den „ernst­haf­ten Roman“ noch ein­mal als „kul­tu­rel­le Krö­nung und Gip­fel schöp­fe­ri­scher Bestre­bun­gen“, als die er in der gan­zen zwei­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts gegol­ten habe. Nicht, dass nicht da auch schon „die Pop­kul­tur mit all ihren Aus­for­mun­gen … die Psy­che und Fan­ta­sie der gro­ßen Mehr­heit im Griff gehabt hät­te“, und nicht, dass es da nicht auch schon das „Bie­der­mann-Spie­ßer­tum“ gege­ben hät­te, das sich sei­ne prin­zi­pi­el­le Kunst­ab­leh­nung zugu­te hielt … „Was jedoch nicht herrsch­te, war das gegen­wär­ti­ge Glau­bens­sys­tem, in wel­chem der­je­ni­ge, der die höhe­ren Küns­te ablehnt, sich zu sei­ner Mei­nung nicht nur berech­tigt, son­dern voll­kom­men dar­in gerecht­fer­tigt fühlt. Mehr noch: Das Mar­ken­zei­chen unse­rer zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur ist ein akti­ver Wider­stand gegen Schwie­rig­keit in all ihren ästhe­ti­schen Aus­prä­gun­gen, gepaart mit einer Art von Groll, der sie mit poli­ti­schem Eli­te­den­ken zusam­men­bringt.“

Es ist Zufall, aber wenn man der The­se vom Tod des ernst­haf­ten Romans „jetzt aber wirk­lich“ Glau­ben schen­ken will, viel­leicht ein spre­chen­der Zufall, dass nur weni­ge Wochen nach der Publi­ka­ti­on die­ses Essays die Zei­tun­gen tri­um­phie­rend mel­de­ten, dass zum ers­ten Mal ein Com­pu­ter-Sys­tem den Turing-Test bestan­den habe. Seit es Com­pu­ter gibt, gibt es auch die Fra­ge, ob Com­pu­ter den­ken kön­nen, und Alan Turing, einer ihrer Väter, hat­te schon 1950 vor­aus­ge­sagt, im Jahr 2000 sei­en weni­ger als 70 Pro­zent der Men­schen imstan­de, Com­pu­ter in einem Blind­dia­log von Men­schen zu unter­schei­den. Dar­auf basiert der nach ihm benann­te Test, den jetzt ein Sys­tem namens Euge­ne Goost­man – ein Chat­bot zur Simu­la­ti­on von mensch­li­chen Unter­hal­tun­gen, der vor­gibt, ein drei­zehn­jäh­ri­ger Jun­ge aus Odes­sa zu sein – erfolg­reich hin­ter sich gebracht haben soll. Abge­se­hen von allen Details, die zu klä­ren wären, heißt das aller­dings noch lan­ge nicht, dass Com­pu­ter den­ken kön­nen, aber viel­leicht soll­ten wir in die­sem Zusam­men­hang den­ken auch gar nicht über­schät­zen. Denn was sie kön­nen, ist eine gan­ze Men­ge, und die Art und Wei­se, wie sie den­ken zu simu­lie­ren ver­mö­gen, kann uns eben­so beein­dru­cken wie das Fürch­ten leh­ren. Über­se­hen soll­te man dabei nicht die Fra­ge, was mit dem mensch­li­chen Den­ken im Umgang mit Com­pu­ter­sys­te­men geschieht: Deren Sys­tem­ver­hal­ten wird immer bes­ser dar­auf pro­gram­miert, sich unse­rem Den­ken anzu­glei­chen, aber wie sehr hat sich umge­kehrt unser Den­ken schon ihrem Sys­tem­ver­hal­ten ange­gli­chen?

Ein Tri­vi­al­ro­man wäre einer, der ent­we­der tat­säch­lich von einem Com­pu­ter­sys­tem gene­riert wur­de oder jeden­falls ohne Ver­lust von ihm gene­riert wer­den könn­te.

Das bringt mich noch ein­mal auf Will Self zurück, der schreibt: „Es gibt nur eine ein­zi­ge Fra­ge, die man sich stel­len muss, um zu klä­ren, ob der anspruchs­vol­le Roman in zwan­zig Jah­ren noch immer eine kul­tu­rel­le Vor­rang­stel­lung und zen­tra­le Bedeu­tung haben wird. Die Fra­ge ist die: