Schirmbecks Vermächtnis

Alban Niko­lai Herbst erin­nert an den Schrift­stel­ler Hein­rich Schirm­beck, des­sen Werk in der Nach­kriegs­zeit der Kahl­schlag-Dok­trin zum Opfer fiel.
Heinrich Schirmbeck © Helga Schirmbeck

Hein­rich Schirm­beck blieb ein Außen­sei­ter im Lite­ra­tur­be­trieb der Nach­kriegs­zeit. Foto: Hel­ga Schirm­beck

Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter heißt eine berühm­te, von Wal­ter Höl­le­rer 1961 gegrün­de­te und nach wie vor vom Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um Ber­lin her­aus­ge­ge­be­ne Lite­ra­tur­zeit­schrift. Sie wäre zumin­dest für Hein­rich Schirm­becks Auf­sät­ze ein idea­ler Ort gewe­sen. Doch nicht eine ein­zi­ge Aus­ga­be erwähnt auch nur sei­nen Namen. Da sich um Höl­le­rer sei­ner­zeit zusam­men­zog, was lite­ra­risch irgend Bedeu­tung hat­te, lässt sich bereits jetzt erah­nen, welch unge­hör­te Stim­me Schirm­beck war. Dabei hat­te er in den End­fünf­zi­ger­jah­ren einen sogar in Über­see enor­men Roman­erfolg, für den man ihn in den USA an die Sei­te Tho­mas Manns stel­len woll­te. Dass ihn die Grup­pe 47 gleich­falls igno­rier­te, sie nun erst recht, weist ihn für die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur nach 1945 voll­ends als Außen­sei­ter aus.

Es muss ihn sehr gequält haben.

Bereits als ich in den Acht­zi­gern über Schirm­beck ver­öf­fent­li­chen woll­te, bekun­de­ten nicht nur die Redak­tio­nen des Hes­si­schen Rund­funks, für den er hun­der­te Bei­trä­ge ver­fasst hat­te, Des­in­ter­es­se. Also über­schrieb ich mei­nen Text mit „Ver­ges­sen auf der Rosen­hö­he“, näm­lich der in Darm­stadt, wo er gelebt hat. Das ärger­te ihn so sehr, dass nun auch ich sei­ne Stör­rig­keit zu spü­ren bekam, vor der die Redak­teu­re und Redak­teu­rin­nen sich prä­ven­tiv in Deckung gebracht zu haben schie­nen. Sei­ne durch­aus nar­ziss­ti­sche Quer­köp­fig­keit hat­te aber eben in der ihm ent­ge­gen­ge­brach­ten Igno­ranz ihren Grund.

Die 1960 erschie­ne­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Über­set­zung von Schirm­becks Roman Und ärgert dich dein rech­tes Auge wur­de mit Dok­tor Faus­tus ver­gli­chen.

Die Fata­li­tät die­ser ungu­ten, sich wech­sel­sei­tig auf­ge­schau­kel­ten Dyna­mik habe ich gänz­lich erst spä­ter begrif­fen. Der bei­nah schon grei­se Roman­cier konn­te sei­ne lite­ra­ri­sche Gewiss­heit nur noch mit einer Eitel­keit auf­recht erhal­ten, die sich gegen den Ver­lust der Bedeu­tung sei­nes in jedem Fall the­ma­tisch hoch­be­deu­ten­den Wer­kes gleich­sam selbst­be­schwö­rend anstemm­te. Man kann von einer trau­ma­ti­schen Krän­kung spre­chen. Dabei hat­te gera­de er genau gese­hen, um was es gesell­schaft­lich ging und, mehr noch, was auf dem anthro­po­lo­gi­schen Spiel stand.

Mein Titel war frei­lich als Atta­cke auf ihn gar nicht gemeint gewe­sen, son­dern ich hat­te ihn auf einen Lite­ra­tur­be­trieb gemünzt, der wis­sent­lich wis­sen nicht woll­te. Es ging damals ganz wie heu­te: Die eine Hand der ideo­lo­gisch-poli­ti­schen Über­zeugt­heit wäscht die ande­re ihrer selbsti­schen Inter­es­sen. Und ist jemand aufs Abstell­gleis erst ein­mal ran­giert, zie­hen ihn allen­falls spä­te­re Gene­ra­tio­nen wie­der her­un­ter, bei eini­gem Glück oder wenn man bis ins Alter gesund genug bleibt, um den Kampf um die Auf­merk­sam­keit noch durch­zu­hal­ten.

Schirm­beck war es schon sei­ner­zeit nicht mehr gege­ben. Man hat­te damals auch gar nicht die Mit­tel, sich weit­ge­hend unab­hän­gig vom, sagen wir, „Main­stream“ Gehör zu ver­schaf­fen. Ich über­dies war ein sol­cher No-Name, dass von Schirm­beck, immer­hin einem alten Freund Peter Suhr­kamps, weder nach­den­ken­des Ent­ge­gen­kom­men noch Ver­ständ­nis für mei­nen gewis­ser­ma­ßen for­mu­lier­pa­ra­do­xen Schul­ter­schluss über­haupt hät­te erwar­tet wer­den kön­nen. Dass ich die ihm ent­ge­gen­ge­brach­te Igno­ranz mit der iden­ti­fi­zier­te, die ich sel­ber aus­zu­hal­ten hat­te, wird er zu Recht als jugend­li­che Anma­ßung emp­fun­den haben.

Aus den Lexi­ka ver­schwun­den

Als man die 1960 erschie­ne­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Über­set­zung The Blin­ding Light sei­nes gro­ßen Roma­nes Und ärgert dich dein rech­tes Auge neben den Dok­tor Faus­tus stell­te, war Schirm­beck erst knapp über vier­zig. Heu­te wis­sen davon selbst lite­ra­tur­his­to­ri­sche Lexi­ka nichts mehr. Nur der von Wil­helm Kühl­mann neu her­aus­ge­ge­be­ne Kil­ly wid­met Schirm­beck andert­halb Spal­ten. In Reclams neu­er Geschich­te des deutsch­spra­chi­gen Romans hin­ge­gen, 2013 erschie­nen, sucht man sei­nen Namen ver­geb­lich. — Wor­an liegt das?