Die Erfindung des Countdowns

Aus dem neu­en Roman von Dani­el Mel­lem. (Das Buch erscheint am 15. Sep­tem­ber bei dtv).
Daniel Mellem © Bogenberger Autorenfotos

Dani­el Mel­lem. Foto: Bogen­ber­ger Autoren­fo­tos

Der Schäß­bur­ger Som­mer des Jah­res 1899 war heiß wie immer. In den Häu­sern stau­te sich die Hit­ze, auf den Ufer­wie­sen der Kokel ver­brann­te das Gras, und wenn man vom Siech­hof­berg durch die flim­mern­de Luft hin­un­ter auf die klei­ne sie­ben­bür­gi­sche Stadt schau­te, dann wirk­te die mit­tel­al­ter­li­che Burg mit Stund­turm, Klos­ter­kir­che und Berg­schu­le wie eine Erschei­nung aus einer längst ver­gan­ge­nen Zeit.

Auf dem Siech­hof­berg, zwi­schen Eichen­bäu­men, streck­te Her­mann sei­nen Arm in die Fer­ne. Ein Hirsch­kä­fer lief sei­ne Hand ent­lang und erklomm lang­sam sei­nen Zei­ge­fin­ger. Her­mann betrach­te­te den fet­ten, rot­brau­nen Rumpf, die lan­gen, schwar­zen Bei­ne und das Geweih, das bei­na­he so lang war wie der Kör­per selbst. Er hielt den Fin­ger in die Höhe. Die­ses plum­pe Tier konn­te unmög­lich flie­gen, und doch öff­ne­te der Käfer jetzt sei­ne Flü­gel. Her­mann sah ihm nach­denk­lich nach, wie er lang­sam in das Tal hin­ab­glitt.

„Lass uns baden gehen“, riss sein klei­ner Bru­der Adolf ihn aus sei­nen Gedan­ken. Her­mann wisch­te sich den Schweiß von der Stirn und schau­te hin­un­ter zur Kokel, die in der Mit­tags­son­ne glit­zer­te. War­um nicht? „Wer zuerst unten ist“, sag­te er und ging gleich in die Hocke. Adolf mach­te es ihm etwas unge­lenk nach.

„Eins …“, sag­te Her­mann. Sie schau­ten ein­an­der her­aus­for­dernd an, Adolf stand vor Auf­re­gung der Mund offen.

„Zwei …“ Her­mann ging noch ein Stück tie­fer in die Hocke, um sich maxi­mal in den Sprint hin­ein­drü­cken zu kön­nen.“

„Drei!“ Damit rann­te er los. Sofort war er vor­ne­weg, ließ sei­nen klei­nen Bru­der hin­ter sich, er rann­te über den feuch­ten Wald­bo­den, zwi­schen den Bäu­men hin­durch hin­über zum Lehm­pfad, der den Berg hin­un­ter­führ­te. Der Pfad war von der Son­ne auf­ge­heizt wor­den und brann­te unter den Füßen, und so lief Her­mann schnel­ler und schnel­ler hin­un­ter in Rich­tung Ufer­wie­sen, er stol­per­te, ver­lor fast den Halt, dann fing er sich und war erleich­tert, als der Boden end­lich wie­der fla­cher wur­de. Unten ange­kom­men grub er sei­ne Zehen in den küh­len Fluss­schlamm und schau­te zurück zu sei­nem Bru­der. Noch lief Adolf auf wack­li­gen Bei­nen, dann fiel er hin und rutsch­te bäuch­lings die Böschung zum Fluss hin­un­ter. Heu­lend hielt er sich die blu­ten­den Knie. Sofort war Her­mann bei ihm und half ihm auf­zu­ste­hen. „Das wird schon wie­der.“ Er zog sei­nen Bru­der in die Kokel und wusch die Schram­men aus. Adolf wim­mer­te, dann zeig­te er auf etwas hin­ter ihnen.

Ein paar Meter ent­fernt lag halb im Was­ser ein gro­ßer Büf­fel, der in der Son­ne dös­te. Das schwar­ze Fell glänz­te, der nas­se Schwanz schlug nach ein paar Schna­ken aus. Her­mann betrach­te­te ihn, über­leg­te. Dann bück­te er sich, nahm etwas Ufer­schlamm und warf nach dem Tier. Er ver­fehl­te es knapp, das Was­ser spritz­te. Der Büf­fel hob den Kopf. Unter dem Fell zuck­ten die Mus­keln, dann stemm­ten vier dün­ne Bei­ne den Kör­per lang­sam in die Höhe. Her­mann klatsch­te ein paar­mal in die Hän­de, bis der Büf­fel ihn end­lich ansah. Lang­sam, ein Schritt nach dem ande­ren, ging er näher her­an, bis er den Atem des Tie­res im Gesicht spü­ren konn­te. Er beug­te sich noch ein Stück vor, um in die dunk­len Augen des Büf­fels zu schau­en, zwei Mur­meln, die geheim­nis­voll in der Son­ne glit­zer­ten. „Her­mann, komm!“, rief Adolf hin­ter ihm. Her­mann schüt­tel­te den Kopf. Vor­sich­tig griff er mit Zei­ge­fin­ger und Dau­men nach einer der bei­den Mur­meln. Der Büf­fel brüll­te, tau­mel­te zurück. Dann senk­te er auf ein­mal die Hör­ner.

* * *

Durch die Rund­bo­gen­fens­ter fiel Licht her­ein, an den Wän­den schim­mer­ten wei­ße Kacheln. Die Hel­lig­keit des Kran­ken­zim­mers blen­de­te Her­mann, er kniff die Augen zusam­men. Der Brust­korb schmerz­te so sehr, dass er kaum atmen konn­te. Lang­sam kam die Erin­ne­rung zurück. Er sah die zu Halb­mon­den gebo­ge­nen Hör­ner des Büf­fels vor sich, dann den rie­si­gen Kopf, der zustieß. Er schäm­te sich. Er hat­te sich in Gefahr gebracht und, was noch viel schlim­mer war, er hat­te sei­nen klei­nen Bru­der in Gefahr gebracht. Hof­fent­lich war Adolf nichts pas­siert. Er zwang sich, die Augen wie­der zu öff­nen. Müh­sam dreh­te er sich auf die ande­re Sei­te. Er atme­te auf. Auf dem Bett neben der Tür saß sein Bru­der und ließ die Bei­ne bau­meln. „Du glaubst nicht, wie wütend Vater war.“

Es war eine Stra­fe, dass aus­ge­rech­net der Vater Direk­tor des Spi­tals war. In den fol­gen­den Tagen trau­te Her­mann sich in sei­nem Kran­ken­bett kaum zu atmen. Nicht nur, weil die gebro­che­ne Rip­pe so weh­tat, wich­tig war vor allem, so lei­se wie mög­lich zu sein und bloß kei­ne Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. Die Tür zum Kran­ken­zim­mer stand den gan­zen Tag offen, er konn­te sehen, wie der Vater, Voll­bart und kurz gescho­re­ne Haa­re, die Trep­pen hin­auf- und wie­der hin­un­ter­eil­te und die Flu­re ent­lang­hetz­te. Her­mann war jedes Mal erleich­tert, wenn der Vater nicht bei ihm im Tür­rah­men ste­hen blieb und ihn mit schma­len Augen anblitz­te, bevor er wei­ter­has­te­te. Her­mann war sich sicher, das Ein­zi­ge, was den Vater davon abhielt, von mor­gens bis abends mit bösem Blick bei ihm im Zim­mer zu ste­hen, war sein ewi­ges Pflicht­ge­fühl. Von nichts rede­te der Vater häu­fi­ger als von sei­ner Pflicht. Acht­zehn Stun­den am Tag arbei­te­te er, selbst nachts stand er auf und ging vom Wohn­haus, wo sie mit einer ande­ren Arzt­fa­mi­lie leb­ten, neben­an ins Spi­tal, um nach sei­nen Pati­en­ten zu sehen. Alle in Schäß­burg bewun­der­ten den Vater. Es hieß, er mache kei­nen Unter­schied, ob einer arm sei oder reich, und kön­ne jemand die Behand­lung nicht bezah­len, dann über­neh­me er die Kos­ten selbst. Aus ganz Sie­ben­bür­gen kamen Pati­en­ten nach Schäß­burg, sogar aus Buda­pest und Wien, um sich mit der neu­ar­ti­gen Strah­len­ma­schi­ne, die der Vater ange­schafft hat­te, unter­su­chen zu las­sen. Ein­mal hat­te er einen unga­ri­schen Bau­ern von sei­ner Taub­heit befreit und der hat­te ihn dar­auf­hin einen Gott genannt. Der Vater hat­te abge­wun­ken. Es sei doch nur eine ein­fa­che Spü­lung gewe­sen.

So wohl­mei­nend der Vater mit sei­nen Pati­en­ten war, so hart war er gegen sich selbst. Vor eini­gen Mona­ten hat­te er an einem Tag unter hef­ti­gen Bauch­schmer­zen gelit­ten. Gleich mehr­mals war er aus dem Spi­tal zu ihnen ins Haus gekom­men und war lan­ge auf der Toi­let­te ver­schwun­den. In der Nacht hat­te Her­mann ein selt­sa­mes Gestöh­ne aus dem elter­li­chen Schlaf­zim­mer gehört und hat­te sich in den Flur geschli­chen. Durch den Tür­spalt konn­te er sehen, wie der Vater sei­nen nack­ten Bauch abtas­te­te und die Mut­ter bat, ihm sei­ne Arzt­ta­sche zu brin­gen. Besorgt sah sie ihn an. Er sol­le sich doch lie­ber im Spi­tal behan­deln las­sen, wozu sonst ste­cke er ihr gan­zes Erspar­tes dort hin­ein? Doch der Vater schüt­tel­te den Kopf und wie immer, wenn er auf etwas bestand, gab die Mut­ter nach. Sie hol­te die Tasche, der Vater zog sich eine Sprit­ze auf und setz­te sie sich in die Sei­te. Dann befahl er der Mut­ter, sich mit der Öllam­pe neben das Bett zu set­zen und einen Spie­gel in der Beu­ge zwi­schen Ober­schen­kel und Leis­te zu plat­zie­ren. Sie tat wie gehei­ßen, doch wand­te ihr blas­ses Gesicht ab und starr­te zu Boden. Plötz­lich stach sich der Vater mit einem Skal­pell mit­ten in den Bauch. Her­mann muss­te einen Schrei unter­drü­cken, als er sah, wie fürch­ter­lich es blu­te­te. Der Vater wies die Mut­ter an, das Blut weg­zu­wi­schen und die Wun­de so weit auf­zu­zie­hen, dass er ganz hin­ein­se­hen konn­te. Her­mann merk­te, dass auf ein­mal sein klei­ner Bru­der neben ihm stand. Adolf woll­te auch in das Zim­mer der Eltern hin­ein­schau­en, aber Her­mann dräng­te ihn zurück und hielt ihm die Hand vor die Augen. Der Vater steck­te sich äch­zend eine Sche­re in die offe­ne Wun­de, öff­ne­te und schloss sie wie­der. Dann hol­te er mit einer Hand etwas aus der Wun­de her­aus, das wie eine blu­ti­ge Wurst aus­sah. Er warf sie neben das Bett und ließ sich von der Mut­ter Nadel und Bind­fa­den rei­chen. Her­mann wur­de übel, aber er konn­te den Blick ein­fach nicht abwen­den. Erst nach­dem der Vater sich den Bauch wie­der zuge­näht hat­te, hat­te Her­mann sei­nen Bru­der an der Hand genom­men und war mit ihm zurück ins Bett geschli­chen.

Jetzt lag Her­mann im Kran­ken­zim­mer und er war sich sicher, ohne den Ver­band um sei­nen Brust­korb hät­te es längst eine Tracht Prü­gel gege­ben. Am ers­ten Abend im Spi­tal hat­te der Vater ihn ange­brüllt. „Was erlaubst du dir, einen Büf­fel zu rei­zen! Wie kannst du es wagen, mir mit sol­chen Dumm­hei­ten die Zeit zu steh­len!“

Sogar die Mut­ter hat­te den Kopf geschüt­telt. Dabei hat­te sie Her­mann sonst immer zur Sei­te gestan­den. Im ver­gan­ge­nen Win­ter zum Bei­spiel, als er heim­lich zum Bahn­hof gelau­fen war. Dort war er, wäh­rend der Loko­mo­tiv­füh­rer auf dem Bahn­steig stand und sei­ne Pfei­fe rauch­te, in das Füh­rer­haus der Wusch gestie­gen. Die klei­ne Schmal­spur­bahn ver­band seit zwei Jah­ren Schäß­burg mit Agne­theln und Her­mann lieb­te es, wenn sie am Markt­platz vor­bei­fuhr und die Dampf­glo­cke pfiff. Im Füh­rer­haus hat­te er vor den vie­len Ska­len der Mano­me­ter gestan­den und vor den zahl­lo­sen Schläu­chen, Dreh­ver­schlüs­sen und Hebeln, und hat­te sich gefragt, was sie wohl bedeu­te­ten und was sich mit ihnen anstel­len ließ. Er hat­te ange­fan­gen, dar­an her­um­zu­spie­len und plötz­lich hat­te es gezischt und es hat­te gefaucht, der Zug­füh­rer war her­bei­ge­stürmt, hat­te ihn her­aus­ge­zerrt und ihm eine ordent­li­che Ohr­fei­ge ver­passt. Auch der Vater hat­te spä­ter sehr geschimpft, nur die Mut­ter war nicht böse gewe­sen. Still, aus ihrem wei­chen, melan­cho­li­schen Gesicht hat­te sie ihn ange­se­hen und ihm über den Kopf gestri­chen, als er ihr von dem auf­re­gen­den Füh­rer­stand erzähl­te.

Doch bei dem Vor­fall mit dem Büf­fel hat­te auch sie ver­ständ­nis­los geschaut. „Was ist nur in dich gefah­ren?“ Her­mann hat­te geschwie­gen. Er wuss­te es nicht.

* * *

Einen Monat nach­dem er wie­der gene­sen war, weck­te ihn die Mut­ter kurz nach Son­nen­auf­gang. Zusam­men mit Adolf ver­lie­ßen sie das Arzt­haus. Der Mor­gen war düs­ter. Im Gar­ten häm­mer­te der unga­ri­sche Spi­tal­die­ner schwei­gend auf einem Stück Holz her­um, auf der Stra­ße scho­ben sich Och­sen­kar­ren und Pfer­de­wa­gen lang­sam durch den Nebel aus Schäß­burg hin­aus. Her­mann lief mit sei­ner Mut­ter und sei­nem Bru­der durch die klei­ne Stadt, sie stie­gen die schma­len Stu­fen zur Burg hin­auf, kamen an der Klos­ter­kir­che vor­bei, am Markt­platz, schließ­lich am Stund­turm. Der gro­ße Kas­ten neben dem Zif­fern­blatt, aus dem zur vol­len Stun­de an jedem Wochen­tag ein ande­res Männ­chen mit wil­der Frat­ze her­aus­sprang, mach­te Her­mann immer noch Angst. Schnell lief er wei­ter, als der zor­ni­ge Sol­dat sei­nen Speer prä­sen­tier­te.

Die meis­ten ande­ren Jun­gen hat­ten sich schon vor Leh­rer Both auf­ge­stellt. Sie stan­den dort mit geschwell­ter Brust, vie­le waren grö­ßer als er und fast alle waren sie laut. Man­che schubs­ten, um ganz vor­ne zu ste­hen, einer zog einem ande­ren so fest an den Haa­ren, dass der anfing zu wei­nen. Die Mut­ter ließ Her­manns Hand los und gab ihm einen Klaps. Dann stell­te sie sich zu den ande­ren Müt­tern und nahm Adolf auf den Arm. Das hat­te sie lan­ge nicht getan. Der Som­mer war vor­über.

* * *

War­um ging in der Ele­men­tar­schu­le alles so lang­sam zu? Die sonst so lau­ten Jun­gen ver­renk­ten unter den Pul­ten ihre Fin­ger, wenn es bloß dar­um ging, zwei Zah­len zusam­men­zu­zäh­len. Und wenn das Ergeb­nis grö­ßer war als zehn, dann muss­te man befürch­ten, dass sie sich die Fin­ger ver­kno­te­ten. Her­mann ver­stand nicht, war­um Leh­rer Both Rück­sicht auf die­se Jun­gen nahm. Erst frag­te Both den lan­gen Erwin, der ganz hin­ten saß, wie viel zwei plus zwei erge­be. Erwin spreiz­te Zei­ge­fin­ger und Mit­tel­fin­ger an bei­den Hän­den und ant­wor­te­te »Vier«. Dann stell­te der Leh­rer dem Jun­gen dane­ben genau die glei­che Fra­ge noch ein­mal. So wan­der­te er durch die Rei­hen nach vor­ne, bis er schließ­lich bei Her­mann ankam. »Vier, das musst du doch jetzt eigent­lich wis­sen«, ant­wor­te­te er. Leh­rer Both mach­te gro­ße Augen, griff zum Zei­ge­stock und ließ ihn auf Her­manns Hand nie­der­sau­sen. Die Fin­ger lie­fen blau an und taten den Rest des Tages so weh, dass er sie kaum bewe­gen konn­te. Aber immer­hin brauch­te er sie nicht zum Rech­nen.

* * *

Her­mann war froh, wenn die Schu­le vor­über war und er sei­ne Nach­mit­ta­ge im gro­ßen Gar­ten des Arzt­hau­ses ver­brin­gen konn­te. Kein Leh­rer, der ihm befahl, etwas zu ler­nen, das er längst wuss­te. Er schlug mit Feu­er­stei­nen Fun­ken, bau­te aus Pap­pe eine Son­nen­uhr, fing mit einem alten Fischer­netz am duf­ten­den Flie­der Schwal­ben­schwän­ze und Admi­ra­le. Bei ihm war immer nur sein klei­ner Bru­der, der staun­te, was er so trieb.

Beim Abend­brot erzähl­te Adolf von ihren Aben­teu­ern und tat dabei so, als sei­en Her­manns Ideen sei­ne eige­nen gewe­sen. Her­mann schimpf­te dar­über und ver­such­te, die Din­ge rich­tig­zu­stel­len, sie so zu erzäh­len, wie sie sich eigent­lich zuge­tra­gen hat­ten. Doch aus sei­nem Mund klang alles selt­sam schal, weni­ger auf­re­gend als bei Adolf, und dann wur­de er rot, warf die Hän­de in die Luft und schrie, ver­such­te mit Laut­stär­ke aus­zu­glei­chen, was mit Wor­ten nicht gelang. Die Mut­ter hielt ihn fest. „Ruhig, Her­mann. Wir wis­sen doch, wie es war.“

Nach dem Essen nahm sie ihn mit auf den Dach­bo­den. Hier bewahr­te sie in einer Eichen­tru­he die Gedich­te von Groß­va­ter Fried­rich auf. Zusam­men saßen sie neben der offe­nen Tru­he und die Mut­ter erzähl­te vom Groß­va­ter. Fried­rich Kras­ser war ein Arzt und berühm­ter Dich­ter gewe­sen, der den Kle­rus abge­lehnt und an die Leh­ren Dar­wins geglaubt hat­te. Sei­ne Freun­de hat­ten ihn den Refor­ma­tor genannt und in sei­ner Stu­di­en­zeit in Wien hat­te er Arbei­ter­fa­mi­li­en behan­delt, die an Typhus lit­ten und in Kel­ler­lö­chern haus­ten. Danach war er sein Leben lang für die Rech­te der Aus­ge­beu­te­ten ein­ge­tre­ten.

Die Mut­ter las das Gedicht Tabu­la Rasa vor, mit dem der Groß­va­ter im Jahr 1869 für gro­ßen Auf­ruhr im Kai­ser­reich gesorgt hat­te. Her­mann fand das Gedicht recht öde, es schien dar­in nur ums Schla­fen zu gehen. Es hieß, jeden Tag gehe im Osten die Son­ne auf, doch die Strah­len wür­den nicht über die Kar­pa­ten hin­weg­rei­chen und so blei­be es im Abend­land dun­kel und die Men­schen lägen dort wei­ter­hin im Schlum­mer. Der Ärger über das Gedicht war groß gewe­sen und Her­mann war über­zeugt, die Leu­te waren empört, dass es so lang­wei­lig war. Gegen den Groß­va­ter wur­de ein Pro­zess eröff­net. Der schrieb dar­auf­hin den Auf­satz Die moder­ne Inqui­si­ti­on. Das erzürn­te die Mäch­ti­gen nur noch mehr und schon bald dar­auf wur­de er in Graz ver­ur­teilt. Für zwei Jah­re soll­te er ins Gefäng­nis. Aber die Men­schen in Sie­ben­bür­gen waren dem Groß­va­ter dank­bar für sei­nen Ein­satz für die ers­te Arbei­ter­kran­ken­kas­se in Her­mann­stadt und so schrie­ben Freun­de aus hohen Krei­sen Sup­pli­ken an den Kai­ser Franz Joseph und es dau­er­te nicht lan­ge und der Kai­ser erließ Amnes­tie. Und der Groß­va­ter, der eigent­lich nichts übrig­hat­te für die Stän­de und den Adel, nann­te Her­manns Mut­ter bei ihrer Geburt, ganz wie der Kai­ser sei­ne Toch­ter, Vale­rie.

„Du bist auch ein Kras­ser“, sag­te die Mut­ter lächelnd und Her­mann konn­te dabei Stolz in ihrem Gesicht erken­nen.

Fort­an fiel es ihm etwas leich­ter, Adolf bei Tisch über sei­ne Aben­teu­er reden zu las­sen.

* * *

Im Herbst aber geschah etwas Selt­sa­mes. Adolf klau­te auf ein­mal nicht mehr sei­ne Aben­teu­er, son­dern die von Wal­li, dem Sohn des Spi­tal­die­ners. Auch die Nach­bars­kin­der bewun­der­ten ihn, denn Wal­li schaff­te es, den Ball vom Apfel­baum bis zu den Geläu­fen der Pfer­de zu wer­fen, er hat­te den lan­gen Erwin im Arm­drü­cken besiegt und neu­lich war es ihm sogar gelun­gen, eine Rat­te zu fan­gen. Her­mann ver­stand die Auf­re­gung nicht. Wal­li hat­te die Fal­le nicht selbst gebaut und noch dazu klemm­te das Tier tot unter dem Metall­bü­gel und war bloß noch Fut­ter für die Kat­zen.

Bald schon leuch­te­ten im Apfel­baum die Früch­te rot und die Väter der Nach­bars­kin­der kün­dig­ten an, sie am Wochen­en­de zu ern­ten. Das War­ten war kaum aus­zu­hal­ten und so stan­den die Kin­der zusam­men unter dem Baum und sahen sehn­süch­tig hin­auf. Adolf rief nach der Mut­ter, die gera­de Wäsche von der Lei­ne nahm. Die schüt­tel­te den Kopf und mein­te, ein paar Tage müss­ten sie sich noch gedul­den.

Wal­li woll­te sich nicht gedul­den. Er nahm Anlauf und pro­bier­te, mit einem Sprung einen Ast zu grei­fen. Er kam nicht her­an, ver­such­te es erneut, ver­fehl­te den Ast auch dies­mal. Er neig­te den Kopf, trat an den Baum her­an, umarm­te den Stamm und leg­te bei­de Füße auf die Rin­de. Lang­sam schob er sich in die­ser Hal­tung den Stamm hin­auf. Obwohl küh­ler Wind von der Kokel her­auf­weh­te, schwitz­te Wal­li, Her­mann konn­te sehen, wie sehr er sich anstreng­te. Schließ­lich aber griff Wal­li den Ast, den er mit sei­nen Sprün­gen ver­fehlt hat­te, und zog sich dar­an in die Baum­kro­ne. Er pflück­te ein paar Äpfel und ließ sie auf den Boden fal­len. Die ande­ren Kin­der jubel­ten und selbst die Mut­ter applau­dier­te. Adolf nahm einen Apfel und biss herz­haft hin­ein.

Her­mann ging zum Baum und woll­te es Wal­li nach­ma­chen. Er rutsch­te mit den Soh­len auf der Rin­de her­um und frag­te sich, wie Wal­li das nur geschafft hat­te. End­lich hing er am Baum, Arme und Bei­ne um den Stamm geschlun­gen. Er hör­te die ande­ren hin­ter sich kichern. Sei­ne Bei­ne zit­ter­ten. Er ver­such­te, sich am Stamm hoch­zu­zie­hen, doch ver­lor den Halt und fiel auf den Hin­tern. Mit rotem Kopf stand er auf, wütend und beschämt, die ande­ren lach­ten ihn aus, Wal­lis klei­ner Bru­der Gyu­la hielt sich den Bauch. Her­mann wur­de schwarz vor Augen. Er sprang auf Gyu­la zu und ver­pass­te ihm mit der har­ten Spit­ze sei­nes Leder­schuhs einen hef­ti­gen Tritt gegen das Schien­bein. Gyu­la fing an zu wei­nen und Her­mann rann­te davon, so schnell er konn­te. Nie­mand soll­te sehen, dass auch er wein­te.

Am Abend lag er lan­ge wach. Als der Vater nach Hau­se kam, war es drau­ßen längst dun­kel gewor­den. Die Die­len quietsch­ten, als der Vater den Flur ent­lang­kam und in das Schlaf­zim­mer neben­an ging. Her­mann lausch­te an der Wand, ob die Eltern sich unter­hiel­ten. Er hör­te nur ein unver­ständ­li­ches Mur­meln der Mut­ter. Plötz­lich wur­de die Tür zum Kin­der­zim­mer so hef­tig auf­ge­ris­sen, dass sie gegen die Wand schlug. Der Vater stürm­te her­ein, hin­ter ihm die Mut­ter, eine Öllam­pe in der Hand, sodass der Vater einen wei­ten Schat­ten in den Raum warf. Adolf schreck­te aus dem Schlaf und fing an zu wei­nen. Der Vater riss Her­mann aus dem Bett und droh­te mit dem Gür­tel, aber die Mut­ter fleh­te und so blieb es bei der Hand. Schon nach dem vier­ten Schlag ließ der Vater wie­der von Her­mann ab. „Wie kannst du Men­schen bloß so grund­los weh­tun“, sag­te er lei­se. „Das tut man nur, wenn man ihnen hel­fen will.“

* * *

Ewig­kei­ten noch lag Her­mann wach und spür­te sei­nen schmer­zen­den Hin­tern, als die Tür sich plötz­lich wie­der öff­ne­te. Sofort setz­te er sich auf. Der Vater schau­te her­ein. „Komm mal mit.“ Her­mann klopf­te das Herz, doch er schlüpf­te in sei­ne Pan­tof­feln und schlich am schla­fen­den Adolf vor­bei aus dem Zim­mer.

Der Flur war kühl und in silb­ri­ges Licht getaucht. Durch das offe­ne Fens­ter schien der Voll­mond her­ein. Davor war auf einem Sta­tiv ein Fern­rohr auf­ge­baut. Der Vater führ­te Her­mann her­an. „Mein Tele­skop“, sag­te er. „Manch­mal, wenn ich im Spi­tal sehr viel Ärger habe, schaue ich mir abends den Him­mel an.“ Er rich­te­te das Tele­skop aus und for­der­te Her­mann auf hin­durch­zu­se­hen. Her­mann drück­te sein Auge gegen das Oku­lar. Kurz erschrak er. Der Mond war plötz­lich so rie­sig, dass er das gesam­te Blick­feld aus­füll­te. Hel­le und dunk­le Land­schaf­ten erstreck­ten sich über die Ober­flä­che, Mee­re und Gebir­ge, glei­ßend hel­le Hoch­ebe­nen und wei­te Schat­ten, dazu über­all Kra­ter. Eine frem­de Welt. Her­mann ver­such­te, das Tele­skop zu schwen­ken, doch er zog zu hef­tig am Rohr und der Mond ver­schwand. Übrig blieb tie­fe Schwär­ze. Der Vater half, das Tele­skop wie­der aus­zu­rich­ten. Her­mann sah auf die geheim­nis­vol­len Land­schaf­ten. Wenn schon ein Fern­rohr so viel Neu­es zei­gen konn­te – was moch­te man alles fin­den, wenn man selbst dort war? Er starr­te hin­auf, trau­te sich nicht mehr, das Tele­skop zu bewe­gen, er woll­te das Bild nicht wie­der ver­lie­ren. Schließ­lich zog der Vater ihn zurück. „Es ist genug für heu­te.“

Her­mann schau­te aus dem Fens­ter in den Nacht­him­mel, wo der Mond nun wie­der nur als leuch­ten­de Schei­be erschien. „Kann man da hin­fah­ren?“, frag­te er.

„Wenn man will, dann kann man alles“, sag­te der Vater. „Aber für einen Arzt gibt es dort oben nichts zu tun.“

* * *

Beim Schilf unten im Gar­ten lag schon seit Ewig­kei­ten ein altes Ruder­boot. Es war an einem mor­schen Holz­pflock ver­täut, und selbst der alte Schmied, der sonst immer Bescheid wuss­te, hat­te kei­ne Ahnung, wem das Boot gehör­te. An eini­gen Stel­len waren Plan­ken her­aus­ge­bro­chen und man konn­te das Gerip­pe sehen. Her­mann zog sich gern in das Boot zurück, es war wun­der­bar ruhig hier, man hör­te die ande­ren Kin­der im Gar­ten kaum. Ein paar­mal war er in Gedan­ken ver­sun­ken auf­ge­schreckt, wenn Adolf plötz­lich auf­ge­taucht war, doch er hat­te sei­nen Bru­der immer wie­der fort­ge­schickt und inzwi­schen hat­te er den Ort ganz für sich.

An die­sem Nach­mit­tag pen­del­te er mit dem Ober­kör­per hin und her, er woll­te das Boot zum Schau­keln brin­gen. Wäh­rend­des­sen kau­te er auf dem stump­fen Ende sei­nes Blei­stifts her­um. Da trat jemand ans Ufer und er sah auf. Die Mut­ter stand dort und lächel­te. „Ach, hier bist du also.“ Sie bück­te sich, zog die Schu­he aus und kam durchs fla­che Was­ser zum Boot gewa­tet. „Was malst du denn Schö­nes?“ Sie zeig­te auf die Zet­tel in sei­nem Schoß. Er gab sie ihr und sie durch­blät­ter­te sie vor­sich­tig. „Was ist das? Die Klos­ter­kir­che?“ Her­mann schüt­tel­te hef­tig den Kopf. Er ver­such­te, ihr die Blitz­fa­brik zu erklä­ren. Ges­tern Abend, als es hef­tig gewit­tert hat­te und er nicht durch das Tele­skop schau­en konn­te, war ihm die Idee dazu gekom­men. Gewal­tig und grell waren die Blit­ze durch die Dun­kel­heit gezuckt, es brauch­te etwas, das ihre Kraft ein­sam­meln konn­te.

Die Mut­ter nick­te, aber er merk­te, sie ver­stand ihn nicht rich­tig. Ent­täuscht nahm er die Zeich­nun­gen wie­der an sich. Sie strich ihm übers Haar, dann stand sie auf und stieg lang­sam wie­der die Böschung hin­auf. Her­mann sah ihr nach. Das Boot schau­kel­te noch eine Wei­le hin und her, nach­dem sie auf­ge­stan­den war. Dann nahm er sich ein neu­es Blatt und mach­te sich an die nächs­te Zeich­nung.

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Das Buch erscheint am 15. Sep­tem­ber. 

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Dani­el Mel­lem gebo­ren 1987, lebt in Ham­burg. Er pro­mo­vier­te in Phy­sik und absol­vier­te anschlie­ßend ein Stu­di­um am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig. Die Erfin­dung des Count­downs ist sein ers­ter Roman. Er wur­de dafür mit dem Retz­hof-Preis für jun­ge Lite­ra­tur und dem Ham­bur­ger Lite­ra­tur­för­der­preis aus­ge­zeich­net.

Dani­el Mel­lem: Die Erfin­dung des Count­downs
Roman. dtv, Mün­chen 2020
288 Sei­ten, € 23 (D) / € 23,70 (A)

Online seit: 1. Sep­tem­ber 2020

Zuletzt geän­dert: 1. Sep. 2020