Neulich

Andre­as Mai­er tele­fo­niert mit Peter Kurz­eck.

Neu­lich saß mal wie­der Peter Kurz­eck bei mir auf dem Sofa. Mit Peter ist es immer das glei­che. Meis­tens ruft er an, das macht er eigent­lich täg­lich, und ich glau­be, tele­fo­nie­ren ist ihm das wich­tigs­te. Peter kann nicht allein sein, aber er erle­digt das weni­ger durch Anwe­sen­heit als viel­mehr per Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on. Er ist dies­be­züg­lich den Jün­ge­ren ähn­lich, die heu­te den Haupt­teil ihres Lebens in sozia­len Netz­wer­ken ver­brin­gen, dort sind die betref­fen­den Men­schen ja auch nie allein, irgend­wie. Sie sind dann immer halb mit jeman­dem zusam­men. Der Peter ist zwar einer­seits immer an einem Ort im Aus­land, frü­her in Uzès, jetzt im Him­mel, aber von dem ande­ren Ort aus kon­tak­tiert er immer den gan­zen Tag irgend­wen, dar­um geht es ja auch in sei­nem neu­es­ten Buch. Immer­fort die Tele­fo­na­te mit Jür­gen in Frank­reich. Der gan­ze Jür­gen im Buch ist nur tele­kom­mu­ni­ka­tiv ver­füg­bar, gleich­sam vir­tu­ell, damit hat Peter unzwei­fel­haft einen eher moder­nen Roman geschrie­ben. Schon in den acht­zi­ger Jah­ren ist Peter von der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sucht getrie­ben gewe­sen, viel­leicht hat sie ihm ja die Alko­hol­sucht abge­löst. Da Peter kein Mobil­te­le­fon hat, läuft er den hal­ben Tag von einem Tele­fon­la­den zum nächs­ten, um sei­ne Bekann­ten anzu­ru­fen, auch mich. Schon die Deut­sche Post, die damals Tele­fon­an­bie­ter war, um 1980 her­um (als es das Wort Tele­fon­an­bie­ter noch gar nicht gab), hat er als sozia­les Netz­werk benutzt, wo ande­re noch bloß an Infor­ma­ti­ons­aus­tausch dach­ten. Davon han­delt sein neu­es Buch. Es ist, so gese­hen, ein Tele­fon-Buch. Wir machen es übri­gens immer so, dass der Peter mich anruft und nicht umge­kehrt, denn er hat Übung dar­in, sich die bil­ligs­ten Tari­fe aus­zu­su­chen, und ich habe kei­ne Ahnung, was ein Anruf ins Him­mel­reich kos­tet. Manch­mal erzählt er von dort, er geht da viel spa­zie­ren, und er ver­steht nie­man­den, weil er die Spra­che ja nicht spricht. Ich bin ja im Him­mel­reich, aber ich spre­che die Spra­che nicht, sagt er immer. Und: Viel­leicht bin ich ja gera­de des­halb im Him­mel­reich. Genau wie er frü­her immer gesagt hat: Ich lebe zwar in Süd­frank­reich, aber ich spre­che kein Fran­zö­sisch, und viel­leicht bin ich ja genau des­halb in Frank­reich.

Wir machen es übri­gens immer so, dass der Peter mich anruft und nicht umge­kehrt, denn er hat Übung dar­in, sich die bil­ligs­ten Tari­fe aus­zu­su­chen, und ich habe kei­ne Ahnung, was ein Anruf ins Him­mel­reich kos­tet.

Peter ist immer gern allein und hat die ande­ren auf Distanz, ein­fach weil er es so bes­ser aus­hal­ten kann. Wenn er über Bian­ca spricht, sagt er, immer wenn wir uns sehen, den­ke ich, ich kann es mit ihr gar nicht aus­hal­ten, ich muss ver­bren­nen, wenn wir zusam­men sind. Wenn er von sei­nen Spa­zier­gän­gen im Him­mel erzählt, klingt es nicht wesent­lich anders als vor sei­nem Umzug, wenn er von sei­nen Spa­zier­gän­gen