Begegnungen in der Autofiktion

Für Eileen Myl­es und Isa­bel­le Lehn – sis­ters of mer­cy. Von Jan Wilm

Als ich das letz­te Mal im Zwei­strom­land zwi­schen East River und Hud­son war, waren Eileen Myl­es und Isa­bel­le Lehn bei mir. Natur­ge­mäß war ich allein. Nein: Ich war ein­sam. Auch wenn der, dem ich ent­kom­men woll­te, bei mir war und im Flug­zeug auf Platz 10B saß, genau wie ich.

Ich war damals auf der Suche nach Auto­fik­tio­nen und bin es noch immer. In mei­nem Hand­ge­päck hat­te ich lite­ra­ri­schen See­len­pro­vi­ant dabei – Bücher, die manch­mal Memoir und manch­mal Auto­fik­ti­on genannt wur­den, aber auch Roma­ne waren: Eileen Myl­es’ Chel­sea Girls, das ich auf dem Flug zum zwei­ten Mal las, und Isa­bel­le Lehns damals gera­de erschie­ne­nes Früh­lings­er­wa­chen, das ich auf dem Flug zum ers­ten Mal las. Die Bücher ver­misch­ten sich in mir, und in die­sem Moment war ich glück­lich, auch wenn ich zu Hau­se der Ver­lo­re­ne war und mir eimer­wei­se Wein nach­schen­ken ließ, weil ich Flug­angst hat­te.

Mei­ne Ent­täu­schung galt am ehes­ten den deut­schen Feuil­le­tons und der Art, wie sie mit den Tex­ten umgin­gen, die mir damals am meis­ten bedeu­te­ten.

Ich war damals von Deutsch­land ent­täuscht und bin es noch immer. Neben mei­nem Kör­per war mein Hei­mat­land der Ort, an dem mir Schmer­zen zuge­fügt wur­den. Doch mei­ne Ent­täuschung galt zu die­sem Zeit­punkt am ehes­ten den deut­schen Feuil­le­tons und der Art, wie sie mit den Tex­ten umgin­gen, die mir damals am meis­ten bedeu­te­ten. Mei­ne Feuil­le­ton-Frus­tra­ti­on wur­zel­te in der unter­be­lich­te­ten Wei­se, mit der man über Auto­fik­tio­nen schrieb, erst ganz schnell alles auto­fiktional nann­te und bald eben­so schnell wie­der davon gelang­weilt war. Immer stör­ten mich drei Din­ge. Ers­tens: Man mach­te zu viel aus dem auto­bio­gra­fi­schen Anteil der Auto­fik­ti­on. Zwei­tens: Man mach­te zu viel aus dem fik­ti­ven Anteil der Auto­fiktion. Obwohl die Gat­tungs­be­zeich­nung Auto-Fik­ti­on doch eigent­lich unmiss­ver­ständ­lich ein Dop­pel­gen­re bezeich­ne­te. Und drit­tens: Aus der eige­nen Auto­fik­ti­on mach­ten die Feuil­le­ton-Funk­tio­nä­re beim Schrei­ben von Auto­fik­ti­ons­feuil­le­tons rein gar nichts. Sie schrie­ben so, als gäbe es die Schrei­ben­den, die sie waren, gar nicht. Viel­leicht glaub­te ich nai­ver­wei­se, dass ein tief bewe­gen­des Buch irgend­ei­nen Rück­stand im eige­nen Wesen hin­ter­las­sen müss­te, und dass man folg­lich sogar sein Den­ken, und viel­leicht sein Schrei­ben, über­den­ken müss­te, anders schrei­ben müss­te. Viel­leicht waren mei­ne Erwar­tun­gen an die Lite­ra­tur­kri­tik zu hoch. Doch die Lite­ra­tur­kri­tik die­ser Tage war mir meis­tens fad, weil sie so wenig kri­tisch und so wenig lite­ra­risch war. Manch­mal schien es mir, als wür­de sie über alles lie­ber schrei­ben als über Lite­ra­tur.

Isabelle Lehn © A. Sophron

Isa­bel­le Lehn: „Für mich ist das Schrei­ben immer ein abso­lut kör­per­li­cher Akt.“
Foto: A. Sophron

Ich war schon lan­ge auf der Suche nach einem neu­en Zugang, nach einem neu­en Schrei­ben über Auto­fik­tio­nen. Was wür­de gesche­hen, wenn man die emo­tio­na­len Kon­tex­te der eige­nen Ver­fas­sung, so beschä­mend sie auch wären, in einem Text über ein lite­ra­ri­sches Werk offen­le­gen wür­de, wenn man frei her­aus sagen wür­de, mir ging es beschis­sen aus die­sem oder jenem Grund, als ich die­ses oder jenes Buch las, und es gewähr­te mir etwas Trost in mei­ner dun­kels­ten Stun­de? Wäre es nicht auf­schluss­reich zu wis­sen, ob ein Ver­riss von einem zufrie­de­nen Men­schen oder einem ver­letz­ten Men­schen geschrie­ben wur­de? Und wäre es nicht zumin­dest inter­es­sant zu erfah­ren, an wel­chem Ort die glü­hen­de Rezen­si­on ver­fasst wor­den wäre, vor einem Fens­ter mit Sturm an einem Ort der Unru­he oder auf einem Bal­kon über einem blü­hen­den Flie­der in einer frei­en Stadt?

Ich woll­te kla­ren Kon­text und Ultra-Sub­jek­ti­vi­tät, wo die Lite­ra­tur­kri­tik die affi­ge Illu­si­on auf­recht­erhielt, als schrie­be sie von nir­gend­wo aus, als wäre sie erha­ben objek­tiv und die Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker nichts als kör­per­lo­se Kri­tik-Auto­ma­ten (was zuge­ge­ben für eini­ge zutrifft, wenn­gleich aus ande­ren Grün­den). Aber Lite­ra­tur wird von Kör­pern gele­sen, wie sie von Kör­pern geschrie­ben wird, und es erschien mir den größ­ten Unter­schied zu machen, ob ich ein Buch im Zustand der Ver­zweif­lung las oder im Zustand der Ver­liebt­heit.

Als ich im Ellis Island 2.0 – der Pass­kon­trol­le des Ken­ne­dy-Air­ports – auf mei­ne Ein­rei­se-Erlaub­nis war­te­te, kam mir die Idee, wäh­rend mei­nes Auf­ent­halts Eileen Myl­es aus­fin­dig zu machen. Myl­es wohn­te seit Jah­ren in Man­hat­tan, und viel­leicht bekä­me ich ein Inter­view. Das Memoir After­glow, über Myl­es’ Hün­din Rosie, beginnt mit einem Brief der gelieb­ten Rosie an die Autorin, und weil Brie­fe nur ankom­men, wenn sie adres­siert sind, ist dem ers­ten Kapi­tel eine Adres­se auf der 40. Stra­ße vor­an­ge­stellt. Dort wür­de ich Eileen fin­den. Und bis dahin hat­te ich die auto­fik­tio­na­le Eileen und die auto­fik­tio­na­le Isa­bel­le bei mir.

Ver­wei­ger­te Ver­söh­nung

Was mich an den Büchern so beweg­te, war die Art und Wei­se, wie die Erzäh­le­rin­nen klei­ne und kleins­te Momen­te ihres Lebens zum Anlass neh­men, mit sich selbst in Kon­takt zu kom­men, und das obwohl die Ich-Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­un­ter die schwie­rigs­te ist. Myl­es erzählt ihr Chel­sea Girls in Kurz­vi­gnet­ten, die mit einem rea­lis­ti­schen, roman­haf­ten Erzäh­len so viel zu tun haben wol­len wie ich mit den Idio­ten aus mei­ner Schul­zeit. Immer ver­wei­gert Myl­es im Erzäh­len die Ver­söh­nung mit der schmer­zen­den Ver­gan­gen­heit, ob sie davon erzählt, wie sie viel zu vie­le Dro­gen nimmt, viel zu wenig isst, wie ihr Vater viel zu viel trinkt, sie immer viel zu wenig Geld hat und allein auf die Lite­ra­tur ver­traut. Bis sie schließ­lich selbst die Lite­ra­tur schrieb, die ich jetzt dort in der Hand hielt, wo sie ver­fasst wor­den war. Ich war bewegt, weil ich in die­ser Lite­ra­tur einen Ort fand, an dem ich jetzt und ganz egal in wel­cher Frem­de zu Hau­se war, ganz egal wie ver­lo­ren ich mich dort oder irgend­wo fühl­te. So wie Myl­es in Chel­sea Girls schrieb: „Also rich­te­te ich mich in mei­nen Gedich­ten ein und hielt mein Leben für das eines Ver­lie­rers, und damit eben auch für poe­tisch.“

Eileen Myles © Shea Detar

Eileen Myl­es: „Also rich­te­te ich mich in mei­nen Gedich­ten ein und hielt mein Leben für das eines Ver­lie­rers, und damit eben auch für poe­tisch.“
Foto: Shea Detar

Ich war bewegt, weil ich das etwas unan­stän­di­ge Gefühl hat­te, dass Früh­lings­er­wa­chen eben­so gut auch über mich hät­te geschrie­ben sein kön­nen. Die­se kind­li­che Nai­vi­tät, mit der ich bis heu­te noch immer nicht begrei­fen will, wie es sein kann, dass ich lese, als schau­te ich in einen Spie­gel, einen Spie­gel aus Papier, auf dem Buch­sta­ben vor lan­ger Zeit und an einem ande­ren Ort gera­de so aus­ge­streut wor­den sein konn­ten, dass sie mir aus dem Her­zen spre­chen. Die Erzäh­le­rin Isa­bel­le Lehn, die von ihrem Leben und Schrei­ben berich­tet, stellt sich so häu­fig so sehr als einen Men­schen an den Sei­ten­rän­dern des Lebens dar, nach­denk­lich, melan­cho­lisch, rau, so ein­sam und so tief ver­lo­ren, dass mei­ne eige­ne Ein­sam­keit, mei­ne eige­ne Ver­lo­ren­heit sich auf­zu­lö­sen schei­nen, weil es uns bei­den gleich geht. Sie schreibt: „Mein siche­rer Ort ist eine Lücke im Bücher­re­gal, in die ich mich hin­ein­quet­schen kann.“ Die­se Lücke war für mich