Lumpenproletariat im Ausgehbezirk

Thors­ten Nagel­schmidt und sein poli­ti­scher Roman Arbeit. Von Uwe Schüt­te
Thorsten Nagelschmidt © Verena Brüning

Thors­ten Nagel­schmidt: Genau­er Blick auf die Rea­li­tät Ber­lins im Jah­re 2020.
Foto: Vere­na Brü­ning

In der Pop­mu­sik erweist sich nicht sel­ten das Debüt­al­bum als die bes­te Plat­te jeder Band, wäh­rend in der Lite­ra­tur wil­dern­de Pop­mu­si­ker zumeist von Buch zu Buch bes­ser wer­den. Die­se Faust­re­gel bestä­tigt der neue, nun­mehr fünf­te Roman des Sän­gers und Song­wri­ters der deut­schen Punk­rock-Band Muff Pot­ter. Mit Abfall des Her­zens (2019) war Thors­ten Nagel­schmidt zwar vom Pop­kul­tur-Spar­ten­ver­lag Ven­til zu S. Fischer gewech­selt, blieb aber ins­ge­samt dem Prin­zip einer auto­fik­tio­na­len Auf­ar­bei­tung sei­ner pro­vin­zi­el­len Rock­mu­si­ker­bio­gra­fie treu: Pop­li­te­ra­tur, im beschränk­ten Sin­ne des Begriffs.

Eine genui­ne lite­ra­ri­sche Qua­li­tät erreicht sein Schrei­ben nun mit Arbeit. An die Stel­le eines alter ego rückt ein gan­zes Arse­nal an Figu­ren. Ihnen gemein­sam ist, dass sie arbei­ten, ja: hart malo­chen, um den Aus­geh- und Par­ty­be­trieb des nächt­li­chen Ber­lins in sei­ner zuneh­mend erbärm­li­chen Mischung aus eng­lisch­spra­chi­gen Tou­ris­ten, aggres­si­ven Prolls aus dem Umland und unge­niert fei­er­süch­ti­gen Mil­len­ni­als am Lau­fen zu hal­ten: Taxi­fah­rer, Hos­tel­re­zep­tio­nis­ten, Not­fall­sa­ni­tä­ter, Tür­ste­her, Essens­lie­fe­ran­ten und Kiosk­be­trei­ber etwa; hin­zu­kom­men noch dro­gen­dea­len­de Asy­lan­ten, migran­ti­sche Rosen­ver­käu­fer, duld­sa­me Klo­frauen und zor­ni­ge Fla­schen­samm­ler. Zusam­men erge­ben sie das „neue Lum­pen­pro­le­ta­ri­at“, das nachts arbei­ten muss, damit die ande­ren mit mehr Geld fei­ern kön­nen.

Ein wei­te­res lite­ra­ri­sches Ver­dienst von Arbeit ist der genaue Blick auf die Rea­li­tät Ber­lins im Jah­re 2020, die Nagel­schmidts Roman unbe­küm­mert um links­li­be­ra­le Dog­men oder poli­tisch kor­rek­te Über­zeu­gun­gen doku­men­tiert.

Arbeit, wie leicht ein­sich­tig, ist ein poli­ti­scher Roman, frei­lich ohne dass Nagel­schmidt sich irgend­wel­cher Paro­len bedie­nen muss. Es reicht, dass er sich auf lite­ra­risch glaub­haf­te Wei­se etwa in die Psy­che der kolum­bia­ni­schen Stu­den­tin Mar­ce­la ein­fühlt, die bei einem Lie­fer­dienst pre­kär beschäf­tigt per Fahr­rad für einen Hun­ger­lohn war­me Gerich­te an generv­te Bestel­ler aus­fährt. Mit ihrer Fir­ma ver­kehrt sie nur per App, bekommt wöchent­lich E‑Mails mit ihren „Per­for­man­ce­da­ten“ und erhält Auf­trä­ge per Anruf von einer Com­pu­ter­stim­me. Schö­ne new eco­no­my. Bestechen­de Ein­bli­cke lie­fert Nagel­schmidts Roman auch in den anstren­gen­den Arbeits­all­tag der Ret­tungs­sa­ni­tä­te­rin Tan­ja, die sich nach Arbeits­en­de in den frü­hen Mor­gen­stun­den ger­ne zur Erho­lung in einen Fetisch­club begibt, oder den Taxi­fah­rer Bede­ritz­ky, der nur so lan­ge glaubt, eine lukra­ti­ve Fern­fahrt ergat­tert zu haben, bis ihm sein Fahr­gast an Ziel davon­läuft.

Mit beacht­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät ver­knüpft Nagel­schmidt – sei­nem expli­zi­ten lite­ra­ri­schen Vor­bild Man­hat­tan Trans­fer von Dos Pas­sos fol­gend – die ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­ge, sodass sich eine span­nen­de, poly­pho­ne Erzäh­lung aus dem nächt­li­chen Trei­ben im Kreuz­ber­ger Ver­gnü­gungs­ghet­to ergibt. Nicht immer per­fekt ist die Nach­ah­mung der unter­schied­li­chen Figu­ren­sprech­wei­sen, wenn­gleich Nagel­schmidt immer wie­der erstaun­li­che Pas­sa­gen gelin­gen, die Arbeit zu einem gül­ti­gen Groß­stadt­ro­man des 21. Jahr­hun­derts machen. Stets bleibt spür­bar, dass sei­ne Figu­ren auf rea­len Vor­bil­dern beru­hen, die er bei deren Arbeit beglei­tet hat.

Die Brand­stif­tun­gen in Ein­kaufs­zen­tren sind das Fanal des sozio­kul­tu­rel­len Wan­dels in den soge­nann­ten Sze­ne­kiezen.

Anrüh­rend sind zumal sei­ne Prot­ago­nis­tin­nen, bei­spiels­wei­se die Fla­schen­samm­le­rin, die sich als ehe­ma­li­ge Anti­qua­ri­ats­be­sit­ze­rin ent­puppt, die mit dem Pfand den Luxus eines gele­gent­li­chen Kino­be­suchs erwirt­schaf­ten muss, nach­dem sie ein pri­va­tes Unglück