VOLLTEXT 2/2020

Die­se Woche wird die aktu­el­le Aus­ga­be ver­schickt / Inhal­te und Zita­te aus VOLLTEXT 2/2020

VOLLTEXT 2/2020

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Die Inhal­te: 

Begeg­nun­gen in der Auto­fik­ti­on
Für Eileen Myl­es und Isa­bel­le Lehn – sis­ters of mer­cy. Von Jan Wilm

„Man­che haben Angst vor mir und mei­nen Büchern“
Kat­rin Hill­gru­ber im Gespräch mit Lud­wig Fels über sei­nen neu­en Roman Mond­be­ben, afri­ka­ni­sche Sehn­süch­te und die Macht der lei­sen Wirk­lich­keit

Aus dem Wör­ter­buch des Unmen­schen: der Begriff „Kul­tur­schaf­fen­de“
Von Micha­el Busel­mei­er

Ker­ker, Kli­nik und Klau­sur
Lite­ra­tur als Trau­ma­be­wäl­ti­gung. Von Felix Phil­ipp Ingold

Har­te, mus­ku­lö­se Buben mit ungu­ten Gesich­tern
Aus dem Tage­buch von Cle­mens J. Setz

Bukow­ski in Wol­fen­büt­tel
Eine fast wah­re Geschich­te. Von Klaus Modick

Ein frem­des Lebe­we­sen klopft an unse­re Tür
Mate­ria­li­en und Tex­te aus den sie­ben Kör­ben. Von Alex­an­der Klu­ge

Schrei­ben Sie auch ein Coro­na-Tage­buch?
Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“

„Sie sind ein Sprach­fa­schist!“
Tho­mas Hum­mitzsch im Gespräch mit Alban Niko­lai Herbst über Leben und Werk – anläss­lich des Erschei­nens sei­ner gesam­mel­ten Erzäh­lun­gen

Neu­lich
Andre­as Mai­er und das Leben an der Stan­ge

Lum­pen­pro­le­ta­ri­at im Aus­geh­be­zirk
Thors­ten Nagel­schmidt und sein poli­ti­scher Roman Arbeit. Von Uwe Schüt­te

Lyrik-Log­buch
Ein­tra­gun­gen zu Gedich­ten von Hen­ning Zie­britz­ki, Cvet­ka Lipuš, Szilárd Bor­bé­ly, Arnold Max­will. Von Micha­el Braun und Paul-Hen­ri Camp­bell

Dr. Ros­eis Welt-Impromp­tus
Eini­ge Über­le­gun­gen zu und anhand Peter Ros­eis Die gro­ße Stra­ße. Rei­se­auf­zeich­nun­gen. Von Kurt Neu­mann

Ver­ste­hen neben dem Ver­ste­hen
Tho­mas Stangl über Geor­ges Per­ros’ Kle­be­bil­der

Mei­ne Ant­wort an Ossip Man­del­s­tam
Von Mari­na Zweta­je­wa

Mady Mor­ri­son: Yoga, Fit­ness, Life­style
Gestreamt von Tere­sa Prä­au­er

Die Bewoh­ner von Châ­teau Tal­bot
Von Arno Gei­ger

Lek­tü­re­no­ti­zen
Tho­mas Lang über Bret Eas­ton Ellis, Juan Guse, Jan-Peter Bre­mer, Micha­el Faber, André Gide und die Antho­lo­gie Kein schö­ner Land

Schley­ers Foto­jour­nal

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Zita­te aus VOLLTEXT 2/2020

Mei­ne Ent­täu­schung galt am ehes­ten den deut­schen Feuil­le­tons und der Art, wie sie mit den Tex­ten umgin­gen, die mir damals am meis­ten bedeu­te­ten.

Die inter­es­san­tes­te Auto­fik­ti­on ist jene, die um das belang­lo­ses­te Ich Auf­he­bens macht, als wäre die­ses Ich Lady Mac­beth oder Jane Eyre.

Aber Lite­ra­tur wird von Kör­pern gele­sen, wie sie von Kör­pern geschrie­ben wird, und es erschien mir den größ­ten Unter­schied zu machen, ob ich ein Buch im Zustand der Ver­zweif­lung las oder im Zustand der Ver­liebt­heit.

Ich war am rich­ti­gen Ort. Es wür­den mir hier schö­ne Aben­teu­er pas­sie­ren.

Jan Wilm: „So schien es mir, dass die Hin­wen­dung zum Beschä­men­den im Ich die ent­schei­den­de Bewe­gung der Auto­fik­ti­on sein könn­te.“

Eileen Myl­es: „Also rich­te­te ich mich in mei­nen Gedich­ten ein und hielt mein Leben für das eines Ver­lie­rers, und damit eben auch für poe­tisch.“

Isa­bel­le Lehn: „Für mich ist das Schrei­ben immer ein abso­lut kör­per­li­cher Akt.“

Der Ursprungs­herd des Virus, das die Sperr­krei­se des Haupt­quar­tiers und dann auch noch die Blut-Hirn-Schran­ke Hit­lers so zügig über­wand, wird in einer bestimm­ten Gegend Gali­zi­ens ver­mu­tet.

50 Pro­zent unse­res Erb­guts besteht aus ehe­ma­li­gen Viren. Sie sind in unser Genom ein­ge­mein­det, Patrio­ten unse­res Über­le­bens.

Die Viren in unse­rem Genom ver­tei­di­gen uns. Und sie träu­men, möch­te ich fast sagen, von Viren­an­grif­fen, die vor 35 Mil­lio­nen Jah­ren statt­fan­den. Sie kämp­fen gegen Viren, die es gar nicht mehr gibt, füh­ren ima­gi­nä­re Kämp­fe.

Unheil, Ter­ror, Schmerz, das hat sich eigent­lich zwangs­läu­fig so erge­ben.

Lud­wig Fels: „Ich habe immer noch einen Glau­ben an eine höhe­re Macht, die man so all­ge­mein Gott nennt.“

Mit sol­chen Voka­beln ver­su­chen sich Künst­ler und deren Funk­tio­nä­re bei den poli­tisch jeweils ton­an­ge­ben­den Kol­lek­ti­ven anzu­bie­dern.

Schon vor dem Aus­nah­me­zu­stand der Covid-19-Pan­de­mie domi­nier­ten in der Bel­le­tris­tik Stof­fe und The­men aus dem Bereich pri­va­ter und gesell­schaft­li­cher Patho­lo­gie.

Womög­lich ist ja die weit­ver­brei­te­te „Tra­gik“ heu­ti­ger Dich­tung eher ein Trend oder ein Fake als ihr Exis­tenz­grund.

„Der Schrift­stel­ler braucht einen Man­gel, einen Angst­druck, um die wei­ße Sei­te zu fül­len.“

Ein Mann ging nach der Auf­füh­rung an mir vor­bei und zisch­te „Arsch­loch!“

Der Dich­ter. Er stand auf, aß eine Bir­ne, ver­lieh denen eine Stim­me, die sel­ber kei­ne hat­ten, und ord­ne­te Dübel. Drau­ßen reg­ne­te es.

All die Bio­mas­se von damals ist längst anders ver­streut.

Ich mache dies abgrund­tief pein­li­che Geständ­nis auch nur des­halb, weil der Schö­nen bei der uner­hör­ten Bege­ben­heit, von der hier zu berich­ten ist, noch eine tra­gen­de Rol­le zukam.

Klaus Modick: „Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on ist wesent­lich ein sich selbst gene­rie­ren­der Pro­zess. Wer auf ‚gute Ideen‘ war­tet, war­tet ver­geb­lich.“

Da nur das Ver­all­ge­mei­ner­ba­re, das Objek­ti­vier­ba­re, gelehrt wer­den kann, lässt sich Lite­ra­tur wie jede Kunst im stren­gen Sin­ne nicht leh­ren.

Die bes­ten Ideen kom­men beim Schrei­ben, und nach Bau­de­lai­res Ein­sicht wird man lite­ra­risch umso frucht­ba­rer, je mehr man schreibt.

Die ein­zi­ge Erklä­rung, die ich schließ­lich für das Ver­hal­ten der Grup­pe fand, war, dass alle sich gegen­sei­tig durch ihre Vor­bildlick­eit in Schach hiel­ten.

So las ich mei­nen hoch aggres­si­ven, doch zu aller­erst ver­zwei­fel­ten Text qua­si noch in Rai­nald Goetz’ Blut.

Es war noch nie ein­seh­bar, war­um ein Dich­ter oder Roman­cier mehr zur poli­ti­schen Rea­li­tät zu sagen hat, als der Bäcker von der Stra­ßen­ecke.

Es ist voll­kom­men egal, ob es Gott gibt oder nicht. Doch nur aus dem Glau­ben an ihn konn­te Bachs h‑moll-Mes­se ent­ste­hen.

„Emp­fin­den Sie dann eher so etwas wie Scham oder Pein­lich­keit?“
„Nein. Sowas habe ich früh abge­legt. Und ich bin Schrift­stel­ler.“

Es ist eines der Kenn­zei­chen guter Lite­ra­tur, dass die Absicht des Künst­lers selbst kei­ne Rol­le mehr spielt.

Man wür­de heu­te Autoren wie Tho­mas Brasch, Einar Schle­ef oder Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der nicht mehr zulas­sen wol­len.

Mensch­li­che Arsch­lö­cher kön­nen künst­le­risch gigan­tisch sein. Bit­ter­er­wei­se gilt auch die Umkeh­rung.

Eine mei­ner Part­ne­rin­nen sag­te mir mal, dass ich Fein­de wit­te­re, wo immer ich auch hin­geh.

Je eigen­stän­di­ger ein Stil wird, des­to weni­ger Chan­cen hat er in die­sem Sys­tem.

Mei­ne Geg­ner­schaft zum Pop ist ja bis heu­te ein Kenn­zei­chen mei­ner Arbeit.

Idyl­len gesche­hen flan­kiert von Kata­stro­phen. Das wuss­te schon Kleist. In ande­ren Län­dern wären wir viel­leicht hin­ge­rich­tet wor­den.

Mona­te leb­ten wir an der Stan­ge. Die Ver­bo­te wur­den dras­ti­scher, wir blie­ben an der Stan­ge. Die Zei­chen kamen ins Gesicht der Men­schen, wir waren an der Stan­ge.

Die Brand­stif­tun­gen in Ein­kaufs­zen­tren sind das Fanal des sozio­kul­tu­rel­len Wan­dels in den soge­nann­ten Sze­ne­kiezen.

Alban Niko­lai Herbst: „Wenn man als 15­jähriges Mäd­chen, als alter Mann oder als Ban­ker in den Chat geht, schult das unge­mein.“

Per­ros hat lie­ber gele­sen als geschrie­ben und nur wider­wil­lig Bücher ver­öf­fent­licht.

Geor­ges Per­ros: „All den unge­stü­men Wesen, die sich unter mei­nem erbärm­li­chen Namen regen, das Wort geben.“

„Wozu über­eif­rig sein und sogar Figu­ren in die Welt set­zen“, so Per­ros über Paul Valé­ry und zugleich über sich selbst.

„Schrei­ben heißt auf die Welt ver­zich­ten und sie dabei anfle­hen, nicht auf uns zu ver­zich­ten.“

Die­ses Buch stammt vom erbärm­lichs­ten Typus, den die Mensch­heit zu bie­ten hat: von einem Ästhe­ten; es ist ver­rot­tet bis ins Mark.

Wenn man nach Unge­reimt­hei­ten und Unge­schick­lich­kei­ten geht, wird von Ihnen wenig übrig­blei­ben.

Aber es ist an mir, Sie, den gro­ßen Dich­ter, anzu­kla­gen.

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Online seit: 5. Juli 2020

Zuletzt geän­dert: 7. Juli 2020