Schreiben Sie auch ein Corona-Tagebuch?

„Das Pro­blem mit Coro­na-Tage­bü­chern und Zoom-Kon­fe­ren­zen ist nicht, dass es sie gibt, das Pro­blem ist, dass ein­zig und allein, weil es sie gibt, auch Leu­te Coro­na-Tage­bü­cher schrei­ben, die kei­ne Coro­na-Tage­bü­cher schrei­ben soll­ten.“
Von Nor­bert Gst­rein.

I

Vor einem Jahr hät­te man dar­in mit eini­ger Mühe viel­leicht noch ein all­zu pes­si­mis­ti­sches Sinn­bild unse­rer Gesell­schaft sehen kön­nen, aber jetzt war es bes­ten­falls eine miss­ver­ständ­li­che Anek­do­te, die nicht mehr recht in die Zeit pass­te. Ich war im Gebirg’ unter­wegs gewe­sen und, weil ich es nicht anders ver­stand, so lan­ge gegan­gen, bis mei­ne Knie ver­sag­ten, und ich nicht mehr wei­ter­kam, schon über alle Joche hin­aus und jen­seits der Gren­ze, als ich die­sen merk­wür­di­gen Tau­send­füß­ler ent­deck­te, eine Kara­wa­ne von zehn, nein, zwölf Wan­de­rern, die den Weg her­un­ter­kam, den ich gera­de selbst gegan­gen war. Sie gin­gen auf­fal­lend, ja, fast quä­lend lang­sam, einer mit sei­ner Nase mehr oder weni­ger direkt am hoch auf­ge­türm­ten Ruck­sack sei­nes Vor­der­man­nes oder sei­ner Vor­der­frau, wie ängst­lich zusam­men­ge­drängt. Zuerst dach­te ich, sie wären am Seil, obwohl es an  der Stel­le kei­nen Grund dafür gab, aber bei ihrem Näher­kom­men erkann­te ich, dass die Frau, die vor­aus­ging, stark hink­te.

Die ein­zi­ge Erklä­rung, die ich schließ­lich für das Ver­hal­ten der Grup­pe fand, war, dass alle sich gegen­sei­tig durch ihre Vor­bild­lich­keit in Schach hiel­ten.

Ich sah ihnen eine gan­ze Stun­de lang zu, wie sie sich in die­sem Schne­cken­tem­po zunächst auf mich zube­weg­ten und dann Rich­tung Tal von mir ent­fern­ten, und je län­ger ich sie beob­ach­te­te, umso weni­ger ver­stand ich zuerst und umso mehr ver­stand ich dann, was genau sie da taten. Es hät­ten ja zehn von ihnen vor­aus­ge­hen und einer oder eine bei der Hin­ken­den zurück­blei­ben oder zur Sicher­heit zwei mit ihr zurück­blei­ben und die ande­ren vor­aus­ge­hen kön­nen. Die Zei­ten, in denen man sie allein oder, noch schlim­mer, allein mit einer Pis­to­le zurück­ge­las­sen hät­te, waren zum Glück vor­bei, aber das bedeu­te­te doch nicht … Die ein­zi­ge Erklä­rung, die ich schließ­lich für das Ver­hal­ten der Grup­pe fand, war, dass alle sich gegen­sei­tig durch ihre Vor­bild­lich­keit in Schach hiel­ten. Sie hat­ten die Maxi­me, nie­man­den zurück­zu­las­sen, so sehr ver­in­ner­licht, dass sie lie­ber alle zurück­blie­ben und damit natür­lich streng genom­men gegen die Maxi­me ver­stie­ßen, weil sie sich alle zu Zurück­ge­las­se­nen mach­ten. Kei­ner woll­te der­je­ni­ge sein, der nicht zurück­blieb, kei­ner der­je­ni­ge, der vor­aus­ging, aber es reich­te noch wei­ter: Sie hoben nicht ein­mal ihre Köp­fe, als wür­den sie damit schon einen fal­schen Ver­dacht