Jüngelismus und Operettenvertrottelung

Über die ver­zerr­te Wahr­neh­mung Anton Kuhs. Von Wal­ter Schüb­ler „Ich sehe lei­der: ob Hit­ler, ob Karl Kraus – es ist das­sel­be.“

Stu­di­en­jahr 1962/63 an der Uni­ver­si­ty of Kan­sas, Law­rence, Kan­sas, USA. Bei einem Tref­fen von vier Ful­bright-Sti­pen­dia­ten aus Öster­reich – einer davon der nach­ma­li­ge Inns­bru­cker Ger­ma­nis­tik-Ordi­na­ri­us Sigurd Paul Scheichl – und eines öster­rei­chi­schen Ger­ma­nis­tik-Gast­do­zen­ten im Früh­jahr 1963 spielt eine Kom­mi­li­to­nin eine im Jahr davor auf­ge­nom­me­ne Qual­tin­ger-Plat­te, die sie von einem Feri­en­auf­ent­halt in der Hei­mat mit­ge­bracht hat: Öster­rei­chi­sches Lese­buch. Hel­mut Qual­tin­ger liest Anton Kuh. Man ist sich schnell einig: Einer jener „prac­ti­cal jokes“ des genia­len Bauch­red­ners, der schon 1951 die Wie­ner Pres­se mit der Erfin­dung des Inu­it-Dich­ters Kobuk genarrt hat­te, des­sen Werk­lis­te er mit Roma­nen wie Bren­nen­de Ark­tis und Thea­ter­stü­cken wie Ver­las­se­ner Kajak, Ein­sa­mes Iglu und Die Repu­blik der Pin­gui­ne aus­ge­stat­tet hat­te; sowohl der Autor, Anton Kuh, wie auch die drei­zehn Stü­cke auf der Lang­spiel­plat­te bos­haf­te Aus­wüch­se der blü­hen­den Fan­ta­sie Qual­tin­gers; Hans Wei­gels kur­zer bio­gra­fi­scher Begleit­text bloß eine poin­tier­te Beglau­bi­gung der Fin­te.

Anton Kuh, 1926, Zeichnung von Emil Orlik

Anton Kuh 1926, gezeich­net von Emil Orlik

Als Scheichl in der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek die bei Band zehn (Kimchit–Lyra) ste­cken­ge­blie­be­ne Ency­clo­paed­ia judai­ca (Ber­lin 1934) zur Hand nimmt, ist er, wie man so schön sagt, bass erstaunt. Der kur­ze Ein­trag schafft Klar­heit: „Kuh, Anton (Pseud­onym: Anton), Jour­na­list, Essay­ist und Kri­ti­ker, geb. am 12. Juli 1891 [sic] in Öster­reich, lebt in Ber­lin. In sei­nem Buche ‚Juden und Deut­sche‘ (1921) sieht K. das bei­den Völ­kern gemein­sa­me in der ‚Unnai­vi­tät, in der ero­ti­schen Befan­gen­heit und Zwie­späl­tig­keit und dem dar­aus ent­ste­hen­den Selbst­haß‘; die bewuß­te Offen­si­ve gegen die­ses gemein­sam Jüdisch-Deut­sche sei Pflicht und Mit­tel der Selbst­er­lö­sung und Selbst­über­win­dung des Juden. Er ver­öf­fent­lich­te fer­ner: 1. Bör­ne der Zeit­ge­nos­se (1921); 2. Von Goe­the abwärts (Essays in Aus­sprü­chen, 1922); 3. Der Affe Zara­thus­tras (eine pole­mi­sche Rede gegen Karl Kraus, 1925); 4. Der unsterb­li­che Öster­rei­cher (1930); 5. Phy­sio­gno­mik (Aus­sprü­che, 1931).“

Anton Kuh: „Ich sehe lei­der: ob Hit­ler, ob Karl Kraus – es ist das­sel­be.“

Zwan­zig Jah­re nach sei­nem Tod war einer der bekann­tes­ten Lite­ra­ten der Zwi­schen­kriegs­zeit ver­ges­sen. – Ver­ein­zelt, immer­hin, war schon vor der „Wie­der­ent­de­ckung“ Kuhs in den 1980er-Jah­ren auf ihn hin­ge­wie­sen wor­den. Ver­streut in Antho­lo­gien waren Tex­te von ihm zu fin­den, bevor sie 1963 gebün­delt – „als klei­ner Bei­trag der Skep­sis gegen­über gewis­sen lite­ra­ri­schen Moden, als Nar­ren­ge­läch­ter über die unsterb­li­chen Krau­sia­ner“ – erschie­nen. Die­ser ers­ten post­hu­men Teil­samm­lung, Von Goe­the abwärts. Apho­ris­men, Essays, Klei­ne Pro­sa, die, pro­gram­ma­tisch, auch die Druck­fas­sung der Steg­reif-Pole­mik gegen Karl Kraus und die Krau­sia­ner „Der Affe Zara­thus­tras (Karl Kraus)“ ent­hielt, blieb eine