Pfingstidyll an der Reichsautobahn

Böse bota­ni­sie­ren mit Karl Hein­rich Wag­gerl. Zu Recht ver­ges­sen, Teil VI. Von Paul Jandl
Karl Heinrich Waggerl (c) Otto Müller Verlag

Karl Hein­rich Wag­gerl: Von höhe­rem Wil­len umtost. Foto: Otto Mül­ler Ver­lag

Eine bes­se­re Blu­me hät­te sich Karl Hein­rich Wag­gerl gar nicht an den Trach­ten­jan­ker hef­ten kön­nen. Von einem Ver­giss­mein­nicht han­delt ein Gedicht, das wie eine Essenz sei­ner blut­lee­ren und boden­na­hen Lyrik ist: „Das Blüm­chen fragt nicht wie und was, / ver­schwie­gen steht’s im küh­len Gras // wirft sin­nend einen Blick ins Blau / und merkt sich alles ganz genau …“ Wag­gerl war kein Bota­ni­ker, sein Poem war eine Alle­go­rie. Eine Alle­go­rie dar­auf, wie es zugeht zwi­schen Him­mel und Schol­le, zwi­schen Oben und Unten. Natur­ge­mäß ist es bes­ser, man „fragt nicht wie und was“ und steht „ver­schwie­gen“ da. Wenn schon nicht im Gras, dann in den Zei­ten.

„Das Ver­giss­mein­nicht“ war das poli­ti­sche Pro­gramm des 1897 gebo­re­nen Mil­lio­nen­dich­ters, der es wie kein ande­rer ver­stan­den hat, sich den poli­ti­schen Gege­ben­hei­ten anzu­pas­sen. Wag­gerl war Nazi, der beim „Anschluss“ Öster­reichs die „hin­rei­ßen­de, die befrei­en­de Kraft einer wahr­haft gro­ßen Mensch­lich­keit“ begrüß­te. Die „wahr­haft gro­ße Mensch­lich­keit“ grüß­te auch freund­lich zurück und mach­te den Dich­ter zum Nazi­bür­ger­meis­ter sei­nes Wohn­or­tes Wagrain. Wenn Wag­gerl in sei­nen Wer­ken etwa das „Pfings­t­i­dyll an der Reichs­au­to­bahn“ besun­gen hat, dann war das kein gro­ßer Sprung. Er war schon seit den Zwan­zi­ger­jah­ren ideo­lo­gisch gefes­tigt. Wag­gerls Welt war immer eine Welt der schlich­ten Dicho­to­mien. Gebo­ren in Bad Gas­tein, auf­ge­wach­sen in „fröh­li­cher Armut“ und in einem Haus nahe dem Was­ser­fall, hat der spä­te­re Dich­ter schnell ver­stan­den, dass die Men­schen von höhe­rem Wil­len umtost sind. Sie sind Unter­mie­ter einer nicht wei­ter hin­ter­frag­ba­ren Ewig­keit.

Heroi­sche „Ein­falt hin­ter furchigen Stir­nen“ und „das schwe­re Blut“ der Bau­ern tre­ten gegen die „Imbe­zil­lok­ra­ten der Ver­nunft“ an.

In sei­ner Jugend wur­de Wag­gerl durch Scho­pen­hau­er und den ver­quer juden­feind­li­chen jüdi­schen Phi­lo­so­phen Otto Wei­nin­ger geprägt, um in den Drei­ßi­ger­jah­ren durch Roma­ne wie Brot, Schwe­res Blut und Müt­ter in the­ma­ti­scher Vor­bild­lich­keit den her­auf­dräu­en­den Zei­ten ent­ge­gen­zu­lau­fen. Die Natur war das Rei­ne, die Stadt das Ver­kom­me­ne. Eine heroi­sche „Ein­falt hin­ter furchigen Stir­nen“ und „das schwe­re Blut“ der Bau­ern tra­ten gegen die „Imbe­zil­lok­ra­ten der Ver­nunft“ an.

Wer die­se „Imbe­zil­lok­ra­ten“ waren, war klar. Gemein­sam mit dem „inter­na­tio­na­len Geschwätz über die höhe­ren Din­ge“ ver­ach­te­te Wag­gerl „die jüdi­sche Welt­auf­fas­sung“. Der Dich­ter aus Wagrain hetz­te gegen „volks­frem­de Ein­flüs­se“ im All­ge­mei­nen und gegen eini­ge Schrift­stel­ler im Beson­de­ren. „Mir graut zu sehr vor den