Das Schwarze Quadrat und das Absolute

Micha­el Braun im Gespräch mit Ilma Rakusa.
„Durch mei­nen Leh­rer Efim Etkind lern­te ich Joseph Brod­sky ken­nen, der 1964 als ‚Schma­rot­zer‘ zu fünf Jah­ren Arbeits­la­ger ver­ur­teilt wor­den war.“
Ilma Rakusa © Giorgio von Arb

Ilma Rakusa: „Ich glau­be nicht, dass man poli­ti­sche Repres­sa­li­en erle­ben muss, um ein guter Dich­ter zu wer­den. Im Gegen­teil.“
Foto: Gior­gio von Arb

Die Far­be Schwarz ist für die Schwei­zer Dich­te­rin, Über­set­ze­rin und lite­ra­ri­sche Kos­mo­po­li­tin Ilma Rakusa ein Fas­zi­no­sum. Zu ihren bio­gra­fi­schen und ästhe­ti­schen Ele­men­tar­er­fah­run­gen gehör­te die Begeg­nung mit dem „Schwar­zen Qua­drat auf wei­ßem Grund“ des rus­si­schen Avant­gar­dis­ten Kasi­mir Male­witsch. Oder der Blick in das schwarz­ru­ßi­ge Gesicht ihrer Urgroß­mutter, die Kamin­fe­ge­rin war. Oder auch die pani­sche Angst vor dem „schwar­zen Teu­fel“, der ihr mit sei­nen Kral­len aus diver­sen Bil­der­bü­chern ent­ge­gen­starr­te. In ihrem jetzt publi­zier­ten Lebens­buch Mein Alpha­bet erzählt Rakusa von sol­chen Erwe­ckungs­er­leb­nis­sen, Schlüs­sel­be­geg­nun­gen und klei­nen Offen­ba­rungs­au­gen­bli­cken, die ihren noma­di­schen Lebens­weg durch ver­schie­de­ne euro­päi­sche Län­der und Wahl­hei­ma­ten präg­ten. Als Toch­ter einer unga­ri­schen Mut­ter und eines slo­we­ni­schen Vaters 1946 in der slo­wa­ki­schen Klein­stadt Rimavs­ká Sobo­ta gebo­ren, erfuhr Rakusa „Hei­mat“ von Beginn an als eine „Mehr­fach­ver­an­ke­rung“. Von Rimavs­ká Sobo­ta führ­te ihr Weg nach Buda­pest, von dort wei­ter nach Ljublja­na und Tri­est, bis sie als fünf­jäh­ri­ges Mäd­chen mit ihrer Fami­lie nach Zürich kam und dort erst­mal als Staa­ten­lo­se mit dem Miss­trau­en der Behör­den zu kämp­fen hat­te. In Zürich hat­te sie schon drei Spra­chen im Gepäck: Unga­risch, Slo­we­nisch und Ita­lie­nisch. Deutsch wur­de zu ihrer vier­ten Spra­che, der Spra­che ihrer Dich­tung.

MICHAEL BRAUN Mein Alpha­bet ist neben Mehr Meer von 2009 das umfang­reichs­te Buch, das du bis­lang ver­öf­fent­licht hast. Man kann es als Auto­bio­gra­fie in alpha­be­ti­schen Split­tern lesen. Aber kann man denn die eige­ne Lebens­ge­schich­te erzäh­len, indem man sie in eine alpha­be­ti­sche Ord­nung bringt? Eine Bio­gra­fie ver­läuft ja nicht line­ar, von A bis Z, wie uns das Alpha­bet weis­ma­chen will. Das Leben ver­läuft doch über Umwe­ge. Wie­so hast du für dei­ne Lebens­be­schrei­bung den­noch eine alpha­be­ti­sche Ord­nung gewählt?

ILMA RAKUSA Ich mag das Alpha­bet sehr. Es ist eine strin­gen­te Ord­nung, und als Buch­mensch habe ich mich oft durch Wer­ke mit einer alpha­be­ti­schen Ord­nung durch­ge­ar­bei­tet. Auch jedes Wör­ter­buch folgt die­sem Prin­zip. Mir gefiel die­ser Ansatz, obwohl das Leben eher ein work in pro­gress ist und unab­seh­bar in sei­nem Ver­lauf. Ich hat­te ursprüng­lich nicht die Idee einer Bio­gra­fie, son­dern ein­fach Lust dar­auf, über Din­ge, die mir wich­tig sind, aber auch über all­täg­li­che Begrif­fe nach­zu­den­ken. Und zwar in den klei­nen For­men, die ich lie­be, sprich: in Gedich­ten, Kurz­pro­sa und Gesprä­chen. Und dafür brauch­te ich ein Kon­struk­ti­ons­prin­zip. Da erschien mir das Alpha­bet als plau­si­ble Anord­nung. So ist das Buch auch dis­pa­ra­ter gewor­den als Mehr Meer, es hat eher die Form eines Mosa­iks.

Es gibt die lako­ni­sche Fest­stel­lung, dass du ein Drit­tel dei­nes Lebens in ver­dun­kel­ten Zim­mern zubrin­gen muss­test wegen dei­ner Migrä­ne. Inso­fern sind das Dun­kel und das Schwarz dei­ne Lebens­be­glei­ter gewe­sen.

BRAUN Wenn du dein Buch Mein Alpha­bet nennst, hast du ja schon einen Dia­log auf­ge­nom­men mit dem wich­tigs­ten euro­päi­schen Gedicht­buch der letz­ten drei­ßig Jah­re – näm­lich mit dem gro­ßen Poem „alfa­bet“ der däni­schen Poe­tin Inger Chris­ten­sen. Inger Chris­ten­sen hat aber eine ganz ande­re Ord­nung gewählt für ihre poe­ti­sche Schöp­fungs­ge­schich­te.

RAKUSA Ja, eine voll­kom­men ande­re Ord­nung. Ich habe Inger Chris­ten­sen, eine der größ­ten Dich­te­rin­nen des 20. Jahr­hun­derts, in mei­nem Buch zwar erwähnt. Aber ich hat­te nicht die Idee, bei ihr direkt anzu­knüp­fen. Das wäre eine Ver­mes­sen­heit, zudem hat sie etwas ganz ande­res gemacht. Sie hat unter Rück­griff auf eine mathe­ma­ti­sche Beson­der­heit, die soge­nann­te Fibo­nac­ci-Rei­he ver­sucht, etwas wie ein Schöp­fungs­po­em zu schrei­ben. Da die Fibo­nac­ci-Rei­he (also 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usf. – die jeweils nächs­te Zahl ist die Sum­me der vor­an­ge­gan­ge­nen) rasch wächst, ist sie nur bis zum Buch­sta­ben „N“ gekom­men. Mein Alpha­bet ist pri­mär mit mei­ner Bio­gra­fie ver­bun­den und hat nicht den Anspruch, sozu­sa­gen kos­misch aus­zu­grei­fen. Ein Schöp­fungs-Alpha­­bet zu machen, das hät­te ich nie und nim­mer gewagt. Schon aus Respekt vor Inger Chris­ten­sen nicht. Die bei­den Alpha­be­te kann man inso­fern nicht mit­ein­an­der ver­glei­chen. Ich habe nach einer Struk­tur gesucht, die das ermög­licht, was ich woll­te – näm­lich in drei Gat­tun­gen über mir wich­ti­ge Din­ge, Orte und Men­schen zu schrei­ben.

BRAUN Das Buch beginnt mit Ein­tra­gun­gen zu „Anders“ und „Angst“ und endet mit „Zypres­se“ und „Zaun“. Und dazwi­schen gibt es immer wie­der Über­ra­schun­gen. Neben Ein­tra­gun­gen, die man erwar­tet hat, Remi­nis­zen­zen etwa zu Mari­na Zweta­je­wa – du hast sie seit vie­len Jah­ren inten­siv über­setzt –, gibt es Stich­wor­te, die man nicht erwar­tet hat. Erkenn­bar ist dei­ne Vor­lie­be für das Ver­fah­ren der kunst­vol­len Col­la­ge. Dein Alpha­bet ent­hält neben Gedich­ten und kur­zen Geschich­ten auch Erzäh­lun­gen und Gesprä­che. Stand die­ses Kom­po­si­ti­ons­prin­zip von Beginn an fest? Und wie lan­ge dau­er­te der Aus­wahl­pro­zess?

RAKUSA Der Pro­zess der Aus­wahl hat sich über zwei Jah­re erstreckt. Ich habe Stich­wor­te notiert und die­se lau­fend ergänzt. Im Bewusst­sein, dass sich nicht alles unter­brin­gen lässt. Den­noch gibt das Vor­han­de­ne einen Ein­blick in vie­les, was mir wich­tig ist. Als ich mit Schrei­ben anfing, ging ich von Buch­sta­be zu Buch­sta­be vor. Ich bin nicht jemand, der hin­ten anfängt oder in der Mit­te und dann nach­träg­lich alles zusam­men­setzt. Wenn man genau liest, sieht man, dass es in der Abfol­ge der Text­stü­cke immer wie­der Anknüp­fun­gen gibt, Links, die von einer Ein­tra­gung zur nächs­ten füh­ren, sodass ganz wil­de Sprün­ge eher sel­ten vor­kom­men. Ich schrieb also von A bis Z und habe am Schluss nur zwei Tex­te ein­ge­scho­ben, über den „Gra­nat­ap­fel“ und die „Lee­re“. Es war – wie immer bei mir – ein lang­sa­mer Pro­zess. All­mäh­lich setz­te sich das Mosa­ik zusam­men, bis es eine inne­re Schlüs­sig­keit gewann und als Gan­zes im Gleich­ge­wicht war.

BRAUN Kom­men wir zu den Schreib­ver­fah­ren, die dir wich­tig sind. In dei­nem Alpha­bet spie­len Lis­ten und Lita­nei­en eine gro­ße Rol­le. Neh­men wir nur mal den Anfang des Kapi­tels „Schwarz“. Ich hat­te ihn als Gedicht gele­sen, aber du hast mich auf­ge­klärt, dass es sich erst­mal nur um eine Auf­zäh­lung han­delt.

RAKUSA Ich habe es nicht als Gedicht geschrie­ben, aber da zeigt sich, dass Leser einen Text anders wahr­neh­men kön­nen als der Autor:
Schwar­ze Son­ne
Schwar­zes Meer
Schwar­zes Qua­drat
Schwarz­er­de
Schwarz­wur­zel
Schwar­zer Peter
Schwarz­pap­pel
Schwarz­küm­mel
Schwar­zes Haar
Schwarz­brot
Schwar­zes Loch
Schwar­ze Madon­na

BRAUN Und es zeigt sich bei die­ser Auf­zäh­lung, die man auch als Lis­ten­ge­dicht lesen kann, eine Kon­stan­te dei­nes Werks. Bereits in dei­nem ers­ten Buch mur­melt der Prot­ago­nist Wör­ter und Moti­ve mit Schwarz vor sich hin. Ist Schwarz eine Grund­far­be dei­ner Poe­tik? In einem Kapi­tel von Mein Alpha­bet wird ein­drück­lich an das „Schwar­ze Qua­drat auf wei­ßem Grund“ von Kasi­mir Male­witsch erin­nert …

RAKUSA Schwarz ist etwas Fas­zi­nie­ren­des. Ist es über­haupt eine Far­be? Ich habe schon immer eine star­ke Affi­ni­tät dazu gehabt. Und es ist sicher kein Zufall, dass es bereits in Die Insel, mei­nem ers­ten Buch von 1982, eine star­ke Prä­senz hat. Da gibt es eine Anek­do­te von einer Frau, die sich in einem schwar­zen Schrank erschießt – und die­se Schwär­ze hat qua­si ein Loch. Ich habe mich nicht nur mit Male­witsch und sei­nem Schwar­zen Qua­drat aus­ein­an­der­ge­setzt, son­dern auch mit Ad Rein­hardt, der fast nur schwar­ze Bil­der gemalt und sich am Schluss das Leben genom­men hat. Doch will ich nicht behaup­ten, Men­schen mit einer star­ken Bezie­hung zu Schwarz neig­ten zur Depres­si­on oder zur Melan­cho­lie. Was stimmt: Schwarz ist eine sehr stren­ge Far­be. Men­schen, die stän­dig Schwarz tra­gen, etwa katho­li­sche Geist­li­che, Non­nen oder in isla­mi­schen Gegen­den die Frau­en mit Tscha­dor, wir­ken ernst. Ich klei­de mich oft schwarz. Schwarz hat etwas Kla­res, Gefass­tes, man muss da nicht lan­ge kom­bi­nie­ren. Es kann, aber muss nicht ele­gant wir­ken. Hin­zu­kom­men wei­te­re Asso­zia­tio­nen, zum Bei­spiel das Geheim­nis­vol­le. Das Schwar­ze Meer heißt ja nicht umsonst Schwar­zes Meer. Es ist weni­ger salz­hal­tig als das Mit­tel­meer und viel weni­ger arten­reich, wobei Tie­re und Pflan­zen nur in den obers­ten Was­ser­schich­ten leben kön­nen. Das macht es in einem gewis­sen Sin­ne geheim­nis­voll, ja unheim­lich. Ich habe noch nie im Schwar­zen Meer geba­det und möch­te das auch nicht, denn es ist mir nicht so ganz geheu­er. Nun, das Schwarz bleibt in vie­ler­lei Hin­sicht unaus­deut­bar. Für Male­witsch war das Schwar­ze Qua­drat so etwas wie die Iko­ne der Unge­gen­ständ­lich­keit. Wenn es eine Iko­ne ist, dann steht dahin­ter ein sakra­ler Gedan­ke. Nur ver­zich­tet Male­witsch auf Abbil­dung und Dar­stel­lung. Die Tran­szen­denz, die er sug­ge­riert, ist fass­bar nicht durch Figür­lich­keit, son­dern eben durch das Schwarz. – Es gibt von Male­witsch auch ein Wei­ßes Qua­drat. Und Weiß ist die ande­re Far­be, die sehr vie­le Inter­pre­ta­tio­nen zulässt und stark aus der Poten­tia­li­tät lebt. Aber das Schwarz ist opa­ker und in die­sem Sin­ne womög­lich näher an einer Vor­stel­lung des Abso­lu­ten.

Ad Rein­hardt hat fast nur schwar­ze Bil­der gemalt und sich am Schluss das Leben genom­men.

BRAUN Ich ver­bin­de das Schwarz auch mit dei­ner Lebens­er­fah­rung, die du in dei­nem Alpha­bet fest­ge­hal­ten hast. Hier ver­schwin­det dein Ich in ver­dun­kel­ten Zim­mern, in dun­kel­grau­en, fast schwar­zen Zim­mern. Es gibt die lako­ni­sche Fest­stel­lung, dass du ein Drit­tel dei­nes Lebens in ver­dun­kel­ten Zim­mern zubrin­gen muss­test wegen dei­ner Migrä­ne. Inso­fern sind das Dun­kel und das Schwarz dei­ne Lebens­be­glei­ter gewe­sen?

RAKUSA Das wäre die bio­gra­fi­sche Inter­pre­ta­ti­on. Näm­lich die­se Erfah­rung der Dun­kel­heit, wenn der Kopf so wahn­sin­nig schmerzt, dass man über­haupt nichts mehr ver­trägt, kein Licht, kei­ne Gerü­che, kei­ne Bewe­gung. Nur das abso­lut dunk­le Zim­mer und die Regungs­lo­sig­keit brin­gen etwas Lin­de­rung. Im ver­dun­kel­ten Sies­ta-Zim­mer mei­ner Kind­heit war das noch anders. Kein Schmerz zwang mich ins Bett. Durch die Jalou­sien­rit­zen kam etwas Licht und bil­de­te tan­zen­de Licht­ha­sen an der Decke. Das Wach­sein in die­sem Zim­mer hat