Der Nichtzuständige und die Geistesgröße

Ein E‑Mail-Wech­sel über neue Edi­tio­nen von Wolf­gang Koep­pen und Peter Hacks. Von Klaus Siblew­ski

Lie­be Frau B., heu­te möch­te ich Ihnen gleich sechs umfang­rei­che Bücher zur Lek­tü­re vor­schla­gen. Füh­len Sie sich in der Stim­mung, die­se Vor­schlä­ge ent­ge­gen­zu­neh­men?

Lie­ber Herr K., solan­ge Sie mir nicht den Brief­wech­sel zwi­schen den Her­ren Schmidt und Woll­schlä­ger über Karl May nahe­brin­gen wol­len, höre ich mir Ihren Vor­schlag ger­ne an. Obwohl: Bei sechs Bän­den, fürch­te ich, über­schät­zen Sie mei­ne Lek­tü­re­ka­pa­zi­tä­ten als Ärz­tin dra­ma­tisch.

Wolfgang Koeppen © Suhrkamp

Wolf­gang Koep­pen in den 50er-Jah­ren: Gekonnt Aus­kunft geben zu kön­nen oder es gar zu wol­len, hät­te ihn als Autor ver­däch­tig gemacht.
Foto: © Suhr­kamp

Lie­be Frau B., da Sie mir das Wort über Arno Schmidt wie­der abschnei­den, wer­de ich über die­se bei­den Autoren den Mund hal­ten. Sagen muss ich aber, dass es um Karl May zwi­schen den bei­den nur am Ran­de geht. Solan­ge Sie sich nur an Karl May stö­ren und nicht dar­an, dass ich Ihnen das letz­te Mal einen Brief­wech­sel zur Lek­tü­re vor­ge­schla­gen habe, wer­den Sie auch nichts dage­gen haben, wenn ich Ihnen heu­te als Ers­tes einen Band mit Gesprä­chen emp­feh­le. Die simp­le Wahr­heit besteht dar­in, dass die Nach­kriegs­li­te­ra­tur schon erschie­nen ist und logi­scher­wei­se nicht mehr erschei­nen kann – und in der Kon­se­quenz bedeu­tet das, der Kon­takt zur Nach­kriegs­li­te­ra­tur wird heu­te vor allem durch Publi­ka­tio­nen von Mate­ria­li­en aus dem Umkreis der Nach­kriegs­au­to­ren auf­recht­erhal­ten: mit Brie­fen, Inter­views und gele­gent­lich Bän­den aus kom­men­tier­ten Werk­aus­ga­ben. Am Bild der Autoren wer­den Prä­zi­sie­run­gen und zeit­ge­mä­ße Retu­schen vor­ge­nom­men, und es ist gut, dass die­se Mate­ri­al­samm­lun­gen ver­öf­fent­licht wer­den. Eine sol­che Samm­lung stel­len die Gesprä­che mit Wolf­gang Koep­pen als Band 16 in einer neu­en Werk­aus­ga­be dar. Die­se Gesprä­che kön­nen als Übun­gen in der Kunst der Selbst­er­hal­tung im Lite­ra­tur­be­trieb in höchs­ter Voll­endung gele­sen wer­den.

Koep­pens Werk war im Prin­zip geschrie­ben, bevor er das ers­te Mikro­phon vor den Mund gehal­ten bekam.

Lie­ber Herr K., dass Sie mir heu­te und in naher Zukunft kei­nen Lie­bes­ro­man vor­schla­gen, dar­auf habe ich mich ein­ge­stellt. Aber was mei­nen Sie mit Selbst­er­hal­tung, und sind die­se Gesprä­che wenigs­tens anre­gend zu lesen oder ver­krallt sich Koep­pen auch in lau­ter quä­lend zu lesen­den Neben­säch­lich­kei­ten?

– Schwie­rig zu beant­wor­ten­de Fra­ge. Koep­pen sti­li­siert sich zu einer Neben­fi­gur in eige­ner Sache. Sein Werk war im Prin­zip geschrie­ben, bevor er das ers­te Mikro­phon vor den Mund gehal­ten bekam und bevor John­son, Grass und auch Sieg­fried Lenz ihre ers­ten wich­ti­gen Wer­ke schrie­ben und publi­zier­ten. Als die­se Autoren die Nach­riegs­li­te­ra­tur schu­fen, war Wolf­gang Koep­pen eigent­lich haupt­säch­lich mit der Pfle­ge von schüch­tern ausge­breiteten Legen­den über sich beschäf­tigt – und wur­de damit zu einer wich­ti­gen Figur.

– Ein Autor, der durch Legen­den­bil­dung sei­ne Wich­tig­keit unter­mau­ert und sich hal­ten kann, hört sich ver­lo­ckend an. Erfährt man in dem Gesprä­che­band Nähe­res dar­über?

– Oh ja, die Gesprä­che waren ein wich­ti­ges Medi­um bei sei­ner Kar­rie­re nach sei­ner Schreib­kar­rie­re. Ein Bei­spiel: 1972 wird er gefragt, ob sich sein neu­er Roman wie­der „mit Deutsch­land, mit der Situa­ti­on in Deutsch­land beschäf­ti­gen wür­de“. Dar­auf Koep­pen: „Er ver­sucht sich mit Deutsch­land zu beschäf­ti­gen. (Der Roman, K.S.) spielt in Washing­ton, und es ist gar nicht mal das Washing­ton, das ich gese­hen und besucht habe, es ist ein ima­gi­nä­res Washing­ton, wie das Ame­ri­ka Kaf­kas. Es sind aber Leu­te deut­scher Her­kunft als Per­so­nen in dem Roman …“
Die­se Roman­an­kün­di­gung klingt doch gut – oder?

Reich-Rani­cki woll­te Wolf­gang Koep­pen in den 1960er-Jah­ren als Gegen­fi­gur zum katho­li­schen Hein­rich Böll auf­bau­en und des­sen Bedeu­tung zurück­drän­gen.

– Das ist doch eine Fang­fra­ge, aber ich beant­wor­te die Fra­ge den­noch: An dem Roman bin ich mehr inter­es­siert als an dem Band mit Gesprä­chen und Inter­views.

– Genau! Ich wür­de die­sen Roman auch ger­ne lesen, sehr ger­ne sogar. Das Pro­blem: Es gibt die­sen Roman nicht, hat ihn nie gege­ben. Koep­pen sprach im vol­len Ernst und detail­reich über einen Roman, von dem er wuss­te, dass er ihn nicht geschrie­ben hat. Dar­an ist jetzt nicht die lan­ge Zeit dis­ku­tier­te Fra­ge inter­es­sant, wie ein Autor vom For­mat Wolf­gang Koep­pens sei­ne Schreib­fä­hig­keit habe ver­lie­ren