Neulich: Totalreduktion

Von Andre­as Mai­er. „Unrein­lich bin ich bis­lang noch nicht gewor­den, aber mir geht unter­des­sen fast jeder Mut ab, mir noch Klei­dungs­stü­cke zu kau­fen.“
Andreas Maier © PhotographerFFM

„Bin ich eigent­lich immer noch der ein­zi­ge Mensch in Frank­furt, der mit einem Apfel­wein­glas durch die Stadt läuft?“
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Neu­lich lief ich durch den Herbst. Ich begin­ne mich ja selbst immer mehr auf­zu­lö­sen. Nicht zuletzt mer­ke ich es dar­an, dass ich nicht mehr an die Zukunft den­ke. Das Leben, wann kommt es, wie wird es sein, das fragst du dich so lan­ge, bis es längst dage­we­sen war (Plus­quam­per­fekt). Frü­her habe ich z. B. von einem Haus auf dem Land geträumt. Heu­te träu­me ich gar nichts mehr, wozu denn? Heu­te bin ich froh, wenn wie­der Herbst ist und ich halb­wegs mei­ne Ruhe habe. Das ist aller­dings immer noch der größ­te aller Träu­me.

Manch­mal habe ich das Gefühl, mich in eine Art von Total­re­duk­ti­on hin­ein­zu­re­du­zie­ren. Vor ein paar Tagen lehn­te ich an einer Haus­wand in der Nähe des Frank­fur­ter Doms, es war an dem Tag, als mal wie­der das gro­ße Stadt­ge­läut zu hören war. Das pas­siert ein paar­mal im Jahr, zahl­lo­se Innen­stadt­glo­cken sind dann zu hören, alle angeb­lich sogar ton­lich irgend­wie auf­ein­an­der abge­stimmt. Dort, in unmit­tel­ba­rer Nähe des Doms, hör­te ich natür­lich nur die Dom­glo­cken. Vor­her war ich ein biss­chen durch die Stadt gestreunt, ein Apfel­wein­glas in der Hand. Bin ich eigent­lich immer noch der ein­zi­ge Mensch in Frank­furt, der mit einem Apfel­wein­glas durch die Stadt läuft? Ich tra­ge es wie ande­re ihre Guc­ci-Hand­ta­schen, oder wie die hei­ßen. (Manch­mal lau­fe ich auch mit dem Apfel­wein­glas durch Ham­burg). Das Glas hat­te ich vom Konsta­bler-Wochen­markt mit­ge­bracht, Apfel­wein von Alfons Dienst aus Fried­berg-Ock­stadt, mei­ner Hei­mat. Aus der Wet­ter­au, die auch ein 33 bis 45 hat­te, wie alle, und viel­leicht bis heu­te. Ich teil­te mir die Fül­lung ein, am Dom war tat­säch­lich noch ein Drit­tel drin.

Ich bin jemand gewor­den, der nur noch in der Knei­pe her­um­sit­zen will. Was soll man da fil­men?

Am Ende des sel­te­nen Groß­ge­läuts schlägt immer noch ein paar Minu­ten die größ­te, lau­tes­te und berühm­tes­te aller Frank­fur­ter Glo­cken, die Glo­rio­sa. Ich stand an der Haus­wand, hat­te die Augen geschlos­sen und kam mir vor wie ein Taub­blin­der, der nur eine unbe­greif­li­che Ahnung von der Außen­welt hat. Die Glo­rio­sa ging durch mich hin­durch, jede Zel­le vibrier­te, ein him­mels­ar­ti­ges Ganz­kör­per­wum­men, rhyth­misch, schö­ner als jede Musik. Wäre ich imbe­zil, wür­de ich auch so vor mich hin­wum­mern. Aber viel­leicht bin ich es ja längst (oder war es schon immer).

Die­se Total­re­duk­ti­on betrifft inzwi­schen auch ande­re Tei­le mei­nes soge­nann­ten Lebens. Ich rich­te mei­ne Woh­nun­gen kaum noch ein. Es ist mir auch ziem­lich egal gewor­den, ob in der Vor­rats­kam­mer oder im Kühl­schank Sachen vor­han­den sind. Was habe ich frü­her für Menüs gekocht! Jetzt hole ich mir nicht mal mehr Mine­ral­was­ser aus dem Laden, son­dern trin­ke gleich aus der Lei­tung.

Ich fege auch kein Laub mehr.

Unrein­lich bin ich bis­lang noch nicht gewor­den, aber mir geht unter­des­sen fast jeder Mut ab, mir noch Klei­dungs­stü­cke zu kau­fen. Der dump­fe Glo­rio­sa-Zustand ist da viel schö­ner. Und man kann ja auch nach­hal­tig tra­gen.

Ach ja, Plä­ne. Auch so ein The­ma. Um mich her­um schmie­den alle dau­ernd Plä­ne, auch die, die noch viel älter sind als ich. Rei­sen wer­den geplant. Thea­ter­be­su­che. Events. Kul­tu­rel­le Höhe­punk­te wer­den erlebt. Rad­tou­ren kon­zi­piert. Nobel­prei­se erstrebt. Da sit­zen sie dann wochen­lang vor dem Tele­fon und war­ten auf den Nobel­preis. Neu­lich waren zwei Bekann­te von mir sechs Wochen auf Neu­see­land. Ein Freund von mir erzähl­te vor kur­zem begeis­tert von sei­nen Wales-Plä­nen. Ich kann gar nicht beschrei­ben, was ich emp­fin­de, wenn ich das höre. Ich nicke dann höf­lich. Mei­ne Ver­hal­tens­wei­se in die­sem Fall wür­de ich am ehes­ten als Weg­du­cken beschrei­ben.

Wenn mich jemand zufäl­lig berührt, bin ich manch­mal gera­de­zu erschüt­tert. Viel­leicht wird ja alte Haut sen­si­ti­ver.

Es gibt einen Fil­me­ma­cher, der einen län­ge­ren Film über mich machen will. Wir tref­fen uns jetzt öfter. Ich glau­be, ich mache ihn