Fragebogen: Philipp Theisohn

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te
Philipp Theisohn © Ayse Yavas

Phil­ipp Thei­sohn: „Die Vor­stel­lung, dass die eige­ne Lek­tü­re mög­lichst schnell an die Dis­kus­sio­nen im Gesell­schafts­teil rück­ge­kop­pelt wer­den muss, hal­te ich für fehl­ge­lei­tet.“
Foto: Ayse Yavas

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?

Die pri­mä­re Auf­ga­be ist die immer­glei­che, heu­te wie ges­tern: Zu fra­gen, ob Tex­te funk­tio­nie­ren und gleich­zei­tig dar­über nach­zu­den­ken, ob die Kri­te­ri­en, die man bei der Urteils­fin­dung bemüht, die rich­ti­gen sind. Mir wird gegen­wär­tig viel zu viel kon­tex­tua­li­siert und sym­pto­ma­ti­siert.

Was sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­me für die Kri­tik heu­te?

Die öko­no­mi­sche und medi­en­po­li­ti­sche Haupt­her­aus­for­de­rung bleibt natür­lich der soge­nann­te „Rele­vanz­druck“, also der zum Teil offen von Redak­tio­nen ins Feld geführ­te, zum ande­ren Teil aber auch inter­na­li­sier­te Vor­be­halt, dass das Publi­kum Rezen­sio­nen eigent­lich nicht inter­es­sie­ren, son­dern alles gleich „Debat­te“ sein muss. Die Vor­stel­lung, dass die eige­ne Lek­tü­re mög­lichst schnell an die Dis­kus­sio­nen im Gesell­schafts­teil rück­ge­kop­pelt wer­den muss, hal­te ich für fehl­ge­lei­tet. Das Feuil­le­ton, das den Men­schen mög­lichst vie­le frem­de, noch unver­stan­de­ne Wel­ten zeigt und zu erklä­ren ver­sucht, bleibt doch das Reiz­volls­te. Dar­über hin­aus kann die luzi­de Deu­tung und Ein­ord­nung eines Gegen­warts­tex­tes durch­aus begeis­tern. Man soll­te die Leser- und Hörer­schaft da nicht unter­schät­zen. Wo wir bei „luzi­de“ sind: Ein Haupt­pro­blem der gegen­wär­ti­gen Kri­tik dürf­te mit Sicher­heit der Man­gel an Trans­pa­renz sein. Ich will schon ger­ne wis­sen, wel­che Kri­te­ri­en die Kol­le­gin oder der Kol­le­ge hat, wenn er eine Neu­erschei­nung lobt oder ver­wirft. Gera­de die mei­nungs­star­ken Bespre­chun­gen blei­ben mir da oft zu dif­fus. Also: Sich selbst zu hin­ter­fra­gen und die Resul­ta­te die­ser Befra­gung mit offen­zu­le­gen, hal­te ich für ein Gebot der Ver­ant­wor­tung. Aber den Zei­len­um­fang und die Zeit dafür muss man natür­lich erst ein­mal ein­ge­räumt bekom­men.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?

Da die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft mein Haupt­be­ruf ist, kann ich die­se Fra­ge kaum mit einem „Nein“ beant­wor­ten. Ich lese Lite­ra­tur­theo­rien frei­lich selbst als Lite­ra­tur, also als Ver­hand­lun­gen des Zusam­men­han­ges von Welt und Spra­che. Dem­entspre­chend ver­fah­re ich in der Kri­tik eher eklek­ti­zis­tisch: Mit­un­ter ist Theo­rie im Spiel, ohne ein­fach „ange­wandt“ zu wer­den. Als für das Rezen­si­ons­we­sen immer von Neu­em frucht­bar erweist sich etwa der abge­lenk­te Blick der Medi­en­ge­schich­te. Man erfährt oft viel über Bücher, wenn man danach fragt, wie sie insze­niert wer­den, oder bei wem sie wo und wann zum Lie­gen oder Ste­hen kom­men.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?

Weil das Flo­rett dem Säbel immer vor­zu­zie­hen ist, vor allem erst ein­mal Wieb­ke Porombka. Ihren Tex­ten merkt man das Erkennt­nis­in­ter­es­se an, genau: Die rich­ti­gen Fra­gen sind wich­ti­ger als das schar­fe Urteil. Mich regen die­se Kri­ti­ken immer sehr zum Nach­den­ken an und das gibt dem Leben doch ein biss­chen Freu­de. Man liest sie ger­ne, weil am Ende der Bespre­chung oft das Gefühl bleibt, dass sie das Geschrie­be­ne ver­mut­lich immer noch beschäf­tigt und man jetzt eigent­lich ger­ne mit ihr wei­ter­dis­ku­tie­ren wür­de. Sie ist sehr klug. Bewun­derns­wert.

Auch sehr treff­si­cher und prä­zi­se, aber ganz anders im Ges­tus wie­der­um schreibt Richard Käm­mer­lings. Von sei­nen Kri­ti­ken habe ich vor allem gelernt, die Linie zu hal­ten, also: das Gese­he­ne zu bün­deln, ein Argu­ment zu ent­wi­ckeln und sich dabei nicht durch Jubel­stür­me des Betriebs irri­tie­ren zu las­sen. Hat im Zwei­fel auch einen guten Punch, also das, was mir abgeht. So ein biss­chen der Mickey Rour­ke der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­kri­tik. Darf man das sagen – oder wäre das dann kein Lob mehr?

Wie­der­um mit ganz ande­ren Qua­li­tä­ten über­zeugt mich Til­man Spre­ckel­sen, des­sen Tex­ten man die Lie­be zur Lite­ra­tur anmerkt. Sti­lis­tisch von außer­or­dent­li­cher Qua­li­tät und unge­heu­er bele­sen. Ein Autor. Wir ken­nen uns auch, ich wäre also befan­gen, wenn es hier um Preis­gel­der gin­ge. Aber man kann von ihm auch viel ler­nen, wenn man ihn kennt.

Die­se drei schät­ze ich am meis­ten, aber ich lese und mag frei­lich auch ande­res. Den Blog von Jan Drees zum Bei­spiel.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?

Von Geor­ge stammt der Satz, dass man nur fünf­zig Bücher besit­zen sol­le, die dafür alle aber von Hand abge­schrie­ben. Wäre eigent­lich ein gutes Richt­maß. Dass die lite­ra­ri­sche Urteils­kom­pe­tenz sich pro­por­tio­nal