Neulich

Von Andre­as Mai­er. Die legen­dä­re Udo-Jür­gens-Kolum­ne. „Ich weiß nicht genau, was da pas­sier­te, aber es pas­sier­te. Es schoss ein gol­de­nes, leicht röt­lich getön­tes, war­mes Licht in mich hin­ein, nicht unähn­lich der Wir­kung von Wod­ka oder Mor­phi­nen.“

Neu­lich wur­de ich ver­wan­delt. Nicht nur die Kir­che kann ver­wan­deln. Auch Men­schen kön­nen ver­wan­deln. Mich ver­wan­del­te eine Gym­na­si­al­leh­re­rin aus dem Gies­se­ner Raum, es ist nun­mehr aller­dings auch schon wie­der zwei­ein­halb Jah­re her. Es war im Haus der Wet­ter­au­er Male­rin, die­se weil­te zu der Zeit auf Kre­ta, um ihre Kin­der zu malen. Denn die Wet­ter­au­er Kin­der wer­den ja immer auf Kre­ta gemalt. Und wäh­rend die Wet­ter­au­er Kin­der auf Kre­ta gemalt wur­den, hüte­ten wir das Haus der Male­rin und beka­men Besuch von der Gym­na­si­al­leh­re­rin, die mit der Male­rin einst­mals zusam­men stu­diert hat­te, in Sie­gen, einer Stadt, in der es angeb­lich immer reg­net.

Ich selbst war 25 Jah­re zuvor mit der Male­rin nach Sie­gen gefah­ren, weil sie dort ihre Map­pe abgab. Das war mein ein­zi­ger Sie­gen­auf­ent­halt. Es soll dort tat­säch­lich wirk­lich immer reg­nen. Selbst mei­ne Frau hat­te kei­nen ange­neh­men Sie­gen­auf­ent­halt, sie war da ein­mal vor drei Jah­ren. Sie schweigt dar­über. Der Name Sie­gen soll­te doch eigent­lich einer Stadt Glück brin­gen!

Den Erzäh­lun­gen nach war es in Sie­gen so unwirt­lich und übri­gens auch stän­dig kalt, dass die spä­te­re Gym­na­si­al­leh­re­rin und die spä­te­re Male­rin meis­tens gemein­sam in einem Bett über­nach­te­ten, zwecks Wär­me­aus­tausch, und die eine ihre Bei­ne um die ande­re schlang, so wie die Män­ner das frü­her auch in den Schüt­zen­grä­ben in der Nacht gemacht haben und die Zaun­kö­ni­ge im Win­ter bei uns immer noch tun.

Über die Gym­na­si­al­leh­re­rin wuss­te ich zuerst immer nur aus Erzäh­lun­gen, sie war anfäng­lich, also nach dem Stu­di­um, auch kei­ne Gym­na­si­al­leh­re­rin, son­dern bei irgend so einem Pop­funk in Köln oder viel­leicht bei RTL, kei­ne Ahnung. Mei­ne ers­te Begeg­nung mit ihr war auf einer Par­ty. Als schon alle ziem­lich betrun­ken oder bereits gegan­gen waren, ent­wi­ckel­te sie die „Theo­rie von der Spie­ßig­keit ihrer Eltern“.

Mit dem Wort Spie­ßig­keit hat es das intri­ka­te Pro­blem, dass es sich natür­lich immer gegen den es Aus­spre­chen­den wen­det. Mei­ne Frau und ich waren damals an jenem Abend mal wie­der die von Gott gesand­ten Anti-Spie­ßig­keits-Jäger und fuh­ren mit flam­men­dem Schwert dazwi­schen. Beweis für die Spie­ßig­keit der Eltern der Gym­na­si­al­leh­re­rin aus dem Gies­se­ner Raum war, dass die­se Mit­glied eines Ten­nis­ver­eins waren. Mei­ne Frau ist Pro­fes­so­rin für katho­li­sche Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ham­burg, Rother­baum, und ihr deutsch­spra­chi­ges Lieb­lings­pop­li­ed heißt nach wie vor Ich wünsch­te ich wür­de mich für Ten­nis inter­es­sie­ren, des­sen ers­te Stro­phe fol­gen­der­ma­ßen lau­tet: „Ich wünsch­te ich wür­de mich für Ten­nis inter­es­sie­ren / das Spiel ist sicher­lich nicht schwie­rig zu kapie­ren / ich wäre ganz bestimmt ein ande­rer als ichs jetzt bin / es wäre unbe­dingt ein Leben mit mehr Sinn.“

Wir zwan­gen die Gym­na­si­al­leh­re­rin an die­sem Abend, die­ses Lied zu hören, und wir argu­men­tier­ten unbe­dingt für Ten­nis­ver­ei­ne, also, dass Ten­nis­ver­ei­ne auch nicht schlim­mer als alles ande­re sei­en, und gip­fel­ten in dem lang­wei­li­gen Haupt­ar­gu­ment, der Anti­spie­ßer sei sowie­so die höchs­te Form des Spie­ßers etc. Das Gespräch lief dann end­gül­tig auf Grund durch die schluss­end­li­che Vol­te der Gym­na­si­al­leh­re­rin, sie selbst sei ja auch schon seit zehn Jah­ren Mit­glied in einem Ten­nis­ver­ein. Eine schö­ne­re Form, jeman­dem die Spra­che zu ver­schla­gen, war in dem Moment kaum denk­bar. Seit­dem habe ich eine Art Grund­ver­trau­en in die Dis­kurs­fä­hig­keit die­ser Frau.

Also, die Ver­wand­lung. Sie über­nach­te­te vor zwei­ein­halb Jah­ren bei uns im Haus der Male­rin und hat­te Musik mit­ge­bracht, wohl, weil sie ohne die­se Musik nicht aus­kommt oder sich dann in frem­den Häu­sern ver­las­sen fühlt, wenn sie die Musik nicht dabei­hät­te oder wie auch immer. Wir saßen spä­ter am Abend am Küchen­tisch, einem rie­si­gen Holz­tisch, tran­ken Wein (der Mann der Male­rin ist Wein­händ­ler), und sie muss­te dann plötz­lich, viel­leicht wie ein Jun­kie, ihre Musik hören. Sie steck­te also ihr Gerät in irgend­ein Gerät, so macht man ja heu­te Musik an, und dann begann die Musik, und sie schau­te uns erwar­tungs­froh und mit einem bereits von den ers­ten Tak­ten see­lisch kom­plett beru­hig­ten Lächeln an. Es war Udo Jür­gens.

Mei­ne Frau und ich schau­ten unter uns. Ich wuss­te ja, dass die­se Frau eine Retro­nu­del ist, auch wenn ich in sol­chen Wor­ten gar nicht den­ke. Grie­chi­scher Wein ging noch, aber dann kam so ein Lied mit einem Dra­chen. Da will jemand vom rei­chen Vater eigent­lich gar nichts erben und will auch nicht, dass die­ser Reich­tü­mer für den Sohn auf­häuft, son­dern der Sohn will mit dem Vater lie­ber einen Dra­chen bau­en. Das fuhr mir schon in die Magen­ge­gend, mei­ne Frau zeig­te Schmer­zen in der Mie­ne, und nach dem drit­ten Lied sag­te sie, das sei jetzt schon o.k., aber viel­leicht auch genug.

Die Gym­na­si­al­leh­re­rin war ent­täuscht, aber sie woll­te noch nicht auf­ge­ben, und plötz­lich merk­te ich: Die will das gar nicht hören, die will, dass WIR das hören. Ihr ver­steht das nicht, sag­te sie. Ich: Was ist denn dar­an zu ver­ste­hen oder nicht zu ver­ste­hen? Sie sag­te: Das ist ganz gro­ßes Kino. Das muss man aber erst ein­mal begrei­fen. Ich sag­te, das sei eine Ansamm­lung von, na ja, Melo­dien, und dann sol­che Tex­te, Dra­chen, Vater.

In das vier­te Lied, das dann noch kam, ging ich mit ganz gro­ßer Ableh­nung hin­ein. Das fing noch viel pein­li­cher an. Tuschi­ge Akkor­de, dann ein „Manch­mal komm ich so klein mir vor mit mei­nen gro­ßen Tönen“. Also da geht’s um einen Sän­ger. Dann kom­men plötz­lich von irgend­wo­her Bil­der, die der Sän­ger sich da anschaut. Von irgend­ei­nem Maler. Was soll das? Dann stei­gert sich das gan­ze zum Refrain. „Denn mein Bru­der ist ein Maler …“.

In die­sem Augen­blick pas­sier­te es. Ich weiß nicht genau, was da pas­sier­te, aber es pas­sier­te. Es schoss ein gol­de­nes, leicht röt­lich getön­tes, war­mes Licht in mich hin­ein, nicht unähn­lich der Wir­kung von Wod­ka oder Mor­phi­nen, und leg­te sich über die Töne, den Gesang und mich. Die Ver­wand­lung war: Alles, was mir eben noch pein­lich gewe­sen war, war es plötz­lich nicht mehr. Mei­ne See­le hat­te sich für Udo Jür­gens und ein mir bis­lang ver­schlos­se­nes Stück die­ser Welt geöff­net und alles das in die­sem Moment bereits ver­stan­den, kei­ne Ahnung war­um. Am Ende des Lieds war ich bereits in Trä­nen, und als dann noch die Schluss­wen­dung kommt und der Bru­der sei­ner­seits nun zitiert wird: „Denn mein Bru­der ist ein Sän­ger …“, war es um mich gesche­hen. Ich fühl­te mich nach dem Lied etwa so, als hät­te ich fünf­zehn Stun­den lang Dok­tor Schi­wa­go geschaut und wuss­te nun, was die Gym­na­si­al­leh­re­rin mit „ganz gro­ßes Kino“ mein­te. Wir hör­ten dann noch wei­te­re Lie­der, jedes war wie fünf­zehn Stun­den Dok­tor Schi­wa­go am Stück, und ich weiß noch, dass der Abend mich sehr aus­laug­te, denn Udo Jür­gens laugt einen total aus.

Bemer­kens­wer­ter­wei­se war mei­ne Frau völ­lig resis­tent. Sie saß nach wie vor mit gro­ßen Vor­be­hal­ten da, und hier muss ich, auch wenn ich den Rah­men des Tex­tes damit spren­ge, eine wei­te­re Geschich­te anfü­gen, von der ich nicht ganz weiß, ob ich sie erzäh­len darf, aber ich muss ja kei­ne Namen nen­nen. Doch, einen nen­ne ich, Arnold Stad­ler.

Es war an einem ober­ita­li­schen See. Meh­re­re Schrift­stel­ler waren ver­sam­melt, Her­ren wie Damen. Es las eine Lyri­ke­rin Lyrik, in einem klei­nen Saal. Es war die phä­no­me­n­als­te, aller­dings auch außer­ge­wöhn­lichs­te Lesung mei­nes Lebens, denn anschlie­ßend hat­te jeder im Saal einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch, die sich an die Lesung anschlie­ßen­den Aus­fall­erschei­nun­gen dau­er­ten bis spät in die Nacht, den Namen der Lyri­ke­rin wer­de ich nicht nen­nen. Sie las mit lei­ser Stim­me, man muss­te sich sehr kon­zen­trie­ren, das war natür­lich ein Trick, und sie las sehr selt­sa­me Din­ge, die uns alle die Sin­ne ver­wirr­ten, in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten hät­te man die betref­fen­de Lyri­ke­rin noch am sel­ben Abend stand­recht­lich auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt.

Ledig­lich zwei Men­schen blie­ben ver­schont, ein­mal eine sehr sehr alte ande­re Lyri­ke­rin, ein­fach weil sie schwer­hö­rig war und kein Wort mehr ver­stand, und zum ande­ren der wie immer groß­ar­ti­ge und mensch­lich ein­fach so pro­fun­de Arnold Stad­ler, der sich eini­ge Minu­ten nach Beginn der Lesung zurück­lehn­te, die Arme ver­schränk­te, kri­tisch schau­te, viel­leicht ein wenig grim­mig sogar, und sein Gesichts­aus­druck sag­te: damit habe ich nichts zu tun und damit soll­te man auch nichts zu tun haben und ich bil­li­ge das nicht. Er sag­te frei­lich kein Wort. Ich schau­te ihn an, aber er konn­te auch mich mit die­sem Blick nicht ret­ten, ich war anschlie­ßend ret­tungs­los in Grund und Boden wie alle ande­ren auch.

Mei­ne Frau hat­te an dem oben beschrie­be­nen Abend exakt den Aus­druck von Arnold Stad­ler im Gesicht. Ich aber bin ver­lo­ren und aus­ge­laugt, so lau­fe ich seit zwei­ein­halb Jah­ren her­um, dar­an ist die­se Gym­na­si­al­leh­re­rin aus dem Gies­se­ner Raum schuld, nächs­tens gehen wir wie­der zu Udo Jür­gens. Wir gehen jetzt immer zu Udo Jür­gens. Ich wer­de immer anämi­scher. Ich sehe aus wie ein Jun­kie. Ein­mal Mer­ci Che­rie kos­tet mich inzwi­schen die Kraft von drei Lebens­ta­gen. Das ist kei­ne Iro­nie. Das ist ernst.

* * *

Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Frank­furt am Main. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012) und Die Stra­ße (2013).

Quel­le: Voll­text 4/2014 (3. Dezem­ber 2014)
Online seit: 4. Febru­ar 2016

Online seit: 4. Febru­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 5. Feb. 2016