Kritik der unbereinigten Vernunft

Lew Sches­tow in deut­scher Über­set­zung. Von Mar­co Basche­ra

Anfang die­ses Jah­res ist bei Matthes & Seitz der vier­te Band mit Tex­ten von Lew Sches­tow unter dem Titel Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit erschie­nen. Felix Phil­ipp Ingold hat den gleich­na­mi­gen Text sowie drei wei­te­re, kür­ze­re Tex­te von Sches­tow über­setzt, kom­men­tiert und mit einem erhel­len­den Nach­wort ver­se­hen.

Bereits der Titel lässt auf­hor­chen. Er weist eine irri­tie­ren­de Para­do­xie auf zwi­schen der Vor­stel­lung der Grund­lo­sig­keit, eines Abgrunds und jener des Höchs­ten, der Ver­herr­li­chung von etwas. Ingold ver­merkt, dass das ent­spre­chen­de Wort im rus­si­schen Ori­gi­nal eigent­lich den Erd­bo­den meint. Die Dop­pel­deu­tig­keit des deut­schen Wor­tes „Grund“ – Boden und Ursa­che zugleich – bewog ihn dazu, die­ses Wort zu wäh­len. Es kommt der Absicht Sches­tows inso­fern ent­ge­gen, als der Begriff der „Grund­lo­sig­keit“ eine Infra­ge­stel­lung der Not­wen­dig­keit des kau­sa­len Den­kens, aber auch des Ver­suchs der sys­te­ma­ti­schen Grund­le­gung allen Den­kens und Erken­nens sug­ge­riert.

Dadurch befin­det sich Sches­tow in Gesell­schaft mit einem sei­ner phi­lo­so­phi­schen Haupt­geg­ner, gegen des­sen Den­ken er uner­müd­lich ankämpf­te, näm­lich mit Kant. Hat nicht auch Kant ver­schie­dent­lich den Schluss­stein der Tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phie – das „Ich den­ke“ – als den „höchs­ten Grund“ für deren Ein­heit bestimmt? In die­sem Aus­druck scheint eben­falls das para­do­xe Zusam­men­fal­len von Höchs­tem und Tiefs­tem – einem Grund – auf, wel­ches auf eine Span­nung inner­halb der „Kri­tik der rei­nen Ver­nunft“ hin­zu­wei­sen ver­mag, die Sches­tow in sei­nen Tex­ten zum Explo­die­ren bringt.

Inso­fern könn­te man die Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit mit Ingold eine „Kri­tik der unbe­rei­nig­ten Ver­nunft“ nen­nen, oder, wie der Unter­ti­tel bei Sches­tow pro­gram­ma­tisch heißt, „Ein Ver­such undog­ma­tisch zu den­ken“. So steht auf Sei­te 104 Fol­gen­des: „Den­ken heißt jedoch – der Logik den Abschied geben; den­ken, d.h. – ein neu­es Leben leben, sich wan­deln, eige­ne, tief ver­wur­zel­te Gewohn­hei­ten, eige­ne Vor­lie­ben und Bin­dun­gen auf­ge­ben, und dies ohne jeg­li­che Sicher­heit, dass alle Opfer jemals in irgend­ei­ner Wei­se abge­gol­ten wer­den.“

Zu Recht kann man bemer­ken, dass so ein Pro­gramm nicht gera­de durch Ori­gi­na­li­tät auf­fällt. Vie­le Namen kom­men einem spon­tan in den Sinn, von Michel de Mon­tai­gne über Pas­cal, La Roche­fou­cauld, Kier­ke­gaard bis hin zu Nietz­sche. Und in der Tat ver­stand sich Sches­tow deren undog­ma­ti­schem, noma­di­sie­ren­dem Den­ken ver­pflich­tet.

Reli­gi­on und Mys­tik

Dass der 1866 in Kiew gebo­re­ne Sohn eines Tex­til­groß­händ­lers als Fol­ge der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on sich 1920 in Paris nie­der­ließ, soll­te nicht ohne Fol­gen für die Ent­wick­lung der fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur blei­ben. Sei­ne Tex­te wur­den sehr bald ins Fran­zö­si­sche über­setzt und hat­ten einen gro­ßen Ein­fluss auf Phi­lo­so­phen und Schrift­stel­ler wie Batail­le, Mal­raux, Gide, Jan­ké­lé­vitch, Camus, Sart­re, Blan­chot, Bon­ne­foy, Cioran, Ionesco, aber auch Fou­cault, Deleu­ze und Der­ri­da.

So erin­nert sich z.B. Deleu­ze in Die Dif­fe­renz und die Wie­der­ho­lung an Sches­tow und „die Ohn­macht des Den­kens, die er im Den­ken frei­setz­te“. Der gro­ße Ein­fluss, den Sches­tow auf die Intel­lek­tu­el­len Frank­reichs und damit z.T. auch auf das gesam­te euro­päi­sche Geis­tes­le­ben aus­üb­te, macht unter ande­rem auch sei­ne heu­ti­ge Aktua­li­tät aus. Erstaun­li­cher­wei­se ging jedoch das Wis­sen um die­sen Ein­fluss nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­lo­ren, was ver­mut­lich mit dem Inter­es­se Sches­tows an Reli­gi­on und Mys­tik zusam­men­hängt. Die­ses hat­te im Frank­reich der Nach­kriegs­jah­re und der auf­kom­men­den 68-Bewe­gung bekannt­lich kei­ne gute Pres­se.

Umso mehr muss die Publi­ka­ti­on sei­ner Tex­te bei Matthes & Seitz in deut­scher Spra­che begrüßt wer­den. Auch in Frank­reich setzt zur­zeit eine Wie­der­ent­de­ckung die­ses pro­vo­kan­ten Quer­den­kers ein. Übri­gens war sich Sches­tow der Schwie­rig­keit bewusst, dass ein undog­ma­ti­sches Den­ken nicht ohne Wei­te­res über­lie­fe­rungs­fä­hig ist. Und so sagt er auf Sei­te 131 selbst­iro­nisch: „Der defi­ni­ti­ve und letz­te Tri­umph im Leben gehört, wie in der anti­ken Komö­die, dem Guten und dem gesun­den Men­schen­ver­stand“.

Den­ken und Ver­zweif­lung

Die Bedeu­tung der Schrif­ten Sches­tows beschränkt sich jedoch nicht nur auf sei­ne his­to­ri­sche Dimen­si­on. Die Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit, die in den Jah­ren 1899 bis 1904 ver­fasst wur­de und 1905 auf Rus­sisch erschien, weist ein­dring­lich auf eine Dimen­si­on des Den­kens hin, die nicht im sys­te­ma­ti­schen und logi­schen Den­ken auf­geht. „Das Den­ken, das wahr­haf­ti­ge Den­ken beginnt erst dann, wenn der Mensch zur Über­zeu­gung gelangt, dass er nichts tun kann, dass ihm die Hän­de gebun­den sind. Von daher nimmt wohl jeder tie­fe­re Gedan­ke sei­nen Anfang in der Ver­zweif­lung. Umge­kehrt darf man den Opti­mis­mus, die eil­fer­ti­ge Bereit­schaft, von einer Schluss­fol­ge­rung zur nächs­ten zu sprin­gen ohne Zögern als ein Anzei­chen von eng­stir­ni­ger, jeden Zwei­fel abwei­sen­der Selbst­zu­frie­den­heit – also auch Ober­fläch­lich­keit – qua­li­fi­zie­ren.“ (S. 104)

Dadurch kri­ti­siert Sches­tow bereits zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts einen see­len­lo­sen Maschi­nis­mus, des­sen radi­ka­le Ent­fal­tung, bis tief ins Indi­vi­du­um hin­ein, heu­te mehr denn je spür­bar wird. Für ihn bleibt die Ver­nunft „unbe­rei­nigt“, weil kei­ne Kri­tik, auch jene der „rei­nen Ver­nunft“ nicht, es schafft, ihre Gren­zen ein für alle Mal sel­ber zu bestim­men. Ihre Abgren­zung vom Wahn­sinn, aber auch von reli­giö­sen und mys­ti­schen Erfah­run­gen bleibt unsi­cher.

Daher gibt Sches­tow zu beden­ken, dass die­je­ni­gen, die, immer nah am Abgrund, auf den schma­len Pfa­den des undog­ma­ti­schen Den­kens wan­deln, schwin­del­frei sein müs­sen. Kon­se­quen­ter­wei­se kommt ein sol­ches Den­ken in Form von Apho­ris­men und „Mini­es­says“ daher – immer bereit abzu­bre­chen und wie­der neu anzu­set­zen. Sein Inter­es­se an Schrift­stel­lern wie Shake­speare, Tol­stoi und Dos­to­jew­ski, die er in Ver­bin­dung mit Kier­ke­gaard und Nietz­sche setzt, zeigt sich auch in einem Schreib­stil, der nicht streng begriff­lich-logisch, son­dern von einem hohen Bewusst­sein für den sprach­li­chen Aus­druck geprägt ist. Dadurch ist die Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit, von einem Dich­ter über­tra­gen, auch ein Lese­ver­gnü­gen.

* * *

Mar­co Basche­ra ist Titu­lar­pro­fes­sor für Moder­ne Fran­zö­si­sche Lite­ra­tur und Ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Zürich.

Lew Sches­tow: Apo­theo­se der Grund­lo­sig­keit und ande­re Tex­te.
Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Felix Phil­ipp Ingold.
Matthes & Seitz, Ber­lin 2015.
359 Sei­ten, € 39,90 (D) / € 41,10 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015 (23. Juni 2015)
Online seit: 30.1.2016
Zuletzt aktua­li­siert 30.1.2016

Online seit: 30. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 30. Jan. 2016