Nach Ithaka

Aus dem Tage­buch des Cle­mens J. Setz.
„Da fiel mir auf: ich stell­te einen Rap­port her. Genau das wür­de auch ein Ter­ro­rist ver­su­chen.“

16. April – Flug in die USA
Man wählt mich, so wie schon 2013, zur „sel­ec­ti­ve“ aus, man ver­wen­det nur die­se Abkür­zung. Deu­tet auf mich, sagt: „sel­ec­ti­ve“. Dies­mal ist es wahr­schein­lich der Bart. Ich fol­ge also einem Mann zur Sicher­heits­zo­ne, dort wer­den alle mei­ne Hab­se­lig­kei­ten gründ­lich unter­sucht. Man blät­tert kurz in allen Büchern, schaut sich die Mela­ton­in­ta­blet­ten an, die ich im Man­tel mit mir tra­ge, usw. Auch mei­ne Uhr kommt in ein eige­nes klei­nes Ana­ly­se­käm­mer­chen. Dann der Spreng­stoff­test. Das Gerät schlägt aus, roter Alarm! Der Sicher­heits­mensch schüt­telt ent­täuscht den Kopf, nicht schon wie­der. Er kommt ange­trot­tet, berich­tet, was gesche­hen ist. Bit­te hier hin­set­zen. Nicht wei­ter­ge­hen. Nein, sit­zen blei­ben. Jetzt müs­se man die Poli­zei rufen und das daue­re immer ewig, so ein Scheiß. Er seufzt und geht zum Tele­fon. Ich muss war­ten. Die Situa­ti­on ist sehr lus­tig und ich stel­le eini­ge Fra­gen. Man wer­de mich kurz ver­hö­ren, dann wer­de der Test wie­der­holt. Ich kiche­re vor mich hin, aber beherr­sche mich schnell, um nicht ver­däch­tig zu wir­ken. Spreng­stoff! Ob es denn öfter vor­kom­me, so ein fal­scher Alarm. Oh ja, dau­ernd, selbst Hand­creme kön­ne den aus­lö­sen. Die Sicher­heits­da­me flir­te­te hef­tig mit dem Sicher­heits­her­ren, dreh­te sich hin und her und woll­te alles mög­li­che von ihm wis­sen. Als er weg­ging, frag­te ich sie, ob es irgend­wel­che Beschrän­kun­gen gebe, neben den Rönt­gen­strah­len aus­sen­den­den Scan­nern zu arbei­ten. Nein, lei­der kei­ne. Ich erzähl­te ihr, dass ich ein­mal mit Gei­ger­zäh­ler gereist sei und der habe wild aus­ge­schla­gen. Da fiel mir auf: ich stell­te einen Rap­port her. Genau das wür­de auch ein Ter­ro­rist ver­su­chen. Reden über ihre Sicher­heit, sie besorgt machen. – Der Poli­zist erschien nach einer hal­ben Stun­de, ver­hör­te mich kurz, und ich lach­te wie­der zu viel. Aber der wie­der­hol­te Test war nega­tiv, also durf­te ich flie­gen.

Clemens J. Setz

Cle­mens J. Setz mit Fin­ger­kro­ko­dil

Im Flug­zeug Lek­tü­re von Edmund Machs Buch­sta­ben Flo­renz. Auch eine Art Ame­ri­ka-Exper­te. Es ist eine von ihm selbst signier­te Aus­ga­be, die ich anti­qua­risch gefun­den habe. Sei­ne Gedich­te bewe­gen mich wäh­rend des Flu­ges so sehr, dass ich mei­ner Sitz­nach­ba­rin davon erzäh­len möch­te. Aber es stellt sich her­aus, dass sie nur Ser­bisch spricht. In einer Mischung aus Slo­we­nisch und Rus­sisch sage ich ein paar Din­ge, sie ant­wor­tet auf Ser­bisch und wir raten bei­de, was der ande­re meint. Sie zeigt mir Bil­der von ihrem Kind, es ist noch ganz klein. Sie ist allein unter­wegs in die USA, nach Atlan­ta, da sie einen Hei­ler (oder Arzt) besucht, der ihr mit einer schwe­ren Krank­heit hel­fen soll, an der sie lei­det. Sie trägt ein Kopf­tuch. Zum ers­ten Mal allein unter­wegs. Sie hat ein wenig Angst, sagt sie. Auch von ihrem Kind weg zu sein, das sei sehr schlimm. Ich kann nur durch Ges­ten mein Mit­ge­fühl aus­drü­cken, da mein Voka­bu­lar ver­sagt. Sie isst wäh­rend der zehn Flug­stun­den nichts, zu trin­ken bestellt sie nur ein­mal eine Cola und trinkt die Hälf­te. Auch auf die Toi­let­te geht sie nie.

* * *

Der aller­ers­te Text in Buch­sta­ben Flo­renz, zeit­gleich mit dem Start des Flug­zeugs gele­sen, haut mir ein Loch in die Stirn:

„Ich war am 3. 10. 1929 in Wien als Sohn eines Schlos­sers und einer Schnei­de­rin gebo­ren. Mein Vater arbei­te­te in einer Fabrik im 2. Bezirk. Er brach­te eine schö­ne Stan­ge Geld nach Hau­se. Im Ers­ten Welt­krieg hat­te er die Char­ge eines Stabs­feld­we­bels. Auch der Kai­ser kann­te ihn. Da kam ich im 15er Jahr wie im Schat­ten auf. Nach 2 Stun­den gab er mich wei­ter, ich konn­te kein Wort spre­chen. Mei­ne Deu­tun­gen waren von Glück. Es dürf­te im Mai 1915 gewe­sen sein. Im 29er Jahr kam ich wirk­lich. Damals im 15er Jahr konn­te ich mich nicht allein erhal­ten. Heu­te gibt es schon ame­ri­ka­ni­sche Schat­ten­ge­bur­ten, die sich allein erhal­ten. So weit die Sache, so weit die Sage.“

Von sei­nem Psych­ia­ter Leo Nav­ra­til gefragt, was Schat­ten­ge­bur­ten sei­en, hat Mach geant­wor­tet: „Sie kom­men von kei­nen Eltern und sind auf ein­mal da.“

Wie tief getrof­fen hat mich die­ses „Nach zwei 2 Stun­den gab er mich wei­ter, ich konn­te kein Wort spre­chen“. Der Vater hält die vier­zehn Jah­re zu früh ins Uni­ver­sum gerutsch­te See­le sei­nes Soh­nes in der Hand und ver­steht nicht. War­um ist sie gekom­men? Was soll er mit ihr? Sie sagt ja gar nichts. Und dann das En Pas­sant der ame­ri­ka­ni­schen Schat­ten­ge­bur­ten, die sich allein erhal­ten. Flug­zeug­flieh­kräf­te, Herz­klop­fen, Schief­stehen in der Luft. Der fer­ne Erd­bo­den, mei­ne Hei­mat. Ich sehe, was der Schat­ten viel­leicht auch gese­hen hat. Ich hof­fe, dass ich auf mei­ner Rei­se den ame­ri­ka­ni­schen Schat­ten­ge­bur­ten begeg­nen kann. Man wird sehen.

* * *

Eine Durch­sa­ge: „Auf­grund von Bestim­mun­gen der US-Behör­den ist jede Ansamm­lung von Per­so­nen in den Zwi­schen­gän­gen ver­bo­ten.“ – Wenig spä­ter erzählt uns der Kapi­tän, wie hoch wir flie­gen. „Wir wer­den auch noch wei­ter stei­gen, wenn das Flug­zeug leich­ter gewor­den ist.“ Ich deu­te lan­ge ver­geb­lich an die­sem Rät­sel­wort her­um. Wie denn leich­ter? Wird jemand absprin­gen? Erst nach vie­len Minu­ten: ah ja, der Treib­stoff. Ich hat­te son­der­ba­re Vor­stel­lun­gen ent­wi­ckelt von einem durch Höhen­strah­lung auf ato­ma­rer Ebe­ne immer sub­stanz­lo­ser und sub­stanz­lo­ser gemach­ten Flug­zeug.

„Okto­ber die The­ra­pie des Jah­res“ (Edmund Mach).

Wäh­rend stär­ke­rer Tur­bu­len­zen beschäf­tig­te man die Pas­sa­gie­re mit Ein­rei­se­for­mu­la­ren. Einer leg­te sogar sei­nen eben erst aus der Tasche gehol­ten Kamm weg („Gna­den-Kamm“ nann­te ich ihn), um sich den Blät­tern zu wid­men.

„Er wei­de­te sich an sei­ner Krank­heit und starb“ (Edmund Mach).

* * *

Fürch­ter­li­che Tur­bu­len­zen, alles fällt her­un­ter, Men­schen schrei­en. Dann Beru­hi­gung, Durch­sa­ge des Kapi­täns.
„Du siehst einen Film die Streif-Lich­ter sind vor­bei / einen ekli­gen Film mit vie­len Hüten einen Film / den man aus­fres­sen muß – so ähn­lich geht / es mit Bana­nen.“ (Edmund Mach)

Blick auf die Sze­nen des rings­um lau­fen­den Till-Schwei­ger-Films, eini­ge sind nur weni­ge Sekun­den zeit­ver­setzt, und es macht mich inner­lich ganz spin­de­lig und spel­zig, ich will am liebs­ten durch die Rei­hen all die­ser Men­schen gehen wie durch ein Metro­no­men­feld und sie durch Hin­ter­kopf-Knö­chel­stö­ße syn­chro­ni­sie­ren.

In den Zwi­schen­gän­gen gehen die Pas­sa­gie­re alle mit vor­ge­bo­ge­nen Armen, als führ­ten sie unsicht­ba­re Kin­der spa­zie­ren. Als eine Frau sich dann tat­säch­lich mit einem Kind nähert, erscheint in mei­nem Kopf das Wort turn­pi­ke. Was bedeu­tet es noch gleich?

* * *

Am Bryant Park. Eine hän­gen­de Ampel warf ihren Schat­ten auf eine ande­re hän­gen­de Ampel.

Die­ses selt­sa­me mit­tel­al­ter­lo­se Land, wie es sich türmt.

Da grüß­te ihn ein roter Bas­ket­ball, der oben aus einem vol­len Müll­korb rag­te, und ihm fie­len all die jun­gen Men­schen mit lee­ren Hän­den auf, allen fehl­ten die Eis­tü­ten.

Ein Mann über­gab sich direkt vor der NY Public Libra­ry und da war auf ein­mal eine Art Schorn­stein, von Bau­ar­bei­tern mit­ten auf die Stra­ße gebaut, aus dem U‑Bahn-Dampf (?) ent­wich.

Ein ein­zel­nes Pixel­lämp­chen einer grü­nen Ampel an der Madi­son Ave­nue flim­mer­te und ich rief inner­lich nach einem Kind in einem Wald, das sich ver­irrt hat­te, trotz sei­ner leuch­tend grü­nen Müt­ze.

* * *

Fahrt im Bus nach Itha­ca. Das Wort turn­pi­ke kla­bau­ert wei­ter in mei­nem Kopf. Selt­sa­me Stadt­rand­ku­lis­se. Fer­ne hohe Gebäu­de­sil­hou­et­ten wie an die Him­mels­kup­pel gekleb­te Tixo­strei­fen. Rie­si­ge Bill­boards gegen Abtrei­bun­gen („Babies feel pain in the womb“). Auf einem Bahn­damm lag, Sil­hou­et­te gegen weiß­li­chen Abend­him­mel, die Schau­fel eines Bag­gers als gestran­de­tes Zau­ber­boot.

Immer wie­der schlief ich im Bus ein, sack­te zusam­men und wach­te durch den Gra­vi­ta­ti­ons­ruck wie­der auf. Ich ent­wi­ckel­te eine gewis­se Geschick­lich­keit dar­in, mei­ne Ein­schlaf­träu­me mit dem im iPod Gehör­ten (zuerst Gün­ter Grass’ Hun­de­jah­re, aus­schnitt­wei­se gele­sen vom Autor selbst, dann eine eng­li­sche Hör­buch­ver­si­on von Das Todes­jahr des Ricar­do Reis von José Sara­ma­go) zu ver­men­gen und regel­recht bewohn­bar zu machen. Es geht nach einer Wei­le schon fast absicht­lich, gewis­se Moti­ve kom­men wie­der und las­sen sich ver­bin­den, alles auf einer abs­trak­ten und zugleich emo­tio­na­len Ebe­ne. „So muss es der von uns pla­ne­tar abge­strahl­ten Musik gehen, drau­ßen im Welt­all“, dach­te ich. Und spä­ter, als ich vor Erschöp­fung nur noch in der drit­ten Per­son vor­han­den war: „Es ging ihm nahe, wie leicht nun alles ging.“

Als ich mein Aben­teu­er spä­ter erzähl­te, ant­wor­te­ten mir die Cor­nel­ler Aka­de­mi­ker mit Geschich­ten über berühm­te Män­ner, die „eben­falls“ durch ein Gas­leck umge­kom­men waren.

Sehr lan­ge Fahrt durch den Bun­des­staat New York in Rich­tung Wes­ten. McDonald’s‑Bögen leuch­ten aus Wäl­dern. An Dorf­rän­dern geis­ter­haft bleich in der Däm­me­rung daste­hen­de Häu­ser­rei­hen, kein ein­zi­ges Licht in den Fens­tern.

* * *

Im begin­nen­den Regen des frü­hen Mor­gens beweg­ten sich die Vögel in Zeit­lu­pe. Auf einer Schau­kel saß ein merk­wür­dig gro­ßes Kind. Dann stand da an einem offe­nen Fens­ter ein Mann, hin­ter dem sich ein ande­rer, ganz ähn­lich aus­se­hen­der Mann auf einem Home­trai­ner abmüh­te. Als die Son­ne her­aus­kam, war ein Bie­nen­schat­ten auf der Haus­mau­er zu sehen. „Do NOT use this form if you are NOT an indi­vi­du­al.“

* * *

18. April – Itha­ca, NY
Ges­tern Abend ging ich mit star­ken Kopf­schmer­zen schla­fen und hat­te merk­wür­dig pen­deln­de, schwin­gen­de Träu­me ohne Schwer­punkt. Am nächs­ten Mor­gen fiel mir deut­li­cher Gas­ge­ruch auf. Beson­ders stark war er rund um den uralten Herd. Wüs­ten­luft­flim­mern. Sofort öff­ne­te ich alle Fens­ter und lief ins Com­mu­ni­ty Cen­ter. Dort hör­te sich eine gelang­weil­te Frau mei­ne Beschwer­de an. Sie schrieb die Uhr­zeit und „gas leak kit­chen“ auf einen Zet­tel, dann setz­te sie sich wie­der vor ihren Com­pu­ter. Ich jam­mer­te wei­ter und ver­lang­te sofor­ti­ge Repa­ra­tur. Drau­ßen war es eisig, Schnee­wir­bel und Wind, wo soll­te ich jetzt hin. Die Frau sag­te, jaja, schon gut. Da brüll­te ich. Da ging es auf ein­mal und ein net­ter Mann namens Pete kam in mei­ne Woh­nung. Er fand das Pro­blem, ein aus­ge­gan­ge­nes „Pilo­ten­licht“ (das ewi­ge Tem­pel­feu­er­chen, das in die­sen alten Gas­herd­mo­del­len bren­nen muss). Fünf Minu­ten nach­dem er gegan­gen war, jaul­ten über­all drau­ßen Sire­nen. Ich lief in Socken in den Schnee hin­aus. „This was a test“, ver­kün­de­te eine Stim­me aus den Lüf­ten, „this was a test“. Als ich mein Aben­teu­er spä­ter erzähl­te, ant­wor­te­ten mir die Cor­nel­ler Aka­de­mi­ker mit Geschich­ten über berühm­te Män­ner, die „eben­falls“ durch ein Gas­leck umge­kom­men waren.

* * *

Ame­ri­ka­ni­sche Klein­städ­te schei­nen stän­dig „nach einem gro­ßen Angriff“ zu erwa­chen, am „Tag danach“. Je klei­ner das Orts­ge­biet, des­to grö­ßer der Dyna­mo, das Herz in sei­ner Mit­te: das War Memo­ri­al.

* * *

Eine schwan­ge­re Frau beug­te sich nach vor und berühr­te einen Hydran­ten.

* * *

Ein bud­dhis­ti­scher Mönch, der sich im Ster­be­mo­ment wünscht, noch ein­mal nie­sen zu kön­nen. Aber die Luft ist rein und sei­ne Atem­we­ge frei.

* * *

Ich war in der win­zi­gen Dewitt-Mall, von der ich spä­ter erfuhr, dass sie frü­her eine Schu­le war, das Vor­bild für jene, in die Dolo­res Haze in Loli­ta geht. An einem Decken­bal­ken stand dann auch „GYMNASIUM GIRL’S ENTRANCE“. Es befan­den sich fünf oder sechs Geschäf­te dar­in. Am Abend begeg­ne­te ich dem Stra­ßen­ma­gi­er Wil­liam Metro, den ich von You­tube ken­ne. Er wirk­te sturz­be­sof­fen, wie an Deck eines Schif­fes.

* * *

Nach dem Abend­essen mit den Fakul­täts­mit­glie­dern, die mich nach Cor­nell ein­ge­la­den haben, begeg­nen wir zwei Freun­den der Pro­fes­so­ren, es sind zwei Musi­ker, die gera­de von einem Pri­vat­kon­zert für einen alten Mann am Ster­be­bett kom­men. Er sei Stun­den von sei­nem Tod ent­fernt, erzäh­len sie, und sie hät­ten „Bach, Bach and more Bach“ für ihn gespielt.

* * *

Die erd­wes­pen­lei­sen Stim­men der Biblio­the­ka­re.

* * *

Gelb-räu­di­ge Schul­bus­se auf der Stra­ße. Es reg­net klei­ne wei­ße Kugeln bil­den­den, sty­ro­por­ar­ti­gen Schnee. Town­hou­ses, abge­blät­tert und veran­den­be­ses­sen. Park­plät­ze vol­ler Pick-ups. „Chris­ti­an Sci­ence Rea­ding Rooms“. Flag­gen auf jedem Hydran­ten. Aber das Ame­ri­ka­ge­fühl stell­te sich erst dann ein, als ich wei­ße Kopf­hö­rer­ka­bel aus einem nas­sen Strauch hän­gen sah.

* * *

Ein Baby­schnul­ler liegt neben einem bun­ten Ölfleck zwi­schen den Zebra­strei­fen.

* * *

Die zu Cur­ling-Spiel­stei­nen zusam­men­ge­ball­ten Gän­se früh­mor­gens am schnee­ver­wir­bel­ten Fuß­ball­platz.

* * *

Vom uner­müd­li­chen Flo­cken­wir­bel drau­ßen bekam ich früh­zei­tig Schlaf­sand in den Augen­win­keln.

* * *

Vor einem Pick-up-Truck spiel­te eine Krä­he mit ihrem eige­nen Schat­ten. Ein Arbei­ter stieg auf eine Lei­ter und der ande­re stand dane­ben und wur­de mit jedem Schritt klei­ner und klei­ner. Ein Mann, der gera­de aus einem Musik­fach­ge­schäft trat, roch an sei­nen Fin­ger­spit­zen.

* * *

Es lagen sehr vie­le weg­ge­wor­fe­ne Fla­schen im Wald, aber es war, wie sich her­aus­stell­te, immer die­sel­be Fla­sche (John Cage: „Every Coca Cola bot­t­le is the Bud­dha“). – Ein Hydrant stand mit­ten auf einer Wie­se. Bus­hal­te­stel­len als ein­zi­ge Arbres-du-Téné­ré weit und breit. In der Nähe des Regio­nal­flug­ha­fens von Itha­ca ein stil­ler Moment unter leb­haf­ten Bäu­men. Dort lag auch ein umge­stürz­ter Bas­ket­ball­mast auf einem Park­platz. In dem sehr hel­len Licht, das gemüts­trä­ge, inner­lich ruhig und geis­ter­sich­tig macht, erschie­nen ver­gan­ge­ne For­men in der Luft. Es waren Tie­re dabei, aber auch nied­ri­ge mensch­li­che Gestal­ten, ich ging rasch wei­ter. Auf der schnur­ge­ra­de zum Hori­zont füh­ren­den Land­stra­ße kamen mir die Autos ent­ge­gen und säbel­ten den Kopf mei­nes Schat­tens ab.

* * *

Die heil­sam brau­ne Far­be zwei­er Pfer­de neben einem Baum, der die Form einer gewal­ti­gen Schlam­m­erup­ti­on auf der sump­fi­gen Hei­de hat (Gedan­ke an Witt­gen­steins Ver­mu­tun­gen über die Unmög­lich­keit von „brau­nem Licht“ in Über die Far­ben).

* * *

Mein lan­ger Gang zwi­schen den schick­sal­haf­ten Vor­stadt­häu­sern. Die über­all offen ste­hen­den Gara­gen und die teils gewal­ti­gen Hohl­räu­me unter den Veran­da­trep­pen. ‚Nichts hier braucht mich, ist für mich, ver­langt nach mir‘, dach­te ich, und dann hin­gen da über­all Schau­keln an rie­si­gen Bir­ken.

 

* * *

Cle­mens J. Setz wur­de 1982 in Graz gebo­ren, wo er heu­te als Über­set­zer und frei­er Schrift­stel­ler lebt. Für sein Werk wur­de er mit zahl­rei­chen Prei­sen aus­ge­zeich­net, dar­un­ter dem Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se, dem Wil­helm-Raa­be-Lite­ra­tur­preis und dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis. Zuletzt erschie­nen im Suhr­kamp Ver­lag Glück­lich wie Blei im Getrei­de (2015), Die Stun­de zwi­schen Frau und Gitar­re (2015), Bot. Gespräch ohne Autor (2018) und Der Trost run­der Din­ge (2019). Sein „Tage­buch“ erscheint fort­lau­fend als Kolum­ne in VOLLTEXT.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2018 – 8. Okto­ber 2018

Online seit: 27. August 2019

Online seit: 27. August 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019