„Distant Reading“ und magische Lektüren

Das neue Hand­buch Lesen wid­met sich facet­ten­reich dem Stand einer alten Kul­tur­tech­nik im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung. Von Uwe Schüt­te
Illustration: Gabriel Ritter von Max – "Die Gelehrten"

Clo­se Rea­ding.
Illus­tra­ti­on: Gabri­el Rit­ter von Max – „Die Gelehr­ten“

Was du jetzt tust ißt eine kom­ple­xer Vor­gang, bei dem schrift­lich enko­dier­te Zei­chen in einem kogni­ti­ve, intel­lek­tu­el­le und kul­tu­rel­le Fähig­kei­ten ver­bin­den­den Pro­zess ver­ar­bei­tet wer­den müs­sen, um etwas eigent­lich Selbst­ver­ständ­li­ches zu ermög­li­chen: lesen. Schrift­lich ver­schlüs­sel­ten Sinn erfolg­reich zu erfas­sen. Nicht nur gelingt es, die­se Satz­kon­struk­tio­nen zu ver­ste­hen, obwohl ein­gangs gram­ma­ti­ka­li­sche Feh­ler und Ver­stö­ße gegen sozia­le Kon­ven­tio­nen einen Stol­per­stein dar­stel­len. Kom­pe­ten­te Leser wer­den auch sofort den selbst­re­fle­xi­ven Cha­rak­ter des Anfangs­sat­zes erken­nen. Und dar­in wie­der­um einen gewoll­ten sti­lis­ti­schen Manie­ris­mus des Autors. All das aber setzt eine Abs­trak­ti­ons­leis­tung vor­aus, die über einen rein uti­li­ta­ris­ti­schen Umgang mit Tex­ten hin­aus­geht und eine Ver­traut­heit mit lite­ra­risch-rhe­to­ri­schem Sprach­ge­brauch invol­viert.

Das Lesen wird eine unab­ding­ba­re Basis­kom­pe­tenz unse­rer Gesell­schaft blei­ben, auch wenn die Flut der Bil­der und der Sie­ges­zug des Digi­ta­len unse­re Kon­fron­ta­ti­on mit Text weni­ger redu­ziert als viel­mehr in klei­ne­re Por­tio­nen zer­hackt hat. Das Lesen befin­det sich zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts – wie­der ein­mal in sei­ner Geschich­te – in einem radi­ka­len Umbruch­pro­zess. Inso­fern erscheint ein gewich­ti­ges Kom­pen­di­um des Ver­lags De Gruy­ter zur rech­ten Zeit, um sich dem viel­schich­ti­gen Kom­plex des Lesens en detail zu wid­men. Das von Alex­an­der Honold und Rolf Parr her­aus­ge­ge­be­ne Hand­buch ist in der Rei­he Grund­the­men der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft erschie­nen und kos­tet knapp 160 Euro.

Von den ins­ge­samt 900.000 deutsch­spra­chi­gen bel­le­tris­ti­schen Publi­ka­tio­nen seit dem 16. Jahr­hun­dert sind mehr als 650.000 im 20. Jahr­hun­dert erschie­nen.

Der stol­ze Preis von Lesen macht die Anschaf­fung für Pri­vat­per­so­nen zwar etwas schwie­rig, doch so lan­ge es noch die kul­tu­rel­le Insti­tu­ti­on der Biblio­thek gibt, soll­te jeder, für den das Lesen mehr bedeu­tet, als Rekla­me­auf­schrif­ten wahr­zu­neh­men, SMS mit Emo­jis zu ent­zif­fern und in Gebrauchs­an­lei­tun­gen zu blät­tern, einen Blick in das Hand­buch wer­fen. Es lohnt sich näm­lich. In fast 30 Kapi­teln wird auf knapp 700 Sei­ten die Kul­tur­tech­nik des Lesens vor allem aus der Per­spek­ti­ve der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in den Blick genom­men. Unter den Bei­trä­gern fin­den sich folg­lich durch­wegs Ger­ma­nis­ten, die oft­mals in dem ihre Zunft kenn­zeich­nen­den Jar­gon für ihres­glei­chen schrei­ben, doch sind die aller­meis­ten Kapi­tel auch für Inter­es­sier­te außer­halb der Fach­ge­mein­de mit Gewinn les­bar.

Sinn­vol­ler­wei­se beginnt das Hand­buch mit einem umfang­rei­chen sozi­al­ge­schicht­li­chen Über­blick von den Anfän­gen bis zum heu­ti­gen Stand, den Jost Schnei­der ver­fasst hat. Er erin­nert dar­an, dass Lese­fä­hig­keit fast die gesam­te Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schich­te lang eine Fähig­keit war, die den Eli­ten vor­be­hal­ten blieb. Eine weit­ge­hen­de Alpha­be­ti­sie­rung haben selbst die am höchs­ten ent­wi­ckel­ten Län­der erst vor rund 100 Jah­ren erreicht. Der Über­blick kann mit eini­gen erstaun­li­chen Fak­ten auf­war­ten. So sind von den ins­ge­samt 900 000 deutsch­spra­chi­gen bel­le­tris­ti­schen Publi­ka­tio­nen