Das erbarmungslose Gedächtnis der Scham

Der Auf­stieg aus der Arbei­ter­klas­se ins Bür­ger­tum und das Hadern mit die­sem „Ver­rat“ an der eige­nen Her­kunft sind prä­gend für das Werk von Annie Ernaux. Eine Erfah­rung, für die sie ein lite­ra­ri­sches Idi­om erst mühe­voll ent­wi­ckeln muss­te. Von Julia Scho­ch

„Die­ses Bedürf­nis, etwas zu schrei­ben, das für mich gefähr­lich ist – wie eine Kel­ler­tür, die sich öff­net und man ein­tre­ten muss, kos­te es, was es wol­le …“ Ist man erst mal drin, wei­ten sich die Pupil­len sofort!

Annie Ernaux © Olivier Roller / SV

Annie Ernaux: „Der schlich­te Stil kommt ganz von allein, es ist der­sel­be, in dem ich frü­her mei­nen Eltern schrieb, um ihnen die wich­tigs­ten Neu­ig­kei­ten zu berich­ten.“
Foto: Oli­vi­er Rol­ler / SV

Es ist acht oder neun Jah­re her. Ich las Les Années (Die Jah­re) von Annie Ernaux, das 2008 in Frank­reich erschie­nen war. Ein Gefühl selbst­ver­ständ­li­cher Ver­traut­heit, als wür­de man mit einem Freund, den man lan­ge aus den Augen ver­lo­ren hat, naht­los ans letz­te Gespräch anknüp­fen. Alle Bücher, die die Autorin bis dahin geschrie­ben hat­te und die ich lieb­te, schie­nen in die­sem hier auf­ge­ho­ben zu sein. Hin und wie­der schwärm­te ich einem Ver­le­ger davon vor. Es wur­de zurück­ge­schwärmt. Man kann­te die Autorin, wuss­te um die Bedeu­tung des Buches, das in Frank­reich mit vie­len Lite­ra­tur­prei­sen geehrt wor­den war. Ein Schatz, eine Per­le! Trotz­dem. Die vie­len Eigen­na­men und Bezeich­nun­gen, von Super­märk­ten, TV-Sen­dun­gen, Insti­tu­tio­nen, Poli­ti­kern, Chan­son­ti­teln – war das nicht eher eine sozio­lo­gi­sche Geschich­te Frank­reichs? Kaum zumut­bar für deut­sche Leser. Außer­dem hat­te sich die Autorin hier­zu­lan­de nie rich­tig durch­set­zen kön­nen.

Was stimm­te. Man hät­te auch sagen kön­nen: Annie Ernaux war in Deutsch­land bis­lang publi­zis­tisch ver­wurs­tet wor­den. Eini­ge ihrer Bücher waren über­setzt wor­den, von jeweils unter­schied­li­chen Über­set­ze­rin­nen, ande­re nicht. Sie erschie­nen in unter­schied­li­chen Ver­la­gen, mit jeweils unter­schied­li­cher Auf­ma­chung (wobei ein gemein­sa­mer Punkt die las­zi­ven Frau­en­ge­stal­ten auf dem Cover zu sein schie­nen). Die meis­ten waren inzwi­schen ver­grif­fen. Irgend­wann hat­te ver­mut­lich auch der hart­nä­ckigs­te Leser den Faden ver­lo­ren. Oder die Geduld.

Als ich mit acht­zehn den hei­li­gen Ernst in Peter Hand­kes Büchern für mich ent­deck­te, fiel der Humor in die Lite­ra­tur und die Kino­welt der dama­li­gen Jah­re ein.

War es mir nicht genau­so ergan­gen? Die ers­te Lek­tü­re von Annie Ernaux, die mir in die Hän­de fiel, bedeu­te­te gleich­zei­tig einen End­punkt. Bei der Aus­ga­be han­del­te es sich um die Antho­lo­gie Moder­ne fran­zö­si­sche Pro­sa, die 1988 in der DDR erschie­nen war und nun, Anfang der Neun­zi­ger­jah­re, schon wie­der aus­ge­mus­tert wur­de. Ich erin­ne­re mich, dass damals über­all Kis­ten mit aus­ran­gier­ten DDR-Aus­ga­ben stan­den, am Ein­gang der Uni, vor der Stadt­bi­blio­thek, den Buch­lä­den … Selt­sa­me Gegen­läu­fig­keit. Wäh­rend für mich etwas anfing, ging um mich her­um vie­les zu Bruch, lös­te sich auf, ver­schwand. Auch dar­an erin­ne­re ich mich. Als ich mich mit Schwung der DDR-Lite­ra­tur zu wid­men gedach­te, wur­de sie gera­de für mora­lisch unhalt­bar und ästhe­tisch unin­ter­es­sant erklärt. Als ich mit acht­zehn den hei­li­gen Ernst in Peter Hand­kes Büchern für mich ent­deck­te, fiel der Humor in die Lite­ra­tur und die Kino­welt der dama­li­gen Jah­re ein. So wie die­ses Buch mit Tex­ten fran­zö­si­scher Autoren, gera­de erst gedruckt, nun bereits auf dem Müll lan­de­te. War die Gegen­wart in Frank­reich etwa schon vor­bei?

Die Antho­lo­gie sah alt­mo­disch aus, wie ich es gewohnt war, die Sei­ten aus gro­bem, gelb­li­chem Papier, der Schutz­um­schlag schwarz, dar­auf ein Fin­ger mit lackier­tem Nagel. Den Rei­gen der vier eher kur­zen Tex­te (waren das über­haupt Roma­ne?!) eröff­ne­te Annie Ernaux mit Das bes­se­re Leben. Im Ori­gi­nal hieß das Buch La Place. (Die Über­set­zung war von der west­deut­schen Aus­ga­be über­nom­men wor­den und gab, wie ich erst sehr vie­le Jah­re spä­ter fest­stel­len wür­de, kaum etwas von den Absich­ten der Autorin wie­der.) Annie Ernaux hat­te die Geschich­te ihres Vaters auf­ge­schrie­ben (Bau­ern­mi­lieu, Trost­lo­sig­keit), aller­dings auf eine merk­wür­dig knap­pe Art. Eine Art Tat­sa­chen­be­richt, als müs­se die neu­tra­le Spra­che etwas bän­di­gen, was an tie­fen Emo­tio­nen dar­un­ter lag.

Frau im Aus­nah­me­zu­stand

Zwei oder drei Jah­re spä­ter, als ich an der Uni ein Semi­nar zur Dar­stel­lung der Lie­be in der fran­zö­si­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur beleg­te, fie­len mir das Buch und die Autorin wie­der ein. Da war gera­de Pas­si­on Simp­le (Eine voll­kom­me­ne Lei­den­schaft) von Annie Ernaux erschie­nen. Wie­der ein Buch, schmal, das gar nicht erst vor­gab, ein Roman sein zu wol­len. Eher eine prä­zi­se Auf­lis­tung täg­li­cher Ver­rich­tun­gen einer Frau im Aus­nah­me­zu­stand. So kli­nisch knapp konn­te man also über eine sexu­el­le Obses­si­on schrei­ben? Nicht zu fas­sen. In den Jah­ren dar­auf bezog sich mei­ne Begeis­te­rung nicht nur auf Ernaux. Vie­le der Bücher, die fran­zö­sisch­spra­chi­ge Autoren (etwa Jean-Phil­ip­pe Tous­saint, Marie Redon­net) in den Achtziger‑, Neun­zi­ger­jah­ren schrie­ben, kamen mir ästhe­tisch mutig vor, dazu klug und „irgend­wie“ im Bewusst­sein der Theo­rien der letz­ten Jahr­zehn­te geschrie­ben, ohne dass sie aber dar­über rede­ten. Alles, was mir hel­fen wür­de, selbst ein­mal Schrift­stel­le­rin zu wer­den, schien von dort zu kom­men.

Im Nach­hin­ein betrach­tet war der Gra­ben zwi­schen den bei­den benach­bar­ten Staa­ten mal wie­der extrem tief. Deutsch­land war in den Neun­zi­gern in Fei­er­lau­ne, die lite­ra­ri­sche Ent­spre­chung dazu schie­nen fluf­fig erzähl­te, am bes­ten komi­sche Geschich­ten zu sein. End­lich hat­te der Spaß wie­der Ein­zug in die Kul­tur gehal­ten, die Rück­kehr der Erzäh­lung, das Spie­le­ri­sche, das leich­te Lesen, eine Pri­se Por­no, ein biss­chen Gewalt, man hat­te Süß­kind, Schlink, Phil­ip­pe Dji­an, im Kino Taran­ti­no. Womög­lich war der Abstand nicht groß genug, oder zu groß, um zu erken­nen, dass die Bücher die­ser Autorin alle in einem Zusam­men­hang stan­den. Sie ergänz­ten sich, schrie­ben sich fort, gehör­ten alle zu einem gro­ßen sozio­lo­gi­schen Schreib­pro­jekt, in dem es nur einen Mit­tel­punkt gab: Annie Ernaux. Und dann, was war das über­haupt? Essays? Fik­tio­na­li­sier­te Tage­bü­cher? Sozio­fik­ti­on? Ernaux selbst schert sich nicht um Gat­tungs­fra­gen. Dass sie auch in Frank­reich ange­fein­det wor­den war für das Über­schrei­ten von ästhe­ti­schen und inhalt­li­chen Lini­en, die die Hüter der schö­nen Küns­te respek­tiert wis­sen woll­ten, erfuhr ich erst spä­ter aus ihrem Inter­view-Buch L’écriture com­me un cou­teau („Schrei­ben wie ein Mes­ser“).

Ernaux, die Toch­ter aus der Unter­schicht, schreibt über die eige­nen Wur­zeln nicht mit der­sel­ben Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der zum Bei­spiel Sart­re sei­ne Auto­bio­gra­fie Die Wör­ter ver­fass­te.

Man­che Leu­te ver­tei­len in ihrer Woh­nung Quar­ze, um für eine gute Ener­gie zu sor­gen. Bei mir lagen die Bücher von Annie Ernaux her­um. Das bestän­di­ge Blät­tern dar­in war eine Ver­si­che­rung, dass sich die Wahr­heit durchs Schrei­ben fin­den lässt, dass zu solch einem Schrei­ben aber Mut gehört, Mut, die Din­ge anders anzu­ge­hen, Mut, vie­les weg­zu­las­sen und die eige­ne Bio­gra­fie nicht unter Fik­tio­nen zu ver­schar­ren. Eine abso­lu­te Preis­ga­be sei­ner selbst, um der Wahr­heit wil­len. „Ich habe immer geliebt, und ich habe immer geschrie­ben, als müs­se ich danach ster­ben“ heißt es in ihrem lite­ra­ri­schen Tage­buch Sich ver­lie­ren (2001) über das Jahr einer sexu­el­len Beses­sen­heit. Herr­je, so exis­ten­zi­ell? Und dann: die Wahr­heit? (Was für ein altes, knar­zen­des Wort.) Um nichts weni­ger geht es Annie Ernaux. Was sich aufs Schöns­te in jenem bereits erwähn­ten Buch La Place von 1983 nach­le­sen lässt. Der Platz, wie es nun ganz rich­tig in der deut­schen Neu­über­set­zung von Son­ja Finck heißt, die in die­sen Tagen in der Biblio­thek Suhr­kamp erscheint. Fast vier­zig Jah­re nach Erschei­nen des Buches in Frank­reich hat die Autorin auch in Deutsch­land end­lich ihren Platz gefun­den, wie es scheint. Der Kreis schließt sich.

Klas­sen­di­stanz

Als 1967 ihr Vater stirbt, ist bei Annie Ernaux sofort das Ver­lan­gen da, etwas über ihn zu schrei­ben. „Ich woll­te alles sagen, über mei­nen Vater schrei­ben, über sein Leben und über die Distanz, die in mei­ner Jugend zwi­schen ihm und mir ent­stan­den ist. Eine Klas­sen­di­stanz, die zugleich aber auch sehr per­sön­lich ist, die kei­nen Namen hat. Eine Art distan­zier­te Lie­be.“ Der Vater ent­stamm­te ärm­lichs­ten Ver­hält­nis­sen, war Knecht auf dem Land, dann Arbei­ter. Spä­ter schafft er den kur­zen sozia­len Auf­stieg zum Krä­mer, als er in sei­nem Hei­mat­ort Yve­tot in der Nor­man­die einen klei­nen Laden mit Knei­pe eröff­net, der zu sei­nem Lebens­en­de hin von den gro­ßen Geschäf­ten und den ent­ste­hen­den Super­märk­ten schon wie­der bedroht wird. „Halb Händ­ler, halb Arbei­ter, mit einem Bein auf jeder Sei­te, zu Ein­sam­keit und Miss­trau­en ver­dammt.“ Ein Leben geprägt von Pla­cke­rei, Spar­sam­keit, Miss­gunst, Genüg­sam­keit, weni­gen fröh­li­chen Momen­ten. Ein Leben, das er mit Mil­lio­nen ande­rer teilt, die dem Milieu der soge­nann­ten Klei­nen Leu­te ange­hö­ren. Dem auch Annie Ernaux, die dort 1940 gebo­ren wird, als Kind ange­hört. Wäh­rend die Eltern im Laden die Kund­schaft bedie­nen, liest das Mäd­chen oben in sei­nem Zim­mer. Die Lite­ra­tur, die Bücher wer­den sie aus dem Dorf raus­füh­ren. 1958 geht sie nach Rouen an die Fach­schu­le für Grund­schul­leh­rer, danach als Au-Pair-Mäd­chen ein paar Mona­te nach Lon­don, dann nach Bor­deaux. Nach der Hei­rat mit einem Poli­tik­stu­den­ten zieht sie nach Anne­cy, wo der Mann Beam­ter wird, spä­ter nach Cer­gy, einem moder­nen Vor­ort von Paris. Es ist genau die­ser Weg, der Annie Ernaux ihr Leben lang beschäf­ti­gen, ihr den Stoff und Hin­ter­grund fürs Schrei­ben lie­fern wird. Die Ent­fer­nung zwi­schen ihrer Her­kunft und dem bür­ger­li­chen Leben, das sie als Erwach­se­ne führt. In jedem ihrer zwan­zig Bücher scheint die Geschich­te einer „trans­fu­ge de clas­se“ durch, einer „Über­läu­fe­rin“ oder „Auf­stei­ge­rin“.

Dabei ist Ernaux jah­re­lang über­zeugt, die Details ihrer Her­kunft sei­en bedeu­tungs­los. Sie ist über­zeugt, ihr ein­zi­ges Erbe sei das, was Schu­le, Uni­ver­si­tät und Lite­ra­tur ihr hin­ter­las­sen haben. Aber schon die Arbeit als Leh­re­rin macht ihr bewusst, wie groß die Kluft zwi­schen dem Unter­richts­stoff und der Erfah­rungs­welt ihrer Schü­ler ist, die dem­sel­ben Milieu ent­stam­men wie sie. Der Tod des Vaters reani­miert plötz­lich die­se nicht nur ver­schüt­te­te, auch mut­wil­lig aus­ra­dier­te Erin­ne­rung. Jede Sei­te in Der Platz erzählt von der Not­wen­dig­keit, sie doch zu ent­schlüs­seln. Aller­dings scheint die Scham, sich die Ein­zel­hei­ten vor Augen zu füh­ren, das Schrei­ben unmög­lich zu machen, zumin­dest ver­lang­samt sie es. Die Ernied­ri­gung, die mit ihrer Her­kunft ver­bun­den ist, hat sich ihr tief ins Gedächt­nis geprägt. Es fällt ihr schwe­rer, ver­ges­se­ne Ereig­nis­se ans Licht zu holen, als neue zu erfin­den, wie sie sich ein­ge­ste­hen muss. „Das Gedächt­nis leis­tet Wider­stand.“

Ver­rat an der Lite­ra­tur

Den begon­ne­nen Roman über ihren Vater legt Ernaux schon bald ange­wi­dert zur Sei­te. Alles ist falsch dar­an, kommt es ihr vor. Wie ein­fach wäre es, pral­le, hand­fes­te Sze­nen aus dem Leben eines Jun­gen aus dem Vol­ke zu schrei­ben, der sich mit Cid­re sei­ne Zäh­ne rui­niert und Frö­sche mit Stroh­hal­men zum Plat­zen bringt. „Es wäre leicht, etwas in die­ser Rich­tung zu machen.“ Aber wäre es nicht eine Art Ver­rat, Ver­rat an der Lite­ra­tur, aber vor allem am Vater, an sich selbst, sein Leben in einem pit­to­res­ken, womög­lich sen­ti­men­ta­len Roman zu ver­bra­ten? Und, noch wich­ti­ger: Ist ein sol­ches Milieu über­haupt erin­ne­rungs­wür­dig und lite­ra­risch rele­vant? Ist ihre Her­kunft über­haupt einer Erin­ne­rung wür­dig?

Wie kann sie von ihrer Her­kunfts­welt in Wor­ten erzäh­len, die in die­ser Welt gar nicht gespro­chen wer­den?

In der Lite­ra­tur scheint es kaum Autoren zu geben, die ihr bei ihrer Suche behilf­lich sein könn­ten. „Wenn ich Proust oder Mau­riac lese, kann ich nicht glau­ben, dass sie über die Zeit schrei­ben, als mein Vater Kind gewe­sen ist. Sei­ne Her­kunfts­welt ist das Mit­tel­al­ter.“ Jemand wie Ernaux, die Toch­ter aus der Unter­schicht, schreibt über die eige­nen Wur­zeln nicht mit der­sel­ben Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der zum Bei­spiel Sart­re sei­ne Auto­bio­gra­fie Die Wör­ter ver­fass­te. Im Gegen­satz zu groß­bür­ger­li­chen Autoren (und das sind die meis­ten in der fran­zö­si­schen Lite­ra­tur), ist sie auf ewig zer­ris­sen. Zer­ris­sen zwi­schen der lite­ra­ri­schen Spra­che, die sie stu­diert hat, und der, mit der sie auf­ge­wach­sen ist, die Spra­che der Eltern, für die sie sich schämt, die sie able­gen und ver­ges­sen will, die aber für immer in ihr ist. Wie kann sie von ihrer Her­kunfts­welt in Wor­ten erzäh­len, die in die­ser Welt gar nicht gespro­chen wer­den? Soll sie in der „Spra­che des Fein­des“, wie Jean Genet es aus­ge­drückt hat, schrei­ben und so das Milieu ver­ra­ten, dem sie ent­stammt?

All die­se Fra­gen, die Suche nach dem ange­mes­se­nen Ton, der rich­ti­gen Her­an­ge­hens­wei­se, sind dem Text ein­ge­schrie­ben. Der Platz mar­kiert einen Wan­del im Schrei­ben der Autorin und gibt schließ­lich auch die Ant­wort: „Um ein Leben wie­der­zu­ge­ben, das der Not­wen­dig­keit unter­wor­fen war, darf ich nicht zu den Mit­teln der Kunst grei­fen, darf ich nicht ver­su­chen, ‚fes­selnd‘ oder ‚anrüh­rend‘ zu schrei­ben. Ich wer­de die Wor­te, Ges­ten und Vor­lie­ben mei­nes Vaters zusam­men­tra­gen, das, was sein Leben geprägt hat, die objek­ti­ven Bewei­se einer Exis­tenz, von der auch ich ein Teil gewe­sen bin. Kei­ne Erin­ne­rungs­poe­sie, kei­ne mun­te­re Iro­nie. Der schlich­te Stil kommt ganz von allein, es ist der­sel­be, in dem ich frü­her mei­nen Eltern schrieb, um ihnen die wich­tigs­ten Neu­ig­kei­ten zu berich­ten.“

Es liegt eine fast klas­si­sche Ein­fach­heit in die­ser so müh­sam gefun­de­nen lite­ra­ri­schen Spra­che, mit der sie das Erbe ans Licht holt, „das ich an der Schwel­le zur gebil­de­ten, bür­ger­li­chen Welt zurück­las­sen muss­te.“ Der Platz ist Erzäh­lung und Ana­ly­se zugleich. Dar­in immer wie­der mund­art­li­che Ein­schlüs­se, Rede­wei­sen, die ihr Vater oder die Leu­te im Dorf benutz­ten. Anders als in rea­lis­ti­schen Groß­ro­ma­nen sind sie nicht dazu da, den Figu­ren zu mehr Anschau­lich­keit zu ver­hel­fen. Ernaux will den Klei­nen Leu­ten kein Denk­mal errich­ten, nicht Sym­pa­thien wecken. Die kur­siv gesetz­ten Sprach­bro­cken sind da, „weil die­se Wör­ter und Sät­ze die Beschaf­fen­heit und die Gren­zen einer Welt aus­drü­cken, in der mein Vater gelebt hat, in der auch ich gelebt habe. Eine Welt, in der man alles wört­lich nahm.“ Auch Proust hat sich für die dia­lek­ta­len Aus­wüch­se der „unte­ren Schich­ten“ inter­es­siert, durch­aus, aber aus ästhe­ti­schen Grün­den. Sein Haus­mäd­chen war für ihn ein Kunst­phä­no­men. Was anders gewe­sen wäre, wäre er der Sohn die­ses Haus­mäd­chens gewe­sen. Bil­dungs­un­ter­schie­de sind Macht­un­ter­schie­de. Für Ernaux ver­kör­pern die inter­na­li­sier­ten Sprach­bil­der den Geist, die Men­ta­li­tät ihrer Eltern und der Schicht, der sie ent­stam­men. In der Spra­che fin­det sich für sie die Geschich­te die­ser „unter­le­ge­nen Klas­se“. Sie bewusst zu machen, auch dar­in liegt die sozia­le Bedeu­tung von Der Platz.

Als Ernaux in den Sieb­zi­ger­jah­ren der Geschich­te ihres Vaters nach­spürt, wer­den die Bücher eines öster­rei­chi­schen Autors auch in Frank­reich viel gele­sen. Peter Hand­kes Wunsch­lo­ses Unglück, 1972 erschie­nen und sogleich ein Best­sel­ler, erzählt vom Leben und Ster­ben sei­ner Mut­ter. Es ist der Ver­such, sich ihre Stim­mungs­la­ge und den Ent­schluss zum Selbst­mord aus ihrer Her­kunft, ihren Prä­gun­gen und nicht zuletzt aus der Geo­gra­fie des Dor­fes zu erklä­ren. Dafür trägt er Details äuße­rer Art, ihre Ges­ten und Sprach­ge­wohn­hei­ten zusam­men. Wie spä­ter bei Ernaux flie­ßen auch bei Hand­ke Über­le­gun­gen zur Vor­ge­hens­wei­se in den Text mit ein: „Ich ver­glei­che also den all­ge­mei­nen For­mel­vor­rat für die Bio­gra­fie eines Frau­en­le­bens mit dem beson­de­ren Leben mei­ner Mut­ter.“ An einer Stel­le schreibt er: „Sie lief nie weg, sie wuss­te inzwi­schen, wo ihr Platz war.“ Bei Ernaux wird es hei­ßen: „All­mäh­lich fan­den sie ihren Platz, in der Armut, oder knapp dar­über.“

Die objek­ti­vie­ren­de Distanz soll die Kom­pli­zen­schaft mit dem Bil­dungs­bür­ger ver­hin­dern. Ernaux will in einer Spra­che schrei­ben, die alle spre­chen, ein Anlie­gen, das in Frank­reich mit sei­nen star­ren Hier­ar­chien und sozia­len Kon­ti­nui­tä­ten womög­lich poli­ti­scher wirkt als anders­wo. Die écri­tu­re pla­te, wie sie es nennt, der schlich­te nüch­ter­ne Stil, zu dem sie schließ­lich fin­det, ermög­licht ihr, die kul­tu­rel­le Zer­ris­sen­heit zu über­win­den, den Bruch, der bereits beginnt, als sich das Kind in sei­nem Zim­mer in die Welt der Kunst, der Lite­ra­tur ein­schließt. Dass sei­ne Toch­ter gern nach­denkt, ist für den Vater „ein Zei­chen feh­len­der Lebens­lust in jun­gen Jah­ren“. Trotz­dem darf sie sich zu Hau­se wie eine Köni­gin beneh­men. Nur zu den Mahl­zei­ten geht sie nach unten, schwei­gend isst man. Die Abtren­nung beginnt. „Ich glaub­te, dass er nichts mehr für mich tun konn­te.“ Ein wort­wört­li­ches Durch­schau­en. Genau wie Hand­ke sam­melt Ernaux Details, schein­ba­re Neben­säch­lich­kei­ten und Ver­hal­tens­wei­sen, um zu einer prä­zi­sen Beschrei­bung sei­ner Lebens­welt zu kom­men. Als Jugend­li­che beginnt sie, ihm Vor­wür­fe zu machen, kom­men­tiert sein „ner­vi­ges Beneh­men“. (Beim Essen benutzt er nur ein Taschen­mes­ser, das er anschlie­ßend an sei­nem Blau­mann abwischt. War­um las der Vater nicht? War­um kann er mit dem teu­ren Rasier­was­ser, das sei­ne Toch­ter ihm mit­bringt, nichts anfan­gen? „Er wird sich nie ändern!“) In ihren Augen gehört der Vater fort­an zum Milieu der „beschei­de­nen Leu­te“.

Bei alle­dem geht es in Der Platz nicht um eine Abrech­nung. Und eben­so wenig um eine Aus­söh­nung oder nach­ge­tra­ge­ne Lie­be. Ernaux’ Schrei­ben ent­springt dem tie­fen Wunsch zu ver­ste­hen. „Er hat­te nie gelernt, mich freund­lich zu rügen, und ich hät­te der Andro­hung einer Ohr­fei­ge in kor­rek­tem Fran­zö­sisch nicht geglaubt.“ Das Schrei­ben über den Vater ist ein Schrei­ben über sich selbst. Auf die­se Wei­se ver­mag sie sich „die eige­ne Ent­wick­lung und die kon­sti­tu­ti­ven Schich­ten der eige­nen Per­sön­lich­keit aufs Neue anzu­eig­nen“. So drückt es der Sozio­lo­ge Didier Eri­bon in sei­nem Buch Rück­kehr nach Reims aus. Eri­bon hat sich, genau wie der Jung­au­tor Édouard Lou­is, immer auf Ernaux’ Roma­ne beru­fen. Ihr Schreib­an­satz war weg­wei­send für die eige­ne Her­kunfts­er­klä­rung. Doch anders als bei den bei­den ver­teilt Ernaux kei­ne Schuld­schei­ne an die „Gesell­schaft“ oder die „sozia­le Welt“.

Nur Weni­ges von dem, was zu mei­ner ost­deut­schen Kind­heit gehör­te, Sprach­bil­der, kul­tu­rel­le Codes und Zukunfts­vor­stel­lun­gen, hat­te zu tun mit der Welt, in der ich spä­ter leb­te.

Wie in dem oscar­prä­mier­ten Film Roma des Mexi­ka­ners Alfon­so Cuarón, der der­zeit im Kino und auf Net­flix zu sehen ist, geht es ihr nicht um das Anpran­gern sozia­ler Ungleich­heit mit den Mit­teln der Kunst. Es ist eher die Suche nach einer Mög­lich­keit, Men­schen in den Fokus zu neh­men, die selbst nie eine lite­ra­ri­sche Stim­me hat­ten, die Welt aus ihrer Per­spek­ti­ve zu schil­dern und ihnen so eine Art Genug­tu­ung wider­fah­ren zu las­sen, ja, sie über­haupt exis­tent zu machen.

Annie Ernaux lebt inzwi­schen seit über vier­zig Jah­ren in Cer­gy, die­ser Retor­ten­sied­lung. Eine Stadt ohne Gedächt­nis. Viel­leicht ein guter Ort, gleich­sam nackt, um den Abstand zu dem Dorf ihrer Kind­heit, Yve­tot, immer aufs Neue in den Blick zu neh­men. Auch in ihrem vor­erst letz­ten Buch Erin­ne­rung eines Mäd­chens (Suhr­kamp, 2018) durch­misst sie die Ent­fer­nung, die die erwach­se­ne Lie­ben­de von der eige­nen Laden­mäd­chen­her­kunft trennt. Die Lie­bes­nacht in einem Feri­en­la­ger, in dem sie als Betreue­rin arbei­tet, mün­det in Unter­wür­fig­keit und Selbst­be­stra­fung.

Eine per­sön­li­che Geschich­te

In dem sexu­el­len Erleb­nis, einem Trau­ma für die uner­fah­re­ne Acht­zehn­jäh­ri­ge, liegt ein Mus­ter, das die Ver­gan­gen­heit auf ewig mit der Gegen­wart ver­bin­det. Die inzwi­schen über sieb­zig­jäh­ri­ge Autorin stellt auch hier wie­der fest: „Das gro­ße Gedächt­nis der Scham ist sehr viel kla­rer und erbar­mungs­lo­ser als jedes ande­re.“ Offen­bar kann man nur schrei­bend dem Gedächt­nis die Frei­heit zurück­ge­ben, lässt es sich ent­schä­men.

Obwohl es sich wie in all ihren Büchern um ihre per­sön­li­che Geschich­te han­delt, will Ernaux immer weg vom indi­vi­du­el­len Erzäh­len, dem Aus­ufern­den, weg von den belie­bi­gen Erin­ne­run­gen. „Jedes Mal ver­su­che ich ver­zwei­felt, mich aus der Fal­le des Indi­vi­du­el­len zu befrei­en“ steht bereits in Der Platz. Dar­in unter­schei­det sie sich von allen mega­lo­ma­nen, ego­zen­tri­schen Knaus­gårds die­ser Welt. Ernaux erzählt nicht ein­fach von sich. Ihre eige­ne Geschich­te ist das Mate­ri­al, das ihr und dem Leser hilft, einen erhel­len­den Blick auf unse­re Zeit zu wer­fen. Sie sieht sich durch­aus als „Eth­no­lo­gin ihrer selbst“. Den­noch: Ihre gro­ße, um Fotos ergänz­te Werk­aus­ga­be bei Gal­li­mard heißt Écr­i­re la vie – Das Leben schrei­ben (und nicht: Ma vie). Das Pri­va­te und das Sozia­le wer­den von ihr stets in der­sel­ben Bewe­gung geschil­dert, sie lie­gen über­ein­an­der. Das ist kei­ne Auto­fik­ti­on. Wenn sie über ihre Abtrei­bung in den Sech­zi­ger­jah­ren berich­tet, oder über ihre sexu­el­le Beses­sen­heit für einen Mann, fragt sie nicht nur: Was ist mir pas­siert? Son­dern: War­um ist es mir zu die­ser Zeit pas­siert und wel­che (Sprach-)Formen ste­hen mir zur Ver­fü­gung, um davon neu zu erzäh­len?

Denn auch wenn sie nach drei ver­öf­fent­lich­ten Roma­nen mit Der Platz schließ­lich zu ihrer urei­ge­nen Schreib­hal­tung fin­det, die­ser selbst­er­klär­ten Mischung aus Lite­ra­tur, Sozio­lo­gie und Geschich­te, hat sie nie eine Masche dar­aus gemacht. Ihr 2011 erschie­ne­nes Arbeits­buch L’Atelier noir zeugt von den unge­heu­ren Skru­peln, dem Rin­gen um die jeweils geeig­ne­te Form. Allein die hart­nä­cki­ge Über­le­gung: Soll ich „sie“ oder „ich“ sagen? Eine Fra­ge, die sie in ihrem groß­ar­ti­gen, preis­ge­krön­ten Buch Die Jah­re auf­löst, indem sie die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven ganz ein­fach neben­ein­an­der bestehen lässt. Ich, sie, ein kol­lek­ti­ves Wir und ein unper­sön­li­ches Man wech­seln sich ab, um vom Wan­del der letz­ten Jahr­zehn­te und uns dar­in zu erzäh­len. „Sie will ihren Auf­ent­halt auf der Erde doku­men­tie­ren, in einer gege­be­nen Epo­che, die Jah­re, die sie durch­drun­gen haben, die Welt, die sie allein dadurch, dass sie gelebt hat, in sich abge­spei­chert hat.“ Aber anstatt nur ihre Ver­si­on zu erzäh­len, will sie „in einem indi­vi­du­el­len Gedächt­nis das Gedächt­nis des kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses fin­den und so die Geschich­te mit Leben fül­len.“

Nur durch die Lite­ra­tur geht das indi­vi­du­ell Erleb­te im Kol­lek­ti­ven auf, kön­nen Gefüh­le wie Scham, Lie­be, Eifer­sucht und die Erfah­rung vom Ver­ge­hen der Zeit geteilt wer­den. Indem ihre per­sön­li­che Geschich­te Die Jah­re grun­diert, ist das Buch auch eine Geschich­te der sozia­len Mobi­li­tät, in der der zuge­wie­se­ne Platz eben nicht mehr (wie beim Vater) aus­ge­hal­ten, son­dern schließ­lich ver­las­sen wird. Vor allem aber ist es eine Geschich­te der Frau­en, ihrer Lie­bes­for­men und Eman­zi­pa­tio­nen im 20. Jahr­hun­dert, nicht nur der fran­zö­si­schen.

Ich schla­ge noch ein­mal Der Platz auf. Jetzt, beim Wie­der­le­sen, fin­de ich den Schmerz wie­der, den ich schon damals gespürt habe, als ich zum ers­ten Mal in dem Buch las. Den Schmerz dar­über, dass sie sich vom Vater weg­be­wegt hat, als sie durch Bil­dung, Stu­di­um und Hei­rat in eine ande­re Schicht wech­sel­te, eine Mischung aus Unver­ständ­nis, Auf­be­geh­ren und Schuld. Als sie nach der Beer­di­gung mit dem klei­nen Sohn 1. Klas­se zurück in ihre Welt reist, durch­fährt sie der bit­te­re Gedan­ke: „Jetzt gehö­re ich wirk­lich zum Bür­ger­tum …“

Dabei war ihr sozia­ler Auf­stieg genau das, was der Vater sich für sie erträumt hat­te. „Viel­leicht sein größ­ter Stolz, sogar sein Lebens­zweck: dass ich eines Tages der Welt ange­hö­re, die auf ihn her­ab­ge­blickt hat­te.“ Wie so vie­le „ein­fa­che Leu­te“ wünsch­te er sich, es möge ihr ein­mal bes­ser gehen als ihm. Ahnung hat er kei­ne von der Dun­lo­pil­lo-Matrat­ze oder der anti­ken Kom­mo­de, von denen sie erzählt, wenn sie zu Besuch bei ihren Eltern ist, aber sie rei­chen ihm als Beweis für ihren Erfolg.

Die Ernied­ri­gung, die mit ihrer Her­kunft ver­bun­den ist, hat sich ihr tief ins Gedächt­nis geprägt.

Annie Ernaux hat sich ein­mal als „Migran­tin aus dem Innern der fran­zö­si­schen Gesell­schaft“ bezeich­net. Die Über­le­gung lohnt, ob man den Begriff des Exils und den der Lite­ra­tur, die aus die­sen Erfah­run­gen und Impul­sen her­aus ent­steht, nicht auf die hier geschil­der­ten Zusam­men­hän­ge aus­wei­ten müss­te. Struk­tu­rell ähnelt ihre Bin­nen­ein­wan­de­rung in eine ande­re, höhe­re Klas­se tat­säch­lich der eines Men­schen, der sei­ne geo­gra­fi­sche Hei­mat ver­lässt, um in einem unbe­kann­ten Land Fuß zu fas­sen. Der­sel­be kul­tu­rel­le Schock, das­sel­be Alles-neu-ler­nen-müs­sen auf­grund der eige­nen Unkennt­nis von Codes und die For­de­rung der Gesell­schaft nach naht­lo­ser Inte­gra­ti­on sowie lebens­lan­ger Dank­bar­keit. Und: die (oft an sich selbst gestell­te) For­de­rung, die eige­ne Her­kunft mög­lichst rasch zu ver­ges­sen. Die Erin­ne­rung als Stör­sys­tem. Nicht nur Der Platz – alle Bücher Annie Ernaux’ machen klar: Die äuße­re Geo­gra­fie ist leich­ter zu wech­seln als die inne­re Prä­gungs­land­schaft. Nur schrei­bend lässt sich dem Exil ein Ende set­zen. Aber sicher ist das nicht. Ist die lebens­lan­ge Absicht, die Klas­se des Vaters, ihre eige­ne, schrei­bend zu rächen wirk­lich geglückt?

Ein­ge­trich­ter­ter Müll

Ich habe erst spät erkannt, viel­leicht erken­ne ich es erst jetzt, wie die Bücher von Annie Ernaux dabei gehol­fen haben, mir mein eige­nes Unbe­ha­gen im wie­der­ver­ein­ten Deutsch­land zu erklä­ren: Nur Weni­ges von dem, was zu mei­ner ost­deut­schen Kind­heit gehör­te, Sprach­bil­der, kul­tu­rel­le Codes und Zukunfts­vor­stel­lun­gen, hat­te zu tun mit der Welt, in der ich spä­ter leb­te. Ich emp­fand genau­so eine Scham der Her­kunft, Scham gegen­über dem „Müll“, der mir ein­ge­trich­tert wor­den war und den ich nicht so leicht los­wur­de wie erhofft.

In die­ser Zeit fühl­te ich mich kei­ner der bei­den Sei­ten wirk­lich zuge­hö­rig, nicht dem Ver­gan­gen­heits­mi­lieu, nicht dem Milieu, das Gegen­wart hieß. Ich war zer­ris­sen, jeden­falls gehör­te ich kei­nem selbst­ver­ständ­lich an. War ich in dem einen, betrach­te­te ich es jeweils arg­wöh­nisch mit dem Blick aus dem ande­ren her­aus und fäll­te mein Urteil. Ich erin­ne­re mich, wie 1994 jemand erstaunt war, als er hör­te, woher ich stamm­te. Er hat­te mich für eine Münch­ne­rin gehal­ten. Ich erin­ne­re mich des­halb so genau dar­an, weil ich bei die­ser Bemer­kung der­art hef­tig zwi­schen Freu­de und Wut zu schwan­ken begann, dass mir die Gesichts­zü­ge ent­gleis­ten.

Es dau­er­te, bis ich begriff, dass man sich von dem, was einen geprägt hat, nicht ein­fach los­sa­gen kann. Dass sich Her­kunft nicht til­gen, höchs­tens frucht­bar machen lässt und man, wenn die Ver­gan­gen­heit, das Erbe, weit hin­ter einem lie­gen, ange­sichts der geglück­ten Weg­stre­cke vol­ler Stolz ist, vol­ler Schmerz.

* * *

Julia Scho­ch, 1974 in Bad Saa­row gebo­ren, lebt als freie Schrift­stel­le­rin und Über­set­ze­rin in Pots­dam. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Selbst­por­trät mit Bona­par­te (Piper, 2012) und Schö­ne See­len und Kom­pli­zen (Piper, 2018).

Annie Ernaux: Der Platz.
Aus dem Fran­zö­si­schen von Son­ja Finck.
Suhr­kamp, Ber­lin 2019. 94 Sei­ten, € 18 (D) / € 18,50 (A).

Annie Ernaux: Erin­ne­rung eines Mäd­chens.
Über­setzt von Son­ja Finck.
Suhr­kamp, Ber­lin 2018. 163 Sei­ten, € 20 (D) / € 20,60 (A).

Annie Ernaux: Die Jah­re.
Über­setzt von Son­ja Finck.
Suhr­kamp, Ber­lin 2017. 255 Sei­ten, € 18 (D) / € 18,50 (A).

 

Quel­le: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 17. August 2019

 

Online seit: 17. August 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019