Kein bequemes Versinken

Ulrich Pelt­zer zeigt in sei­nem Roman Das bes­se­re Leben wie zeit­ge­nös­si­sches Schrei­ben aus­se­hen kann. Von Chris­toph Jür­gen­sen

Ange­fan­gen wird mit­ten­drin. „Er schreck­te hoch. Dun­kel­heit um ihn her­um, kein Geräusch, nur sein Atem. Die­ser Knall als das Bara­cken­dach ein­stürz­te, bei­ßen­der Rauch, ein Blit­zen, rot und blau, über den Köp­fen der joh­len­den Men­ge.“ Wie der Prot­ago­nist, der zu Beginn von Ulrich Pelt­zers Das bes­se­re Leben aus einem Alb­traum auf­schreckt, braucht auch der Leser nach die­sem unver­mit­tel­ten Auf­takt eine Wei­le, um sich zu ori­en­tie­ren, um zu ver­ste­hen, wer hier spricht und wovon er spricht bzw. wovon er gera­de geträumt hat.

Oder bes­ser, um zu ver­ste­hen, dass die­ser Ein­stieg pro­gram­ma­tisch ist und von ihm auf den fol­gen­den 450 Sei­ten kein beque­mes Ver­sin­ken in der Fabel, son­dern akti­ve Mit­ar­beit ein­ge­for­dert wird, er soll gleich­sam Kol­la­bo­ra­teur des Tex­tes sein bei dem Ver­such, die vie­len Figu­ren, Hand­lungs­strän­ge und Details in einen sinn­vol­len Zusam­men­hang zu brin­gen.

Ange­fan­gen wird mit­ten­drin so war Pelt­zers Frank­fur­ter Poe­tik­vor­le­sung beti­telt, die vor vier Jah­ren erschien, genau in der Mit­te zwi­schen dem mitt­ler­wei­le acht Jah­re zurück­lie­gen­den letz­ten Roman Teil der Lösung, der all­seits für sei­ne zeit­ge­mä­ße Form einer poli­ti­schen  Ästhe­tik gefei­ert wor­den war, und sei­nem nun end­lich vor­lie­gen­den Nach­fol­ger. Die­se Vor­le­sung war dabei weni­ger eine Art der Über­brü­ckung, sie dien­te viel­mehr dazu, retro­spek­tiv Ein­bli­cke in Pelt­zers Arbeits­wei­se und Poe­tik zu geben sowie vor­aus­bli­ckend sein Ver­ständ­nis von ‚gegen­wär­ti­ger‘ Lite­ra­tur zu arti­ku­lie­ren. Und vor allem ihren letz­ten Teil, in dem sich aus den immer wie­der und dabei immer anders zu stel­len­den Fra­gen nach dem Wo-Anfan­gen und Wovon-Erzäh­len die Geschich­te des inter­na­tio­nal täti­gen Sales-Mana­gers Jochen Brock­mann zu ent­wi­ckeln beginnt, ver­stan­den vie­le Rezen­sen­ten als Ver­spre­chen eines Romans, von dem man Ein­las­sun­gen zum Inter­net wie zur Welt­po­li­tik und all­ge­mein dem Kapi­ta­lis­mus als Daseins­form erwar­ten dür­fe. Das ist viel, und viel­leicht sind die­se Erwar­tun­gen grund­sätz­lich unsin­nig ange­sichts des­sen, was ein Roman leis­ten kann. Doch neh­men wir sie ver­suchs­wei­se für einen Augen­blick ernst, wie so vie­le Rezen­sio­nen, die Das bes­se­re Leben an die­sem Anspruch mes­sen woll­ten.

Zwei Män­ner Mit­te fünf­zig

Über das Figu­ren­ta­bleau und sei­ne Topo­gra­fie nimmt der Roman die­se und wei­te­re gro­ße The­men unse­rer Zeit zumin­dest in sich auf. Im Mit­tel­punkt der Hand­lung ste­hen zwei Män­ner Mit­te fünf­zig: Der eine ist der eben genann­te Brock­mann, ein Mana­ger vom Nie­der­rhein, der seit vier­zehn Jah­ren für eine Fir­ma in Turin arbei­tet, die Anlan­gen für die Beschich­tung von Trä­ger­ma­te­ria­li­en in die gan­ze Welt ver­kauft.

Nach Jah­ren der Pro­spe­ri­tät ist die Fir­ma gera­de in die Kri­se gera­ten, als wir im Jahr 2006 in den Roman ein­stei­gen, und mit ihr Brock­mann. Ein gro­ßer Deal schei­tert, und mit ihm scheint auch sei­ne Kar­rie­re als Akteur der welt­wei­ten Finanz­ope­ra­tio­nen ins Tru­deln gera­ten.

Der ande­re ist Syl­ves­ter Lee Fle­ming, in Eng­land gebo­ren, mitt­ler­wei­le in Car­mel-by-the-Sea ansäs­sig, aber eigent­lich immer irgend­wo in der Welt in Geschäf­ten unter­wegs, eine so rät­sel­haf­te wie fas­zi­nie­ren­de Gestalt, von der sich schwe­rer sagen lässt, was genau sie eigent­lich macht.

Offi­zi­ell ist Fle­ming zustän­dig für Risi­ko­ver­si­che­rungs­ma­nage­ment, aber was ver­birgt sich hin­ter die­ser  Bezeich­nung? Er ist wohl eine Art ‚Pro­blem­lö­ser‘, Löser von Pro­ble­men aller­dings, die er gele­gent­lich selbst erst schafft, um sie dann mit Bestechung, Erpres­sung oder gar Schlim­me­rem wie­der aus dem Weg zu räu­men.

An die­se bei­den Figu­ren hat Pelt­zer eine Viel­zahl wei­te­rer Gestal­ten ange­la­gert, Ange­li­ka Volk­hart etwa, einst Rus­sisch-Leh­re­rin in der DDR und nun in lei­ten­der Posi­ti­on bei einer gro­ßen Ams­ter­da­mer Ree­de­rei – mit ihr wird Brock­mann am Ende eine wun­der­bar zart und psy­cho­lo­gisch über­zeu­gend aus­ge­ar­bei­te­te Lie­bes­ge­schich­te begin­nen.

Über­haupt ist Brock­mann von sei­nem Autor mit einer viel­schich­ti­gen Bio­gra­fie aus­ge­stat­tet, wir ler­nen sei­ne Toch­ter ken­nen, die in Mai­land pro­mo­viert, und sei­ne Ex-Frau, die in einem umge­bau­ten Bau­ern­hof bei Kre­feld budd­dhis­ti­sche Exer­zi­ti­en betreibt. Und über ihn kom­men wei­te­re Figu­ren ins Bild, wie ein ehe­ma­li­ger Schul­freund, der im Ber­lin der Gegen­wart einen Auf­satz zu Buon­gior­no, not­te schreibt, einen Film über die Aldo-Moro-Ent­füh­rung, und dabei den ver­lo­re­nen poli­ti­schen Hoff­nun­gen der Stu­den­ten­be­we­gung nach­sinnt. Kön­nen wir daher durch das Zusam­men­spiel der bio­gra­fi­schen Details immer­hin erah­nen, wie er wur­de, was er ist, so ist Fle­ming hin­ge­gen erra­ti­scher gera­ten, wie es sich für einen fast dia­bo­li­schen Cha­rak­ter gehört.

Gro­ße The­men: Geld, Geschich­te, Lie­be

Aber nicht nur die Figu­ren­kon­stel­la­ti­on ist ver­zweigt, son­dern auch die Zeit- oder Geschichts­kon­struk­ti­on. Denn immer wie­der blen­det der Roman zurück in eben nur chro­no­lo­gisch ver­gan­ge­ne Zei­ten, deren Aus­wir­kun­gen bis in die Gegen­wart rei­chen. Die­se Rück­blen­den zei­gen beklem­men­de Debat­ten im Mos­kau der 1930er- Jah­re, in denen vor­geb­li­che Abweich­ler in Anwe­sen­heit von Becher und Lukács ins Ver­hör genom­men wer­den, ob sie der Linie der Par­tei immer und über­all treu gewe­sen sei­en.

Und sie zei­gen in fast fil­mi­scher Anschau­lich­keit, wie die Natio­nal­gar­de im Mai 1970 an der Kent-Uni­ver­si­ty in Ohio unver­mit­telt das Feu­er eröff­net auf unbe­waff­ne­te Stu­den­ten, die gegen den Viet­nam-Krieg pro­tes­tie­ren. Vier von ihnen ster­ben, unter ihnen Ali­son Beth Krau­se, direkt neben Fle­ming. Viel­leicht lässt sich sein Cha­rak­ter von hier aus erklä­ren.

Gro­ße The­men also, Geld, Geschich­te, Lie­be. Doch glück­li­cher­wei­se wider­steht Pelt­zer der Ver­su­chung (wenn es für ihn denn je eine Ver­su­chung war), die­se The­men und ihren Zusam­men­hang zu erklä­ren oder gar mora­lisch zu bewer­ten. Kei­ne olym­pisch das Gesche­hen über­bli­cken­de Instanz führt durch die Geschich­te, son­dern Pelt­zer lässt die Geschich­te sich gleich­sam selbst erzäh­len, indem er „Rei­sen durch Gedan­ken­land­schaf­ten“, wie es ein­mal selbst­be­züg­lich heißt, und Dia­log­se­quen­zen neben­ein­an­der mon­tiert, als hät­ten sich Arthur Schnitz­ler und Wil­liam Gad­dis zum kon­ge­nia­len Duo zusam­men­ge­fun­den.

Durch das Bewusst­sein sei­ner Figu­ren führt der Text mit­tels der erleb­ten Rede, die Pelt­zer von Buch zu Buch wei­ter ver­fei­nert hat und hier in Voll­endung prä­sen­tiert, immer wie­der unter­bro­chen von in Klam­mern ein­ge­füg­ten knap­pen Refle­xio­nen, Kom­men­ta­ren, Selbst­be­rich­ti­gun­gen der Figu­ren etc.

Das klingt kom­pli­ziert und ist es auch, in der Lek­tü­re erzeugt das Glei­ten vom einen in das ande­re Bewusst­sein aber eine unge­heu­re Dyna­mik, und  immer wie­der einen fast sog­haf­ten Lese­fluss. Eben­so flie­ßend gera­ten sind die Dia­lo­ge, die in ihrer Sprung­haf­tig­keit und Leben­dig­keit wie hin­ge­wor­fen wir­ken und doch sehr genau kom­po­niert sind, mit einem beson­de­ren Ohr für den Sound der all­täg­li­chen Rede.

Undurch­schau­ba­re Waren­strö­me

Noch ein­mal: Erzählt wird von den gro­ßen The­men und den gro­ßen Fra­gen, vom Wert des Gel­des für das gute Leben und undurch­schau­ba­ren Waren­strö­men, vom glo­ba­li­sier­ten Leben, von ent­täusch­ten Ideo­lo­gien und der Geschich­te, was sie ist, was sie mit uns macht und ob sie sich beein­flus­sen lässt.

Oder mit dem Titel des Romans auf den Punkt gebracht, in dem alles zusam­men­läuft: Erzählt wird von der Fra­ge danach, wie ein bes­se­res Leben aus­se­hen kann ange­sichts der Des­il­lu­sio­nie­run­gen, die das letz­te Jahr­hun­dert beschert hat, „war­um, war­um, war­um, sinn­lo­se Fra­ge“?, echot es ent­spre­chend durch den Roman.

Beant­wor­tet wird die­se Fra­ge frei­lich nicht, sie wird viel­mehr zur Dis­po­si­ti­on gestellt. Dafür bie­tet der Roman in sei­ner ideo­lo­gi­schen Offen­heit und kon­se­quen­ten Viel­stim­mig­keit aber eine Ant­wort auf eine ande­re Fra­ge, auf die­je­ni­ge näm­lich, wie die­se Kunst­form auf die längst unüber­schau­ba­re Wirk­lich­keit reagie­ren, d.h. wie ein im empha­ti­schen Sin­ne zeit­ge­nös­si­sches Schrei­ben aus­se­hen kann. So geht es.

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Chris­toph Jür­gen­sen ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Lehr­stuhl für All­ge­mei­ne Lite­ra­tur­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wup­per­tal. Zuletzt erschie­nen: Schnitz­ler-Hand­buch. Leben – Werk – Wir­kung (gemein­sam mit Wolf­gang Lukas und Micha­el Schef­fel, Metz­ler 2014).

Ulrich Pelt­zer: Das bes­se­re Leben.
Roman. S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2015.
448 Sei­ten, € 22,99 (D) / € 23,70 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2015

Online seit: 21. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 21. Jan. 2016