Fragebogen: Meike Feßmann

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Auf anschau­li­che und intel­li­gen­te Wei­se über Lite­ra­tur schrei­ben, damit sie als dif­fe­ren­zier­te Form des Spre­chens erhal­ten bleibt. Also einen Reso­nanz­raum für Lite­ra­tur schaf­fen, auch für kom­pli­zier­te Tex­te.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Kon­zen­tra­ti­on, Geduld, Zeit gehö­ren zum Lesen wie zum Schrei­ben. Sonst ent­steht flüch­ti­ger Quatsch. Schrift­stel­ler und Kri­ti­ker arbei­ten am sel­ben Pro­jekt: einem bewuss­ten Umgang mit Spra­che und Stil. In einer beschleu­nig­ten Welt wirkt das alt­mo­disch – aber das macht nichts. Es ist eine Her­aus­for­de­rung, kein Pro­blem.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Der­ri­da, Fou­cault, Paul de Man, Roland Bar­thes – alle begeis­tert gele­sen und eini­ges blieb hän­gen. Die Her­me­neu­tik ist bes­ser als ihr Ruf.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Rein­hard Baum­gart. Er schrieb sub­jek­tiv und genau, stets tas­tend, nie hämisch und bezog die eige­ne Lese­er­fah­rung in sein Urteil ein. Man hat­te stets den Ein­druck, dass er jedes Buch der inten­si­ven Betrach­tung für wür­dig hielt. Für mich ist er gera­de­zu das Exem­pel des „aris­to­kra­ti­schen Lesers“, wie ihn Roland Bar­thes in der Lust am Text pro­pa­giert.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Kei­ne Ahnung.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Oje, viel­leicht 100?

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
Jugend­li­te­ra­tur fand ich lang­wei­lig. Ich habe mich bei allem bedient, was der elter­li­che Bücher­schrank und der eige­ne Geld­beu­tel her­ga­ben, sehr gern Mar­tin Wal­ser, Hand­ke, Frisch und Beckett. End­spiel und War­ten auf Godot kann­te ich aus­wen­dig, die Drei­spra­chig­keit der Suhr­kamp-Aus­ga­be war ein zusätz­li­ches Ver­gnü­gen und ergie­bi­ger als der Eng­lisch- und Fran­zö­sisch­un­ter­richt. Bei Spa­zier­gän­gen hat­te ich selbst­ver­ständ­lich einen Gedicht­band in der Tasche oder Hes­ses Lek­tü­re für Minu­ten. Im hüg­li­gen Schwa­ben­land ließ sich damit wun­der­bar sin­nie­ren, wäh­rend der Blick zwi­schen Buch und Stadt durch die Gegend schweif­te …

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
A. L. Ken­ne­dy, Bri­git­te Kro­nau­er, David Gross­man, Peter Hand­ke, Antó­nio Lobo Antu­nes, Peter Slo­ter­di­jk, Richard Ford, aber auch James Sal­ter, Richard Yates, John Chee­ver.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Alles, was ich lese, hat mit dem Beruf zu tun, da er von Nei­gung nicht zu unter­schei­den ist. Aber es gibt Momen­te, da genie­ße ich es, ein­fach nichts zu lesen – ein groß­ar­ti­ges Gefühl der Frei­heit!

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Nein.

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Mei­ke Feß­mann, gebo­ren 1961 in Mün­chen, lebt als freie Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und Essay­is­tin in Ber­lin. Sie arbei­tet unter ande­rem für die Süd­deut­sche Zei­tung, den Tages­spie­gel und den Deutsch­land­funk. 2006 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis für Lite­ra­tur­kri­tik.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 16. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016