Fragebogen: Hubert Winkels

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die Ope­ra­tio­nen eines lite­ra­ri­schen Kunst­werks zu ent­de­cken, die zugleich zu den Ver­bor­gen­hei­ten unse­res Welt­ver­hält­nis­ses über­haupt gehö­ren. Ein­sicht also zu beför­dern, auch in die mit ihr gege­be­nen Gren­zen des Erken­nens.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
1. Dass die jewei­li­ge Kunst­kri­tik nur noch in spe­zi­fi­schen Gen­res mit spe­zi­fi­scher Nut­zung durch spe­zi­fi­sche Inter­es­sen­ten wei­ter­lebt.
2. Dass sie, wenn all­ge­mein wahr­ge­nom­men, nicht als höhe­rer Blö­del­jour­na­lis­mus auf­tritt.
3.  Dass sie mul­ti­me­dia­ler wird.
4. Dass sie ihre tra­di­tio­nel­len Qua­li­tä­ten bewah­ren oder ver­wan­deln kann inner­halb einer Ten­denz zu Ereig­nis­sen, Auf­trit­ten, sze­ni­schem und münd­lich-rhe­to­ri­schem Agie­ren. (Der Bach­mann-Wett­be­werb macht da Hoff­nung.)

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Zehn Jah­re Theo­rie­stu­di­um und wei­te­re zehn Jah­re wis­sen­schaft­li­cher Eifer bei der Lek­tü­re lie­gen län­ger zurück, ent­fal­ten aber eine unge­bro­che­ne Hin­ter­grund­strah­lung. Man muss auf­pas­sen, nicht zu leicht­fer­tig in bewähr­te Erklä­rungs­mus­ter zu ver­fal­len; und immer natür­lich: den ganz eige­nen Anspruch des poe­ti­schen Werks zu ver­neh­men.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Ich habe lei­der kei­ne rich­tig durch­schla­gen­den Vor­bil­der, in gar nichts. Bei der Kri­tik wür­de ich eine Chi­mä­re aus Fried­rich Nietz­sche und Eber­hard Falcke beschwö­ren: Ver­kapp­te Kri­tik mit Über­reich­wei­te, abge­lei­tet aus den alles wol­len­den Ansprü­chen. Und klug abwä­gen­de Kon­zen­tra­ti­on aufs gege­be­ne Gegen­wär­ti­ge im ande­ren Fall.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Soviel steckt doch in die­ser gemein­ge­fähr­li­chen Fra­ge: Lesen ist die eigent­li­che und per­ma­nen­te Bil­dung des Kri­ti­kers. Viel lesen ist schon gut,  aber nicht das Wich­tigs­te. Das sind die ana­ly­ti­schen und die Ver­knüp­fungs-Tech­ni­ken. Sie sind nicht nur nicht quan­ti­fi­zier­bar, sie sind auch emo­tio­nal bestimmt. Inter­na­tio­na­ler Kampf­be­griff: NO ALGORHYTHM!

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Hängt von Bezie­hungs­kri­sen, Urlaubs­rei­sen und den schrift­li­chen Ver­lo­ckun­gen ab.

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
Sart­re und Camus – und von da an hat es gute zehn Jah­re gedau­ert, bis die Lite­ra­tur den Rang des begriff­li­chen Den­kens bei mir gewon­nen hat.  Stich­wort:  Rim­baud schlägt Fich­te.

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
Ganz vie­le, dar­un­ter auch Freun­de, was für einen Kri­ti­ker ja schön, aber eben auch ein Pro­blem ist. Ich schät­ze auch die Bach­mann-Preis­trä­ger der ver­gan­ge­nen Jah­re.  Auch des­we­gen bin ich ger­ne dabei.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Lei­der inter­es­siert mich fast alles, und ich muss mich täg­lich zusam­men­rei­ßen, wie­der Lite­ra­tur im enge­ren Sin­ne zu lesen. Gera­de inter­es­siert mich Preu­ßen beson­ders (200 Jah­re Wie­ner Kon­gress; seit­dem ist das Rhein­land preu­ßisch; und ich lebe in Köln und in Ber­lin; Fra­ge: Sind die Tür­me des Köl­ner Doms rhei­nisch oder preu­ßisch oder was?).

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Manch­mal ist mir etwas schum­me­rig, wenn ich an die eine oder ande­re Kri­tik zurück­den­ke. Manch­mal auch gleich nach dem Ver­fas­sen. Doch die Strin­genz eines Gedan­kens  (die ja oft sei­ne Ele­ganz ver­bürgt) ist eben auch was wert. Und ich habe gro­ßes Ver­trau­en (bis­her) in das Zusam­men­spiel der kri­ti­schen Kräf­te im deutsch­spra­chi­gen Raum: Eine gute, aber viel­leicht irri­ge Idee zu einem Buch wird idea­ler­wei­se anders­wo frucht­bar und zugleich kor­ri­giert. Das wäre ja dann auch eine gute (hoff­nungs­fro­he) Beschrei­bung der Sprech­si­tua­ti­on beim Bach­mann-Preis in Kla­gen­furt.

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Hubert Win­kels, gebo­ren 1955 im Rhein­land, lebt in Köln und Ber­lin. Von 1985 bis 1988 war Win­kels frei­er Schrift­stel­ler, seit 1988 arbei­tet er als Lite­ra­tur­kri­ti­ker, unter ande­rem für Die Zeit. Seit 1997 ist er Lite­ra­tur­re­dak­teur beim Deutsch­land­funk in Köln. Zuletzt erschien bei Kie­pen­heu­er und Witsch Kann man Bücher lie­ben?

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 17. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016