Alabaster mit Kratzern

Ema­nu­el Gei­bel war einer der berühm­tes­ten Dich­ter des 19. Jahr­hun­derts, im spä­te­ren 20. Jahr­hun­dert wur­de er weit­ge­hend ver­ges­sen. Aus her­kömm­li­chen Lyrik-Antho­lo­gien ver­drängt, keh­ren sei­ne Ver­se im Inter­net in unge­ahn­ter Wei­se wie­der. Teil IV der Serie „Zu Recht ver­ges­sen“
Emanuel Geibel

Ema­nu­el Gei­bel: „Und es mag am deut­schen Wesen ein­mal noch die Welt gene­sen.“

 

Als der Urgroß­va­ter die Urgroß­mutter nahm, schenk­te er ihr zur Ver­lo­bung ein Buch. Er ent­schied sich für Dich­ter­grü­ße. Neue­re deut­sche Lyrik, aus­ge­wählt von Eli­se Pol­ko, erschie­nen in zwölf­ter Auf­la­ge in C. F. Ame­langs Ver­lag, Leip­zig. Auf das Vor­satz­blatt sei­nes Exem­plars schrieb er in akku­ra­ter Kurr­ent­schrift die Wid­mung: „Mei­ner Mil­ly zur freund­li­chen Erin­ne­rung an den Pfingst­fei­er­tag 1885.“ Was an die­sem Tage gesche­hen sein mag, ver­rät der Schrei­ber nicht in eige­nen Wor­ten, son­dern lässt den Dich­ter spre­chen. Hein­rich Hei­nes „Im wun­der­schö­nen Monat Mai“, das auf Sei­te 207 des Buches gedruckt steht, hat er noch ein­mal eigen­hän­dig abge­schrie­ben und sei­ner Wid­mung ein­ver­leibt. Das zwei­stro­phi­ge Gedicht endet mit den Zei­len: „da hab ich ihr gestan­den / mein Seh­nen und Ver­lan­gen.“ So sprach man damals durch die poe­ti­sche Blu­me über Lie­bes­din­ge.

Heu­te hält der Uren­kel die­ses Erb­stück in Hän­den. So vie­le Namen, die nichts mehr bedeu­ten, so vie­le Ver­se, die nie­mand mehr kennt. War­um der Bräu­ti­gam Carl sei­ner künf­ti­gen Gat­tin Emi­lie, genannt Mil­ly, gera­de die­se Antho­lo­gie ver­ehrt hat? Wahr­schein­lich steht die Ant­wort in Eli­se Pol­kos „Vor­wort zur zwei­ten Auf­la­ge“: „Kaum ein Jahr ist ver­flos­sen, seit die ‚Dich­ter­grü­ße‘ an die Frau­en- und Mäd­chen­her­zen zu klop­fen wag­ten, und so vie­le zar­te Hän­de haben sich nach dem klei­nen Buche aus­ge­streckt, daß ich so glück­lich bin, jetzt schon die zwei­te Auf­la­ge dar­brin­gen zu kön­nen.“ Der Urgroß­va­ter hat die zwölf­te Auf­la­ge ver­schenkt, also war das „klei­ne Buch“, immer­hin 616 Sei­ten stark und reich illus­triert, ein Best­sel­ler sei­ner Zeit. Das war den Lese­rin­nen zu ver­dan­ken, denen die Antho­lo­gie aus­drück­lich zuge­dacht war. Wer aber jetzt ein frü­hes Doku­ment des Eman­zi­pa­ti­ons­wil­lens erwar­tet, wird ent­täuscht sein. Hier fin­det sich ande­rer Denk- und Gefühls­stoff für schwär­me­ri­sche Mäd­chen und Ehe­frau­en in spe. Natür­lich wer­den Lie­bes­freud und Lie­bes­leid von vie­len Dich­tern und nicht weni­gen Dich­te­rin­nen immer wie­der neu besun­gen, aber es gibt auch his­to­ri­sie­ren­de Bal­la­den, gewich­ti­ge Gedan­ken­ly­rik, Schlich­tes im Volks­ton, schließ­lich patrio­ti­sche und reli­giö­se Erbau­ung. Aber alles im bür­ger­lich-bie­de­ren Rah­men. Wäre es anders, hät­te der Urgroß­va­ter, ange­hen­der Phar­ma­zeut, das Buch bestimmt nicht ver­schenkt.

* * *

Sucht man nach den Dich­tern, die in der Antho­lo­gie am häu­figs­ten auf­schei­nen, stößt man auf Hein­rich Hei­ne und Ema­nu­el Gei­bel. Sie sind der Her­aus­ge­be­rin beson­ders lieb, von bei­den hat sie jeweils 33 Gedich­te in ihre Samm­lung auf­ge­nom­men (zum Ver­gleich: Der Band ent­hält 23 Gedich­te von Goe­the, neun von Schil­ler, zwei von Annet­te von Dros­te-Hüls­hoff und nur ein ein­zi­ges von Höl­der­lin). Der Antho­lo­gie ist ein aus­führ­li­cher Anhang mit „bio­gra­phisch-kri­ti­schen Bemer­kun­gen“ bei­gege­ben, der nicht von der Her­aus­ge­be­rin ver­fasst wur­de, son­dern von Män­ner­hand: Hein­rich von Wedell schreibt dort, Hei­ne habe mit sei­nem Buch der Lie­der „dem deut­schen Vol­ke einen kost­ba­ren Schatz von unver­gäng­li­chem Zau­ber hin­ter­las­sen“. Und über den zwei­ten Favo­ri­ten liest man: „Gei­bel über­ragt die Mehr­zahl der zeit­ge­nös­si­schen Lyri­ker nicht bloß durch den uner­schöpf­li­chen Reich­tum sei­ner Pro­duk­ti­vi­tät: er hand­habt die Spra­che mit sel­te­ner Meis­ter­schaft, die wun­der­ba­re Rein­heit und bezau­bern­de Anmut des Aus­drucks, ver­bun­den mit einer mus­ter­gül­ti­gen Behand­lung des Ver­ses, ver­lei­hen sei­nen Dich­tun­gen ein klas­si­sches Geprä­ge.“

Liest man die 33 Gei­bel-Gedich­te im Kon­text der alten Antho­lo­gie, wird das posi­ti­ve Urteil über den Dich­ter durch­aus ver­ständ­lich. Offen­sicht­lich war Gei­bel ein poe­ti­scher Vir­tuo­se, der sämt­li­che Gen­res sei­ner Zeit zu bedie­nen ver­stand. Nota bene: So reden wir Heu­ti­gen. Gei­bels Zeit­ge­nos­sen dach­ten nicht, dass ein gro­ßer Dich­ter lyri­sche Gen­res „bedie­ne“, sie bewun­der­ten ihn dafür, dass er die Vers­kunst „beherr­sche“. Das ist ein