1979

Ein E‑Mail-Wech­sel über den Anfang vom Ende der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Von Klaus Siblew­ski
Günter Grass: Das Treffen in Telgte

Gün­ter Grass: Skiz­zen zu „Das Tref­fen in Telg­te“, Wewels­fleth 1977
Illus­tra­ti­on aus „Das Tref­fen in Telg­te“ (Steidl, 2018)

Ers­te Sze­ne

Lie­be Frau B., gibt es in Bad Gas­tein eine gute Buch­hand­lung?

Lie­ber Herr K., wenn es eine Buch­hand­lung hier gäbe, wäre ich schon zufrie­den. Ob er ihr nur noch Bücher emp­feh­le, wenn sie in der Nähe einer Buch­hand­lung lebe?

Lie­be Frau B., ja, also er mei­ne nein.

Lie­ber Herr K., gut, also sie mei­ne schlecht.

– Er woll­te sagen: Es gin­ge um Illus­tra­tio­nen.

– Sie müs­se sagen: Rät­sel raten sei bes­ser, als gar nichts zu tun zu haben.

– Er wol­le nicht in Rät­seln spre­chen, er müs­se.

– Sie rate ja auch, obwohl sie nicht ein­mal wol­le.

– Es gehe um die Erzäh­lung von Gün­ter Grass mit dem Titel Das Tref­fen in Telg­te. Die­ses Buch erschien 1979 erst­mals und sei ab die­sem Juni mit Illus­tra­tio­nen in einer neu­en Aus­ga­be im Han­del. Um die neu hin­zu­ge­füg­ten Illus­tra­tio­nen in die­sem Buch gehe es.
– Und über die­se Illus­tra­tio­nen könn­ten sie sich nur in einer Buch­hand­lung aus­tau­schen?

– Nein, also ja. Er mei­ne, es wäre gut, wenn sie das Buch mit den Illus­tra­tio­nen vor Augen habe. Dann fie­le ihm das Spre­chen über Illus­tra­tio­nen und Buch leich­ter. Und die­ses Buch mar­kie­re nicht weni­ger als eine Zäsur in der Nach­kriegs­li­te­ra­tur.

– Also gut, sie gehe in die orts­an­säs­si­ge Papier‑, Spiel- und Buch­hand­lung, mel­de sich dann.

Zwei­te Sze­ne

– Null, nichts. Bad Gas­teins Buch­händ­ler wüss­ten von kei­ner Neu­edi­ti­on von Gras­sens Tref­fen in Telg­te. Das habe sie mit­zu­tei­len und stel­le den Stand ihrer lite­ra­ri­schen Aus­for­schung des hie­si­gen Orts dar.

– Gut, also schlecht: er mei­ne, sie kön­ne dann wie­der nach Hau­se gehen.

– Sie las­se sich nicht in eine Buch­hand­lung jagen und dann wie­der zurück­trei­ben, wenn die Buch­hand­lung nicht sei­nen gewünsch­ten Vor­stel­lun­gen ent­sprä­che. Lie­ber pfef­fe­re sie zehn der elf vor­rä­ti­gen Bücher an die Wand. Ein kar­dio­lo­gi­scher Check die­ser Bücher erüb­ri­ge sich dann. Die­se Bücher sei­en kein Fall zur Reani­ma­ti­on mehr.

– Dann sage er lie­ber ohne wei­te­re Ver­zö­ge­rung, was er sagen wol­le. Der Steidl Ver­lag reani­mie­re aus guten Grün­den Das Tref­fen in Telg­te. Mit die­sem Buch begin­ne das Ende der Nach­kriegs­li­te­ra­tur.

– Jetzt wer­de es ernst.

– Genau. Das habe er auch, wie gesagt, bei der Wie­der­lek­tü­re von Tref­fen in Telg­te erst mit vol­ler Kon­se­quenz gese­hen: Mit die­sem Buch set­ze das Ende der Nach­kriegs­li­te­ra­tur ein. 1979 müs­se von jetzt ab als das Jahr die­ses begin­nen­den Endes ange­se­hen wer­den. Die Lek­tü­re der Neu­edi­ti­on bie­te etwas, das frü­he­re Lek­tü­ren des Buchs ihm nicht gebo­ten haben.

– Das sei doch ein­mal eine The­se. Ob er noch den einen oder ande­ren Gedan­ken als zusätz­li­che Stüt­ze sei­ner Über­le­gun­gen for­mu­lie­ren kön­ne?

– In dem Buch gehe es um die Grup­pe 47. Gün­ter Grass wird sich sel­ber, genau­er, ihm wird die lite­ra­ri­sche Ver­ei­ni­gung, der er lite­ra­risch viel ver­dankt, zum Gegen­stand sei­nes Schrei­bens. Er ver­mag auf Distanz zu sich zu gehen und ver­mag die Unmit­tel­bar­keit des Erle­ben zu ver­las­sen.
– Okay. Und das bedeu­te? Sie müs­se nach­fra­gen.

– Grass into­nie­re noch ein­mal Kern­sät­ze sei­nes Ver­ständ­nis­ses der Lite­ra­tur nach dem Krieg. Sie habe eine poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung; sie müs­se sich mit der his­to­ri­schen Schuld der Deut­schen aus­ein­an­der­set­zen und habe eine gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung zu tra­gen usw.

– Die­se Kern­sät­ze habe sie auch ein­ge­bläut bekom­men – sie hät­ten ihre Freu­de am Lesen von Autoren wie Gün­ter Grass nicht gestei­gert. Trü­be Erin­ne­run­gen an Lek­tü­ren aus Pflicht keim­ten auf. War­um sie dau­ernd ange­hal­ten wer­den soll, ihre poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu trai­nie­ren, sobald sie einen Roman zur Hand neh­me, ver­ste­he sie nicht. Wer­de sie als ein der­art gefähr­de­tes, rund­her­um auf­klä­rungs­be­dürf­ti­ges Wesen ange­se­hen? Sie sehe sich nicht auf die­se Wei­se gefähr­det, und dür­fe es in der Lite­ra­tur lust­vol­ler und lebens­freund­li­cher zuge­hen?

– Lebens­freund­lich – das sei ein gutes The­ma. Freund­lich woll­te in der Gün­ter-Grass-Gene­ra­ti­on nie­mand sein. Freund­lich­keit galt lite­ra­risch als Anpas­sung an das Fal­sche. Außer­dem war die Anzahl der Fein­de in den 1950er- und 60er-Jah­ren groß. Alte Nazis erfreu­ten sich eines guten Lebens.

– Ja gut, ihm gin­ge es aber um das His­to­rischwer­den der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Und die Zäsur, die Das Tref­fen in Telg­te mar­kie­re. Man begann über die eige­nen Leis­tun­gen als Nach­kriegs­au­to­ren nach­zu­den­ken und die­se Leis­tun­gen her­aus­zu­strei­chen.

– Sicher ein inter­es­san­tes The­ma, Lust­ge­winn beim Lesen ver­spre­che sie sich davon aber kei­nen. Obwohl – die Geschich­te einer Selbst­ver­ge­wis­se­rung könn­te viel­leicht doch von Inter­es­se sein.
– Es gehe um bei­des, das eine hän­ge mit dem ande­ren zusam­men.

– So argu­men­tier­ten Feig­lin­ge.

– Nein, also er mei­ne ja. Sie irri­tie­re ihn heu­te! Er wol­le sagen: Wenn er in lite­ra­tur­his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen den­ke und etwas lite­ra­tur­his­to­risch Wert­vol­les her­aus­strei­che, dann begrün­de er damit auch den Lese­ge­winn des Buches in lite­ra­ri­scher Hin­sicht, also den lite­ra­ri­schen Lese­ge­winn des Buchs. Jeder Satz feie­re das Wun­der, das die Grup­pe 47 für die Autoren nach dem Krieg dar­ge­stellt habe. Er sage „feie­re“.

– Aber Geschich­te blie­be Geschich­te, und sie müs­se geste­hen, nicht ein­mal Medi­zin­ge­schich­te inter­es­sie­re sie. Es gäbe Ärz­te, die stell­ten alte Kol­ben und Sprit­zen in ihren War­te­zim­mern aus, zu die­sen Ärz­ten gehö­re sie nicht. Sie möch­te wis­sen, wie heu­te über Krank­hei­ten gedacht wird, und in einem Buch suche sie eben­falls die Begeg­nung mit etwas Heu­ti­gem, Leben­di­gem.

– Genau das bie­te Das Tref­fen in Telg­te. Die baro­cken Figu­ren sei­en vol­ler Leben. Es tre­ten aus­nahms­los in ihrer Barock­haf­tig­keit als ernst zu neh­men­de Figu­ren auf. Die­ser Neu­aus­ga­be sei des­halb zu Recht ein Anhang mit den Tex­ten die­ser Barock­dich­ter hin­zu­ge­fügt wor­den. Zudem reagier­ten sie auf das ein­set­zen­de Able­ben der Nach­kriegs­li­te­ra­tur, aber nicht in Form einer lite­ra­tur­his­to­ri­schen Lehr­stun­de, son­dern als einen erleb­ba­ren Vor­gang.

– Gut. Sie glau­be ihm, obwohl ihr nicht ver­bor­gen blie­be, dass er auf Grass und auf sei­ne The­se nichts kom­men las­sen wol­le.

– Er lege ihr den ulti­ma­ti­ven Beweis vor. In der Erzäh­lung tre­te der Kom­po­nist Hein­rich Schütz auf. Die­ser Kom­po­nist küm­me­re sich nicht um das gras­sie­ren­de Selbst­ver­ständ­nis der Grup­pe am Ende des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs. Aus­ge­bil­det in Vene­dig, wünscht sich die­ser Hein­rich Schütz „hei­ter, kla­gend, streit­ba­re sogar wider­sin­nig und der Toll­heit ver­schrie­be­ne“ Ver­se. „Wenn sie nur Atem trü­gen“, dann wür­den die­se Ver­se sei­nen Ansprü­chen an Lite­ra­tur genü­gen. Er steht auf der Sei­te der Lite­ra­tur und darf damit als der fest in der Erzäh­lung ein­ge­brach­te Wider­spruch zu allem gut Gemein­ten ange­se­hen wer­den, auch wenn sich die­ses gut Gemein­te aus den bes­ten auf­klä­re­ri­schen Über­le­gun­gen ergä­be.

– Aber etwas Beleh­rung müs­se schon sein.

– Nein, und er möch­te nicht schon wie­der ein „ja“ ergän­zen. Die­ser Hein­rich Schütz sagt nicht nur, was er sagen möch­te, er stellt sich auf die Sei­te der jun­gen Autoren, also von Schrift­stel­lern, die vom Nach­kriegs­li­te­ra­tur­spe­zi­fi­schen (Schuld/ Frieden/ his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung) weni­ger bedrängt wer­den. Ers­tens bleibt die­se Posi­ti­on im Buch wie­der­um nicht unwi­der­spro­chen, und zwei­tens ist die­ses Ein­tre­ten für die jun­ge Lite­ra­tur etwas Cha­rak­te­ris­ti­sches für die Nach­kriegs­li­te­ra­tur: Sie hat ihre Über­win­dung geför­dert.

– Jetzt müs­se sie in Gün­ter Grass noch einen hoch­her­zi­gen Men­schen sehen, der mit Freu­de an sei­ner Abschaf­fung und Über­win­dung arbei­tet. Das sei ihr zu viel des Guten.

– Nein nein, Grass tre­te an die­ser Stel­le nur für sich sel­ber ein. Er sei für das Unrei­ne, emo­tio­nal auf­ge­heiz­te, und sei damit ein Nach­kriegs­au­tor, der mit der Nach­kriegs­li­te­ra­tur nie voll­kom­men ein­ver­stan­den war. Sei­ne Erzäh­lung hat er wahr­schein­lich des­we­gen auch über­höht als ein Mär­chen von einem guten Dich­ter­tref­fen vol­ler Streit ange­legt. Er erzählt etwas, das von die­ser Welt war und gleich­zei­tig nicht zu die­ser Welt gehör­te. Und nicht ver­ges­sen darf man, dass er Spaß an der Barock­li­te­ra­tur gefun­den hat­te und einen Erzähl­kon­text such­te, die­sen Spaß aus­le­ben zu kön­nen. Hier tobt er sich mit einer sei­ner Vor­lie­ben aus.

– Jetzt bräch­te er sie in eine Situa­ti­on, die sie nicht möge. Auf das, was er sage, nur noch mit „ja“ ant­wor­ten zu kön­nen. Sie füh­le sich dadurch unan­ge­nehm in die Enge gedrängt. Ob er denn gar nichts an dem Buch aus­zu­set­zen habe?

– Die Wir­tin Libus­ch­ka, die den Dich­tern Unter­kunft gewäh­re und in deren Wirts­stu­be die Lesun­gen statt­fän­den, sei ihm zu über­frau­lich und mut­ter­haft.

– Jetzt neh­me das Buch lang­sam mensch­li­che Züge an. Und, habe ihm etwas beson­ders gefal­len?
– Ja die Schil­de­run­gen der jun­gen Dich­ter. Die betrie­ben mit Elan ihr Dich­ter­ge­schäft und fän­den schnell Reso­nanz bei den jun­gen Mäg­den. Wenn sie das nicht wei­ter­erzäh­le, bei­des habe sich ihm ein­ge­prägt.

– Das neh­me sie von allem, was er bis­her gesagt habe, am meis­ten für das Buch ein. Sie wer­de es gleich bei dem Buch­händ­ler bestel­len. Das Wal­ser-The­ma dro­he ja noch, oder könn­ten sie es die­ses Mal nicht aus­spa­ren? Als Ärz­tin müs­se sie noch fra­gen, wie es dem Vater gehe?

– Er hus­te den gan­zen Tag. Dabei fal­le das Hus­ten als ein­zel­nes Hus­ten gar nicht auf. Schlimm sei, sein Vater müs­se unun­ter­bro­chen hus­ten, die­ses Unun­ter­bro­che­ne mache auf den Hus­ten auf­merk­sam.

– Gäbe es schon eine Dia­gno­se?

– Eine Dia­gno­se und einen Ope­ra­ti­ons­ter­min. Ein ten­nis­ball­gro­ßer Tumor sei jetzt an der Lun­ge fest­ge­stellt wor­den. Die­ses Geschwür wer­de ent­fernt. Vom Darm sei nicht mehr die Rede, ursprüng­lich saß dort ein Tumor in leb­haf­ter Gesell­schaft von Meta­sta­sen. Habe sich die­ses Gesche­hen aus­ge­löst und ver­flüch­tigt? Sein Vater schaue ihn, wenn von den Ärz­ten die Rede sei, nur noch an, als mach­ten die­se Ärz­te den gefähr­lichs­ten Teil sei­ner Erkran­kung aus.

– Sie wün­sche gute Bes­se­rung.

– Das sag­ten die Ärz­te auch. Sie sag­ten sei­nem Vater, wenn sie mit ihm über Grö­ße und Gefähr­lich­keits­grad des gera­de zur Dis­kus­si­on ste­hen­den Tumors spra­chen, auch, er sol­le es sich gut gehen las­sen. Wie kann es sich jemand aber gut gehen las­sen, dem gesagt wor­den ist, dass es ihm nicht gut gehe. Sein Vater und er ver­stün­den das nicht.

– Der Tod sei ein Teil des Lebens – aber sie wol­le die­ses The­ma jetzt nicht wei­ter aus­füh­ren: Wal­ser dro­he ja noch und gleich schlie­ße der Laden.

– In Band IV der neu­en Werk­aus­ga­be Mar­tin Walsers ist der Roman See­len­ar­beit, eben­falls 1979 erschie­nen, abge­druckt. Die­ser Roman ver­die­ne eben­falls Auf­merk­sam­keit. Grass’ Blick gehe nach außen, Walsers nach innen. Er erzäh­le in der See­len­ar­beit von der Erleb­nis­welt eines Man­nes, der sein erwach­se­nes Leben im Nach­kriegs­deutsch­land ver­bracht habe. Die­ses Nach­kriegs­le­ben wer­de in dem Roman eben­falls his­to­risch.

– Das ver­ste­he sie nicht. Sie habe in der Wal­ser Werk­aus­ga­be, die sie sich auf sei­ne Emp­feh­lung hin ange­schafft habe, her­um­ge­blät­tert. Auf jeder Sei­te habe da irgend­je­mand mit einem toben­den Inne­ren zu tun.

– Die­sen Test habe er noch nicht gemacht. Der Chauf­feur in der See­len­ar­beit sei aber von ande­rem Kali­ber. Er lei­de an der Abhän­gig­keit, in der er sich als Chauf­feur zu sei­nem Chef auf dem Rück­sitz befin­de, und prä­pa­rie­re sei­ne See­le, die Zwän­ge sei­ner Nach­kriegs­bio­gra­fie zu über­win­den und hin­ter sich zu las­sen. Nur so sei ein Aus­kom­men mit die­sen Ver­hält­nis­sen, in denen er lebe, für ihn noch vor­stell­bar.

– Sie wol­le nicht wie­der fra­gen, was ihm an dem Roman miss­fal­len und was ihm gefal­len habe – oder sol­le sie die­se bei­den Fra­gen doch stel­len?

– Nein, ihm sei gera­de wie­der prin­zi­pi­ell zumu­te. 1979 begin­ne mit Telg­te und der See­len­ar­beit das Nach­spiel der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Das habe er bereits gesagt. Und er füge dem noch etwas hin­zu. 1979 sei auch der letz­te gro­ße Roman von Hein­rich Böll Für­sorg­li­che Bela­ge­rung erschie­nen. In dem Roman habe Böll auch auf die Nach­kriegs­zeit zurück­ge­blickt und sich gefragt, wie mit der Geschich­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten umge­gan­gen wur­de. Und 1979 sei eine Iko­ne der Nach­kriegs­li­te­ra­tur gestor­ben: Arno Schmidt.

– Ob jetzt schon für die Lite­ra­tur­ge­schich­te gestor­ben wer­de? Sie bewun­de­re das ziel­stre­bi­ge Ver­hal­ten von Autoren, die anschei­nend gut abge­stimmt auf lite­ra­tur­ge­schicht­lich rich­ti­ge Zeit­punk­te das Datum ihres Able­bens wäh­len. Hut ab vor die­sem Arno Schmidt und sein Ster­be-Timing. In ihrer Sta­ti­on stür­ben Men­schen weni­ger absichts­voll und plan­mä­ßig.

– Er wol­le Arno Schmidts Tod im Jahr 1979 mehr als Indiz für die Wich­tig­keit die­ses Jah­res ver­stan­den wis­sen. Obwohl: Einem Dich­ter wie ihm kön­ne man viel­leicht mehr zutrau­en. Er spür­te, er wür­de mit sei­ner Lite­ra­tur aus der Zeit fal­len, nahm noch einen tie­fen Zug aus der Fla­sche mit Wein­brand und sein Herz sag­te sich von sei­ner Arbeit los und ließ den armen Dich­ter im Stich.

– Dem wer­de sie nicht wider­spre­chen, jetzt aber die Buch­hand­lung ver­las­sen und erst ein­mal spa­zie­ren gehen, bevor sie in ihre Woh­nung zurück­keh­re.

– Bevor sie ihren Schrift­ver­kehr ein­stell­ten, dür­fe er sie noch bit­ten, sei­nen Vater wie­der zu grü­ßen. Das letz­te Mal habe ihn der Gruß einer ihm frem­den Frau tat­säch­lich gefreut.

– Ja, sie sol­le bit­te ihren Vater grü­ßen und sich sel­ber auch voll­kom­men zäsur­frei gegrüßt füh­len.

– Ein Gruß stel­le doch auch eine Zäsur dar, weil sie jetzt gleich E‑Mails aus­zu­tau­schen auf­hör­ten. Er wol­le nicht wie­der mit ja-also-nein anfan­gen.

– Wenn er ger­ne im Grü­ßen etwas Zäsur­haf­tes erle­ben möch­te, dann grü­ße sie ihn aus den Unüber­wind­bar­kei­ten der kurz bevor­ste­hen­den Tren­nung her­aus. Okay?

– Okay.

* * *

Klaus Siblew­ski ist Lek­tor, Grün­der der „Deut­schen Lek­to­ren­kon­fe­renz“ und Pro­fes­sor für Lite­ra­ri­sches Schrei­ben und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Hil­des­heim. Zuletzt erschien Der Gele­gen­heits­kri­ti­ker (Resi­denz, 2017).

Gün­ter Grass: Das Tref­fen in Telg­te.
Illus­trier­te Aus­ga­be, mit einem Vor­wort von Ingo Schulz. Steidl, Göt­tin­gen 2018. 200 Sei­ten, € 28 (D) / € 28,80 (A).

Mar­tin Wal­ser: Gesamt­aus­ga­be letz­ter Hand. 25 Bän­de, Heri­bert Ten­schert, Biber­müh­le 2017. Zu bezie­hen über: www.bibermuehlenbooks.com

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 18. April 2019

Online seit: 18. April 2019

Zuletzt geän­dert: 2. Okt. 2020