Schwule Körper, infizierte Texte

Paul-Hen­ri Camp­bell über den Lyri­ker Danez Smith

Ich hab die Erde ver­las­sen, um dunk­le­re Pla­ne­ten zu suchen, ein Son­nen­sys­tem, das total dicht an einem schwar­zen Loch vor sich hin rotiert. Ich ging fort, um einen neu­en Gott zu fin­den. Ich trau dem Gott näm­lich nicht, den du uns gege­ben hast. Das Hal­le­lu­ja mei­ner Oma wird nur von der Angst über­trof­fen, die in ihr wächst, jedes Mal wenn ein blut­fet­ter Som­mer wie­der ein Kind schluckt, das frü­her mit­sang im Kir­chen­chor. Die­sen Gott kannst du sel­ber behal­ten. Obwohl sei­ne Lie­der herr­lich sind, sind sei­ne Wun­der wider­sprüch­lich. Ich will das Schick­sal des Laza­rus für Reni­sha, will, dass Chu­cky, Bo, Meech, Tray­von, Sean & Jony­lah auf­er­ste­hen, drei Tage, nach­dem sie begra­ben wor­den sind.“ (dear white ame­ri­ca)

Wir hören hier nicht den bit­te­ren, pas­si­vi­schen Ton eines dra­ma­tisch über­stei­ger­ten Opfer-Posings, son­dern ein ver­spiel­tes Schwe­ben, das rasch zu aggres­si­vem, intel­li­gen­tem, gewief­tem Aus­druck von Befrei­ung und Selbst­ha­be umschlägt, kurz­um: Ein herr­li­cher Ton, der Eman­zi­pa­ti­on als posi­ti­ve Set­zung ergreift.

Danze Smith © David Hong

Danez Smith, Foto: David Hong

Die­se Stim­me ist der 28-jäh­ri­ge ame­ri­ka­ni­sche Dich­ter Danez Smith aus St. Paul (Min­ne­so­ta). Zuletzt war Danez Smith mit sei­nem Gedicht­band Don’t call us Dead (Gray­wolf Press, 2017) Fina­list beim renom­mier­ten Natio­nal Book Award. Im New Yor­ker lob­te Dan Chi­as­son den Dich­ter dafür, dass er den „schwar­zen schwu­len Kör­per“ neu auf der lite­ra­ri­schen Kar­te Ame­ri­kas ver­or­tet. Wir fin­den hier einen poe­ti­schen Dis­kurs, der sich sowohl aus Edmund Whites Buch The Joy of Gay Sex (1977) als auch von den Gedich­ten von Essex Hem­phill (1957–1995) oder Assot­to Saint (1957–1994) nährt. Es sind dies Tex­te, deren Stim­men dezi­diert auf die Per­son ihres Autors ver­wei­sen, die Bio­gra­fie und Auto­fik­ti­on auf kom­ple­xe Wei­se ver­zah­nen. Wie ver­hal­ten sich sol­che Tex­te zu etwa Hen­ry Wadsworth Long­fel­low, Allen Tate oder sogar Hart Cra­ne, die man kon­su­mie­ren kann, ohne sich von der Situa­ti­on oder Bio­gra­fie ihrer Autoren stö­ren zu las­sen?

Der Mund des nächs­ten Man­nes

Die Bild­spra­che Smit­hs wird domi­niert von Vita­li­tät, die iro­nisch gebro­chen ist. Das Gedicht „Anmer­kung zur Smart­phone-App, die mir sagt, wie weit ich vom Mund des nächs­ten Manns ent­fernt bin“ hebt an mit: „kopf­los, gaul­be­han­ge­ner Rei­ter galop­piert an mein Tor her­an / beklei­det in Bil­dern, die er von Goog­le geklaut hat“ – und vari­iert dann die Erfah­rung ran­do­mi­sier­ter Pro­mis­kui­tät zu Sen­ten­zen wie „ich hocke auf dem Gesicht eines Typen, den ich gera­de ken­nen­ge­lernt habe // er flüs­tert sei­nen Namen in mei­ne unte­re Öff­nung“, um end­lich mit der tra­gi­schen Erkennt­nis „ich sin­ge einen Song über Ein­sam­keit“ zu schlie­ßen.

Autoren­schick­sal und Text­ge­stalt

Sol­che Tex­te flan­kie­ren Poe­me, die Ras­sis­mus und Waf­fen­ge­walt the­ma­ti­sie­ren, doch sie ver­schär­fen gleich­zei­tig sol­che Erfah­run­gen, indem sie eine Büh­ne unab­weis­ba­rer Huma­ni­tät berei­ten, dar­auf sich ein lyri­sches Sub­jekt in der Gestalt sei­ner Lust und Wider­sprüch­lich­keit prä­sen­tiert. Es wird Zeit, im Blick auf die sys­te­ma­ti­sche Ver­kopp­lung von Autoren­schick­sal und Text­ge­stalt, die her­me­neu­ti­schen Brenn­glä­ser neu zu fokus­sie­ren. Gewin­nen kön­nen wir dar­aus ein grö­ße­res Unbe­ha­gen am lite­ra­ri­schen Text. Puris­ten wer­den viel­leicht davon ner­vös, weil die Lek­tü­re avant la lett­re ansetzt. Die Kri­ti­ke­rin Kate Kel­la­way notiert u.a. im Guar­di­an, dass Danez Smith als gera­de­zu andäch­ti­ger Fan von bri­ti­schen Koch­sen­dun­gen dabei oft zu Trä­nen gerührt ist.

Die Lek­tü­re der Gesun­den

„Zwei Typen lie­gen an einem Diens­tag­nach­mit­tag in der Kis­te & / kei­ner kennt den Namen des ande­ren, denn sie tra­fen sich erst / am Mor­gen auf ihren Smart­phones & waren nur 1,2 Mei­len / von­ein­an­der ent­fernt & lie­gen daher jetzt bei­ein­an­der & einer / gräbt sich mit der blo­ßen Hand in den andern, zieht / eine Para­de fan­tas­ti­scher Bes­ti­en aus ihm her­aus.“ So beginnt der fünf­tei­li­ge Zyklus „Sero­kon­ver­si­on,“ der die Anste­ckung mit HIV dra­ma­ti­siert. Smith erzwingt eine Per­spek­ti­ve, die ich anders­wo als Salu­to­nor­ma­ti­vi­tät bezeich­net habe: Plötz­lich neh­men alle Gedich­te im Band eine neue Qua­li­tät an: Die Lek­tü­re der Gesun­den – ihre Spra­che, ihre Gesetz­mä­ßig­kei­ten, ihre Ord­nung der Welt – zer­bricht, ver­liert an her­me­neu­ti­scher Deu­tungs­kraft. Tex­te des Kran­ken offe­rie­ren sich nicht als beschä­dig­te oder infi­zier­te Tex­te, son­dern füh­ren ihre Insis­tenz auf Lust und Teil­ha­be einer signi­fi­kan­te­ren Kom­ple­xi­tät zu. Wir soll­ten uns jedoch dar­an erin­nern, dass Danez Smith nicht aus einer Tra­di­ti­on kommt, wo man Hein­rich Böll liest, bevor man das Müll­tren­nen lernt. Sei­ne Tex­te sind Doku­men­te wahr­haf­ti­ger Befrei­ung. War­um?

Müßi­ge Auf­klä­rungs­ath­le­tik

In ihrem Buch AIDS and Its Meta­phors (1989) kapri­ziert sich Sus­an Son­tag auf Meta­pho­ri­zi­tät als eine dis­kri­mi­nie­ren­de bzw. mar­gi­na­li­sie­ren­de Kraft, die den neu­tra­len Begriff der Krank­heit beschmutzt, indem sie Krank­heit mit Bil­dern der Seu­che, der mili­tä­ri­schen Inva­si­on, der Ver­schmut­zung asso­zi­iert. Danez Smith stellt Sus­an Son­tags pro­blem­ori­en­tier­te Debat­te jedoch auf den Kopf. Er will kei­ne stig­ma­ti­sie­ren­den Meta­phern ent­zau­bern, son­dern statt­des­sen den vita­len Raum, den Wil­len, die Lust zur Leben­dig­keit hell aus­leuch­ten. Das ist eine gro­ße Leis­tung. Danez Smith hat kei­ne Zeit für müßi­ge Auf­klä­rungs­ath­le­tik; er will die dis­kur­si­ve Luft nicht durch öde Päd­ago­gik ver­brau­chen; statt­des­sen lie­ber in die ambi­va­len­te Welt der absur­den Selbst­be­haup­tung ein­drin­gen, ihr Raum und Gel­tung ver­schaf­fen, und schreibt so wun­der­vol­le Etü­den über Vase­li­ne oder Zei­len wie die­se: „a. das Geräusch, das er mach­te, als ich am tiefs­ten in ihm drin war / b. das Wort, das aus sei­nem Geor­gia-Mund in mein Yan­kee-Ohr glitt / c. der Gesichts­aus­druck, als er am tiefs­ten in mir drin war.“ (Es han­delt sich hier im Übri­gen um ein weib­li­ches Sub­jekt, eine Schwan­ge­re, die zum ers­ten Mal auf den Ultra­schall blickt.)

Sicher lässt sich fra­gen: Sol­len wir Tex­te des­halb lesen, sie als Lite­ra­tur fei­ern, weil ihre Autoren eine spe­zi­fi­sche bio­gra­fi­sche Erfah­rung mit­brin­gen? Eben­so lässt sich aber fra­gen: Was sol­len wir mit Tex­ten, die sich artig dar­um bemü­hen, die auf­ge­räum­te Nor­ma­li­tät ihrer Autoren zu – zu was – fik­tio­na­li­sie­ren?

Danez Smit­hs ein­gangs zitier­ter Sprech­text „dear white ame­ri­ca“, der übri­gens auf You­Tube zu sehen ist, basiert auf ima­gi­na­ti­ven Stra­te­gien, die sich leicht als neue Höhe­punk­te einer astro­fu­tu­ris­ti­schen Lite­ra­tur lesen las­sen: „Ich habe die Erde ver­las­sen & ich berüh­re alles, wor­um du dei­ne Tele­sko­pe bit­test, dir zu offen­ba­ren. Ich gebe den Ster­nen ihre recht­mä­ßi­gen Namen.

* * *

Paul-Hen­ri Camp­bell, gebo­ren 1982 in Bos­ton, lebt als Lyri­ker, Essay­ist und Theo­lo­ge in Mon­ta­baur. Zuletzt erschien sein Gedicht­band nach den nar­ko­sen (Ver­lag Das Wun­der­horn).

Danez Smith: Don’t Call Us Dead
Gray­wolf Press, 2017. 104 Sei­ten.

 

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 16. Juli 2018

Online seit: 12. April 2019

Online seit: 12. April 2019

Zuletzt geän­dert: 12. Apr. 2019