Reproduktive Geistesarbeit

Zwei neue Bücher von Lean­der Scholz und Micha­el Cha­b­on set­zen sich essay­is­tisch mit der Vater­schaft aus­ein­an­der. Von Tho­mas Lang

Es gab eine Zeit, in der Män­ner über ein­sa­me geis­ti­ge Höhen spa­zier­ten oder ins dunk­le Herz Afri­kas vor­dran­gen und dar­über schrie­ben, nicht nur vom Schreib­tisch­stuhl aus. Mel­ville ist tat­säch­lich zur See gefah­ren, eben­so Joseph Con­rad. Nietz­sche kam immer­hin hin­auf bis Sils-Maria. Ihre Kin­der, so scheint es, waren ihre Bücher, auch wenn sie mensch­li­che Kin­der hat­ten. Mit bei­den Arten von Nach­kom­men hat­ten sie nicht immer Glück, ein Sohn Mel­vil­les nahm sich acht­zehn­jäh­rig das Leben, Nietz­sches Schrif­ten fan­den (zunächst) kaum Leser.

Heu­te gehen Män­ner mit ihren Klei­nen zur Ein­ge­wöh­nung in die Kita, sie schub­sen Kin­der­wa­gen, sie wech­seln Win­deln und sit­zen Eltern­aben­de ab. Dar­über schrei­ben sie nun auch. Lean­der Scholz hat einen Essay Über Kin­der und Poli­tik ver­öf­fent­licht, Micha­el Cha­b­on eine Samm­lung von Auf­sät­zen über Father­hood in Pie­ces. Der dunk­le Kon­ti­nent ist nun im Zwei­fels­fall eine Mode­wo­che in Paris, die geis­ti­ge Höhe fin­det sich auf Augen­hö­he mit dem Nach­wuchs. Vater­schaft erweist sich als Aben­teu­er; unse­re Män­ner sind Pio­nie­re geblie­ben, Hel­den mit dem klei­nen Löf­fel. Dar­um geht es:

Distanz

Die Geburt ist ein Dra­ma. Dem Vater wird schwind­lig und „die Ärz­te“ über­le­gen, ob ein „Ein­griff“ nötig sei. Die Mut­ter wird ope­riert, der lie­gen­de Vater wärmt den noch schmie­ri­gen Säug­ling an sei­ner mil­ch­lo­sen Brust. Scholz schreibt von der Angst im Vor­hin­ein, kein guter Vater wer­den zu kön­nen, die Nähe zu sei­ner Frau zu ver­lie­ren. „Mein gan­zes bis­he­ri­ges Leben schien auf ein­mal infra­ge gestellt zu sein, die Art, wie ich es geplant und ein­ge­teilt hat­te“, schrieb der Autor bereits in dem die­sem Buch vor­aus­ge­hen­den Arti­kel in der Welt vom 21. Febru­ar 2015. Der Angst-Begriff taucht im Buch mehr als ein Dut­zend Mal auf, Hoff­nung dage­gen nur drei Mal, Mut bei­nah aus­schließ­lich als Bestand­teil des Wor­tes Mut­ter. Je ein­mal spricht Scholz von dem Mut und der Zuver­sicht sei­nes Vaters. Die­se Grun­die­rung des Tex­tes scheint mir sym­pto­ma­tisch für die Dis­kus­si­on des gesam­ten The­mas in den letz­ten Jah­ren. Jeden­falls in unse­ren Brei­ten. Die Selbst­ver­ständ­lich­keit ist weg, um Kin­der zu bekom­men, braucht es bei­nah schon Trotz. Geburts­still­stän­de, Saug­glo­cken, ohn­mäch­ti­ge Väter, Eltern, die sich mit einem Schlag in eine ver­gnü­gungs­feind­li­che Umwelt kata­pul­tiert sehen und sich ihr erzie­he­ri­sches Ver­sa­gen vom ers­ten Tag an Schritt für Schritt bestä­ti­gen. Ver­hal­tens­auf­fäl­li­ge und depres­si­ve oder über­mä­ßig ange­pass­te und leis­tungs­be­rei­te Kin­der prä­gen die öffent­li­che Wahr­neh­mung. Wo ist es mit uns hin­ge­kom­men?

In einem Ton, der manch­mal jugend­buch­haft erscheint („Ein Kind wird gezeugt, indem sich eine Frau und ein Mann sexu­ell ver­ei­ni­gen“ – o.k., das wür­de man nicht in einem Jugend­buch schrei­ben), ver­sucht Scholz eine Bestands­auf­nah­me. Als Phi­lo­soph beginnt er bei Pla­ton und den alten Römern, erklärt das christ­li­che Fami­li­en­bild und bet­tet so die gegen­wär­ti­gen Kon­zep­te von Fami­lie in die abend­län­di­sche Tra­di­ti­on ein. Ein biss­chen mehr hät­te er, wenn schon, über Rous­se­au und die Fol­gen schrei­ben kön­nen, über Ellen Key, Maria Montesso­ri und die zahl­rei­chen Päd­ago­gen des 20. Jahr­hun­derts, die glaub­ten, nichts gerin­ge­res als eine Bes­se­rung des Men­schen und damit der Welt ins Werk set­zen zu kön­nen. Dann kam der Neo­li­be­ra­lis­mus und mit ihm das World Wide Web, in dem alle Uto­pien, auch die Kind­heit, vor­läu­fig ver­schwun­den sind. Nicht anders als der Rest der frei­en Welt sind ja auch die Erzie­her längst gut gewor­den und es gäbe nicht viel aus­zu­set­zen, wären da nicht das Smart­phone und Net­flix, das Mob­bing in den sozia­len Medi­en und ADHS, die Ess­stö­run­gen und das Rit­zen, die Über­an­pas­sung … aber davon spra­chen wir bereits.

Thomas Lang - Reproduktive Geistesarbeit

Lean­der Scholz brei­tet in sei­nem Essay nicht sei­ne Befind­lich­kei­ten aus. Er ver­sucht eine Bilanz der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Gegen­wart und for­dert eine „neue Poli­tik“. Bestän­dig wech­selt er zwi­schen den eige­nen Erfah­run­gen und der Ana­ly­se sowie sei­nen For­de­run­gen an die Gesell­schaft hin und her. Dabei wird er sel­ten epi­so­disch, die Rück­bin­dung sei­nes Tex­tes an den eige­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont bleibt distan­ziert bis abs­trakt: „[Ich hat­te] mir vor­ge­nom­men, mög­lichst vie­le sexu­el­le Erfah­run­gen zu machen, die mich an die Gren­ze mei­nes Ichs füh­ren soll­ten. Ich woll­te … mich in mög­lichst unge­wöhn­li­chen Situa­tio­nen aus­tes­ten, um so her­aus­zu­fin­den, wer ich eigent­lich war“, schreibt er etwa, ohne dazu ein Bei­spiel zu geben. Es ist eine Eigen­tüm­lich­keit sei­nes Essays, die Erfah­rungs­welt auf Distanz zu hal­ten. Dies soll ganz sicher kein Bekennt­nis­buch sein, aber manch­mal kommt es mir vor, als befän­de sich eine Folie zwi­schen Leben und Text. Mög­li­cher­wei­se rührt das von dem Ver­such her, ein Amal­gam aus Erzäh­lung und Leh­re zu schaf­fen, in dem sich die Kan­ten, die den klei­nen Vor­läu­fer-Essay kna­ckig mach­ten, völ­lig ver­schlif­fen haben.

An man­chen Stel­len, etwa wenn er sei­ne Wut schil­dert über den Men­schen, der sei­ne schwan­ge­re Frau ange­fah­ren hat, hät­te ich mir etwas mehr Beharr­lich­keit gewünscht. Die Refle­xi­on auf das, was genau die Wut bedingt, ob sie anders gewe­sen oder gar aus­ge­blie­ben wäre, wenn die im Buch namen­lo­se Frau nicht das Kind im Bauch getra­gen hät­te, wie ein (wer­den­der) Vater sein Ver­hält­nis zur Welt ändert, woher der Anspruch kommt, alle Welt müs­se mit der neu­en Situa­ti­on der wer­den­den Eltern mit­füh­len und sich der (emp­fun­de­nen) Zer­brech­lich­keit eines beson­de­ren Zustan­des ent­spre­chend ver­hal­ten, fehlt lei­der. Auch wenn es um das Unge­wöhn­li­che sei­nes eige­nen Ver­hal­tens geht, hät­te ein biss­chen mehr Ver­an­ke­rung im All­tag dem Text gut­ge­tan.

Neu­er Vater

Scholz ist näm­lich, oder war es in den Mona­ten, in denen er Eltern­zeit nahm, ein neu­er Vater. Anders als die meis­ten Män­ner hat er Nach­tei­le im Beruf in Kauf genom­men und sich andert­halb Jah­re lang um sein Baby geküm­mert, wäh­rend die Mut­ter arbei­te­te. Der Autor beschreibt die auf die Arbeits­welt fixier­ten Reak­tio­nen sei­ner Umwelt auf die­se Ent­schei­dung. Den eige­nen Kon­flikt spart er dabei nicht aus, ent­dra­ma­ti­siert ihn jedoch gewis­ser­ma­ßen und schreibt recht ratio­nal dar­über: „Am Anfang fiel es mir nicht leicht, Aus­ga­ben zu täti­gen, die nur mich betra­fen (sei­ne Frau war zu die­ser Zeit Allein­ver­die­ne­rin – allein das Wort wäre eine Betrach­tung wert gewe­sen …). Bis ich wirk­lich ver­stand, was es bedeu­tet, eine Fami­lie zu sein: kei­nen Unter­schied mehr zu machen zwi­schen Mein und Dein.“

Pam, da steht so ein Ham­mer mit­ten in einem andert­halb Sei­ten lan­gen Absatz! Ganz harm­los und ohne wei­te­re Erklä­rung, von einer emo­tio­na­len Fär­bung zu schwei­gen. Ins Psy­cho­lo­gi­sche gewen­det, erscheint die­se Aus­sa­ge sofort pro­ble­ma­tisch. Die Fami­lie ist doch viel eher der Ort, an dem alle unaus­ge­setzt die Gren­ze zwi­schen Ich und Du und Wir bestim­men, bestim­men müs­sen, um nicht unter­ge­rührt zu wer­den. Der Ort, an dem Kin­der, wenn es gut geht, das Eige­ne, ihre Indi­vi­dua­li­tät, gewin­nen und Eltern auf­pas­sen müs­sen, dass sie ihr Eigen­le­ben nicht voll­stän­dig auf­ge­ben (das tut schließ­lich kei­nem gut). – So jeden­falls kommt es mir vor. Zum Glück zeigt Scholz auch eine Ten­denz in die­se ande­re Rich­tung: „Erst durch Für­sor­ge und Erzie­hung wer­den die Men­schen zu Indi­vi­du­en, die in der Lage sind, selb­stän­dig zu sein“.

Inter­es­sant ist sei­ne Ent­ge­gen­stel­lung von staat­li­chen und her­kömm­li­chen fami­liä­ren Struk­tu­ren. Die tra­di­tio­nel­le, jahr­tau­sen­de­al­te Fami­lie stellt er als eine leicht mafiö­se Struk­tur da, die mit Vet­tern­wirt­schaft und Ver­schwo­ren­heit dem Staat die Stirn zu bie­ten weiß. Für die moder­ne und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft stellt die­se Art der Fami­lie ein Hin­der­nis dar und ist ent­spre­chend trans­for­miert wor­den. Gut schil­dert Scholz auch den Druck der neo­li­be­ra­len Gesell­schafts­ord­nung, der eine glück­haf­te Repro­duk­ti­on bei­nah unmög­lich macht, und auf Kos­ten der Zeit, die Eltern und Kin­der mit­ein­an­der haben soll­ten (sowie auf Kos­ten der Ner­ven, die sie für­ein­an­der haben soll­ten), die mensch­li­chen Res­sour­cen voll­stän­dig aus­zu­beu­ten ver­sucht: Alle sol­len arbei­ten und als erfolg­reich gel­ten die­je­ni­gen, die meh­re­re Kin­der groß­zie­hen und außer­dem noch in Voll­zeit beschäf­tigt sind.

Im Kapi­tel über Femi­nis­mus und Fami­lie ist vor allem die Beob­ach­tung inter­es­sant, dass vie­le Frau­en den tra­di­tio­nell müt­ter­li­chen Bereich nicht auf­ge­ben wol­len, und Män­nern gern mal die Kom­pe­tenz abspre­chen, wenn es ums – emo­tio­na­le wie äußer­li­che – Ver­sor­gen der Klei­nen geht. In der all­ge­mei­nen gesell­schaft­li­chen Betrach­tung fin­det sich dage­gen eine halb­links­ideo­lo­gisch fun­dier­te Samm­lung von Aus­sa­gen, die ich gern ein biss­chen unter­mau­ert gese­hen hät­te. Ein Bei­spiel: „Frau­en wol­len die Macht, die sie erlangt haben, anders aus­üben, als Män­ner das tun.“ Die­se blo­ße Behaup­tung vali­diert der Autor lei­der weder im Hin­blick auf die Frau­en noch auf die Män­ner.

Frau­en kom­men auf­grund ihrer Gebär­fä­hig­keit als die von Natur aus empa­thi­sche­ren und weni­ger aggres­si­ven Men­schen weg und lie­fern damit die Vor­aus­set­zung für eine Ver­bes­se­rung der bestehen­den Welt: „Erst die Durch­set­zung der sozia­len Tugen­den, die mit dem bio­lo­gi­schen Wesen der Frau ver­bun­den sind, wird der Welt einen wirk­li­chen Fort­schritt brin­gen.“ – Und was, fra­ge ich mich, ist mit den Bit­ches die­ser Welt? Sind die viel­leicht kei­ne natür­li­chen Frau­en?

Ich wer­de hier pole­mi­scher, als ich es beab­sich­tigt hat­te, und ver­spre­che, dar­über nach­zu­den­ken.

Selbst­be­herr­schung und Demo­kra­tie

Scholz’ Essay endet mit einem Abschnitt über die Demo­kra­ti­sche Fami­lie. Dar­in ent­wirft er ein Modell, das die staat­li­che Idee im Klei­nen wie­der­holt: Aus­han­deln und Bespre­chen tre­ten an die Stel­le auto­ri­tä­rer Füh­rung, auch wenn das Zeit kos­tet. Selbst­be­herr­schung gilt Scholz als Ziel der Erzie­hung. Er unter­schei­det sie von der Dis­zi­plin: „Selbst­be­herr­schung heißt zu wis­sen, was einem gut­tut und was nicht … [es heißt] in der Lage [zu sein], eige­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.“ Mehr Demo­kra­tie, mehr Geld für die Schu­len und den sozia­len Bereich, kin­der­ge­rech­te Stadt­pla­nung, ein Wahl­recht von Geburt an gehö­ren zu den For­de­run­gen, in die der Text mün­det. Die gesell­schaft­li­che Stoß­rich­tung gehört in jedem Fall zu den Stär­ken des Tex­tes, gera­de weil sich über die For­de­run­gen im Ein­zel­nen gut strei­ten lie­ße.

Schließ­lich ist da eine Sache, über die ich inner­lich nicht unwi­der­spro­chen hin­weg­kom­me. Im letz­ten Kapi­tel sei­nes Buches schreibt Scholz: „Oft bevor­mun­de ich unse­ren [im Buch vier­jäh­ri­gen, Anm.] Sohn und mer­ke es erst viel zu spät.“ Auch von geteil­ter Ver­ant­wor­tung ist da die Rede; es geht ums Auf­räu­men des Kin­der­zim­mers. In die­sem Absatz bün­deln sich ver­schie­de­ne Aspek­te von Eltern­schaft. Zum Einen ist da die Vor­mund­schaft, die für Eltern nicht so heißt, son­dern Sor­ge bzw. Obsor­ge. (Vor­mund­schaft ist die recht­li­che Ersatz­kon­struk­ti­on, wenn die elter­li­che Sor­ge nicht greift, das Bevor­mun­den die ins Nega­ti­ve gewen­de­te, weil inad­äqua­te Spiel­art und als sol­che kein recht­li­cher Begriff.) Eltern sor­gen für die Per­son des Kin­des und für sein Ver­mö­gen. Je nach Ent­wick­lungs­stand, so sagt das deut­sche Recht, ist das Bedürf­nis des Kin­des „zu selb­stän­di­gem ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Han­deln“ zu berück­sich­ti­gen. Der abs­trak­te Maß­stab ist dabei das Wohl des Kin­des.

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Wenn ich lese, dass ein Vater die Ver­ant­wor­tung, und sei es nur für die Ord­nung im Kin­der­zim­mer, mit einem Vier­jäh­ri­gen tei­len will, pro­vo­ziert mich das. Es fällt mir die Geschich­te von jener Frau ein, die vor Jah­ren in Mün­chen mit ihrem nack­ten Sohn im Kin­der­sitz an einem küh­len Mor­gen durch die Stra­ßen fuhr. Von der Poli­zei ange­hal­ten und befragt, gab sie an, das Kind habe sich eben nicht anzie­hen wol­len. Man kommt bei sol­chen Anläs­sen gern mit der Erfah­rung. Mei­ne Erfah­rung als Vater lässt mich eher den­ken, dass Eltern die vol­le Ver­ant­wor­tung für ihre Kin­der tra­gen, dass sie die Ent­schei­dun­gen tref­fen und sie im Zwei­fels­fall auch gegen den Wil­len des Kin­des durch­set­zen müs­sen. Kin­der, die kei­ne Füh­rung erfah­ren, kön­nen das als sehr belas­tend erle­ben. Die Welt liegt schon auf ihren Schul­tern, wenn sie ihr eige­nes Gewicht noch kaum tra­gen kön­nen.

Es steckt in Scholz’ Äuße­rung ande­rer­seits die Idee, ein Kind mit sei­nen Wil­lens­äu­ße­run­gen ernst zu neh­men, ihm die Kri­te­ri­en der Erwach­se­nen nicht ein­fach über­zu­stül­pen, son­dern es zu ach­ten und auf sei­nen kind­li­chen Wil­len Rück­sicht zu neh­men. Die­ser Aspekt scheint mir rich­tig, jeden­falls gibt es dar­über eine weit­ge­hen­de gesell­schaft­li­che Einig­keit. Wir wol­len längst kei­ne Unter­ta­nen mehr, son­dern mün­di­ge Bür­ger erzie­hen. Geschich­ten von Kin­dern, die in rigi­den Gesell­schaf­ten nichts wer­den kön­nen, hat die Lite­ra­tur zuhauf her­vor­ge­bracht – erin­nern wir uns an Hes­se oder Musil.

„An euren Kin­dern sollt ihr gut machen, dass ihr eurer Väter Kin­der seid“, schrieb schon der Gedan­ken­va­ter Fried­rich Nietz­sche (ich zitie­re ihn nach dem 1900 aus­ge­ru­fe­nen Jahr­hun­dert des Kin­des der mit ihren Zucht­wahl­ge­dan­ken hoch pro­ble­ma­ti­schen, aber bis in die 1980er recht belieb­ten nor­we­gi­schen Päd­ago­gin Ellen Key). Der Gedan­ke, sich ant­ago­nis­tisch zur eige­nen Erzie­hung zu ver­hal­ten, schim­mert auch durch den Text von Lean­der Scholz. Er ist nicht neu, hat aber nichts von sei­ner Rele­vanz ver­lo­ren, auch wenn die Kon­flikt­li­ni­en sich durch ver­ständ­nis­vol­le, wenig kon­fron­ta­ti­ve Erzie­hung weit ver­schie­ben.

Nähe

Eben­falls tas­tend, aber auf eher ent­spann­te Art schreibt Micha­el Cha­b­on über die Vater­schaft. Der Pulit­zer-Preis­trä­ger und Autor des Romans Won­der Boys hat vier Kin­der, von denen das jüngs­te bereits in der Puber­tät ist. Der Titel sei­ner Samm­lung meist kur­zer Essays wirkt leicht prä­ten­ti­ös: Pops – Father­hood in Pie­ces. (Paps – Vater­schaft in Stü­cken wäre er etwa zu über­set­zen.) Vater­schaft in Stü­cken lässt sich dar­in nur inso­fern fin­den, als es eben ein­zel­ne Essays sind, die das The­ma umkrei­sen. Das Kin­der­krie­gen als sol­ches wird hier nicht infra­ge gestellt. Kern­stück bil­det eine Schil­de­rung vom Besuch der Pari­ser Män­ner­mo­de­wo­che. Das GQ-Maga­zin hat Cha­b­on ein­ge­la­den, etwas dar­über zu schrei­ben. Sei­nen jüngs­ten Sohn Abra­ham nimmt er auf des­sen Wunsch mit, ein Geschenk zur Bar-Miz­wa. Abes Lei­den­schaft ist beson­de­re Klei­dung, der Jun­ge blüht wäh­rend der Tage in Paris rich­tig auf, wäh­rend sein Vater sich bloß noch als „min­der“, als Auf­pas­ser fühlt.

Am Ende die­ses unter­halt­sa­men, mit Spe­zi­al­vo­ka­bu­lar aus dem Mode­be­reich gespick­ten Reports sind Vater Micha­el zwei Din­ge klar gewor­den: der Höhe­punkt für Abe war ein Event, zu dem er ohne sei­nen Vater gehen konn­te. Und: Abe hat „sei­ne Leu­te“ gefun­den, sei­nen Stamm, die Men­schen, zu denen er passt. Jah­re­lang hat der Jun­ge in der Schu­le Hän­se­lei­en wegen sei­nes Klei­dung­s­ticks aus­ge­hal­ten, weil er auf die­se Wei­se Gleich­ge­sinn­te fin­den woll­te. In Paris ist es ihm end­lich gelun­gen. Der Vater fin­det indes sei­ne Freu­de an den beson­de­ren Wör­tern, mit denen er sei­ne Arbeit ver­ziert und so sei­ne eige­ne Art von Ver­bin­dung mit dem Sohn her­stellt.

Auch in den ande­ren Auf­sät­zen gibt es kei­nen grund­le­gen­den Zwei­fel wie beim Deut­schen Scholz, son­dern ein klar aus­ge­spro­che­nes Ja zur Vater­schaft und ihren klei­nen und grö­ße­ren Unwäg­bar­kei­ten. Beim Vor­le­sen von Tom Sawy­er ersetzt Cha­b­on das abwer­ten­de „nig­ger“ heim­lich durch „slave“. Bei der Fort­set­zung Huck­le­ber­ry Finn, wel­che die Kin­der unbe­dingt hören wol­len, funk­tio­niert der Trick nicht mehr, weil das böse Wort zu häu­fig vor­kommt und außer­dem im sub­jek­ti­ven Erzäh­ler­be­richt von Huck Finn nicht zu erset­zen ist. Als er erklärt, wie unwohl er sich mit die­sem Wort fühlt, fra­gen die Kin­der ihn tro­cken, war­um er denn bei Tom Sawy­er das eben­falls her­ab­set­zen­de „injun“ (für die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner) ste­hen ließ, und er ant­wor­tet, er sei eben ein „ass“, ein Dumm­kopf, ver­wen­det jedoch nicht das Wort „ass“.

In einem ande­ren Stück macht sei­ne Toch­ter sich Sor­gen, eher zu nor­mal zu sein. Oder er schreibt über „dicki­tu­de“ (was ich in die­sem Zusam­men­hang mit „Arschig­keit“ über­set­zen möch­te) und wie er ver­sucht, sei­nem Sohn bei­zu­brin­gen, sich Mäd­chen gegen­über nicht arschig zu ver­hal­ten. Immer schwingt mit, dass Vater Micha­el das ungern gese­he­ne Ver­hal­ten durch­aus im eige­nen Reper­toire hat; oft rät­selt er: Was füh­len die Kin­der, war­um agie­ren oder reagie­ren sie gera­de so, wie sie es tun – in der Regel näm­lich kodiert und häu­fig in dem Ver­such, den Eltern oder ihrer Umwelt eine bestimm­te Reak­ti­on zu ent­lo­cken. Gelingt das nicht, kann Scha­den ent­ste­hen. Und es gelingt öfters nicht oder die rich­ti­ge Ein­sicht kommt zu spät.

In den letz­ten bei­den Auf­sät­zen nähert sich Cha­b­on schließ­lich der eige­nen Sohn­schaft. Er rät­selt über sich, weil er mit drei­zehn ein T‑Shirt trug, das er selbst bedru­cken ließ mit dem Wort „liber­ti­ne“ – zügel­lo­ser Mensch oder Frei­geist. Rück­bli­ckend ist der Autor erstaunt, wie viel Mut und auch Nai­vi­tät er besaß, die­ses Shirt in der Schu­le zu tra­gen, und fragt sich, ob er sich bewusst war, dass die sexu­el­le Kon­no­ta­ti­on eigent­lich die Haupt­di­men­si­on des Wor­tes bil­det.

Am Ende des Buches schil­dert er sei­nen Vater, einen Medi­zi­ner, von dem der jun­ge Micha­el glaubt, er kön­ne und wis­se alles. Oft nimmt der Vater ihn zu abend­li­chen Haus­be­su­chen mit. Micha­el ver­fügt über Spiel­zeug­va­ri­an­ten medi­zi­ni­scher Gerä­te, etwa eine „need­le­l­ess need­le“, eine nadel­lo­se Sprit­ze. Doch als einer der Pati­en­ten den Jun­gen fragt, ob er eben­falls ein Dok­tor wer­den will, zögert Micha­el mit der Ant­wort. Inner­lich spürt er schon, dass er etwas ande­res sein will, ein „Typ, der gleich­zei­tig inner­halb und außer­halb des eige­nen Geis­tes und Kör­pers leben wird, der, ohne sich von der Stel­le zu bewe­gen, in ande­re Wel­ten reist, ande­re Orte, ande­re Leben“. Mög­li­cher­wei­se ist Cha­b­ons Erin­ne­rung nach­träg­lich von sei­nem tat­säch­li­chen Lebens­weg ein­ge­färbt. Die Ant­wort des Jun­gen auf die Fra­ge nach dem Berufs­wunsch ist aber schla­gend: ein „mad sci­en­tist“ wol­le er wer­den. Damit trifft er die spä­te­re Berufs­wahl schon recht gut.

Schön­heit und Weis­heit

„Merk­wür­dig“, schreibt Cha­b­on als eine Art Fazit, „wie eine Bezie­hung – die Bezie­hung – die ich als wahr­haft ursprüng­lich anse­he, als grund­le­gend für Gutes wie Schlech­tes, für den Bau mei­nes Selbst, mei­nen Blick auf die Welt, mei­ne Kunst, mei­ne Art, Vater zu sein, auf einer wohl­durch­dach­ten Ver­mei­dung jeg­li­cher Inter­ak­ti­on fußt, die nicht völ­lig neben­säch­lich und gewichts­los wäre!“ Den­noch ent­steht kei­nes­wegs der Ein­druck, dass zwi­schen Cha­b­on und sei­nem Vater Sprach­lo­sig­keit geherrscht hät­te. Im Blick auf das Neben­säch­li­che, das doch die gan­ze Haupt­sa­che beinhal­tet, lie­gen auch Schön­heit und Weis­heit die­ser klei­nen Tex­te.

Ver­gli­chen mit Lean­der Scholz’ Betrach­tun­gen zei­gen sich zwei gera­de­zu gegen­sätz­li­che Angän­ge: dort der von der Erfah­rung nach Mög­lich­keit abse­hen­de, abs­tra­hie­ren­de, ins Phi­lo­so­phi­sche schwei­fen­de Text mit gesell­schaft­li­chem Anspruch, der ein Vater-Ich kaum auf­schim­mern lässt – hier ein Vater, der völ­lig in sei­ner pri­va­ten Fami­li­en-Bezie­hung auf­geht, sei­ne Kin­der laut und deut­lich liebt und kei­ne grö­ße­ren Ände­rungs­wün­sche gegen­über dem Leben und der Welt äußert.

Bei­den Tex­ten man­gelt die Dimen­si­on einer schwie­ri­gen oder gar miss­lin­gen­den Eltern-Kind-Bezie­hung, die geeig­net ist, das gan­ze mühe­voll errich­te­te Fami­li­en­ge­bäu­de gründ­lich über den Hau­fen zu wer­fen. Dar­über hät­te Scholz, der das Ver­sa­gen sei­ner Her­kunfts­fa­mi­lie im Hin­blick auf eige­ne trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen andeu­tet, deut­li­cher schrei­ben kön­nen. Cha­b­on schil­dert in sei­nem ers­ten Text immer­hin den Ver­such eines ande­ren berühm­ten Autors, ihn (am Beginn sei­ner Kar­rie­re) im Hin­blick auf Eltern­schaft umzu­pus­ten: Ich habe einen Rat für Sie, sagt der an Richard Ford erin­nern­de Schrift­stel­ler. Krie­gen Sie kei­ne Kin­der. Jedes Kind bedeu­tet ein ver­lo­re­nes Buch. Vier­zehn Bücher und vier Kin­der danach weist Cha­b­on die­sen Über­griff gelas­sen zurück. So gehen Erfolgs­ge­schich­ten.

Kin­der fügen sich aber nicht immer den päd­ago­gi­schen Ideen und hohen Zie­len ihrer Eltern. Sie schla­gen eige­ne Wege ein, die Eltern inak­zep­ta­bel fin­den kön­nen. Man­che „gera­ten“, wer­den selbst­be­wusst und cle­ver, besit­zen eine gewis­se Selbst­kon­trol­le und sozia­le Kom­pe­tenz, haben spä­ter Erfolg im Beruf. Ande­re miss­ra­ten schein­bar. Sie wer­den krank oder ver­wei­gern die Schu­le, bau­en Mist und kon­fron­tie­ren ihre Eltern mit deren Ver­sa­gen. Dar­über zu schrei­ben, ohne sich neben­bei selbst auf die Schul­tern klop­fen zu kön­nen, weil man letzt­lich doch so ein tol­ler Vater­hecht ist, wäre die grö­ße­re Her­aus­for­de­rung. Es sind noch Hel­den­fahr­ten zu erzäh­len.

* * *

Tho­mas Lang, Jahr­gang 1967, lebt als Schrift­stel­ler in Mün­chen. Zuletzt erschie­nen die Erzäh­lung Jim (C.H. Beck, 2012) und der Roman Immer nach Hau­se (Ber­lin Ver­lag, 2016).

Lean­der Scholz: Zusam­men­le­ben. Über Kin­der und Poli­tik.
Han­ser, Mün­chen 2018. 160 Sei­ten, € 19 (D) / € 19,60 (A).

Micha­el Cha­b­on: Pops – Father­hood in Pie­ces
Har­per, New York 2018. 144 Sei­ten.

Quel­le: VOLLTEXT 3/2018 – 8. Okto­ber 2018

Online seit: 22. Janu­ar 2019

Online seit: 22. Janu­ar 2019

Zuletzt geän­dert: 23. Jan. 2019